Der Trainer im Trikot
Ex-Werder-Trainer Kohfeldt blickt zurück: BVB-Coach Sahin hat den Fußball schon in Bremen systematisch gedacht
Als Trainer von Borussia Dortmund kehrt Nuri Sahin am Samstag zu Werder Bremen zurück. Sein Ex-Coach Florian Kohfeldt blickt auf dessen Zeit an der Weser zurück und erklärt, was er ihm beim BVB zutraut.
Bremen – Fast auf den Tag genau sechs Jahre ist es inzwischen her, dass sich dem SV Werder Bremen unverhofft eine große Chance bot, quasi auf den allerletzten Drücker. Nuri Sahin, so erfuhren es die Bremer damals am letzten Tag des Sommer-Transferfensters 2018, ist tatsächlich zu haben. Sahin, der Star von Borussia Dortmund, der in seiner Laufbahn auch schon das Trikot von Real Madrid und Liverpool getragen hatte – künftig in grün und weiß am Osterdeich? Werders damaliger Cheftrainer Florian Kohfeldt fackelte nicht lange und griff zum Telefon. Nach dem Gespräch mit dem Spieler war schnell alles klar: Sahin kam.
Werder Bremen verpflichtete Nuri Sahin am Deadline Day 2018 von Borussia Dortmund: „Spielintelligenter Profi“
Der Gedanke, den Dortmunder zu verpflichten, war damals eingebettet in Werders Idee, wieder größer zu denken, höhere Ziele anzustreben. Wenige Tage bevor Nuri Sahin als Chefcoach von Borussia Dortmund nach Bremen zurückkehrt, blickt Kohfeldt im Gespräch mit der DeichStube auf die gemeinsame Zeit bei Werder Bremen zurück, räumt mit einem hartnäckigen Gerücht auf und erklärt, warum ihn und den Ex-Profi eine Gemeinsamkeit verbindet.
Kurze Rückblende, nochmal August 2018: Mit großem Trara war in Bremen gerade erst die Verpflichtung von Davy Klaassen vom FC Everton gefeiert worden – mit einer Ablösesumme von 13,5 Millionen Euro ist der Niederländer bis heute der teuerste Neuzugang der Vereinsgeschichte. Frank Baumann, Werders damaliger Sportchef, erklärte die Transferbemühungen danach für beendet. Einen Tag später war Sahin da. „Wir wollten Spieler haben, die wissen, wie Erfolg funktioniert, weil sie ihn in ihrer Karriere schon hatten“, sagt Kohfeldt, der mit Werder Bremen damals offen den Angriff auf die internationalen Tabellenplätze ausrief – und das Ziel am Ende der Saison nur hauchdünn verpasste. Sahins Job dabei: Der ehemalige türkische Nationalspieler (52 Einsätze) sollte im defensiven Mittelfeld die Fäden ziehen, der Mannschaft Stabilität und Sicherheit verleihen. „Ich habe Nuri schon immer als extrem spielintelligenten Profi wahrgenommen“, sagt Kohfeldt, „das hat sich in Bremen dann sofort bestätigt.“
Florian Kohfeldt und Nuri Sahin diskutierten bei Werder Bremen viel über Fußball: „Klar, dass er Trainer werden möchte“
Zwar absolvierte der damals 30-Jährige in seinem ersten Bremer Jahr nur 20 Bundesligaeinsätze, Florian Kohfeldt nennt ihn rückblickend trotzdem eine prägende Figur für Werders Spiel. Oft habe er zusammen mit Sahin in seinem Trainerbüro gesessen und über verschiedene Aspekte des Fußballs diskutiert: „Für ihn war damals schon klar, dass er Trainer werden möchte. Nuri war sehr interessiert, wenn es um Trainingsübungen und taktische Inhalte ging.“ Während seiner Zeit als Profi des SV Werder Bremen war Nuri Sahin parallel als Coach für seinen Heimatverein RSV Meinerzhagen aktiv. Wenn es seine Zeit erlaubte, stand er in der Oberliga an der Seitenlinie. Auch das dürfte in die Gespräche mit Kohfeldt eingeflossen sein. Wenn sich der ehemalige Bremer Trainer an den Spieler Nuri Sahin erinnert, kommt ihm ein ganz bestimmtes Spiel in den Sinn.
