DeichStube-Interview

„Die Luft wird dünner“: Werders Frauen-Trainerin Kromp über Rekord-Saison, Mega-Transfer-Sommer und Versäumnisse bei Mühlhaus

Werder Bremens Trainerin „Fritzy“ Kromp spricht im Interview über Versäumnisse bei Larissa Mühlhaus und den riesigen Kader-Umbruch im Sommer.

Am Sonntag ist Schluss. Mit dem Auswärtsspiel bei Bayer 04 Leverkusen (14 Uhr) beenden die Fußballerinnen des SV Werder Bremen die Bundesliga-Saison, die für sie die erneut beste der Geschichte war (40 Punkte, Platz sechs) – und für Friederike „Fritzy“ Kromp die erste. Die Trainerin zieht im Interview mit der DeichStube ein ausführliches Fazit, spricht über Versäumnisse bei Topspielerin Larissa Mühlhaus, die zu Eintracht Frankfurt wechselt, den riesigen Kader-Umbruch im Sommer und die drohende Gefahr, künftig von der Konkurrenz abgehängt zu werden. 

Werder Bremens Frauen-Trainerin Friederike „Fritzy“ Kromp im Gespräch mit DeichStube-Redakteur Maik Hanke.

Werder Bremens Frauen-Trainerin „Fritzy“ Kromp über Larissa Mühlhaus: „Hinterlässt unglaublich große Lücke“

Fritzy Kromp, träumen Sie eigentlich häufig von der Arbeit – und wenn ja, wie oft kommt dabei Larissa Mühlhaus vor?

(lacht) Ich träume sehr häufig von der Arbeit, wahrscheinlich schon bedenklich häufig. Manchmal wache ich nachts auf und denke an die Kaderplanung. Und gerade nach einem Matchday muss ich auch das Spiel verarbeiten. Und Larissa? Kommt nicht häufiger vor als andere – eher weniger: Sie bereitet mir nicht viele Sorgen.

Sie spielt eine absolute Ausnahmesaison und ist Nationalspielerin geworden. Für eine Trainerin muss sie ein echter Traum sein.

Auf jeden Fall, wir sind sehr stolz und glücklich. Sie hatte ein sehr gutes erstes und ein herausragendes zweites Jahr bei uns. Sie war eine ganz wichtige Größe, wir wussten, sie kann jederzeit den Unterschied ausmachen, selbst eine Ecke kann mal direkt reinfliegen. Ihr Abgang wird eine große Lücke reißen.

Wie sieht es bei Ihnen mit Albträumen aus? In der nächsten Saison müssen Sie mindestens zweimal gegen sie spielen…

Ich hoffe, sie weiß dann noch, wo sie herkommt (lacht). Man sieht sich immer mehrfach im Leben, das gehört mit dazu. Wir haben eine sehr gute Defensive, die Larissa nun durch die gemeinsame Zeit auch gut kennt. Daher wird es für sie vielleicht gar nicht ganz so einfach, gegen uns zu spielen.

Wie schwer wiegt ihr Abgang – und wie kann der auch nur annähernd aufgefangen werden?

Ihre Zahlen sprechen für sich. Dass eine Spielerin von uns Torschützenkönigin werden kann (sie steht bei 16 Saisontoren, Anm. d. Red.), werden wir als Werder Bremen vermutlich nicht so häufig erleben. Sie hinterlässt eine unglaublich große Lücke, das ist völlig klar. Trotzdem versuchen wir, eine kreative Lösung zu finden. Dadurch, dass sie ablösefrei geht, haben wir auch nicht die Möglichkeiten, uns in einem Regal umzuschauen, das auf ihrem Level wäre. Daher muss das künftig auf mehreren Schultern verteilt werden.

Wie sehr tut es Werder weh, dass eine Spielerin wie sie ablösefrei geht?

Das tut sehr weh und sollte so nicht nochmal passieren. Das brauchen wir nicht schönzureden. Das ist strategisch aus Clubsicht nicht glücklich gelaufen. Man hätte schon in ihrem ersten Jahr intensiver verfolgen sollen, dass sie ihren Vertrag verlängert. Dieses Jahr war das leider aus mehreren Gründen quasi nicht mehr möglich.

Haben Werder Bremens Frauen überperformt? Trainerin „Fritzy“ Kromp: „Das lasse ich ungern so stehen“

Auch dank Larissa Mühlhaus haben die Werder-Frauen erneut eine Rekordsaison hingelegt – wenn auch mit zwei sehr unterschiedlichen Saisonhälften. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Es war so viel dieses Jahr dabei, Höhen und Tiefen – mit einer herausragenden Hinrunde und einer herausfordernden Rückrunde. Insgesamt können wir sehr zufrieden sein. Wir haben in der Tabelle einige Mannschaften hinter uns gelassen, die vor uns stehen könnten. Darauf können wir sehr stolz sein.

