Werder-Profi im Interview

„Meine Verwunderung über die Entscheidung war sehr groß“: Anthony Jung über seinen Abschied und die vier Jahre bei Werder

Im Interview mit DeichStube-Reporter Bjarne Voigt (links) spricht Anthony Jung (rechts) über die Entscheidung des SV Werder Bremen, seinen Vertrag nicht zu verlängern und seine Zukunft!
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Im Interview mit DeichStube-Reporter Bjarne Voigt (links) spricht Anthony Jung (rechts) über die Entscheidung des SV Werder Bremen, seinen Vertrag nicht zu verlängern und seine Zukunft!

Im DeichStube-Interview spricht Anthony Jung über die Entscheidung des SV Werder Bremen, seinen Vertrag nicht zu verlängern und seine Zukunft!

Bremen – Mit dem SV Werder Bremen ist Anthony Jung 2022 in die Bundesliga aufgestiegen, hat in den folgenden drei Jahren maßgeblich dazu beigetragen, den Verein im deutschen Oberhaus zu etablieren und möchte nun zum Abschluss noch dabei helfen, den Club zurück nach Europa zu bringen. Das Heimspiel gegen RB Leipzig am Samstag (15.30 Uhr/DeichStube-Liveticker) wird dabei sein letztes im Trikot der Bremer sein, da sein Vertrag im Sommer nicht verlängert wird. Im Interview mit der DeichStube spricht der gebürtige Spanier ausführlich über seine Zeit in Bremen und erklärt, weshalb ihn die Entscheidung des Vereins, seinen Vertrag nicht zu verlängern, enttäuscht hat. Außerdem gibt der 33-Jährige Einblicke in seine weitere Karriereplanung und verrät, worauf er in vier Jahren bei Werder besonders stolz ist.

Werder Bremens Anthony Jung im DeichStube-Interview: „Ich werde mich von den Gefühlen im Moment der Verabschiedung leiten lassen“

Herr Jung, am Samstag steht Ihr letztes Heimspiel für den SV Werder Bremen an. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diesen Tag?

Für uns als Mannschaft ist es ein enorm wichtiges Spiel, das wir mit drei Punkten abschließen möchten. Was meine eigene Situation betrifft, lasse ich den Tag auf mich zukommen. Es wird aber natürlich etwas besonderer sein als die Heimspiele, die ich in den vergangenen vier Jahren hier erleben durfte. Ich freue mich auf den Tag und möchte den Moment genießen.

Was glauben Sie, wie emotional wird dieser Tag für Sie werden? Sind Sie nah am Wasser gebaut?

Ich bin grundsätzlich ein eher nüchterner und emotionskontrollierter Typ. Ich habe mir aber auch nicht vorgenommen, Emotionen oder gar Tränen krampfhaft zu unterdrücken. Ich werde mich von den Gefühlen im Moment der Verabschiedung leiten lassen.

Wird Ihre komplette Familie am Samstag im Stadion sein?

Meine Frau wird wie bei jedem Heimspiel mit unseren beiden Kindern im Stadion sein. Es gibt den Plan, dass mein ältester Sohn auch noch einmal mit ins Stadion einläuft. Falls das nicht mit mir gemeinsam klappt, wird er an der Hand von Zetti (Anm. d. Red. Michael Zetterer) einlaufen, da er einen guten Bezug zu ihm hat. Das ist für uns als Familie ein schöner Abschluss.

Der Vertrag von Anthony Jung beim SV Werder Bremen wurde von Vereinsseite aus nicht verlängert - trotzdem will der Verteidiger bis zum Schluss alles für den Club geben.

Werder Bremens Anthony Jung im Interview: „Rund um den Verein gibt es große Erwartungen und diesen möchten wir gerecht werden“

Für Sie und das Team geht es sportlich noch um den Einzug ins internationale Geschäft. Wie groß sind der Glaube und der
Wille innerhalb der Mannschaft, es in den letzten beiden Spielen noch auf Platz sechs zu schaffen?

Wir haben uns über die vergangenen Wochen hinweg wieder in eine Position gebracht, in der es am Samstag für uns um etwas geht. Wir wollen den Frust aus dem letzten Spiel unbedingt in positive Energie umwandeln und als Einheit geschlossen auftreten. Trotz des Unentschiedens in Berlin sind wir als Team seit Wochen in einer guten Verfassung und möchten die drei Punkte unbedingt hierbehalten.

