Ex-Werder-Boss im DeichStube-Interview

„Diego war Werders erster Popstar“: Klaus Allofs im Interview über die Entdeckung des Brasilianers und die Tücken des Transfers

Als Manager holte Klaus Allofs (r.) 2006 Diego zu Werder Bremen, 2009 musste er ihn auch wieder verabschieden.
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Als Manager holte Klaus Allofs (r.) 2006 Diego zu Werder Bremen, 2009 musste er ihn auch wieder verabschieden.

Vor dem großen Abschiedsspiel von Diego spricht Klaus Allofs, Ex-Manager des SV Werder Bremen, im DeichStube-Interview über die Entdeckung des Brasilianers, die Tücken des Transfers, seinen besonderen Effekt und einen magischen Moment.

Bremen – 132 Pflichtspiele für den SV Werder Bremen, 54 Tore – und eines davon sogar aus 62,5 Metern Distanz: Diego zählt zu den größten Spielern, die jemals für den Bundesligisten auf dem Platz standen. Am Samstag (18 Uhr/DeichStube-Liveticker) kehrt der Pokalsieger von 2009 für sein Abschiedsspiel ins Weserstadion zurück und gibt an der Seite ehemaliger Weggefährten seine allerletzte Vorstellung. Im Gespräch mit der DeichStube beleuchtet Werders ehemaliger Manager Klaus Allofs den Anfang der Geschichte – und verrät, wie Diego einst den Weg nach Bremen fand, auf welche Weise Johan Micoud beim Transfer geholfen hat und welchen Diego-Moment er für immer im Kopf behalten wird.

Herr Allofs, erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem Ihnen Diego das erste Mal aufgefallen ist?

Ja, ziemlich genau sogar. Es war während einer Brasilienreise, die ich 2003 gemacht habe. Sao Paulo war meine letzte Station, und von da aus ist es nur eine knappe Stunde Fahrt bis nach Santos. Ich wollte dort keinen speziellen Spieler beobachten, sondern den FC Santos, den Club des großen Pelé, einmal live im Stadion erleben. Ich weiß noch, dass das Einlaufen der Mannschaften nicht so geordnet ablief wie bei uns in Deutschland. Ein Spieler hatte fünf Kinder an der Hand, der nächste gar keins, dann wieder einer mehrere. Irgendwann kam plötzlich ein großes Knäuel von Menschen auf den Platz, man konnte gar nicht erkennen, wer der Spieler ist. Es war Diego, umringt von unzähligen Kindern, mit der Nummer 10 auf dem Rücken.

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Werder Bremen-Ex-Manager Klaus Allofs über die Entdeckung von Diego und seinen schwierigen Transfer

Die legendäre Nummer, die einst auch Pelé trug…

Genau, und allein die Tatsache war schon etwas Besonderes. Diego war damals 18 Jahre alt, die Erwartungen an ihn waren riesig. Er hat dann auch ein richtig gutes Spiel gemacht. Einen Tag danach hat sich für mich die Gelegenheit ergeben, seinen Vater zu treffen. Da habe ich unser Interesse an Diego sofort hinterlegt. Er war sich aber schon so gut wie mit dem FC Porto einig, sodass für uns nicht mehr zu machen war. Die Verbindung haben wir trotzdem aufrechterhalten.

Was sich später auszahlen sollte. Im Sommer 2006 wechselte Diego aus Porto nach Bremen. Wie lief der Transfer genau ab?

Wir hatten mitbekommen, dass Diego in Porto Probleme mit Trainer Co Adriaanse hat. Er saß nicht einmal mehr auf der Bank, sondern nur noch auf der Tribüne. Über einen Berater, der in Portugal lebte, haben wir den Kontakt hergestellt. Die Gespräche mit Diego waren dabei gar nicht das Schwierigste. Die Herausforderung war eher, Portos Präsidenten davon zu überzeugen, ihn gehen zu lassen. Er war enttäuscht vom Spieler und wollte ihn wohl abstrafen. Am Anfang ging die Tür da nicht mal einen kleinen Spalt auf. Thomas Schaaf und ich sind aber drangeblieben. Irgendwann ging es dann doch.

In Bremen hat Diego das Erbe von Double-Held Johan Micoud angetreten. Es gibt leichtere Startvoraussetzungen für einen neuen Spieler…

Es war für uns ja abzusehen, dass sich Johan verändern wollte und wir für die Zeit nach ihm einen neuen Spielmacher benötigen. Sein Weg bei uns war ein sehr gutes Beispiel, auf das wir in den Gesprächen mit Diego verweisen konnten. Auch Micoud hatte zuvor in Parma nicht funktioniert und ist bei Werder zum großen Star geworden. Das wusste auch Diego. Wirtschaftlich hatte er bessere Angebote, aber wir konnten mit unserem Gesamtpaket punkten. Die Rolle als Micoud-Nachfolger war für Diego überhaupt kein Problem. Worunter er nie gelitten hat, war mangelndes Selbstvertrauen. Mit Druck umzugehen, hat ihn eher motiviert als gehemmt. Am wohlsten hat er sich gefühlt, wenn er total in der Verantwortung stand.