Vor der zweiten Saison des Ex-Dortmunders in Bremen schlug Werder sein Trainingslager in Grassau am Chiemsee auf, wo ein Testspiel gegen den spanischen Erstligisten SD Eibar zum Programm gehörte. Die Bremer gewannen souverän mit 4:0, „und Nuri war der Leader, der alle Fäden bei uns gezogen hat“. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an den Routinier vor dessen zweitem Jahr in Bremen. Erfüllt wurden sie nicht. Im Gegenteil.
Angespanntes Verhältnis bei Werder Bremen? Florian Kohfeldt: „Nuri Sahin und ich verstehen uns bis heute gut“
Zwar startete Nuri Sahin als Stammspieler in die Saison 2019/20, erlebte mit Werder Bremen aber einen miesen Start. Der Europa-Anwärter hatte im Sommer 2019 in Max Kruse zwar einen wichtigen Spieler abgegeben, dafür in Niclas Füllkrug, Ömer Toprak sowie Leonardo Bittencourt aber drei gestandene Bundesliga-Profis dazu geholt. Und trotzdem fand sich das Team nach zwölf Spieltagen nur auf Rang 14 wieder. Es war der schleichende Beginn des Abstiegskampfes, den Werder bis zum Saisonende nicht mehr verlassen sollte.
„Aufgrund der Situation mussten wir unsere Art des Fußballs anpassen. Es ging weniger um Ballbesitz und Dominanz, sondern mehr um Pragmatismus“, blickt Florian Kohfeldt zurück, „das kam Nuri natürlich nicht entgegen.“ Nur 16 Mal stand der Mittelfeldmann in der Bundesliga für Werder Bremen auf dem Platz, ab dem 20. Spieltag gar nicht mehr. Am Ende war es eine Hüftverletzung, die theoretische Einsätze verhinderte. Das Gerücht, zwischen Trainer und Spieler habe es in der allgemein sehr angespannten Lage geknirscht, weil Nuri Sahin mit taktischen Vorgaben nicht einverstanden gewesen sei, wischt Kohfeldt entschieden vom Tisch: „Das ist völliger Quatsch. Über die Grundidee gab es zwischen uns nie einen Dissens. Nuri und ich verstehen uns bis heute gut.“ So habe ihm Sahin sogar geschrieben, als er im Sommer das Traineramt beim BVB übernahm.
Werder Bremen-Ex-Coach Florian Kohfeldt traut Nuri Sahin viel zu: „Wird es schaffen, dass der BVB wieder für eine klare Identität steht“
Nach der Station als Spieler und später Trainer beim türkischen Erstligisten Antalyaspor kehrte Sahin im vergangenen Winter als Co-Trainer zu Borussia Dortmund zurück. Vor der laufenden Saison übernahm er dann den Chefposten von Edin Terzic. „Ich traue ihm absolut zu, dass er mit dem BVB seinen eigenen Spielstil entwickelt und die Mannschaft nach vorne bringt“, betont Florian Kohfeldt, der einst, so wie Sahin jetzt, ebenfalls als Trainer für seinen Herzensverein tätig war. Was für den einen Werder Bremen ist, ist für den anderen der BVB. „Ich weiß, was es bedeutet, einen Club zu trainieren, der einem enorm viel bedeutet“, sagt Kohfeldt. „Einerseits hast du viel Energie, bist nie müde und brennst für die Aufgabe, andererseits musst du aber lernen, die hohen Erwartungen, die du deshalb an dich selbst stellst, auszublenden. Sonst erdrücken sie dich.“ Bei Nuri Sahin ist sich Kohfeldt allerdings sicher, dass er damit umgehen kann: „Er wird es schaffen, dass der BVB wieder für eine klare Identität von Fußball steht.“
Nur einen Wunsch, den hat Kohfeldt dann doch: Das mit dem Erfolgreichsein kann am Samstag, wenn Sahins Herzensverein Borussia Dortmund um 15.30 Uhr (DeichStube-Liveticker) gegen seinen eigenen antritt, gerne für 90 Minuten pausieren. (dco)