US-Amerikaner im Fokus

Blick ins Archiv: Werder-Talent Sargent in der Analyse

Läuft: Josh Sargent bei seinem ersten Bundesliga-Einsatz.
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Läuft: Josh Sargent bei seinem ersten Bundesliga-Einsatz.

Bremen - Werder-Talent Josh Sargent hat bei seinem Bundesliga-Debüt gegen Fortuna Düsseldorf (3:1) einen Traumstart hingelegt: Erster Ballkontakt, erstes Tor. Vor mehr als einem Jahr hat sich unser Taktik-Experte Tobias Escher den US-Amerikaner bereits genauer angeschaut - ein Blick ins Archiv der DeichStube.

Joshua Sargent gilt als eines der größten Talente des US-Fußballs. Werder Bremen sicherte sich die Dienste des 17-Jährigen – und stach dabei Gerüchten zufolge unter anderem Bayern, Schalke und Dortmund aus. Nun tritt der US-Amerikaner bei der U17-WM an. Unser Taktikexperte Tobias Escher hat sich sein erstes Spiel bei diesem Turnier angeschaut.

Fast eine halbe Stunde ist das Eröffnungsspiel der U17-WM alt. Noch immer steht es 0:0 zwischen Außenseiter Indien und dem haushohen Favoriten USA. Bislang ist die Partie eine einseitige Angelegenheit: Die Inder, allesamt ein Jahr jünger und einen Kopf kleiner als ihre Gegenspieler, verbarrikadieren sich am eigenen Strafraum. Die Amerikaner rennen gegen das Bollwerk an. Ohne Erfolg. Kapitän und Stoßstürmer Joshua Sargent versucht alles, um sein Team anzutreiben. Immer wieder sprintet er hinter die Abwehr oder weicht auf die Flügel aus, um ins Spiel zu gelangen.

Die 29. Spielminute: Sargent hält den Ball am linken Flügel. Mit einem etwas ungelenken Übersteiger will er seinen Gegner aussteigen lassen. Es wirkt so, als verliere er den Zweikampf. Doch dann ein typischer Sargent-Moment: Er hält seinen Körper in den Gegenspieler, legt den Ball mit einer kurzen Berührung am Gegner vorbei und will ohne Umschweife Richtung Tor starten. Der Gegenspieler kann ihn nur mit einem Foul stoppen. Den fälligen Elfmeter verwandelt Sargent selbst.

Sein Körper ist wie der eines U20-Spielers

Die Partie gegen Indien fühlt sich an wie ein Testspiel; zu groß ist der körperliche und fußballerische Unterschied der beiden Nationen. Am Ende siegen die USA 3:0. Dennoch zeigte Sargent in dieser Partie, warum er der erfolgreichste Torjäger in der Geschichte der US-Jugendmannschaften ist. Und warum europäische Spitzenklubs ihn unbedingt verpflichten wollten.

Mit seiner Statur sticht Sargent aus seiner Altersklasse heraus. Er darf noch für die U17 seines Landes auflaufen, spielte allerdings im Sommer bereits die U20-WM – ohne dass er körperlich abgefallen wäre. Sargent ist kräftig, weiß seinen Körper gut einzusetzen und ist schneller als die meisten seiner Gegenspieler. Gerade auf den ersten Metern lässt er seine Gegner stehen.

Sein Fuß verfügt über ein Navigationssystem

Sargent ist dabei kein klassischer Stoßstürmer, der nur schnell sprinten und Bälle köpfen kann. Der US-Boy verfügt über eine herausragende Technik. Sargent streichelt den Ball häufig mit der rechten Sohle oder versucht mit einem Übersteiger, seinen Gegner zu narren. Er kann seine Beine verknoten, ohne sein Gleichgewicht zu verlieren. So kann Sargent schnell die Richtung wechseln, wenn er an einem Gegner vorbeiziehen will.

Die Tricks sind bei Sargent nie Selbstzweck. Er gehört zu jener Sorte Stürmer, deren natürlicher Instinkt sie zum Tor zieht. Egal, wo sich Sargent befindet: Er wählt immer den direkten Weg zum Tor, als hätte er ein Navigationssystem im Fuß. Daher sind seine Tricks auch oft zielgerichtet: den Verteidiger ausspielen, zwei Schritte zum Tor gehen, abschließen.

Josh Sargent unterschreibt im Februar 2018 einen Profi-Vertrag bei Werder Bremen.

Sein Raumgefühl und sein Abschluss begeistern

Klar, dass Sargent mit dieser ständigen Orientierung zum Tor häufig in Schusspositionen gelangt. Sargent schießt den Ball nicht wie eine Kanone, ist aber auch kein vollends filigraner Schütze. Er befindet sich in der Mitte zwischen beiden Extremen: Häufig schießt er platziert und flach, mit genug Kraft, um den Torwart zu überlisten. Gerade bei Eins-gegen-Eins-Duellen mit dem Keeper verfügt er über eine starke Quote.

Dank seiner Sprintgeschwindigkeit gelangt Sargent häufig in diese Eins-gegen-Eins-Duelle. Er erkennt Lücken in der gegnerischen Abwehr und startet mit Vollgas in die Schnittstellen. Sein Raumgefühl und sein ständiger Drang zum Tor treten auch hier positiv hervor. Gerade gegen weit aufrückende Gegner ist Sargent mit seinen Tiefenläufen eine Waffe. Sein Gefühl für freie Räume hilft ihm auch, sich bei Ecken oder Flanken freizustehlen. Kopfbälle sind hingegen nicht seine Paradedisziplin, die meisten Tore erzielt er mit dem Fuß.

Gehört Sargent die Zukunft? Noch nicht!

Wer jetzt auf eine schnelle Lösung für das Bremer Stürmerproblem hofft, dürfte enttäuscht werden. Einerseits darf Sargent erst ab seinem 18. Geburtstag offiziell für Werder auflaufen; diesen feiert er am 20. Februar des kommenden Jahres.

Andererseits wird Sargent seine Spielweise umstellen müssen, wenn er den Jugendbereich verlässt. Sein Raumgefühl und seine Sprintstärke werden auch auf dem höchstem Niveau funktionieren. Bei seinen Dribblings und bei direkten Duellen verlässt er sich allerdings noch zu stark auf seine körperlichen Vorteile. Im Zweifel stellt Sargent bei unsauberen Dribblings seinen Körper zwischen Gegner und Ball. Die meisten Duelle gegen Gleichaltrige gewinnt er dank seiner Statur – siehe die Szene aus der Partie gegen Indien. Auf Bundesliga-Niveau wird das nicht funktionieren gegen Mats Hummels, Naldo oder Kyriakos Papadopoulos. Insofern war es eine gute Erfahrung für ihn, im Sommer bei der U20-WM gegen ältere, körperlich reifere Spieler anzutreten.

Sargent wird – wie praktisch alle Jugendspieler – einen Anpassungsprozess durchlaufen müssen, mit nicht vollends gewissem Ausgang. Ob Sargent seine Tricks umstellt oder noch stärker an seiner körperlichen Kraft arbeitet, wird die Zeit zeigen. Eins ist klar: Er bringt alle Voraussetzungen mit, um nicht nur im U-Bereich zum Top-Torjäger zu avancieren. Um es mit typisch-norddeutschem Understatement auszudrücken: Bremen hat in der jüngeren Vergangenheit schon schlechtere Transfers getätigt.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 30-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“. Tobias Escher wird auch in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

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