Werder Bremens erster Popstar: Klaus Allofs im DeichStube-Interview über den Diego-Effekt

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ich erinnere mich an das Rückspiel in der Champions-League-Qualifikation bei Dinamo Zagreb. Das war 2007, während der Zeit, als Luka Modric gerade so richtig aufkam. Vor dem Spiel ging es nur darum, wer die bessere Nummer 10 ist – Diego oder Modric? Sowas hat Diego immer gekitzelt. Zagreb hat versucht, ihn über Fouls aus dem Spiel zu nehmen. Das war nicht nur grenzwertig, sondern ging weit darüber hinaus. Er hat total dagegengehalten und bei unserem 3:2-Sieg zwei Tore geschossen.

Bei Werder hat Diego auf Anhieb funktioniert und mit seiner Spielweise die Bundesliga verzückt. In welchem Moment war Ihnen klar: Wahnsinn, der schlägt ja richtig ein!

Wir waren grundsätzlich davon überzeugt, dass wir mit ihm einen ganz besonderen Spieler geholt haben, und das hat er ab dem ersten Training bestätigt. Gleich am ersten Spieltag in Hannover hat er dann sein erstes Tor für uns geschossen und zwei vorbereitet. Uns hatte vor dem Transfer die Frage beschäftigt, ob er nicht vielleicht zu sehr Individualist ist, gerade im Vergleich zu Micoud, der dafür stand, seine Mitspieler schnell in Szene zu setzen. Diego hat stattdessen lieber selbst noch eine Pirouette gedreht. Es war dann aber schnell klar, dass er mit seiner großen Klasse den Unterschied für uns ausmachen kann.

Neben allen sportlichen Themen war Diego auch für den Boulevard eine interessante Figur, spätestens als seine Liaison mit der Sängerin Sarah Connor öffentliches Thema wurde. War Diego der erste Popstar des SV Werder Bremen?

Ja, absolut. Im eher beschaulichen Bremen waren solche Schlagzeilen vorher nicht an der Tagesordnung. Die spektakuläre Art und Weise seines Spiels hat ihn in ganz Deutschland interessant gemacht. Diego-News waren sehr gefragt, weshalb es irgendwann auch um andere Bereiche seines Lebens ging. Darauf mussten wir uns als Verein einstellen.

Klaus Allofs über Diegos Transfer von Werder Bremen zu Juventus Turin und das besondere Tor gegen Alemannia Aachen

Gleich in seinem ersten Jahr war Diego einer der besten Spieler der Saison. Wie hart mussten Sie darum kämpfen, dass er nicht schon früher aus Bremen weggekauft wird?

Interesse an ihm war permanent da. Auch das war definitiv die nächste Stufe, die in Bremen gezündet wurde. Diegos Vater war da sehr aktiv und hat von Anfang an proaktiv den Kontakt zu anderen Clubs gesucht. Er hat das Interesse an seinem Sohn geschickt am Kochen gehalten. Ständig ploppte hier oder da etwas auf. Wir hatten rund um Diego nie den Zustand, in dem wir sagen konnten: So, alle sind zufrieden, und das läuft jetzt erstmal in Ruhe.

Wie sehr haben Sie vor seinem Wechsel zu Juventus Turin im Jahr 2009 um ihn gekämpft?

Es gab bei Diego immer den Wunsch, nochmal in ein anderes Land zu wechseln. Dazu kam natürlich der wirtschaftliche Faktor, sowohl für den Spieler als auch für den Verein. Denn die Ablösesumme (Werder kassierte rund 27 Millionen Euro, Anm. d. Red.) war sehr hilfreich für uns. Sportlich betrachtet, hatten wir in Mesut Özil bereits einen designierten Nachfolger für Diego im Kader. Genauso wie Micoud und Diego zusammen eher nicht funktioniert hätten, wäre es auf Dauer auch bei Diego und Özil gewesen. Am Ende war es dieser Mix, der bei seinem Abgang eine Rolle gespielt hat.

Herr Allofs, eingangs haben wir über Ihre erste Erinnerung an Diego gesprochen. Zum Abschluss die Frage: Welche ist Ihre liebste?

Sein Tor gegen Alemannia Aachen aus der eigenen Hälfte. Ich saß mit auf der Trainerbank, und die Flugbahn dieses Balles werde ich nie mehr vergessen. Einerseits ging alles ganz schnell, andererseits war der Ball gefühlt ewig in der Luft. Es war typisch Diego, dass der Ball am Ende nicht einfach ins Tor rollt, sondern mit der größtmöglichen Dramatik noch an die Unterkante der Latte und von da über die Linie springt. So ein Tor konnte wirklich nur er schießen. (dco)

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