Rück- und Ausblick des Werder-Trainers
Kohfeldt im Interview: „Ein Schuss mehr Kreativität wäre gut“
Bremen - Was war, was wird: Florian Kohfeldts Rück- und Ausblick nach einer Saison, die „mich stolz macht“. Der Werder-Trainer im Interview mit der DeichStube.
Der Mann, der Werder Bremen aus der tiefsten Krise zum souveränen Klassenerhalt und auf Platz elf der Bundesliga-Tabelle geführt hat, kommt total normal daher. Graue Jeans, rotkariertes Hemd – Florian Kohfeldt sieht sehr leger aus an diesem Nachmittag im Weserstadion. Die Saison ist seit einem Tag Geschichte, und er hat den sonst obligatorischen Trainingsanzug gegen Freizeitkleidung eingetauscht. Der Urlaub naht schließlich.
Im Gespräch mit der DeichStube erklärt Kohfeldt, wie er seinen ersten Sommer als Promi-Trainer verbringt und was er in der kommenden Saison mit Werder vorhat. Die Kurz-Zusammenfassung: Er will dem Team per personeller Nachbesserung „einen Schuss mehr Kreativität“ verpassen und am Ende der kommenden Saison einstellig sein – mindestens.
Herr Kohfeldt, was ist das Schlimmste an der Sommerpause?
Florian Kohfeldt: Kein Heimspiel im Weserstadion zu haben (lacht). Nein, die Sommerpause ist nicht schlimm. Alles hat seine Zeit. Jetzt freue ich mich auf die Familie und ein bisschen Ruhe.
Wie muss man sich einen Sommerurlaub von Florian Kohfeldt vorstellen: Sonne, Strand, in der einen Hand das Handy mit Sportchef Frank Baumann in der Leitung, in der anderen ein Taktikbuch und davor den Laptop aufgeklappt?
Kohfeldt: Genau so (lacht). Sonne und Strand auf jeden Fall. Ein Buch werde ich dabei haben, aber eher einen historischen Roman. Laptop nein, Handy ja, aber ich gehe nur bei einer Nummer ran, bei der von Frank Baumann. Denn dann geht es um die Kaderplanung, und die ruht nie.
Kann man sich als Cheftrainer eines Bundesligisten überhaupt komplett rausziehen?
Kohfeldt: Vollständig nicht. Aber jeder weiß: Wenn man etwas mit voller Energie machen soll, dann braucht man auch Ruhepausen. Frank Baumann hat da ein gutes Gespür und ruft mich nur an, wenn es wirklich wichtig ist.
Wie lange werden Sie relaxen?
Kohfeldt: Ich habe die Sommerpause für mich etwas geteilt. Ich arbeite jetzt noch eine Woche. Freitag ist ganz wichtig – da machen wir unsere Saisonanalyse. Wenn ich in den Urlaub gehe, muss der Schreibtisch leer sein. Dann bin ich drei Wochen weg und komme zu einem Workshop mit dem Trainerstab wieder.
Was ist da geplant?
Kohfeldt: Es geht um die Vorbereitung, aber auch um allgemeine taktische Themen. Wie können wir vielleicht von anderen lernen? Im Tagesgeschäft ist das immer schwierig. Die Analysten und wir Trainer werden da Beispiele nennen, dann diskutieren wir. Es geht auch um die Zusammenarbeit mit unserem Leistungszentrum: Wo können wir helfen, wo stören wir vielleicht? Das wird ein spannendes Wochenende irgendwo außerhalb von Bremen. Ist das erledigt, mache ich nochmal Urlaub.
Müssen Sie ob Ihrer gestiegenen Prominenz schon Fernreisen buchen, um ungestört zu sein?
Kohfeldt: Also: Ich habe nicht auf exotische Trips gesetzt. Ich denke, bei mir ist die Prominenz noch ein regionales Phänomen. Neulich war ich an der Nordsee, das ging wirklich nicht mehr so gut.
Haben Sie sich daran gewöhnt, nun anders wahrgenommen zu werden?
Kohfeldt: Das muss man, es gibt keine Alternative. Der Bremer ist an und für sich sehr angenehm. Man ist natürlich immer unter Beobachtung, das spürt man. Für mich alleine ist das okay, mit der Familie fällt mir das schwerer. Wenn ich nur mit meiner Tochter unterwegs bin, noch mehr. Ich möchte nicht, dass sie fotografiert wird, und kann sie ja auch nicht auf den Boden setzen, damit man mit mir Fotos machen kann.
Haben Sie sich verändert?