Das Team hat zur Winterpause auf Champions-League-Rang drei gestanden. War das intern mal mehr als eine schöne Momentaufnahme?

Klar hat man sich damit schon ernsthaft befasst und überlegt „Was wäre, wenn…?“. Aber es war klar, dass Teams wie Frankfurt, Hoffenheim und Leverkusen, die unterperformt haben, das so nicht stehen lassen können und im Winter auch auf dem Transfermarkt nachlegen werden. Wir wussten, dass alles perfekt passen muss, damit wir den Platz halten können.

Werder hat viele Spiele knapp gewonnen, auch durch Elfmeter – hat Ihr Team im Vergleich überperformt?

Weiß ich nicht, ob man das so sagen kann. Es gibt Statistiken wie „Expected Points“, da haben wir schon mehr Punkte geholt als erwartet. Wir sind aber auch das Team mit den meisten Elfmetern und Ecken. Dafür gibt es Gründe. Ein paar dieser Statistiken haben wir erzwungen. „Überperfomen“ klingt etwas despektierlich, das lasse ich ungern so stehen. Klar braucht es hier und da auch etwas Spielglück, aber es gibt auch genug Spiele, wo wir Punkte unglücklich verloren haben.

Warum war das Niveau in der zweiten Saisonhälfte nicht zu halten?

Das hat mehrere Gründe. Das Niveau und die Spiele waren oft nicht so schlecht, wie sie geredet wurden. Da hat man gemerkt: Die Erwartungshaltung von außen war plötzlich eine andere, der Druck war ein Faktor. Ein anderer waren die Spielausfälle und -ansetzungen, einen Rhythmus gab es nicht. Erst hatten wir vier Wochen Spielpause, dann vier Spiele in elf Tagen. Das hatte einen gravierenden Einfluss. Und dann natürlich: Ausfälle und Langzeitverletzte – die Kaderbreite und -tiefe hatten wir nicht, um das über die ganze Saison aufzufangen.

Welche Schritte hat die Mannschaft diese Saison gemacht?

Viele gute in Sachen Spielfähigkeit, in allen Spielphasen Lösungen zu finden und Spiele dominant führen zu können. Wir sind ambitioniert mit dem Ansatz reingegangen, selbst gegen die Großen mehr Ballbesitz haben zu wollen. Das ist eigentlich gegen alle außer Bayern und Wolfsburg gelungen. Das war eine große Veränderung zu dem, was vorher gespielt wurde, als man eher passiver war und sich aufs Verteidigen konzentriert hat.

Werder Bremens Trainerin „Fritzy“ Kromp will Frauen-Kader verkleinern: „Es werden etwa zehn Neuzugänge werden“

Für den Sommer gibt es bereits neun vermeldete Abgänge. Warum muss der Kader-Umbruch jetzt so groß ausfallen?

„Muss“ ist das falsche Wort, aber es kommen zwei Faktoren zusammen. Zum einen: Der Kader ist sehr groß mit 31 Vertragsspielerinnen, der Durchschnitt in der Bundesliga liegt bei 25, 26. Darunter sind einige schwierige Personalien: Langzeitverletzte, Schülerinnen, Spielerinnen, die eigentlich schon wechseln wollten, aber letzten Sommer in einer Phase des Vakuums ohne neuen Trainer nochmal verlängert wurden. Zweitens haben wir dann eine sehr gute Saison gespielt, alle Stammspielerinnen haben Begehrlichkeiten geweckt. Diese Kombination führt dazu, dass du aufpassen musst, dass du nicht einen kompletten Ausverkauf hast – den haben wir zum Glück nicht. Wir werden von der Stammelf den Großteil halten können.

Geht es Ihnen auch darum, einen Kader nach eigenen Vorstellungen neu aufzubauen?

Es war nicht mein Bestreben, Tabula rasa zu machen. Aber klar bringst du deine eigene Linie rein, versuchst den Spielstil zu verändern, vergibst klare Rollen. Das hat bei einigen Spielerinnen dazu geführt, dass sie nicht mehr ganz so zufrieden waren, weil sie es gewohnt waren, eine stärkere Rolle zu haben. Wichtig ist, dass du das transparent moderierst und versuchst, das gut zu begleiten und zu besprechen, damit kein Groll entsteht. Das ist natürlich nicht immer verhinderbar und gehört leider auch mit dazu. Wir haben unsere Spielidee weiterentwickelt, entsprechend müssen wir uns auch bei den Spielerinnen weiterentwickeln und die Anspruchshaltung immer weiter anpassen.

Bisher gibt es erst einen Neuzugang in Lilli Purtscheller. Wie weit sind die Transfer-Planungen auf der Zugangsseite?