Wie viel würde es Ihnen bedeuten, wenn Sie zum Abschied mit Werder noch den Einzug nach Europa schaffen?

Das wäre natürlich sehr schön. Nachdem wir uns über die Jahre stetig weiterentwickelt haben, wäre das der nächste logische Schritt. Ich würde es der gesamten Werder-Familie sehr gönnen. Rund um den Verein gibt es große Erwartungen, und diesen möchten wir auch gerecht werden.

Die letzten vier Spiele haben Sie alle von der Bank aus verfolgt, davor waren Sie während Ihrer Zeit hier fast immer gesetzt. Wie schwer würde es Ihnen fallen, Ihr letztes Heimspiel nur als Zuschauer zu erleben?

Mir war bewusst, dass die Entscheidung über meine Zukunft auch Auswirkungen auf diese Saison haben würde, da der Fokus dann verstärkt darauf liegt, welche Spieler auch im nächsten Jahr noch hier sind. Ich bin ein wettbewerbsorientierter Mensch und sehe es daher natürlich nie gern, wenn mein Name nicht in der Startelf steht. Es ist für mich aber auch interessant zu beobachten, wie ich mit dieser Joker-Rolle aktuell umgehe, mit der ich in meinen vier Jahren hier bisher kaum etwas zu tun hatte. Ich habe festgestellt, dass ich trotz der Enttäuschung immer noch sehr gerne Fußball spiele und mir dieser Beruf weiterhin großen Spaß macht.

Anthony Jung im Interview über die Entscheidung von Werder Bremen, den Vertrag nicht zu verlängern: „Ich war traurig und auch wütend“

Lassen Sie uns über Ihren Abgang sprechen: Wie haben Sie damals im März von der Entscheidung erfahren, dass es für Sie bei Werder nach der Saison nicht weitergehen wird?

Sehr spät abends habe ich einen Anruf von meinem Berater bekommen, der mir die Entscheidung des Vereins als Erster mitteilen wollte. Am nächsten Tag habe ich mich dann mit Clemens und Peter zusammengesetzt. Meine Verwunderung über die getroffene Entscheidung war sehr groß. Ich war traurig und auch wütend. An dem Abend wäre es nicht gut gewesen, direkt mit den Verantwortlichen zu sprechen, aber die berühmte Nacht darüber schlafen hat mir geholfen, die Situation rational einzuordnen. Es ist eine strategische Entscheidung des Vereins, die man als Spieler bei allem Ärger akzeptieren muss. Aus meiner Sicht habe ich dennoch genügend Argumente geliefert, um weiter an Bord bleiben zu können. Ich kenne das Geschäft jetzt schon ein paar Jahre und habe deshalb versucht, die Entscheidung schnell zu verarbeiten. Schließlich geht es nicht um mich als Spieler, sondern der Verein steht über allem. Deshalb versuche ich weiterhin, so in Form zu sein, dass meine Leistung am Wochenende von dieser Entscheidung nicht beeinträchtigt ist.

Sie wären demnach also gerne bei Werder geblieben?

Ja, das habe ich im Vorfeld ja auch immer betont. Mir war bewusst, dass ich das nur mit meiner Leistung auf dem Platz beeinflussen kann. Wir fühlen uns als Familie hier sehr wohl, was auch immer ein großer Faktor ist. Außerdem habe ich mich hier in den vergangenen Jahren als Spieler und Persönlichkeit stetig weiterentwickeln können, weshalb ein Verbleib für mich eine gute Option gewesen wäre.

Da Sie den Frust und die Enttäuschung angesprochen haben: Bleibt aus Ihrer Sicht bei dieser Trennung etwas hängen?

Nein, wir haben einen klaren und sauberen Schnitt gefunden. Ich hege auch keinen Groll gegen irgendjemanden. Es wäre aber eben auch gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich glücklich damit bin. Wir als Familie waren sehr traurig über die Situation. Mein erster Gedanke nach der Verkündung war tatsächlich, dass ich meinem Sohn erklären muss, warum er jetzt nach nur einem Jahr den Kindergarten wechseln muss. Mittlerweile hat sich bei mir aber eine Aufbruchstimmung breitgemacht, weil ich bis zum letzten Tag hier unbedingt alles für den Verein geben möchte. Außerdem freue ich mich darauf, als Spieler und Mensch zu sehen, was passiert, wenn ich im Sommer meine Komfortzone der letzten vier Jahre verlasse. Es liegt nicht in meiner Natur, einem Moment ewig nachzutrauern – ich schaue lieber positiv nach vorne.

