Baumann sieht in Mega-Ablösesummen nur eine Zeiterscheinung
„Es reguliert sich von selbst“
Bremen - Ablösesummen in nie dagewesener Höhe, Spielergehälter, die vor nicht allzu langer Zeit noch unvorstellbar gewesen wären – der Transfersommer 2017 hat neue Rekorde aufgestellt und dürfte die Fußballbranche noch lange Zeit beschäftigen.
Im Interview mit der DeichStube erklärt Werders Sportchef Frank Baumann, was er über die rasante Entwicklung des Geschäfts denkt und warum er glaubt, dass sein Verein trotz vergleichsweise knapper finanzieller Mittel den Anschluss nicht verlieren wird. „Klar wird es nicht leichter, aber es bringt nichts zu jammern“, sagt Baumann, der speziell in Bremen nicht die Gefahr sieht, dass sich die Fans bei voranschreitender Kommerzialisierung des Fußball irgendwann abwenden.
Herr Baumann, haben Sie am Sonntagabend das TV-Duell im Fernsehen geschaut?
Frank Baumann: Ja, natürlich.
Und? Haben Sie einen Favoriten für sich ausgemacht?
Baumann: Ich habe mich nicht mit allzu großer Erwartungshaltung vor den Fernseher gesetzt. Die Rückmeldungen, dass es nicht wirklich spannend war, kann ich teilen. Es gab kaum neue Erkenntnisse, bis auf das Thema Beendigung der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Mir ging es ein bisschen zu viel um die Themen Flüchtlinge und Integration, obwohl sie wichtig sind. Es gab andere Punkte, die etwas zu kurz gekommen sind.
Wie lange dauert es denn noch, bis das Thema Fußball Einzug hält in die Politik?
Baumann: Da haben wir größere Probleme im Land.
Wir fragen deshalb, weil Karl-Heinz-Rummenigge unlängst ein Einschreiten der EU-Politik gefordert hat, was die Entwicklung auf dem Transfermarkt mit immer höheren Ablösesummen betrifft. Kann der Fußball sich nicht mehr selbst helfen?
Baumann: Ich glaube, dass es in kaum einem Wirtschaftszweig sinnvoll ist, wenn aus der Politik heraus Dinge reguliert werden. Das ist im Fußball auch nicht notwendig. Der Fußball sollte sich alleine helfen, und in diese Richtung ging es in den letzten Jahren auch durch die Einführung des Financial Fair Play.
Paris Saint-Germain hat Neymar trotz Financial Fair Play und mit Hilfe von reichen Geldgebern aus Katar für 222 Millionen Euro verpflichtet. Inwieweit kann das Modell denn überhaupt greifen, wenn es offenbar so einfach zu umgehen ist?
Baumann: Das ist wie bei normalen Gesetzen auch. Wenn es Möglichkeiten gibt, sie zu umgehen, muss man sie anpassen. Es geht darum, mögliche Umgehungstatbestände einzudämmen. Grundsätzlich glaube ich, dass Financial Fair Play sinnvoll ist.
Financial Fair Play beschreibt im Groben, dass Vereine nicht mehr ausgeben dürfen als sie einnehmen. Die Clubs bewegen sich aber in einem immer größeren Rahmen bei den Einnahmen, die Summen im Fußball steigen gewaltig. Ist da schon die Grenze zum Unmoralischen erreicht?
Baumann: Gegenfrage: Wann ist Zinedine Zidane für 90 Millionen zu Real Madrid gewechselt? Das ist schon lange her und zeigt, dass wir extrem hohe Ablösesummen schon länger kennen. Es war schon immer so, dass Popstars und Fußballer mehr verdient haben als andere. Natürlich gibt es da eine Grenze. Es ist ja nicht gesagt, dass es immer so weitergeht. 220-Millionen-Transfers wird es nicht regelmäßig geben.
Was lässt Sie das glauben? Die Spirale dreht sich doch beständig nach oben.
Baumann: Das ist wie in normalen Wirtschaftszweigen auch. Irgendwann reguliert es sich von selbst, weil es sonst nicht mehr gut gehen kann. Natürlich ist im Moment sehr viel Geld im Umlauf. Aber das Wichtigste ist, dass die Vereine gesund wirtschaften.
Wenn Dortmund 180 Millionen einnimmt, warum sollen sie nicht 120 ausgeben dürfen? Sie sind dann trotzdem noch gesund.