Wir liegen ganz gut in der Zeit. Bei den Abgängen waren wir frühzeitig sehr klar, bei den Zugängen laufen viele Gespräche. Wir sind auf einem guten Weg, bei einigen einen Haken dahinter zu machen. Wir wollen zwar die Kadergröße reduzieren, aber bei der Vielzahl an Abgängen werden es etwa zehn Neuzugänge werden.

In der Bundesliga rüsten einige Vereine massiv auf, nehmen viel Geld in die Hand. Droht Werder den Anschluss zu verlieren?

Die Gefahr ist definitiv da, dessen ist man sich bewusst. Manche rüsten wirklich massiv auf, die Geschwindigkeit ist enorm. Da mitzugehen, ist sehr herausfordernd für einen Club wie Werder Bremen, das ist kein Geheimnis. Trotzdem machen wir aktuell gute Schritte. Auch wir erhöhen zur neuen Saison unser Budget, die Gehälter und investieren in neu geschaffene Personalstellen, um die Entwicklung mitzugehen.

Werder Bremens Trainerin „Fritzy“ Kromp spricht im DeichStube-Interview ausführlich über Versäumnisse bei Larissa Mühlhaus, den riesigen Kader-Umbruch im Sommer und die Rekord-Saison.

Werder Bremens Trainerin „Fritzy“ Kromp: „Clemens Fritz und sein Team unterstützen uns sehr viel bei der Kaderplanung“

Ist für Werder dennoch bald das Ende der Fahnenstange erreicht? Unter diesen Umständen kann nicht auf Dauer Rekordsaison auf Rekordsaison folgen.

Die Luft wird dünner. Es wird wahnsinnig herausfordernd, überhaupt zu bestätigen, was man dieses Jahr erreicht hat. Trotzdem darf man ambitioniert und realistisch sein, uns an der Saison zu orientieren. Wir wollen uns weiterentwickeln, auch in Sachen Spielfähigkeit und Konstanz.
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Der Weggang von Abteilungsleiterin Birte Brüggemann hat eine große Lücke hinterlassen. Wie stellen Sie es an, neben dem Trainer-Job nun federführend den Transfersommer managen zu müssen?

Durch die Vakanz gibt es keine weitere echte Verantwortliche für den Frauenfußball. Wir haben keinen Kaderplaner, keinen Scout, keinen Analysten. Die Aufgaben müssen nun auf mehreren Schultern verteilt werden, im sportlichen Bereich hängen sie jetzt bei uns im Trainerteam und bei mir als Kopf, auch Clemens Fritz und sein Team unterstützen uns natürlich sehr viel bei der Kaderplanung und den Vertragsthemen.

Wie ist das zu schaffen? Müsste nicht eine neue Abteilungsleiterin kommen?

Das würde natürlich helfen und wird auch passieren. Die letzten Wochen waren schon grenzwertig – gerade in der Phase mit den vier Spielen in elf Tagen. Aber mir war vor einigen Wochen schon klar: Durch diese Phase der Mehrfachbelastung muss man jetzt durch. Wir haben es bisher gemeinsam ganz gut hinbekommen.

Fühlen Sie sich von der Geschäftsführung um Clemens Fritz alleingelassen?

Sie haben alles getan, aber mich sicher nicht alleingelassen. Das ist wirklich kein Vorwurf, den ich ihnen machen möchte. Es war das Gegenteil der Fall. Sie haben sehr viel und eng mit mir kommuniziert, auch Clemens’ Referenten und Juristen. Clemens ist mit mir auch auf Reisen gegangen zum Gespräch mit einer Spielerin und ihrer Familie. Er hat wirklich alles gemacht, was in seinem Rahmen und darüber hinaus machbar ist. Da habe ich sehr viel Unterstützung und auch viel Vertrauen erfahren. Nichtsdestotrotz ist es eine Ausnahmesituation, die mittelfristig nicht so weitergehen kann.

Ist jetzt trotzdem Zeit für Urlaub, bevor es mit dem Job als ZDF-Expertin bei der WM weitergeht?

Wenn jetzt frei ist, geht’s für ein paar Tage nach Griechenland, aber dann auch privat zum Champions-League-Finale nach Budapest. Werder wird im Sommer nie abgeschlossen sein. Das ist der Job: Du hast nie wirklich Feierabend, frei oder Sommerpause. Damit musst du und dein nahes Umfeld lernen zu leben, sonst bist du falsch in der Rolle. Aber im besten Fall wird es so sein, dass wir Mitte Juni mit der Transferphase zu 90 Prozent durch sind. Dann gibt es natürlich wieder andere Themen für die Vorbereitung, aber auch da steht schon einiges. Wir fangen Anfang Juli wieder an. Die WM ist größtenteils dazwischen, das passt ganz gut. (han)

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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