1:1 in Wolfsburg
Taktik-Analyse: Erst das Gegentor weckt Werders Offensivgeist
Wolfsburg - Lange Zeit war Werder Bremen im Spiel gegen den VfL Wolfsburg nur auf eins aus: ein Gegentor verhindern. Erst nachdem die Bremer zurücklagen, stellte Florian Kohfeldt auf eine offensivere Taktik um – mit erfolgreichem Ausgang. Unser Taktik-Experte Tobias Escher analysiert für uns das 1:1.
Vor dem Duell gegen den VfL Wolfsburg charakterisierte Werder-Kapitän Max Kruse die Partie als eine Art Endspiel. Bei einer Niederlage sei der Traum von Europa frühzeitig beendet. Über weite Strecken fühlte sich die Partie tatsächlich an wie ein Endspiel – und das nicht im positiven Sinne.
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Finals sind meist zähe Angelegenheiten: Keines der Teams möchte zu früh die eigene Deckung aufgeben, niemand riskiert einen frühen Rückstand. In einem Finale gibt es schließlich viel zu gewinnen, aber auch viel zu verlieren. Wer will schon Zweiter sein?
Defensive Bremer in Wolfsburg
Werders Taktik im „Finale um Europa“ war in erster Linie auf eines ausgerichtet: Tore verhindern. Werder stellte sich wesentlich defensiver auf als in den vergangenen Partien. Die Bremer postierten sich mit neun von zehn Mann in der eigenen Hälfte. In einem 4-5-1-System verbarrikadierte sich Werder im eigenen Abwehrdrittel. Statt hohes Pressing zu spielen, ließen sie Wolfsburgs Abwehr Zeit am Ball.
Die 4-5-1-Formation hatte Florian Kohfeldt gewählt, um Wolfsburgs Stärken auf den Flügeln zu kontern. Das Team von Bruno Labbadia hat sich in dieser Saison zu einem Ballbesitz-Team entwickelt. Die Viererkette lässt die Kugel in der Tiefe zirkulieren. Über die Flügel versuchen die Wolfsburger, den Gegner zu knacken.
Das war auch gegen Werder nicht anders. Wolfsburgs Außenverteidiger agierten recht tief und suchten den Anschluss an den Spielaufbau. Die beiden Achter Maximilian Arnold und Yannick Gerhardt rückten immer wieder weit auf die Flügel aus, um eine Anspielstation zu bieten. Im Sturm zeigte sich Wolfsburg wiederum enorm flexibel: Felix Klaus und Admir Mehmedi pendelten immer wieder zwischen Zentrum und Flügel. Wolfsburg agierte mit einer Mischung aus 4-3-3 und Raute.
Werder in Wolfsburg: Keine Offensivgefahr auf beiden Seiten
Werders Defensive war auf die flügellastige Offensive der Wolfsburger gut eingestellt. Die breite Fünferkette im Mittelfeld sicherte die Zuspielwege auf die Flügel. Kam der Ball doch einmal dorthin, konnte Bremen schnell doppeln und Flanken verhindern. Stürmer Wout Weghorst hing meist in der Luft.
Leider waren Bremens Angriffsbemühungen nicht wesentlich erfolgreicher. Die 4-5-1-Formation mag defensiv äußerst kompakt sein; offensiv hat sie viele Nachteile, gerade wenn sich die Mannschaft derart tief positioniert, wie Werder dies tat. Die Wege im Konter sind weit, der einzige Stürmer hängt in der Luft und es benötigt Zeit, bis die restlichen Spieler nachrücken.
Nicht nur die Formation, sondern auch die Rollen der Spieler waren nicht optimal: Max Kruse gehört zu den spielintelligentesten Stürmern der Liga, neigt allerdings dazu, das Tempo aus Angriffen herauszunehmen; nicht gerade die ideale Ausgangslage für schnelle Gegenstöße. Milot Rashica und Johannes Eggestein brauchten aufgrund ihrer tiefen Position zu lange, um in die gefährliche Zone zu gelangen. Kruse konnte sie praktisch nie hinter die Abwehr schicken. Werder verschleppte das Tempo und verlor den Ball anschließend gegen das aggressive Pressing der Wölfe.
Wolfsburg-Tor verändert die Partie
So war es lange Zeit eine zähe Partie ohne Torchancen. Wolfsburg verbesserte sich im Verlauf des Spiels. Die Stürmer begannen, bewusst Überzahlen auf dem Flügel herzustellen. Gerade auf dem linken Flügel funktionierte dies, da Arnold und Mehmedi hier gut harmonierten. Bremen agierte gerade nach der Pause zu passiv, sodass Wolfsburg vermehrt zu Flanken kam. Die Führung erzielten sie indes nach einem Freistoß.
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Das Tor belebte das Spiel. Werder musste die totaldefensive Haltung nun aufgeben. Fortan rückten Johannes Eggestein und Rashica weiter nach vorne und agierten als Stürmer. Kruse ließ sich leicht fallen und gab den spielgestaltenden Zehner. In der nun entstehenden Rautenformation hatte Bremen ungleich mehr Anspielmöglichkeiten vor dem Ball.
Nach der Einwechslung von Claudio Pizarro (68., für Rashica) begann Werder, verstärkt über die Flügel anzugreifen. Wolfsburg verteidigte nun ebenfalls in einer Rautenformation, ließ dabei die Flügel jedoch unbesetzt. Rechtsverteidiger Thedor Gebre Selassie stieß nun vermehrt nach vorne. Einerseits öffnete dies Räume für Wolfsburger Konter. Andererseits kam aber auch Bremen nun zu Chancen. Max Kruse erzielte den Ausgleich (74.). Auch danach spielte Werder mit offenem Visier, es fiel jedoch kein Treffer mehr.
Fotostrecke: Pavlenkas Crash und Kruses Ausgleich




Fazit zum Werder-Auftritt in Wolfsburg
Es war fast schon kurios, wie unvermittelt Bremen nach dem Wolfsburger Führungstor von totaler Defensive auf totale Offensive umgeschaltet hat. Taktisch sowie psychologisch beeindruckte dieser schnelle Wechsel der Spielphilosophie.
Er wirft allerdings auch die Frage auf, warum Werder zuvor fast ausschließlich defensiv agiert hat. Gerade die Offensivstrategie von Kohfeldt ging in der ersten Stunde nicht auf. Somit kann Bremen zwar von sich behaupten, das Finale um Europa nicht verloren zu haben. Gewonnen haben sie es jedoch auch nicht – und das, obwohl Wolfsburg an diesem Abend nicht unverwundbar war.
