Betrachtung des Transfer-Fensters

Gefährliches Spiel mit Werders Zukunft: Der Transfer-Sommer und seine Tücken - eine Betrachtung

Die abgelaufene Transfer-Periode hat einige Probleme des SV Werder Bremen aufgedeckt und birgt zudem große Gefahren – eine Betrachtung.

Am Ende war es wieder einmal wie beim Schlussverkauf zugegangen. Nur dass der SV Werder Bremen nicht einmal genügend Geld in den Taschen hatte und sich deshalb erneut borgen musste, was eigentlich anderen gehört. Und niemand weiß, ob die späten Gelegenheiten auch tatsächlich hilfreich sind. Wesentlich attraktiver erscheinen da nachhaltige Transferlösungen. Doch die Not war groß, die Hektik deshalb noch größer – und nach drei kurzfristig geworfenen Rettungsankern in Form von Youri Regeers, Arthur und Moussa Ndiaye steht der Bundesligist nun mit einem Kader da, der viel Raum für Spekulationen lässt. Mit der drängendsten Frage: Ist er gut genug dafür, um die Liga zu halten?

Wie gut ist der Kader, den (v.l.n.r.) Leiter Profifußball Peter Niemeyer, Kaderplaner Markus Pilawa und Sportchef Clemens Fritz, in der abgelaufenen Transfer-Periode bei Werder Bremen auf die Beine gestellt haben?

Nach vielversprechendem Transfer-Start: Werder Bremen macht wieder altbekannte Fehler

In der Theorie sollte er das sein. Doch deren größter Feind ist die Praxis. Und die hat schon während der vergangenen Saison für einen schmerzhaften Realismus an der Weser gesorgt. Weshalb Fehler der Vergangenheit in diesem Sommer bei Werder Bremen unbedingt vermieden werden sollten. Nachdem im Frühjahr die Scherben des Fast-Abstiegs zusammengekehrt waren, galt die Prämisse, zügig offene Personalfragen zu klären und bloß nicht wieder zu viele Leihgeschäfte einzugehen.

Es begann vielversprechend – und kam doch wieder anders. Erneut gab es späte Korrekturen, wirklich finden kann sich die Mannschaft erst jetzt. Fertig ist der abermalig selbstverschuldete Wettbewerbsnachteil gegenüber der Konkurrenz, die wesentlich besser präpariert wirkt. Die gute Nachricht: Das alles ist sportlich wettzumachen. Die schlechte: Es kann auch im Fiasko enden.

Geplatzter Wechsel von Tomas Bobcek zu Werder Bremen zeigt Pech in der Transfer-Phase – aber eben nicht nur

Die schweren Verletzungen von Jens Stage und Justin Njinmah haben gezeigt, wie gnadenlos bitter und unplanbar dieses Geschäft sein kann. Beide Spieler schienen schon weg, blieben dann doch – und stehen jetzt trotzdem länger nicht zur Verfügung. Fußball-Chef Clemens Fritz riskierte bei Stage die Ablehnung einer Millionen-Offerte, bekam zu diesem Zeitpunkt zurecht viel Lob, um dann doch unverschuldet damit auf die Nase zu fallen.

Njinmah war eigentlich schon nach England transferiert, der Kauf von Wunschstürmer Tomas Bobcek nach Informationen der DeichStube parallel fertig ausgehandelt und bereit zum Vollzug – ehe auf der Insel bei Hull City der Sportdirektor ausgetauscht wurde und das gesamte Kartenhaus in sich zusammenstürzte. Und Werder Bremen tatenlos zuschauen musste.

Trotz großer Einnahmen war Werder Bremen auf dem Transfermarkt kaum handlungsfähig – mit sportlichem Risiko

Doch eine Bremer Opferrolle würde das Gesamtbild verzerren. Weil die Probleme viel größer sind. Werders riskanter Ritt durch die Tücken der Branche ist eng mit den eigenen Finanzen verbunden. Die zurecht goutierten ablösefreien Deals von Chuki, Ludovit Reis, Cedric Itten oder Kenny Quetant sind keineswegs Gratis-Geschäfte, Handgelder, Gehälter und Beraterhonorare zehren ordentlich am Wohlbefinden des eigenen Kontos.

Umso bemerkenswerter, dass es dieses Mal gelang, mit den Verkäufen von Karim Coulibaly, Mio Backhaus und Romano Schmid knapp 40 Millionen Euro einzunehmen. Noch bemerkenswerter ist, dass die Hanseaten dennoch die altbekannte Platte von der eingeschränkten Wirtschaftlichkeit auflegen (müssen) und elementare Lücken nicht qualitativ hochwertig genug und/oder langfristig schließen konnten.

Wechsel der Transfer-Strategie, falsch investiertes Geld und mehr: Werder Bremen treibt gefährliches Spiel mit der Zukunft

So ließ Fritz am Montag durchblicken, dass etwa die späten Leihen der Außenverteidiger Arthur und Ndiaye nur deshalb möglich waren, weil durch den Wechsel von Samuel Mbangula nach Bologna auch zwei Millionen Euro hereinkamen. Ein fatales Signal der eigenen Kalkulation. Daran ändern auch offene Verbindlichkeiten bei der Anleihe, dem früheren Stadion-Umbau oder der jetzigen Modernisierung des Leistungszentrums nichts. So muss unter dem Strich nicht nur gefragt werden, warum der Verein kein Geld besitzt, sondern warum er es seit Jahren zu oft falsch einsetzt. Für die Transfers von Julian Malatini, Skelly Alvero und Samuel Mbangula gab Werder Bremen allein in den vergangenen zweieinhalb Jahren insgesamt rund 17 Millionen Euro aus, der sportliche Nutzen blieb überschaubar – um es vorsichtig zu formulieren.

Hinzukommt ein offenkundig ständiger Wechsel der Transferstrategie. Zuletzt sollten eigentlich zwei Mittelfeldspieler und ein Außenverteidiger kommen, ehe es numerisch genau andersherum lief. Zuvor schon sollte sich das gesuchte Stürmerprofil eines neuen Mannes deutlich von Cedric Itten und Salim Musah unterscheiden – nur um dann doch Niclas Füllkrug zu holen. Emotionaler Wechsel hin oder her. Das alles wirkt sehr unausgegoren, mitunter planlos und wirft kein gutes Licht auf die handelnden Personen. Es kostet Vertrauen, entsprechend laut fällt die öffentliche Kritik aus. Es wird eine Mammutaufgabe, diesen Stimmungskurs in den kommenden Monaten in den Griff zu bekommen. Die Gefahr des Scheiterns ist groß. Es ist ein gefährliches Spiel mit der Zukunft, das Werder Bremen da treibt. (mbü)

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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