Kohfeldt: Natürlich. Es sind so viele Dinge auf mich eingeprasselt. Aber ich hoffe, dass ich meine Grundart als Mensch nicht verändert habe. Für mich war es hier als U14-Coach schon sehr wichtig, höflich und respektvoll zu sein – und so soll es auch bleiben.
Was passiert, wenn man Ihnen unhöflich und respektlos begegnet?
Kohfeldt: Es dauert lange, aber es gibt da einen Punkt – und wenn der erreicht ist, gibt es für mein Gegenüber kein Zurück mehr. Dann ist es unüberbrückbar, dann hat derjenige bei mir verspielt.
Was hat Sie am Job des Cheftrainers eines Bundesligisten am meisten überrascht?
Kohfeldt: Beeindruckt hat mich diese Wucht, die in den Stadien und speziell im Weserstadion auf dich trifft. In meiner Rolle als Co-Trainer war ich ziemlich geschützt auf der Ersatzbank, da bekommst du gar nicht so viel mit von der Stimmung – anders als bei mir jetzt, wenn ich an der Seitenlinie stehe. Neu ist die Erfahrung, wie intensiv man sich um die Angelegenheiten drumherum kümmern muss. Und ich spüre: Wenn der Cheftrainer etwas entscheidet, dann hat das manchmal bis in alle Bereiche des Clubs Auswirkungen.
Hat Sie das auch mal überfordert?
Kohfeldt: Überfordert nicht, aber ich habe großen Respekt vor der Wirkung meiner Aufgabe. Man muss sagen, rein ergebnistechnisch lief es bislang fast konstant gut. Warten wir ab, wie ich damit umgehe, wenn wir mal ein paar Spiele am Stück verlieren sollten.
Sie wirken vor den Medien so souverän, haben Sie sich dafür speziell schulen lassen?
Kohfeldt: Nein, ich habe keinen Coach. Ich hole mir hier und da Tipps – natürlich auch bei unserer Medienabteilung.
Florian Kohfeldt: Seine Karriere in Bildern




Und sicher auch bei Ihrem Berater Marc Kosicke, oder?
Kohfeldt: Wir stehen in einem regelmäßigen Austausch zu Grundsatzfragen. Aber Marc sagt mir nicht: Sende diese Botschaft oder eine andere! Das geht auch gar nicht. In den Minuten nach einem Bundesligaspiel gebe ich zwischen acht und 15 Interviews. Wenn ich da irgendeine Rolle spielen würde oder mir etwas zurechtlügen wollte, das könnte ich mir vom ersten bis zum letzten Interview gar nicht merken. Ich versuche deshalb, weitgehend so zu sein, wie ich bin – in dem Wissen, dass man manchmal Dinge nicht so formulieren kann, wie man es möchte oder vielleicht auch müsste. Jede Aussage hat eben Auswirkungen, da gehört ein bisschen Taktieren dazu.
Gilt das auch für Ihre Arbeit mit der Mannschaft?
Kohfeldt: Erst mal bin ich transparent, erkläre meine Entscheidungen. Aber mein Grundsatz ist: Alles, was ich tue, hat gegenüber der Mannschaft eine Konsequenz. Wenn ich einem Spieler vor der Mannschaft sage, das war nicht gut, dann bewirkt das etwas – auch innerhalb der Mannschaft. Es ist auch eine Aussage, wenn ich mit Max Kruse Tischtennis spiele, auch das wird von den anderen Spielern genau registriert. Da bin ich aber auch in einem guten Austausch mit meinen Co-Trainern und Frank Baumann, die einen anderen Blick haben. Und unser Psychologe Andreas Marlovits sagt häufig zu mir: ,Nicht immer nur denken, vertraue auch deinem Gefühl.’
Waren die Spieler überrascht, als Sie autoritär wurden?
Kohfeldt: Das müsste man die Spieler fragen. Aber ich würde auch nicht autoritär sagen, sondern eher bestimmt, eindeutig, klar. An irgendetwas müssen wir uns doch orientieren. Dafür muss man ein paar Grenzen setzen, die nicht zu übertreten sind – von keinem. Meine Maxime ist: Alle Entscheidungen werden unter dem Aspekt des sportlichen Erfolgs getroffen. Da zählen keine Sympathien. Wenn ich diese Linie verlasse, werde ich mir untreu.
Sie haben Ihre Spielidee mit bereits vorhandenem Personal umgesetzt. Werden Sie die lange Transferphase im Sommer nutzen, um die Mannschaft nach Ihren Wünschen umzubauen?
Kohfeldt: Der Kader hat eine hohe Grundqualität, wir haben nicht umsonst seit November gut gepunktet. Trotzdem wollen wir den Kader natürlich in eine bestimmte Richtung weiterentwickeln.
