Schlaganfall Anfang des Jahres

Wenn Aufgeben keine Option ist: Wie sich Werder-Fan Matthias Hartmann nach schwerem Schicksalsschlag zurück ins Leben kämpft

Werder Bremens Fanbetreuerin Jenny Eickhoff (Re.) erklärt Matthias  Hartmann die Abläufe im Rollstuhlbereich des Weserstadions.
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Werder Bremens Fanbetreuerin Jenny Eickhoff (Re.) erklärt Matthias Hartmann die Abläufe im Rollstuhlbereich des Weserstadions.

Matthias Hartmann hat einen schweren Schicksalsschlag erlitten. Doch der Fan des SV Werder Bremen gibt nicht auf und kämpft sich eindrucksvoll zurück!

Bremen – Der 15. Januar 2025 ist für sich genommen kein allzu besonderes Datum. Die Feiertage sind dann längst vorbei, und der Alltag ist wieder in Fahrt gekommen, zumal der 15. Januar nicht mal auf ein Wochenende fällt, sondern ein schmuckloser Mittwoch ist. Alles egal. Denn für Matthias Hartmann ist am 15. Januar 2025 Bescherung. Am Abend wird sich der 37-Jährige Werder Bremens erstes Heimspiel des neuen Jahres im Weserstadion anschauen, zu Gast ist dann der 1. FC Heidenheim. Bereits seit 25 Jahren besitzt Hartmann eine Dauerkarte, hat unzählige Partien seines Herzensvereins live verfolgt. Und doch wird in drei Wochen nichts sein wie zuvor, weil Hartmann dann nicht mehr auf seinem Stammplatz in Block vier, Nordtribüne, Unterrang, sondern erstmals auf der Rollstuhlfahrer-Tribüne sitzen wird. „Ich kann den Tag kaum erwarten“, sagt der Werder-Fan, der im Februar 2024 einen brutalen Schicksalsschlag erlitten und sich von da an ins Leben zurückgekämpft hat.

Werder Bremen-Fan Matthias Hartmann: „Weiß selbst nicht so genau, woher ich die Kraft genommen habe“

Hartmann, das sei vorab gesagt, hat sich bewusst dazu entschieden, seine Geschichte öffentlich zu machen, weil er möchte, dass sie anderen Menschen Kraft gibt. Dass sie Hoffnung spendet und zeigt, dass es sich zu kämpfen lohnt. Immer. Der Gedanke „Ich kriege das schon hin, das wird wieder“, habe ihn in den zurückliegenden Monaten stets begleitet, sagt er, selbst in den dunklen Stunden, wenn die Fortschritte klein und die Prognosen der Ärzte unerfreulich waren. „Ich weiß selbst nicht so genau, woher ich die Kraft genommen habe, durchzuhalten. Ich habe es einfach gemacht“, sagt Hartmann, ehe er seine Geschichte erzählt. Sie beginnt im Weserstadion, wo er den letzten Tag seines alten Lebens verbringt.

Im Februar hat Hartmann mal wieder einen dieser beruflichen Termine, die ihm besonders gut gefallen. Der Bremer arbeitet als angestellter Bauingenieur und ist damit beauftragt, mit seiner Firma im Weserstadion des SV Werder den für die Sommerpause geplanten Umzug des Gästeblocks vorzubereiten. Vor Ort geht es um die Statik, ums Fundament für den neuen Zaun, um nötige Abstände und passende Höhen. „Wir haben alles vermessen“, sagt Hartmann, der in den Jahren zuvor bereits etliche Arbeiten an seinem Lieblingsort durchgeführt hat und das Stadion deshalb aus allen Perspektiven kennt. Dass er es für den Rest des Jahres nicht mehr wird besuchen können, kann er nicht wissen, als er Feierabend macht. Am nächsten Tag erleidet Matthias Hartmann einen Schlaganfall. Aus dem Nichts.