Aber den Fans sind solche Summen doch nicht mehr zu vermitteln.
Baumann: Die Summen sind für die Fans, aber auch für mich schwer zu greifen – dabei ist es auch egal, ob es 40 oder 120 Millionen sind. Das Spannende ist ja, dass selbst Zehn-Millionen-Transfers als unmoralisch gesehen werden, aber wir bei Werder kritisiert werden, wenn wir diese Transfers nicht machen.
Wenn Sie sagen, dass sich die Lage von selbst reguliert, meinen Sie, dass die Blase eines Tages platzt, dass das System zusammenbricht?
Baumann: Fußball hat nach wie vor eine große Faszination. Die Fernsehsender sind bereit, viel Geld auszugeben. Es gibt in den nächsten Jahren zudem vielleicht neue Player auf dem Live-Streaming-Markt, sodass es mit den steigenden Erlösen durchaus noch ein paar Jahre so weitergehen kann. Die Frage ist: Können die Fernsehsender das Geld, das sie für Fußball ausgeben, auch refinanzieren? Ich glaube, dass das über den nächsten Fernsehvertrag hinaus so sein wird. Es weiß aber keiner, was in der Welt in drei oder fünf Jahren passiert. Es kann sein, dass Vereine, die von fremden Geld leben, Probleme bekommen.
Sehen Sie angesichts der großen Summen die Gefahr, dass sich die Fans irgendwann abwenden?
Baumann: Vielleicht gibt es schon den ein oder anderen. Aber das Entscheidende betrifft doch alle – sowohl die Spieler als auch die Verantwortlichen und die Fans: Die Liebe zum Fußball ist bei allen da. Ob der Spieler jetzt zwei oder 20 Millionen kostet – er ist mit Begeisterung dabei. Der Sport hat eine so große Faszination, dass sich die Lage nicht schlagartig verändern wird.
Der Fan muss für Spiele im Fernsehen, für Trikots und für den Stadionbesuch hohe Preise bezahlen und könnte irgendwann keine Lust mehr darauf haben...
Baumann: Es ist ein schmaler Grat. Natürlich ist ein Trikot teuer, aber das gilt auch für andere Kleidungsstücke. Deswegen ist es doch trotzdem so, dass Kinder Fußballspielern nacheifern wollen und sich gerne ein Trikot kaufen. Ich glaube nicht, dass wir uns deutlich mehr vom Fan entfernen als es vor ein paar Jahren der Fall war. Unsere Dauerkartenpreise sind wieder etwas gestiegen, aber trotzdem ist es nicht so, dass man sich kein Fußballspiel im Weserstadion mehr leisten kann. Wir sind noch anfassbar. Ich glaube, dass die Identifikation mit Werder nach wie vor sehr groß ist.
Sie sind also kein Anhänger der Uli-Hoeneß-These, der sagt, irgendwann wird der Fan die Schnauze voll haben, wenn die Vereine jetzt nicht aufpassen?
Baumann: Wenn es wirklich dauerhaft so ist und die Vereine nur noch an den Kommerz denken, dann kann es durchaus passieren. Aber nochmal: Wir werden von unseren Fans kritisiert, dass wir nicht mehr Geld ausgeben für Spieler. Wir müssen gerade bei diesem Thema immer den gesunden Mittelweg finden.
Wie weit kann Werder mit diesem Mittelweg sportlich denn noch kommen?
Baumann: In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass man mit guten Entscheidungen diejenigen, die mehr Mittel zur Verfügung haben, immer wieder ärgern kann. Wenn man sich die Werder-Vergangenheit anguckt, sind wir nicht immer am besten gefahren, als wir das meiste Geld ausgegeben haben.
Zu den guten Entscheidungen der Vergangenheit gehörten Transfers wie die von Klose, Diego oder Özil, die Werder über Jahre getragen haben. Sind Transfers dieser Art für Werder heute heute überhaupt noch möglich?
Baumann: Ist ein Kruse, ein Delaney oder ein Augustinsson denn so weit davon entfernt? Klar wird es nicht leichter, und wir können bei vielen Dingen nicht mithalten. Aber es bringt doch nichts zu jammern. Man muss sich umso mehr darauf konzentrieren, dass wir schneller und kreativer sind als die Konkurrenz. Und dass wir vielleicht auch Spieler verpflichten, die woanders gescheitert sind. Darüber hinaus ist unsere Jugendarbeit ein ganz wichtiger Faktor.
