DeichStube-Interview
„Nicht kleiner machen als wir sind“: Geschäftsführer Brauer über Werder-Zukunft, große Ziele und Stadion-Ausbau
Tarek Brauer wird deutlich: Der Geschäftsführer spricht im Interview über die Ausrichtung des SV Werder Bremen für die Zukunft und nötige Veränderungen.
Seit 15 Jahren arbeitet Tarek Brauer bereits für den SV Werder Bremen, seit fast vier Jahren gehört er der Geschäftsführung an. Kaum jemand kennt die Entwicklungen des Vereins während der vergangenen Jahre so gut wie der Geschäftsführer für Organisation und Planung. Im Interview mit der DeichStube spricht der 47-Jährige über sein Herzensprojekt Leistungszentrum, die Zukunft des Weserstadions, Werders Anspruch in der Bundesliga und die Frage, wie der Club sein Potenzial künftig noch besser ausschöpfen kann. Und dabei wird Brauer deutlich.
Geschäftsführer Tarek Brauer im Interview über 15 prägende Jahre beim SV Werder Bremen
Herr Brauer, Sie sind inzwischen seit 15 Jahren bei Werder, seit fast vier Jahren Teil der Geschäftsführung und haben verschiedene Positionen im Verein durchlaufen. Wenn Sie zurückblicken: Welche Momente und Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit am stärksten geprägt?
Natürlich fallen einem zunächst die sportlichen Momente ein: Der Abstieg und der Wiederaufstieg waren prägend. Das Spiel 2016 gegen Frankfurt werde ich nie vergessen, genauso wenig wie die Relegationsspiele gegen Heidenheim oder die DFB-Pokal-Halbfinals. Wenn ich allerdings auf die gesamten 15 Jahre blicke, dann hat mich vor allem die Entwicklung des Clubs geprägt – und die Entwicklung, die ich selbst innerhalb des Vereins machen durfte. Ich habe 2011 als Jurist mit einer Fachverantwortung angefangen, habe nach und nach mehr Verantwortung übernommen, Führungsaufgaben erhalten und schließlich den Schritt in die Geschäftsleitung und später in die Geschäftsführung gemacht. Dabei habe ich viel über Führung und Weiterentwicklung gelernt. Früher ging es vor allem darum, die richtigen Antworten zu geben. Als Geschäftsführer besteht meine Aufgabe vielmehr darin, Menschen zusammenzubringen, Orientierung zu geben, einen Rahmen zu schaffen und Prioritäten zu setzen.
Was haben Sie in diesen 15 Jahren über Werder und die Führung eines Bundesligisten gelernt, was Sie zuvor vielleicht nicht erwartet hätten?
Werder gibt vielen Menschen Identität, Heimat und Gemeinschaft. Tradition, Bodenständigkeit und Zusammenhalt sind unglaublich wichtige Eckpfeiler unseres Vereins. Es geht deshalb in der Führung nicht darum, einen Club zu verändern, sondern ihn kontinuierlich weiterzuentwickeln. Meine wichtigste Erkenntnis lautet: Tradition sollte uns Selbstvertrauen geben, aber niemals Selbstzufriedenheit. Wir müssen jeden Tag hart daran arbeiten, besser zu werden. Jeder Verein hat gute Ideen – nicht nur wir. Bei aller Bodenständigkeit brauchen wir den Mut, Chancen zu erkennen, Dinge zu hinterfragen und neue Wege zu gehen. Entscheidend ist, Werder konsequent auf einen klaren Weg auszurichten und die Menschen sowie die verschiedenen Bereiche hinter diesem Weg zu versammeln. Und Führung bedeutet für mich dabei nicht, es allen recht zu machen. Führung bedeutet, zuzuhören, unterschiedliche Sichtweisen ernst zu nehmen, und am Ende bereit zu sein, Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen. Entwicklung ruft dabei immer unterschiedliche Perspektiven hervor. Das ist bei einem Club wie Werder völlig normal. Es geht aber darum, Probleme nicht nur zu benennen, sondern Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. Auch und gerade dann, wenn es nicht bequem ist.
Tarek Brauer über Leistungszentrum der Zukunft: Warum die Umbauarbeiten bei Werder Bremen so wichtig sind
Kommen wir zu Ihrem aktuellen Herzensprojekt: den Umbauarbeiten rund um das Leistungszentrum in der Pauliner Marsch. Wenn Sie derzeit über die modernisierten Trainingsplätze laufen – wie groß ist Ihr Stolz?
