Werder-Sieg in der Taktik-Analyse
Der Defensive sei Dank: Werders Zu-Null-Sieg gegen St. Pauli in der Taktik-Analyse
Die Null steht! Dieses Motto gilt dieser Tage beim SV Werder Bremen. Auch beim 2:0 (1:0)-Sieg gegen Aufsteiger St. Pauli ließen die Bremer kaum Torchancen zu. Das liegt am System von Trainer Ole Werner, vor allem aber an der Aufopferungsbereitschaft der Spieler. Die starke Defensive verdeckt so manche offensive Schwäche, meint unser Kolumnist Tobias Escher in seiner Taktik-Analyse zum Spiel.
Bremen/Hamburg – Seit drei Jahren ist Ole Werner mittlerweile Trainer bei Werder Bremen. Gegen den FC St. Pauli feierte er eine Premiere: Zum ersten Mal während seiner Amtszeit gelang es Werder, in drei Spielen am Stück kein Gegentor zu kassieren. Was Werder beim 2:0 (1:0)-Sieg gegen St. Pauli offensiv fehlte, glichen sie mit ihrer stabilen Defensive aus.
Werder Bremens Auswärtssieg beim FC St. Pauli in der Taktik-Analyse: Das alte Spiel mit den Mannorientierungen
Coach Ole Werner veränderte seine Startformation im Vergleich zum 1:0-Sieg gegen den VfL Bochum auf einer Position: Für den verletzten Justin Njinmah rückte Marco Grüll in die Anfangself. Taktisch agierte Werder Bremen unverändert: Die Bremer Mannschaft formierte sich in ihrer typischen 5-2-3-Formation. Der Übergang zwischen Dreier-, Vierer- und Fünferkette verlief flüssig. So rückte gegen den FC St. Pauli häufig Rechtsverteidiger Mitchell Weiser weit nach vorne, während sich Linksaußen Derrick Köhn zurückhielt.
Der FC St. Pauli setzt unter Trainer Alexander Blessin auf eine ähnliche Formation wie Werder Bremen. Die „Kiezkicker“ starteten defensiv ebenfalls in einer 5-2-3-Formation. Auch sie wechselten flüssig zwischen unterschiedlichen Formationen. Bei ihnen war es jedoch der zentrale Verteidiger Eric Smith, der häufig eine Reihe weiter nach vorne rückte.
Da beide Teams sich ähnlich sortierten, entstanden auf dem gesamten Feld direkte Duelle. Das ist für die Fans des SV Werder Bremen keine Neuigkeit: Bei fast allen Partien mit Bremer Beteiligung spielen die Grün-Weißen und ihre Gegner eine Manndeckung. Das war auch im Millerntor-Stadion nicht anders.
Werder Bremens Auswärtssieg beim FC St. Pauli in der Taktik-Analyse: Einmal ist besser als keinmal
Die Gastgeber aus Hamburg interpretierten dabei ihr System zunächst offensiver: Sie störten Werder Bremen früh im Aufbau. Bremen ging dagegen wenig Risiko ein. Werders Motto lautete: Hoch und weit bringt Sicherheit! 69 lange Bälle schlugen die Bremer im Verlauf der Partie. Damit übertrafen sie ihren Schnitt von 50 langen Bällen pro Spiel deutlich. Einen wirklichen Effekt hatten die langen Bälle indes nicht: St. Paulis groß gewachsene Abwehr fing die hohen Zuspiele ab.
Der Aufsteiger versuchte derweil auf anderem Wege, die Abwehr des SV Werder Bremen zu knacken. Immer wieder ließen sich einzelne Stürmer fallen. Der FC St. Pauli wollte die zurückfallenden Angreifer mit flachen Pässen füttern. Die Stürmer sollten den Ball sofort weiterverarbeiten und auf die durchstartenden Sechser ablegen. Werders Abwehr agierte jedoch hellwach. So konnten die herausrückenden Bremer Verteidiger praktisch jedes dieser Zuspiele abwehren.
