Werder in der Taktik-Analyse

Schon wieder eine Flut an Gegentoren: Werders Niederlage gegen Gladbach in der Taktik-Analyse

Der SV Werder Bremen verliert mit 2:4 (2:2) gegen Borussia Mönchengladbach. Damit verpassen die Grün-Weißen die vielleicht letztmögliche Ausfahrt in Richtung Europapokal, weil vor allem Werders Defensive schwächelte. Warum Werder die Aufholjagd gegen Gladbach nicht krönen konnte, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Auf dem Papier mag Werder Bremen der Europapokal-Qualifikation näher sein als den Abstiegsrängen. Die Formkurve spricht jedoch eine deutlich andere Sprache. Im Kalenderjahr 2025 hat nur ein Bundesliga-Team weniger Punkte geholt als die Bremer – und der 1. FC Heidenheim hat am Sonntag sogar noch die Chance, mit einem Sieg gegen Holstein Kiel in dieser Statistik an Werder vorbeizuziehen. Die Bremer Heimniederlage gegen Borussia Mönchengladbach lieferte noch einmal alle Versatzstücke, warum Werders Leistung im neuen Jahr so einbrach: von schweren Abwehrpatzern über fehlende Umstellungen bis hin zu einer kleinen Portion Pech.

Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Werder spielt weiter Werner-Fußball

Nach dem überraschenden 2:0-Erfolg über Bayer Leverkusens B-Elf sah Ole Werner keinen Grund, seine Startelf zu verändern. Einzig den gesperrten Mitchell Weiser musste der Coach des SV Werder Bremen ersetzen. Für ihn begann Issa Kaboré. Der Leihspieler von Manchester City übernahm gegen Borussia Mönchengladbach dabei exakt die Rolle von Weiser. So rückte auch Kaboré auf dem rechten Flügel früh nach vorne, um im Spielaufbau praktisch als weiterer Angreifer zu agieren.

Werder Bremen begann das Spiel mit jener Taktik, die gegen Leverkusen zum Sieg führte. Die Bremer setzten nicht auf ein hohes Pressing. Stattdessen stellten sie sich in einem kompakten 5-2-3-Block auf. Romano Schmid und Oliver Burke rückten weit ins Zentrum. Sie blockierten damit die Passwege von Borussia Mönchengladbach ins Mittelfeld.

Die Gladbacher übernahmen zunächst die Kontrolle über die Partie. Nominell agierte Borussia Mönchengladbach aus einem 4-2-3-1-System. Im Spielaufbau rückte jedoch nur ein Außenverteidiger vor: Linksverteidiger Lukas Ullrich sprintete nach vorne, während sich Rechtsverteidiger Joe Scally zurückhielt. Auch die Doppelsechs postierte sich nah an der Viererkette. Gladbach kontrollierte das Spiel aus ihrer 3-2-3-2-Aufbau-Ordnung, wobei Werder Bremen kaum Druck auf den Gladbacher Spielaufbau ausübte.

Die Grafik zeigt die passive Herangehensweise des SV Werder Bremen in der ersten halben Stunde. Gladbach baute das Spiel aus einer Dreierkette auf, zudem ließ sich die Doppelsechs immer wieder fallen. Werder übte keinen Druck aus, sondern achtete einzig darauf, die Passwege in Richtung Mittelfeld zu schließen.

Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Gladbach verwaltet die frühe Führung

Das Problem: Borussia Mönchengladbach ging bereits mit dem ersten Angriff in Führung. Ullrich setzte sich auf links durch, seine gelupfte Flanke pflückte Robin Hack im Strafraum herunter. Gladbachs Linksaußen holte gegen Milos Veljkovic einen Elfmeter heraus, den Alessane Plea sicher verwandelte (7.).

Die Gäste machten in der Folge wenig Anstalten, riskant nach vorne zu spielen. Mit ihren fünf Spielern im Aufbau konnte Borussia Mönchengladbach den Ball in der eigenen Hälfte laufen lassen. Wenn Werder Bremen doch etwas forscher nachrückte, spielten die Gladbacher einfach den Ball zurück zu Torhüter Jonas Omlin. Er konnte den Ball in Ruhe auf die Außen verteilen.

Es ergab sich ein seltsames Bild im Weserstadion: Die Bremer lagen hinten – und spielten dennoch passiv auf Konter. Borussia Mönchengladbach sammelte in der ersten halben Stunde 65 Prozent Ballbesitz. Nur selten begingen sie Fehler im Spielaufbau, und wenn, dann konnte Werder Bremen sie mangels Chancenverwertung nicht bestrafen. Stattdessen erhöhten die Gladbacher mit ihrem zweiten Ausflug in die Bremer Hälfte durch Plea auf 2:0 (28.).

Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Werder wacht erst nach 30 Minuten auf

Erst der Zwei-Tore-Rückstand weckte Werder Bremen auf. Endlich intensivierten die Bremer Spieler das Pressing. Kaboré rückte nun praktisch durchgehend als vierter Spieler in die vorderste Pressinglinie. Auch Jens Stage rückte weiter vor, um den Druck auf die Doppelsechs von Borussia Mönchengladbach zu erhöhen.

Die Gladbacher begannen, unter dem erhöhten Druck der Bremer Fehler zu begehen. Sie spielten jetzt wesentlich schneller in die Spitze, Stürmer Tim Kleindienst konnte die langen Bälle jedoch selten halten. Stattdessen kam Werder Bremen nun zu schnellen Gegenstößen.

Gegen die häufig unsortierte Gladbacher Abwehr fanden Werders Stürmer zunehmend Freiräume. André Silva ließ sich in die Halbräume fallen, während Burke permanent die Tiefe attackierte. Zudem rückten Werders Außenverteidiger weit vor, sie konnten sich gegen die Außenspieler von Borussia Mönchengladbach durchsetzen. So kam Werder Bremen in der Schlussviertelstunde der ersten Halbzeit zu einer Chance nach der anderen. Noch vor der Pause gelang ihnen der Ausgleich, weil Romano Schmid per Freistoß traf (38.) und André Silva einen Foulelfmeter verwandelte (45.+1).

Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Gladbach mit kleinen, aber feinen Anpassungen

Werder Bremen konnte den eigenen Hurra-Fußball jedoch nicht in die zweite Hälfte retten. Borussia Mönchengladbach fand dank kleiner, aber feiner Anpassungen zurück ins Spiel. So ließ sich Alassane Plea nun tiefer fallen. Er fand die Lücken, sobald Stage oder Romano Schmid vorrückten.

Auch defensiv veränderte Gladbach-Coach Gerardo Seoane seine Mannschaft leicht. Philipp Sander nahm fortan Schmid in Manndeckung. Dazu ließ sich der Mittelfeldprofi von Borussia Mönchengladbach teilweise sogar in die eigene Abwehrkette fallen. Die Gladbacher verteidigten in letzter Linie wesentlich kompakter als noch vor der Pause.

Borussia Mönchengladbach kam dabei zupass, dass sie auch in der zweiten Halbzeit ihre erste Chance direkt verwandelten – Plea schnürte nach tollem Pass von Robin Hack seinen Dreierpack (47.). Mit der Führung im Rücken konnten die „Fohlen“ gegen Werder Bremen selbst stärker auf Konter spielen. Zwar sicherten die Gladbacher die eigenen Angriffe nicht immer gut ab. So tobte das Spiel bis zur 70. Minute von Strafraum zu Strafraum. Die besseren Chancen hatten jedoch die Gäste.

Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Werder ohne Schlussoffensive

Nach einer längeren Verletzungspause gab es knapp 20 Minuten vor dem Ende einen Bruch im Spiel des SV Werder Bremen. Dies lag auch an den Wechseln auf beiden Seiten. Während Ole Werner die Statik seiner Elf nicht veränderte, veränderte Seoane seine Formation: Der eingewechselte Tomas Cvancara unterstützte auf Rechtsaußen als fünfter Verteidiger die Abwehrkette. Borussia Mönchengladbach verteidigte nunmehr in einem 5-2-3-System. Später brachte Seoane mit Marvin Friedrich einen weiteren Innenverteidiger.

Werder Bremen hatte in der Schlussviertelstunde zwar knapp 65 Prozent Ballbesitz, gegen ein kompakteres Borussia Mönchengladbach kamen sie jedoch nicht mehr zu klaren Chancen. Stattdessen konnte die Borussia das Spiel über einen Konter entscheiden – Tim Kleindienst verwertete eine Plea-Hereingabe (81.).

Der Zug in Richtung Europa scheint für Werder Bremen spätestens mit dieser Niederlage abgefahren zu sein. Schuld daran trägt auch die Defensive. Bereits zum sechsten Mal in diesem Kalenderjahr kassieren die Bremer drei Gegentore oder mehr. Mit solch einer Statistik erinnert Werder stärker an einen Abstiegs- als einen Europapokalkandidaten – und steht in der Tabelle folgerichtig nur auf Platz zwölf.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Revierfoto

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