Ich bin stolz auf das, was wir in den vergangenen drei Jahren erreicht haben. Vor allem bin ich stolz auf das Team, das die sportliche Infrastruktur entscheidend weiterentwickelt hat. Dass wir Rahmenbedingungen schaffen, die dazu beitragen, dass sich Talent und Potenzial entfalten kann. Mich freut besonders, dass wir Veränderung und Entwicklung sichtbar gemacht haben. Das ist ein unglaublich wichtiges Signal für Werder, denn es zeigt, dass wir Nachwuchs- und Talentförderung wirklich ernst nehmen und unseren Worten auch Taten folgen lassen. Unter den alten Bedingungen war das nur schwer glaubwürdig zu vermitteln. Wenn Clemens Fritz bei Gesprächen mit Talenten früher absichtlich den Schlüssel für Platz 11 vergessen musste, dann wird das zukünftig nicht mehr nötig sein. Wir können unseren Weg nun noch überzeugender darstellen. Abgesehen davon sieht die Anlage natürlich auch einfach richtig gut aus.
Zu Wochenbeginn hat Werder bekannt gegeben, dass Oliver Hüsing neuer Gesamtleiter des Leistungszentrums wird. Er sagt, das Ziel sei, das bestmögliche Leistungszentrum zu sein. Wie wird man das – und was bedeutet es konkret?
Wir wissen, dass andere Clubs andere finanzielle Möglichkeiten und teilweise auch bessere Standortbedingungen haben. Gerade mit Blick auf die Infrastruktur stehen wir hier vor besonderen Herausforderungen. Trotz Hochwassergebiet und Anwohnerrechten haben wir bei der Infrastruktur das bestmögliche Ergebnis erreicht. „Bestmöglich“ bedeutet, dass wir aus unseren Möglichkeiten das Maximum herausholen und uns nicht hinter schwierigen Bedingungen verstecken. Bei der Entwicklung von Talenten geht es nicht in erster Linie darum, wer die größte Fläche oder das modernste Gebäude hat. Entscheidend ist, wie man Potenziale erkennt und in kontinuierliche Leistung überführt. Dafür sind Menschen entscheidend, ebenso wie ein guter Umgang miteinander, psychologische Sicherheit und ein konstruktiver Umgang mit Fehlern. Ich spreche dabei übrigens lieber von einer Lern- als von einer Fehlerkultur. Das sind Bereiche, in denen wir bei Werder mindestens genauso gut, wenn nicht sogar besser sein können und müssen als andere Clubs.
Wenn wir auf die verschiedenen Bauprojekte schauen: Die Trainingsplätze sind fertiggestellt, dazu kommen Platz 11 und der Werder-Campus. Liegen Sie weiterhin im Zeit- und Kostenplan?
Bei allen drei Projekten liegen wir weiterhin im Plan. Das Budget haben wir sowohl bei Platz 11 als auch bei den Trainingsplätzen vollständig eingehalten. Beim Campus wird sich das am Ende zeigen, aktuell gibt es aber keinerlei Anzeichen dafür, dass wir dort den Zeit- oder Kostenrahmen verlassen werden, sodass wir beim Campus mit einer Fertigstellung im Spätsommer 2027 rechnen. Die neue Anlage auf Platz 11 wird in diesem Sommer am 31. Juli – rechtzeitig zum Start der Saison der U23 – eingeweiht werden, sodass wir dort sogar vor dem offiziellen Zeitplan liegen.
Jubiläum, Wahrzeichen, Herausforderungen und Vergrößerung: Werder Bremens Geschäftsführer Tarek Brauer über das Weserstadion
Das Weserstadion wird im Oktober 100 Jahre alt. Ist rund um dieses Jubiläum etwas Besonderes geplant?
Ja, wir planen etwas. Was genau, werden wir zu gegebener Zeit bekannt geben. Aber ich denke, alle Bremerinnen und Bremer sowie unsere Fans können sich sehr darauf freuen.
Das Weserstadion ist für viele Bremer ein Wahrzeichen der Stadt, gleichzeitig bringt es hohe Verbindlichkeiten und laufende Kosten mit sich. Ist das Stadion für Werder eher Fluch oder Segen?
