Paukenschlag auf den letzten Drücker
Gut und günstig: So kam Sahin nach Bremen
Bremen - Ein großer Name hat für große Überraschung gesorgt: Entgegen der Ankündigung von Donnerstag, auf dem Transfermarkt nicht mehr zuschlagen zu wollen, ist der SV Werder einen Tag später und auf den letzten Drücker doch noch aktiv geworden.
Die Bremer verpflichteten Nuri Sahin von Borussia Dortmund und sorgten damit am Ende einer insgesamt spektakulären Transferphase für den finalen Paukenschlag. Der Mittelfeldmann, der am Mittwoch seinen 30. Geburtstag feiert, unterschrieb bei Werder einen Zweijahresvertrag. Die Ablöse beträgt knapp eine Million Euro.
Dafür, dass die Vorgabe hieß, einen Backup für Philipp Bargfrede, den einzigen bundesligaerprobten Sechser im Kader, zu finden, hat Werder mit der ziemlich großen Keule zugeschlagen. Sahin ist normalerweise kein Spieler, den man als Backup bezeichnen würde. Jedenfalls nicht in einem Club wie Werder Bremen. Er hat 223 Mal für Borussia Dortmund in der Bundesliga gespielt, er stand bei Real Madrid und dem FC Liverpool unter Vertrag, er hat 52 Länderspiele für die Türkei bestritten. Kurzum: Sahin ist das, was man einen dicken Fisch nennt.
Wie Werder ihn bekommen hat, wie sich die Sachlage im Club binnen nicht mal eines Tages von „Wir machen nichts mehr“ zu „Wir haben doch was gemacht“ ändern konnte – all das versuchte Sportchef Frank Baumann kurz vor dem Abflug zum Bundesliga-Spiel bei Eintracht Frankfurt zu erklären. Am Donnerstagmittag hatte er noch verkündet, keinen Spieler mehr verpflichten zu wollen. Doch dann kamen offenbar zwei Dinge zusammen. Ole Käuper, bei Werder als Bargfrede-Ersatz geführt, bekam von den Ärzten eine negative Prognose verpasst, was den Heilungsverlauf seiner Bänderverletzung im Sprunggelenk betrifft.
Nicht wenige Wochen wird er fehlen, sondern doch eher Monate. Vor Oktober sei Käuper nicht im Teamtraining zurückzuerwarten, meint Baumann. Welch Glück für ihn, dass sich beinahe zeitgleich „bei Dortmund eine Tür öffnete“ (Zitat Baumann). In dieser Tür stand Sahin, war wechselwillig und bekam vom BVB „keine Steine in den Weg gelegt“, erklärte Baumann. Weil Sahin, seit der Jugend mit den Unterbrechungen Real und Liverpool im Dortmund-Trikot, gegen die Konkurrenz Thomas Delaney, Axel Witsel und Julian Weigl wohl chancenlos gewesen wäre, stimmte er ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags einem Wechsel zu.
Baumann: „Nuri verzichtet auf viel Geld“
„Das muss man auch mal hervorheben: Nuri verzichtet auf viel Geld. Er hätte auch zu einem anderen Club wechseln können, wo er deutlich mehr verdient hätte“, betonte Baumann. Der andere Club wäre Fenerbahce Istanbul gewesen. Doch Sahin, in Lüdenscheid geboren, wollte sich nicht mehr völlig verpflanzen und bleibt lieber nah der Heimat. Borussia Dortmund wiederum verlangte keine horrende Ablösesumme mehr, sondern ließ das Club-Urgestein für kleines Geld ziehen. „Die Konditionen, die wir heute verhandelt und unterschrieben haben, wären vor zwei Wochen noch nicht möglich gewesen“, erklärte Baumann.
Er stellt den Wechsel als Hauruck-Aktion dar – was aber nicht heißt, dass es nicht schon länger Interesse an und Kontakt zu Sahin gegeben hätte. Schon im Frühjahr sei man in Gesprächen gewesen, aber damals suchte Werder vor allem einen Achter (den der Club in Davy Klaassen fand), danach passte Sahin nicht ins Budget. Erst als Preis und Forderungen sanken, ging doch was. Gerade noch rechtzeitig für Werder. Das alles klingt nach vielen glücklichen Fügungen. Für Frank Baumann ist es aber nur eine dieser Geschichten, „die häufig am Ende einer Transferperiode entstehen“.
Nun hat Werder den ohnehin schon bemerkenswert verstärkten Kader noch weiter aufgemöbelt. Klaassen, Martin Harnik, Claudio Pizarro, Yuya Osako, nun Sahin – es sind viele prominente Namen, die sich mittlerweile unter dem grün-weißen Dach versammeln. Und der wohl stärkste Bremer Kader der letzten Jahre ist noch ein Stück stärker geworden. Wobei abzuwarten bleibt, wie weit sich Sahin mittlerweile von seinen besten Zeiten entfernt hat.
Technisch war er immer und wird er auch immer noch großartig sein, Tempofußball wie von Bremens Chefcoach Florian Kohfeldt gefordert, soll aber nicht seine herausragende Stärke sein, heißt es aus Dortmund. Kohfeldt freut sich dennoch über den nächsten Qualitätsspieler im Team. „Nuri hat in der Bundesliga fast alles erlebt, wurde mit Dortmund Meister und Pokalsieger, hat dazu bei Real Madrid und dem FC Liverpool gespielt. Er hat das Potenzial, uns noch weiter zu verbessern, und ermöglicht uns weitere Optionen“, wird er auf „werder.de“ zitiert.
Sahin: „Werder ist immer noch ein großer Verein“
Für die Partie bei Eintracht Frankfurt ist Sahin allerdings noch kein Thema. Er bleibt in Bremen, wird am Samstag und Sonntag trainieren und am Dienstag im Testspiel in Leer gegen den niederländischen Erstligisten FC Emmen das erste Mal für Werder auflaufen. Und darauf freut sich der Deutsch-Türke schon. „Werder ist immer noch ein großer Verein, bei dem man aktuell auch das Gefühl hat, dass hier etwas heranwachsen wird. Ich freue mich darauf, dabei mitwirken zu können“, sagte Sahin in einer Vereinsmitteilung.
In Dortmund verabschiedeten die BVB-Bosse den Meister von 2011 und Pokalsieger von 2017 mit netten Worten und der Hoffnung auf ein Wiedersehen. „Es war Nuris ausdrücklicher Wunsch, zum SV Werder zu wechseln. Ich gehe aber fest davon aus, dass sein Lebensmittelpunkt weiterhin Dortmund sein wird und wünsche mir, dass er nach seiner Karriere – in welcher Funktion auch immer – zum BVB zurückkehrt“, sagte BVB-Chef Hans-Joachim Watzke. „Wir wünschen Nuri von Herzen das Beste beim SV Werder. Die Türen beim BVB stehen ihm immer offen“, betonte auch Sportchef Michael Zorc.
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