Mehr als 600 Millionen Euro haben die 18 Bundesliga-Vereine im Sommer für neue Spieler ausgegeben. Werder rangiert in der Tabelle mit 10,7 Millionen auf dem vorletzten Platz. Lässt sich daraus ein sportlicher Stellenwert ableiten?
Baumann: Wir haben im letzten Jahr deutlich mehr ausgegeben, weil wir mehr eingenommen hatten. Im Rahmen unserer Möglichkeiten haben wir einen sehr spannenden Kader, mit dem wir uns in der Liga behaupten können.
Wie schwierig ist es, den Spagat zwischen Tradition und Moderne zu schaffen und dabei wettbewerbsfähig zu bleiben? Wird es in ein paar Jahren überhaupt noch ohne Investor gehen?
Baumann: Die Frage ist, welche Erwartungshaltung man hat. Hat man die Erwartungshaltung, dass wir unter die ersten Drei kommen müssen? Dort wird man ohne Investor nicht mitspielen können. Wir gehören zu den Clubs, die am längsten Bestandteil der Bundesliga sind. Das zu sichern, ist schon schwer genug und ein Erfolg. Es gibt andere Traditionsmannschaften, die können das nicht von sich behaupten. Natürlich haben wir darüberhinaus Ansprüche, in der Tabelle wieder in obere Bereiche hineinzugehen.
Aber es ist noch nie so gewesen, dass Werder über so viele finanzielle Möglichkeiten verfügt, dass das eine Selbstverständlichkeit ist. Man hat hier über Kontinuität, über gute Arbeit, gute Entscheidungen die Großen ärgern können. Das ist auch erstrebenswert – dieses, etwas überspitzt gesagt, „Gallische Dorf“ zu sein.
Angenommen, es gäbe plötzlich ein Bremer Pendant zu HSV-Investor Klaus-Michael Kühne. Wäre so ein Modell für Werder eine denkbare Lösung?
Baumann: Wir haben in den letzten Monaten immer wieder betont, dass wir uns für Investoren nicht verschließen wollen, dass der dann aber auch zu Werder passen muss. Wenn alles passt, warum dann nicht? Aber was würde der Einstieg eines Investors bei den Zahlen, die heute im Umlauf sind, tatsächlich bedeuten? Mal angenommen, wir bekommen 25 Millionen Euro von einem Investor, dann kann ich mit Ablöse und Gehalt einen Spieler kaufen, vielleicht auch zwei. Aber es gibt keine Garantie, dass wir deshalb mit den Großen mitspielen können.
In Deutschland verhindert die „50+1“-Regel, dass Investoren die Mehrheit an Vereinen übernehmen. Die Frage ist nur, wie lange sie noch Bestand hat.
Baumann: Man muss tatsächlich auf den Fall vorbereitet sein, dass 50+1 mal fallen wird.
Welchen Weg würde Werder dann wählen?
Baumann: Da sind wir uns im Verein einig, dass wir, selbst wenn die Regel fallen sollte, nie die Mehrheit am Verein verkaufen werden.
Kommen wir nochmal zur Politik zurück. Die Bundeskanzlerin verdient 19.000 Euro brutto im Monat, James Rodriguez vom FC Bayern laut „Spiegel“ 541.670 Euro netto. Wird da die Unmoral deutlich?
Baumann: Man braucht nicht darüber zu streiten, dass die Bundeskanzlerin gegenüber anderen Berufssparten mit großer Verantwortung zu wenig verdient. Aber würde ihr Gehalt jetzt deutlich angehoben, würden vielleicht auch Diskussionen in der Öffentlichkeit die Folge sein.
Anders herum könnte man sagen, dass Fußballer unverschämt viel verdienen. Wie wäre es mit einem Salary Cap, einer Gehaltsobergrenze?
Baumann: Ich glaube nicht, dass ein Salary Cap hilfreich ist, denn dort wird es definitiv auch Umgehungsmöglichkeiten geben. Wenn ich das Gehalt deckele, dann kriegt der Spieler das Gehalt eben über einen Marketing-Vertrag. Das sehe ich nicht als Lösung, die Gehälter einzudämmen.
Noch mehr Lesestoff: Coach auf der Couch - das große Interview mit Werder-Trainer Alexander Nouri.