Was hätte denn Ihrer Meinung nach für eine Verlängerung gesprochen?

Meiner Meinung nach waren die Argumente für eine Verlängerung weitaus gewichtiger als das eine Argument, dass der Verein eine strategische Entscheidung treffen möchte. Ich habe grundsätzlich Verständnis dafür, dass der Verein sich verändern und einen jüngeren Spieler holen will. Aufgrund meines aktuellen Leistungsstandes und der Erfahrung, die ich der Mannschaft bringe, hat mich die Entscheidung dennoch überrascht. Das heißt aber keinesfalls, dass ich dem Verein etwas Schlechtes wünsche. Im Gegenteil: Ich hoffe sehr, dass der nächste Schritt und die angestrebte Weiterentwicklung gelingen.

Werder Bremens Anthony Jung im DeichStube-Interview: „Ich bin noch ein gutes Stück vom Karriereende entfernt“

Wie weit sind Sie schon in Ihren Gedanken und Überlegungen, wie es für Sie ab Sommer weitergehen wird?

Ich bin noch ein gutes Stück vom Karriereende entfernt, deshalb ist für mich klar, dass es weitergeht. Ob es dabei nur einen Schritt zur Seite oder vielleicht sogar einen vermeintlichen Schritt zurückgeben wird, wird man sehen. Ich bin mit 33 Jahren nicht mehr am Anfang meiner Karriere, aber solange ich fit bin und es mir weiterhin Spaß macht, möchte ich weiterspielen. Wir sind mit mehreren Vereinen im Austausch, aber eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.

Sie sind Papa von zwei Jungs. Inwiefern spielt das bei der Auswahl Ihres neuen Arbeitgebers eine Rolle? Wäre ein Wechsel ins Ausland überhaupt noch einmal vorstellbar?

Meine Frau und ich haben das grundsätzlich nie ausgeschlossen. Ich bin sehr offen, was den nächsten Schritt angeht. Es könnte sowohl das Ausland als auch weiterhin Deutschland sein. Da habe ich derzeit keine festen Präferenzen.

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Werder Bremens Anthony Jung im Interview: „Dass ich Teil dieses großen Clubs sein durfte, ist etwas, worauf ich immer stolz sein werde“

Schauen wir nochmal auf Ihre vier Jahre in Bremen: Wie würden Sie diese Zeit zusammenfassen?

Es war eine sehr schöne und auch sehr erfolgreiche Zeit. Ich bin unmittelbar nach dem Abstieg nach Bremen gekommen, zu einem Zeitpunkt, an dem rund um die Mannschaft vieles unklar war. Wir sind über die Jahre zu einer echten Einheit zusammengewachsen und haben auch privat viel miteinander zu tun gehabt. Deshalb verlässt man nicht nur den Verein, sondern auch den einen oder anderen Freund, den man hier gefunden hat. Ich bin grundsätzlich sehr dankbar dafür, dass ich vier Jahre hier verbringen durfte. Ich habe deutlich über 100 Spiele für Werder gemacht. Mein großer Sohn ist hier aufgewachsen, und wenn ich ihn zum Kindergarten fahre, läuft häufig die Werder-Hymne im Auto. Wir haben hier als Familie in den vier Jahren wirklich Wurzeln geschlagen. Deshalb blicke ich auf eine tolle Zeit zurück und werde mit Sicherheit auch in Zukunft nochmal nach Bremen und ins Weserstadion kommen.

Worauf sind Sie in den vier Jahren persönlich besonders stolz?

Das große emotionale Highlight war natürlich der Aufstieg. Dazu ist es für mich persönlich von großem Wert, dass ich über so lange Zeit Woche für Woche auf dem Platz stehen durfte und ein fester Bestandteil der Mannschaft sein konnte. Ich habe vier Jahre lang alles gegeben und auf dem Platz gelassen. Ich sage manchmal scherzhaft zu Freunden: Wenn ich jetzt für meinen nächsten Arbeitgeber meine Bewerbungsmappe abgebe, dann sieht die nicht so schlecht aus. Dass ich Teil dieses großen Clubs sein durfte und eine wichtige Rolle spielen konnte, ist definitiv etwas, worauf ich immer stolz sein werde. (bvo)

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