Werder Bremen suchte deutlich seltener den flachen Pass in die Angriffsreihe. Wenn die Elf von Ole Werner dies überhaupt tat, geschah dies vom Flügel aus. Weiser suchte hier wie gewohnt das Zusammenspiel mit Marvin Ducksch und dem aufrückenden Jens Stage. Dieses Muster ging exakt einmal auf: Werder lockte St. Pauli auf Weisers Seite, kombinierte sich durch und verlagerte das Spiel anschließend auf den freistehenden Köhn (24.). Diese Spielverlagerungen am Strafraum sah man von Werder in dieser Saison bereits häufiger. Gegen den FC St. Pauli genügte Werder eine derartige Aktion, um sich die Führung zu sichern.
Werder Bremens Auswärtssieg beim FC St. Pauli in der Taktik-Analyse: Werder fokussiert sich auf Konter
Nach dem 1:0 konnte Werder Bremen das Spiel etwas beruhigen. Zuvor lag der Bremer Ballbesitzwert bei knapp über 40 Prozent. Das lag vor allem daran, dass sie jeden Angriff sofort ausspielten. Nach dem 1:0 spielte Werder die eigenen Ballbesitzansätze geduldiger aus. Bis zur Pause glich sich der Ballbesitzwert beider Teams deshalb an.
Der FC St. Pauli fand in dieser Phase nur wenige Lösungen, um Werders Mittelfeld zu überspielen. Praktisch jeder Angriff der Hamburger verlief über die linke Seite. Felix Treu und der herausrückende Sechser Carlo Boukhalfa lockten Weiser ins Pressing. Im Anschluss kam der Ball zu Oladapo Afolayan. Dessen Dribblings beschäftigten zwar Werder Bremens Verteidiger Niklas Stark, Torgefahr konnte der Linksaußen jedoch nicht ausstrahlen.
Nach der Pause zog sich Werder Bremen weiter zurück. Der Ballbesitzwert der Grün-Weißen lag nun bei unter 40 Prozent. Die Marschroute war klar: Werder wollte die Führung in einem kompakten 5-4-1-Block verteidigen. Gleichzeitig wollte das Team über Konter das Ergebnis festigen. Auch bei dieser Strategie ging der erste ordentliche Versuch bereits auf: Nach einer vergebenen Torchance durch St.-Pauli-Stürmer Johannes Eggestein erzielte Ducksch im Anschluss ein Kontertor (54.).
Werder Bremens Auswärtssieg beim FC St. Pauli in der Taktik-Analyse: St. Pauli erzeugt nur wenig Torgefahr
Die Hamburger gaben angesichts des 0:2-Rückstands die Zurückhaltung auf. Smith rückte fortan durchgehend ins Mittelfeld. St. Pauli stellte damit auf ein 4-4-2-System um. Zudem griffen sie nun kaum mehr über die linke Seite an. Stattdessen schufen sie bewusst Überzahlen auf dem rechten Flügel. Vor allem Rechtsverteidiger Manolis Saliakas hielt nichts mehr hinten. Werder Bremen ließ sich gegen die anrennenden Gastgeber immer weiter fallen. Diese Strategie lag nicht an der Stärke des Gegners: Vielmehr schien den Bremern bewusst zu sein, dass St. Pauli die zweitschwächste Offensive der Liga stellt. Werder achtete darauf, die Räume zu schließen und Flanken aus dem Strafraum zu köpfen. Das genügte, um einen wenig kreativen Gegner mattzusetzen.
Werders Versuche, selbst Akzente nach vorne zu setzen, versandeten. Werner wollte mit der Einwechslung von Oliver Burke das Tempo im Konterspiel erhöhen. Der Schotte bekam jedoch wenig Zuspiele. Duckschs Versuch, über die linke Seite das Spiel zu gestalten, scheiterte an seiner mangelnden Passgenauigkeit. Nur selten kam Werder Bremen in der Folge vor das Tor. Die einzige nennenswerte Torchance hatte Burke, als der FC St. Pauli in der Nachspielzeit die Schleusen öffnete.
Am Ende hat deshalb nicht Werders Offensive diese Partie gewonnen – sondern die Bremer Defensive. In der ersten Halbzeit verteidigte die Abwehr um Chef Marco Friedl aggressiv und gedankenschnell nach vorne. Nach der Pause stand die Abwehr tiefer, öffnete dem FC St. Pauli jedoch weiterhin kaum Räume. So bleibt Werder Bremen nach den Spielen gegen Darmstadt und Bochum zum dritten Mal in Folge ohne Gegentor. Dank starker Defensivleistung können die Bremer kompensieren, dass der Sturm aktuell nicht allzu viele Chancen herausspielt.
