Trainerfrage bei Werder Bremen
Florian Kohfeldt als Cheftrainer? Ein Pro und Contra
Bremen - Viel Zeit hatte Florian Kohfeldt nicht. Gerade einmal drei Trainingseinheiten standen ihm nach der Entlassung seines Vorgängers Alexander Nouri zur Verfügung, um Werder auf das schwere Auswärtsspiel in Frankfurt vorzubereiten.
Am Ende gab es gegen die Hessen zwar nicht den lang ersehnten ersten Saisonsieg, aber der Bremer Auftritt speziell vor der Pause hat stark die Fantasie angeregt – und zu der Frage geführt: Warum eigentlich nicht dauerhaft mit dem jungen Trainer? In einem Pro und Contra beleuchten die DeichStuben-Reporter Daniel Cottäus und Carsten Sander die Situation.
Pro
Werder-Sportchef Frank Baumann wird nicht müde, die großen Qualitäten Kohfeldts öffentlich zu loben. Da wäre es nur konsequent, dem großen Talent schon jetzt die große Verantwortung zu übertragen. Riskant wäre es auch, keine Frage. Aber das ist ein Trainerwechsel immer. Wer garantiert denn, dass ein externer Coach, der womöglich viel, viel Geld kostet, den gewünschten Erfolg bringt und es besser macht als Kohfeldt? Richtig: Niemand.
Dem (noch) Interimstrainer ist es gelungen, einer stark verunsicherten Mannschaft innerhalb kürzester Zeit wieder Leben einzuhauchen. Kohfeldts Handschrift war während des Spiels am Freitagabend klar zu erkennen. Sie kam ob der kurzen Vorbereitungszeit zwar noch skizzenhaft daher, und längst nicht alles hat gut funktioniert, aber der 35-Jährige hat bewiesen, dass er die Mannschaft erreicht, dass er seine Ideen davon, wie sie besser spielen kann, an die Profis vermittelt bekommt. Nur deswegen war in Frankfurt über weite Strecken ein ganz anderes Werder zu sehen.
Erfahrung muss nicht das entscheidende Kriterium sein
Die Kohfeldt-Kritiker dürften spätestens jetzt mit dem Totschlag-Argument für jeden jungen Trainer kommen: mangelnde Erfahrung. Abstiegskampf? Lang anhaltende Krise? „Jetzt muss ein Mann her, der das alles schon erlebt und gemeistert hat“, heißt es dann gerne. Als Grund, Kohfeldt wieder zur U23 zu schicken, taugt das aber nicht. Erstens: Er kennt den Bundesliga-Abstiegskampf aus seiner Zeit als Co-Trainer unter Viktor Skripnik. Gut, 2016 stand er in der zweiten Reihe und damit nicht in der Hauptverantwortung – mitbekommen hat er die Mechanismen aber dennoch. Und zweitens: Muss in der Bremer Trainerfrage angesichts des Tabellenstandes tatsächlich „Erfahrung“ das entscheidende Kriterium sein? Nein!
Ein Beispiel, inzwischen ziemlich prominent: Hoffenheim vertraute seine dem Abstieg entgegenschlingernde Elf im Februar 2016 einem gewissen Julian Nagelsmann an. 28-jährig und noch weitestgehend unbekannt trat er als Bundesliga-Frischling die Nachfolge von Huub Stevens an – und rettete die Mannschaft vor dem Gang in Liga zwei. Heute wird er mit Topclubs in ganz Europa in Verbindung gebracht. Zugegeben: Ob Kohfeldts Weg künftig wie der von Nagelsmann verläuft, kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand seriös beantworten. Werders Trainer auf Zeit bringt aber alle nötigen Voraussetzungen mit und ist deswegen die beste Alternative.
Contra
Die Aufnahmeanträge für den Florian-Kohfeldt-Fanclub liegen aus – und es ist niemandem zu verdenken, wenn er zugreift und unterschreibt. Auch Frank Baumann nicht. Kohfeldt ist ein guter Typ. Jung, voller Ideen, eloquent, sympathisch, selbstbewusst, ein Fachmann noch dazu. Sagen jedenfalls andere Fachleute. Was man da noch braucht, um von ihm als Trainer der Zukunft bei Werder Bremen überzeugt zu sein? Nichts! Aber eben als Trainer der Zukunft. Ein Trainer für die Gegenwart ist Kohfeldt allerdings nicht. Nicht in der aktuellen prekären Situation des SV Werder. Der Club braucht jetzt einen Trainer, der in seiner Karriere schon durch Stahlbäder gegangen ist und alle Facetten des Abstiegskampfs kennt. Einen, der Problemen mit erprobten Lösungen begegnet. Lässt sich das von Florian Kohfeldt, dem Novizen, behaupten?
Natürlich kann in der Argumentation dagegengehalten werden, dass auch Viktor Skripnik und Alexander Nouri Neulinge im Bundesliga-Geschäft waren, Werder aber trotzdem aus ähnlich gefährlichen Lagen befreiten und jeweils souverän zum Klassenerhalt führten. Trotzdem scheiterten beide schlussendlich gründlich – und die Gefahr ist groß, dass Kohfeldt in den Sog gerät, der durch die Geschichte seiner Vorgänger entstanden ist, wenn sich unter dem dritten Trainer-Eigengewächs nicht sofort der Erfolg einstellt. Zumal er mit der Anti-Empfehlung von zehn sieglosen Spielen in Folge mit der U23 zu den Profis aufgestiegen ist.
Sollte Kohfeldt scheitern, verbrennt Werder eine Zukunftsoption
Werder wäre gewiss nicht damit geholfen, wenn die Trainerlösung von den Fans nach – nur als Beispiel – einem Punkt aus drei Spielen schon wieder infrage gestellt würde. Nichts braucht ein gefährdeter Club weniger als eine permanent schwelende Trainerdiskussion.
Ein Aspekt, der ebenfalls gegen Kohfeldt spricht, hat eigentlich gar nichts mit ihm selbst zu tun, sondern mit der Grundaufstellung des Clubs. Frank Baumann und Marco Bode sind Persönlichkeiten, die im SV Werder groß geworden sind. Das heißt zwar nicht, dass sie mit grün-weißen Scheuklappen durchs Leben laufen. Eine Trainerlösung, die andere Erfahrungen als die in Bremen gemachten einbringt, wäre aber für den Kreis der Werder-Entscheidungsträger bestimmt eine Bereicherung. Auf Florian Kohfeldt können Baumann und Bode dann immer noch zurückgreifen. Später, in ruhigeren Zeiten. Den 35-Jährigen jetzt reinzuwerfen und ein Scheitern zu riskieren, hieße auch, möglicherweise eine vielversprechende Option für die Zukunft zu verbrennen.
Florian Kohfeldt: Seine Karriere in Bildern