Werder Bremen-Fan Matthias Hartmann mit „Locked-in-Syndrom“ nach Schlaganfall

„Ich habe mich auf einmal komisch gefühlt und mich in meiner Wohnung vorsichtshalber flach auf den Boden gelegt, weil ich Angst hatte, zu stürzen“, berichtet er, „und plötzlich konnte ich nichts mehr bewegen, nur noch die Augäpfel, auch sprechen ging nicht mehr“. Nach etwa zwei Stunden in diesem Zustand, die Matthias Hartmann bei vollem Bewusstsein erlebt, ist es Ute Hartmann, die ihren Sohn findet. Beide waren verabredet, um den Anzug für Matthias‘ im August geplante Hochzeit auszusuchen. Als er nicht auftaucht, wird seine Mutter stutzig. Nachdem sie ihn in der Wohnung gefunden hat, geht es per Rettungswagen sofort nach Oldenburg ins Krankenhaus, Intensivstation.

Drei Tage lang liegt Matthias Hartmann im Koma, zieht sich eine Lungenentzündung zu und kämpft ums Überleben. Als er wieder wach ist, hört er die Ärzte vom „Locked-in-Syndrom“ sprechen, was einen Zustand beschreibt, in dem der Betroffene zwar bei Bewusstsein, körperlich aber vollständig gelähmt ist und zudem nicht in der Lage, zu sprechen. Gefangen im eigenen Körper. Ein Alptraum. „Ich wollte das nicht glauben, und habe es auch nicht geglaubt“, sagt Hartmann, der bis zu seinem Schlaganfall zahlreiche Sportarten betreibt, sogar Marathon-Staffeln läuft. Irgendwann sei dann besagter Gedanke da gewesen und nicht mehr weggegangen: „Ich kriege das schon hin, das wird wieder.“

Matthias Hartmanns Leidenschaft für den SV Werder Bremen hilft ihm beim Kampf zurück

Als er eines Tages feststellt, dass er den Kopf leicht seitlich bewegen kann, Millimeter nur, ist die Hoffnung grenzenlos. Wozu seine Leidenschaft, der SV Werder Bremen, mindestens einen kleinen Teil beiträgt. Im März bekommt Hartmann von seiner Verlobten Werder-Bettwäsche mitgebracht, in der er seitdem schläft, ein Poster seines Lieblingsspielers Diego hängt die gesamte Zeit über neben seinem Bett. „Ich hatte dieses große Ziel, wieder ins Weserstadion zu können“, betont er. Es begleitet ihn während der kompletten Reha in Oldenburg bei seinen Schritten zurück ins Leben.

Via Computerprogramm, das er mit den Augen steuert, lernt Matthias Hartmann, zu kommunizieren. „Nach drei Monaten konnte ich dann meinen rechten Zeigefinger wieder bewegen. Danach habe ich alles von Grund auf neu gelernt, auch atmen und sprechen.“ Mittlerweile kann Hartmann sogar wieder laufen, mit einer Gehhilfe, etwa 250 Meter am Stück, Tendenz steigend. Dass ihn seine Verlobte im Juli am Krankenbett verlässt, ist noch einmal ein harter Schlag. Hartmanns Genesung stoppt er nicht. Heute sagt er über die geplatzte Hochzeit: „Wer weiß, wofür es gut war?“ Schwere Situationen annehmen und gegen alle Widerstände bewältigen – darin ist Matthias Hartmann 2024 definitiv ein Meister geworden.

Seine Dauerkarte in Block vier hat der SV Werder Bremen inzwischen in eine Dauerkarte für den Rollstuhlfahrerbereich umgewandelt, gültig ist sie ab Januar. Um die Wartezeit etwas zu verkürzen, haben ihn seine Freunde kürzlich zu einem Heimspiel der U23 begleitet, Platz 11, wieder ein Stückchen mehr Normalität. Kurz vor Weihnachten dann die Besichtigung seines neuen Stammplatzes im menschenleeren Weserstadion. Jenny Eickhoff von der Fanbetreuung erklärt Hartmann alle Abläufe. Als er das Stadion wieder verlässt, streicht er mit seiner Hand kurz über den Rasen nahe der Eckfahne. „Bald bin ich endlich richtig zurück“, sagt er. Bei Werder. Und im Leben. (dco)

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