In welche?
Kohfeldt: Wenn ich jetzt genaue Positionen nenne, werden mögliche Kandidaten für uns gleich drei Millionen Euro teurer. Insgesamt würde es uns sehr guttun, noch einen Schuss mehr Kreativität in unserem Spiel zu haben. In den Bereichen Torwart und Innenverteidigung sind wir dagegen extrem gut aufgestellt.
Also keine Neuerungen im Abwehrzentrum?
Kohfeldt: Wir haben da eine gute Mischung aus Jung und Alt. Milos Veljkovic, Sebastian Langkamp und Marco Friedl haben alle absolutes Bundesliga-Niveau, dazu kommt in Niklas Moisander noch ein absoluter Topspieler. Sebastian Langkamp ist ein sehr intelligenter Spieler. Er wird sich noch mehr in unser Spiel hineinfuchsen. Er ist zudem in der Kabine sehr wichtig.
Sie betonen immer die notwendige Flexibilität in Ihrem Spiel: Braucht es dafür nicht auch einen echten Mittelstürmer – im Stile eines Mario Gomez?
Kohfeldt: Diesen Spielertypen zu haben, das wäre toll. Aber im Rahmen dessen, was hier möglich ist, wie ich unseren Kader sehe und wie wir spielen wollen, ist dieser Spielertyp nicht meine Top-Priorität. Wenn es irgendwann noch möglich sein sollte, einen Spieler mit diesen Qualitäten zu holen, dann sehr, sehr gerne.
Wie oft werden Sie von finanziellen Zwängen gebremst?
Kohfeldt: Ich habe gar nicht so viel damit zu tun. Ich gehe doch nicht zur Geschäftsführung und sage: Den Spieler will ich haben. Und dann bekomme ich zu hören, das ist finanziell nicht machbar. Kaderplanung funktioniert anders. Wir haben uns schon im Februar zusammengesetzt und Profile für Neuzugänge im Sommer erarbeitet. Danach ist die Scouting-Abteilung auf die Suche gegangen. Ich bin dann erst beteiligt, wenn die letzten zwei, drei Kandidaten ausgewählt wurden. Selbstverständlich wurde vorher gecheckt, ob die finanziell machbar sind. Dann schaue ich mir die Spieler selbst an, spreche mit ihnen, das ist mir ganz wichtig. Die letzte Entscheidung treffen wir dann gemeinsam.
Wie viele Gespräche haben Sie zuletzt geführt?
Kohfeldt: Einige. Man kann durchaus selbstbewusst sagen: Wir sind als Verein und Mannschaft interessant, weil Spieler inzwischen das Gefühl haben: Hier passiert etwas, hier kann man sich weiterentwickeln. Dementsprechend optimistisch bin ich, dass wir unsere Vorstellungen erfüllen können.
Können Sie es da schon mit dem oberen Drittel der Bundesliga als Konkurrenten aufnehmen?
Kohfeldt: Mit den Top 5 ganz sicher nicht. Wir können aber sagen, dass wir eine klare Idee haben, welchen Fußball wir spielen wollen. So weiß der Spieler, ob es zu ihm passt oder auch nicht. Wir bieten auf meiner Position auch eine Kontinuität an. Ich habe ganz bewusst für drei Jahre unterschrieben. Dazu kommt, dass Bremen ein überragender Bundesliga-Standort ist.
Warum?
Kohfeldt: Das Stadion, die Fans, die Lebensqualität. Auch damit können wir Spieler überzeugen. Bezahlen müssen wir sie aber trotzdem... (lacht)
Wie hoch dürfen die Ansprüche für die kommende Saison sein?
Kohfeldt: Den Anspruch, einen einstelligen Tabellenplatz zu erreichen, den darf man ruhig haben.
Sie haben in der Rückrunde 27 Punkte geholt, umgerechnet auf die ganze Saison unter Ihrer Regie wären das 54 Zähler gewesen – also knapp hinter einem Champions-League-Platz.
Kohfeldt: Wenn Fußball so einfach wäre... So darf man nicht rechnen. Wir sind zufrieden mit der Rückrunde. Nach elf Spieltagen hatten wir nur fünf Punkte, das darf man nicht vergessen. Und wie die Jungs dann im letzten Spiel in Mainz noch einmal alles rausgehauen haben, das macht diese ganze Sache rund, das macht mich stolz.
Sind Sie auch stolz auf sich?
Kohfeldt: Ich bin in diesem Moment zufrieden – und diese Zufriedenheit gönne ich mir jetzt zwei, drei Wochen, dann geht es schon wieder ein bisschen los.
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