Werder in der Analyse

Steffens System greift noch nicht: Eintracht Frankfurt deckt Werders Schwachstellen gnadenlos auf – die Taktik-Analyse

Gegen Eintracht Frankfurt war das neue Spielsystem von Trainer Horst Steffen zwar bereits in Ansätzen zu erahnen, doch die Umsetzung blieb wie im Pokal mangelhaft. Unser Kolumnist Tobias Escher erklärt in seiner Taktik-Analyse, wie das System des SV Werder Bremen in der Zukunft aussehen könnte – und warum es bei der 1:4 (0:2)-Pleite gegen Frankfurt nicht funktioniert hat.

Frankfurt – Horst Steffen kam mit großen Ambitionen zu Werder Bremen. In Elversberg hatte der Coach mit seinem offensiven Spielsystem große Erfolge gefeiert. Werder soll unter Steffens Ägide einen nicht minder attraktiven Kombinationsfußball spielen. Doch in Bremen, so zeigt es sich, benötigt der neue Trainer mehr Zeit.

Auf das Pokalaus gegen Arminia Bielefeld (0:1) folgte eine 1:4-Niederlage zum Auftakt der Bundesliga. Eintracht Frankfurt zeigte Werder Bremen die Grenzen auf. Die Bremer Spieler können das System von Horst Steffen zwar bereits in Teilen umzusetzen. Noch fremdeln jedoch ganze Mannschaftsteile mit den neuen Vorgaben.

Das Spielsystem von Neu-Trainer Horst Steffen hat beim Auswärtsspiel des SV Werder Bremen bei Eintracht Frankfurt noch nicht funktioniert - unser Kolumnist Tobias Escher erklärt in seiner Taktik-Analyse, warum.

Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt in der Taktik-Analyse: Werder sucht die spielerische Lösung

Was fordert der neue Trainer von seinen Spielern? Horst Steffen möchte, dass Werder Bremen häufiger die spielerische Lösung im Aufbau sucht. Der Gegner soll in ein hohes Pressing gelockt und anschließend mit flachen Kombinationen ausgespielt werden. Ein wichtiges Mittel hierbei sind Diagonalbälle, etwa vom Außenverteidiger zu den zurückfallenden Stürmern.

Der neue Trainer des SV Werder Bremen bevorzugt eine 4-2-3-1-Formation. Die Viererkette baut mit den beiden Sechsern zusammen das Spiel in der eigenen Hälfte auf. Die vier offensiven Kräfte verbleiben weiter vorne auf dem Feld. Sie genießen einige Freiheiten, sollen aber stets so postiert sein, dass sie miteinander kombinieren und schnell die Tiefe suchen können.

Um die Stürmer des SV Werder Bremen optimal in Szene setzen zu können, hat Horst Steffen sein System leicht angepasst. Marco Grüll besetzte gegen Eintracht Frankfurt die Sturmzentrale. Er ließ sich jedoch häufig fallen. Auch Romano Schmid agierte beizeiten im zentralen Mittelfeld. Für Tiefe sorgten stattdessen die Außenstürmer: Rechtsaußen Justin Njinmah postierte sich an der Abseitslinie, sodass er häufig hinter die gegnerische Abwehr starten konnte.

Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt in der Taktik-Analyse: Frankfurts ausgeklügeltes Pressing

Gegen Eintracht Frankfurt hatten die Spieler des SV Werder Bremen große Mühe, die Ideen von der Taktiktafel auf den Platz zu tragen. Die Frankfurter setzten Grün-Weißen sofort unter Druck. Dino Toppmöller stellte seine Mannschaft ebenfalls in einem 4-2-3-1-System auf. Der Frankfurter Trainer passte die Formation aber an den Gegner an. So nahm Zehner Can Uzun Werders Sechser Senne Lynen in Manndeckung.

Um in vorderster Linie dennoch Druck auf die zwei Innenverteidiger des SV Werder Bremen ausüben zu können, bekam Stürmer Jonathan Burkardt Unterstützung von den Flügeln. Rechtsaußen Ritsu Doan lief Werders Innenverteidiger Marco Friedl an. So hielt Eintracht Frankfurt den Druck in der ersten Linie hoch.

Zwar öffnete sich beizeiten der Passweg auf Linksverteidiger Felix Agu. Dies schien von Eintracht Frankfurt jedoch beabsichtigt gewesen zu sein. Rechtsverteidiger Rasmus Kristensen rückte dynamisch nach. So konnte Agu zwar den Ball annehmen, musste ihn aber unter Druck verarbeiten.

Die Grafik zeigt das Pressing von Eintracht Frankfurt: Werder Bremen wollte das Spiel hinten heraus flach eröffnen, doch Doan rückte ein, um Friedl zu stören und Kristensen wiederum rückte vor, sobald Friedl den Ball auf Agu spielte. Leider unterliefen Agu unter Druck zahlreiche Fehler.

Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt in der Taktik-Analyse: Werder kann Intensität der Eintracht nicht mitgehen

In der Anfangsviertelstunde konnte Werder Bremen noch mit Eintracht Frankfurt mithalten. Zwar kam Werder über das von Steffen geforderte Flachpassspiel selten in gefährliche Räume. Immerhin gelang es Friedl aber, den Übergang zu den vier vorderen Akteuren herzustellen.

Nach der Anfangsphase übernahm Eintracht Frankfurt die Kontrolle über die Partie. Während Werder Bremen mit Eintrachts Pressing zu kämpfen hatte, konnten die Bremer keine hohen Ballgewinne forcieren.

Bei Eintracht Frankfurt rückte Rechtsverteidiger Kristensen im Spielaufbau weit vor, Linksverteidiger Arthur Theate verblieb hinten. Es entstand im Aufbau gegen Werder Bremen ein enorm offensives 3-6-1-System. Hierbei bewegten sich Achter Farès Chaïbi, Zehner Uzun und der einrückende Rechtsaußen Doan frei durch das Zentrum.

Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt in der Taktik-Analyse: Taktische Schwächen plus fehlende Qualität gleich Gegentore

Zwar schien Werder Bremen auf das gegnerische Spielsystem vorbereitet zu sein. Njinmah ging zusammen mit Grüll und Romano Schmid ins Pressing. Nominell konnte Werder ein Drei-gegen-Drei gegen Frankfurts Drei-Mann-Aufbau herstellen. Das Problem: Werders Stürmer übten kaum Druck aus.

Linksaußen Samuel Mbangula wiederum ließ sich weit zurückfallen. Teilweise entstand somit eine Fünferkette in der Defensive. Angesichts dieser 5-2-3-Variante geriet Werder Bremen im Mittelfeld immer wieder in Unterzahl. Gegen Lynen und Leonardo Bittencourt stand ein Akteur des Mittelfeld-Trios von Eintracht Frankfurt stets frei.

Die Gegentore resultierten allesamt aus den taktischen Mängeln gepaart mit fehlender individueller Klasse. Vor dem 0:1 konnte Eintracht Frankfurt das Pressing des SV Werder Bremen leicht umspielen, anschließend kam der Ball auf den freien Uzun, der die Kugel in den Winkel schoss (22.). Vor dem 0:2 durch Jean Bahoya (25.) wollte sich Werder nach einem Einwurf am linken Flügel spielerisch befreien, verlor den Ball in Person von Agu jedoch gegen das aggressive Pressing des Gegners.

Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt in der Taktik-Analyse: Aufbäumen nur von kurzer Dauer

Als Agu kurz nach der Pause einen Fehlpass spielte, den Eintracht Frankfurt eiskalt bestrafe, schien die Partie gelaufen. Das 0:3 durch Bahoya (47.) setzte bei Werder Bremen jedoch neue Kräfte frei. Die SGE fuhr das eigene Pressing zurück, sie postierten sich nun im 4-4-2-System an der Mittellinie.

Werder fand nun vermehrt die Räume zwischen den gegnerischen Linien. Beim Treffer von Justin Njinmah zum 1:3 deutete sich an, wie Steffens Spielstil im Idealfall funktioniert: Nach einem Ballgewinn suchte Lynen sofort den zurückfallenden Grüll, der den gegnerischen Verteidiger herauszog. Njinmah startete in die Tiefe und bekam postwendend den Ball. So soll es im Idealfall unter dem neuen Cheftrainer des SV Werder Bremen aussehen.

Szenen wie diese blieben jedoch die Ausnahme. In der Schlussphase offenbarten sich die gewaltigen Unterschiede zwischen den beiden Ersatzbänken. Dino Toppmöller wechselte nach und nach schnelle Stürmer ein, die sich auf die Umschaltmomente fokussierten. Horst Steffen hingegen konnte von der Bank keine Impulse geben. So erzielte Eintracht Frankfurt nach einem Konter durch den eingewechselten Ansgar Knauff das finale 4:1 (70.).

Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt in der Taktik-Analyse: Das Warten auf Qualität

Optimistische Werder-Fans konnten während des Bundesliga-Auftakts kurze Blicke auf den erhofften Kombinationsfußball erhaschen. Die Pessimisten und Realisten sahen hingegen ein Team, das mit den Spitzenteams der Liga nicht mithalten kann. Eintracht Frankfurt zeigte sich spielfreudiger, presste intensiver und war auch taktisch überlegen.

Vom Elversberger Offensivfußball ist der SV Werder Bremen jedenfalls noch weit entfernt. Doch auch das Debüt von Horst Steffen im Saarland ging vor vielen Jahren schief. Das erste Ligaspiel unter seiner Ägide verlor die SV Elversberg mit 0:2 bei der TSG Balingen in der Regionalliga Südwest. Es bleibt zu hoffen, dass damals wie heute ein Aufwärtstrend folgt.

Rubriklistenbild: © IMAGO/osnapix / Marcus Hirnschal

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