Nach Unentschieden gegen Wolfsburg
Mit neuer Vorsicht und klareren Abläufen: Werders Weiterentwicklung der kleinen Schritte
Der SV Werder Bremen entwickelt sich weiter - mit kleinen Schritten. Die neue Vorsicht, die beim 2:2 gegen den VfL Wolfsburg zu sehen war, gehört dabei zum aktuellen Reifeprozess.
Bremen – Ole Werner tippte sich mit beiden Zeigefingern an den Kopf, auch der bereits ausgewechselte Leonardo Bittencourt wirkte noch einmal gestenreich auf seine Teamkollegen ein. Zwei Minuten waren da noch regulär zu spielen – und der SV Werder Bremen hatte nach einem just verteilten Platzverweis gegen den VfL Wolfsburg eine ziemlich gute Ausgangsposition, um aus dem 2:2 doch noch einen 3:2-Sieg zu machen. Doch den beiden Zeichengebern war es wichtig, dass jetzt bloß nicht kopflos agiert werde. Quasi als nächste Stufe des aktuellen Bremer Reifeprozesses. „Manche Jungs wünschen sich natürlich, dass man ins Risiko geht und noch das 3:2 macht. Ich glaube aber, in unserer Phase und mit den Zielen, die wir haben, ist so ein Punkt einfach wichtig“, betonte Bittencourt, der aber ohnehin meinte: „Die letzte Überzeugung, Wolfsburg wehzutun, hat etwas gefehlt. Das nehme ich aber keinem übel, denn wo sollen wir das herholen, wenn man sieht, von wo wir aus den letzten Wochen gekommen sind.“
Mittelfeld-Kollege Jens Stage grübelte derweil noch immer, ob ihm das Remis bei den Niedersachsen nun tatsächlich gefällt oder eher doch nicht. „50:50“, sagte der Däne letztlich diplomatisch und stimmte in Bittencourts Worte ein: „Der eine Punkt ist wichtig, und wir müssen den einen sichern, bevor wir auf die drei Punkte gehen. Deshalb verstehe ich das ein bisschen.“ Aber es hätte eben auch gern etwas mehr sein dürfen. Nach dem frühen Traumtor von Marvin Ducksch per Freistoß (7.) hielt Werder Bremen alle Trümpfe in der Hand, verpasste es aber zunächst, weitere Treffer nachzulegen. Stattdessen setzte es erst den Ausgleich (37.) und dann sogar den Rückstand gegen den VfL Wolfsburg (59.). Das jeweilige Muster wies dabei deutliche Parallelen auf, auf der linken Seite ließ sich Werder zweimal in eine Unterzahl locken. „Die Verteidigungsleistung war wieder okay, die beiden Gegentore fallen trotzdem zu leicht, weil wir die Zuordnung am Flügel verlieren“, monierte Ole Werner, befand aber auch: „Trotzdem haben wir insgesamt für ein Auswärtsspiel nicht viel zugelassen.“
Werder Bremen aktuell eher heimstark und auswärtsschwach: „Geht darum, Konstanz reinzubringen“
Und eine Antwort hatten die Gäste ja auch noch parat. Weil erst Romano Schmid stark einleitete, Mitchell Weiser dann punktegenau flankte und der völlig freie Rafael Borré ganz überlegt einköpfte, stand es 2:2. Bis zum Schluss. Und Werder Bremen hatte ihn eingesammelt, den ersten Auswärtszähler der Saison. „In den letzten anderthalb Jahren haben wir zu Hause fast gar nichts geholt, jetzt haben wir auf einmal drei Heimspiele gewonnen und holen auswärts dafür nicht viel“, meinte Bittencourt, den diese Erkenntnis aber nicht wirklich staunend zurückließ. „Die einzigen Mannschaften, die auswärts und zu Hause immer etwas holen, sind Bayern, Leipzig und Dortmund. Bei allen anderen hast du immer Phasen, in denen du mal da und mal da mehr holst.“
Das Streben danach, diese Phasen auszudehnen, treibt aber natürlich auch den 29-Jährigen an. „Es geht darum, Konstanz reinzubringen. Wir hatten an den ersten sechs Spieltagen mal ein gutes Spiel, dann ein bodenloses und dann mal ein ordentliches“, bilanzierte Bittencourt. „Jetzt liegen drei Spiele hinter uns, in denen wir das auf den Platz bekommen haben, was wir wollten. Natürlich funktioniert nicht alles, das ist normal. Aber wir haben aus dem Block Borussia Dortmund, Union Berlin, VfL Wolfsburg und dann Eintracht Frankfurt bisher vier Punkte geholt vor der Länderspielpause – das ist schon mal einer mehr als im letzten Block davor.“
„Wir entwickeln uns“: Bei Werder Bremen geht es aktuell in kleinen Schritten voran
Die großen Sprünge lassen bei Werder Bremen noch auf sich warten, aktuell geht es in kleinen Schritten voran. Aber es geht voran. Und das ist fast schon beruhigender als der Blick auf die Tabelle. „In den letzten Spielen war zu sehen, dass Abläufe klarer sind, dass wir auf Spielverläufe vernünftig reagieren können“, hat Ole Werner beobachtet. „Wir sind auch dieses Mal nach dem Rückstand nicht auseinandergefallen, wie wir das in dieser Saison auch schon erlebt haben. Wir entwickeln uns – und das müssen wir auch, weil es unheimlich eng in der Liga ist und wir nicht in einer komfortablen Situation sind.“
In der Tat. Zehn Zähler haben die Bremer aus den bisherigen zehn Begegnungen zusammengetragen und damit vorerst Rang zwölf eingenommen. „Es ist nicht so, dass man da ins Jubeln gerät“, meinte Werner gewohnt geerdet. „Die Momentaufnahme ist okay, nicht mehr und nicht weniger. Es ist für die Umstände vernünftig, man kann damit arbeiten.“ Und es liegt noch viel Arbeit vor den Grün-Weißen. „Man muss natürlich sagen, dass wir einige Punkte liegengelassen haben“, sagte Clemens Fritz als Leiter Profifußball. „Wir ärgern uns darüber, denn da laufen wir jetzt ein Stück weit hinterher.“ Umso wichtiger sei die Reaktion. „Man sieht, dass wir diese Situation annehmen und dass die Jungs sich reinhauen“, erklärte der Ex-Profi des SV Werder Bremen. „Man hat bei der Mannschaft das Gefühl, dass sie unbedingt will und sich alle Spieler helfen. Deshalb bin ich positiv gestimmt und habe ja auch immer gesagt, dass wir vollstes Vertrauen in unsere Mannschaft haben. Und das hat sich hier in Wolfsburg auch wieder bestätigt.“ (mbü)