Das Weserstadion ist ein ganz besonderer Teil unserer Identität und unser zu Hause. Wir haben uns auch deshalb ganz bewusst dazu entschieden, dass dies unser Standort bleibt und wir hier das Leistungszentrum behalten wollen. Die besondere Atmosphäre entsteht auch durch die Lage mitten in Bremen. Wir haben eine große Nähe zu den Menschen, zu diesem Stadtteil und zu unserer Heimatstadt. Das ist ein enormer Wert für uns. Natürlich bringt ein Stadtstadion aber auch Einschränkungen mit sich. Das sehen wir beispielsweise beim Ausbau der Infrastruktur oder beim Leistungszentrum. Es gibt räumliche Begrenzungen, Herausforderungen bei der An- und Abreise und keine unbegrenzten Parkflächen. Aber diese Nachteile nehmen wir aufgrund der vielen Vorteile dieses Standorts in Kauf. Wir sollten auf die Stärken schauen und für die Herausforderungen kreative Lösungen finden, wie uns das auch beim Leistungszentrum gelungen ist.
Aktuell liegen auf dem Stadion noch rund 50 Millionen Euro an Verbindlichkeiten. Ist bereits abzusehen, wann das Stadion vollständig abbezahlt sein könnte?
Das ist tatsächlich absehbar. Nach aktuellem Stand könnte das in zehn bis 15 Jahren der Fall sein. Allerdings hängt das auch davon ab, welche Investitionen die Stadiongesellschaft bis dahin noch tätigen muss. Das ist ein Stück weit ein Blick in die Glaskugel. Sollte in den kommenden Jahren erneut größer investiert werden müssen, könnte sich eine vollständige Tilgung entsprechend verzögern.
Viele Fans wünschen sich eine höhere Kapazität des Weserstadions. Ist eine Erweiterung überhaupt realistisch oder sind die Möglichkeiten inzwischen ausgereizt?
Eine maßgebliche Erhöhung der Kapazität wird nicht mehr möglich sein. Wir haben Grenzen durch die Statik, durch die Dachkonstruktion und natürlich auch durch Anwohnerrechte. Hinzu kommt immer die Frage nach Aufwand und Ertrag. Sollte Deutschland allerdings zukünftig erneut eine Weltmeisterschaft ausrichten und Bremen als Spielort berücksichtigt werden, müsste man sich das Stadion sicherlich noch einmal genauer anschauen. Wenn in einem solchen Zusammenhang externe Fördermittel oder Investitionen zur Verfügung stünden, dann hätte auch ich den Traum, über eine Erweiterung in Richtung 50.000 nachzudenken. Das wäre aber nur mit externer Unterstützung realisierbar. Wir werden hier allerdings niemals ein Stadion für 60.000 Zuschauer haben. Das ist unrealistisch.
Zukunft von Werder Bremen: Geschäftsführer Tarek Brauer im Interview über Potenziale und Ambitionen
Blicken wir in die Zukunft: Was muss Werder Ihrer Meinung nach schon heute tun, um auch in zehn Jahren noch dauerhaft konkurrenzfähig zu sein?
Wenn ich auf die vergangenen 15 Jahre schaue, dann gab es immer wieder erfolgreiche Phasen. Ich durfte beispielsweise zwei DFB-Pokal-Halbfinals erleben, wir waren mehrfach dicht dran am internationalen Geschäft und haben gezeigt, welches Potenzial in diesem Club steckt. Die entscheidende Aufgabe besteht darin, solche erfolgreichen Phasen zu verstetigen. Dafür müssen wir uns konsequent auf unser Kerngeschäft konzentrieren und uns bei allem, was wir tun, die Frage stellen: Zahlt das auf den Erfolg im Profifußball der Männer und Frauen ein? Dazu gehören konsequente Talentförderung, die Weiterentwicklung unserer Infrastruktur, wirtschaftliche Stabilität, schnelle und gleichzeitig qualitativ gute Entscheidungen sowie die richtigen Menschen an den entscheidenden Stellen. Am Ende geht es um Fokus. Je klarer wir wissen, worauf wir unsere Energie verwenden, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit für nachhaltigen Erfolg.
Welchen Anspruch sollte Werder dabei an sich selbst haben, um das zu erreichen?
Wir sind einer der größten Traditionsvereine der Bundesliga. Bei aller Bodenständigkeit, die uns auszeichnet, müssen wir das nicht nur als Verantwortung, sondern auch als Anspruch verstehen. Wir sollten uns nicht kleiner machen als wir sind. Dieser Verein besitzt eine besondere Kraft und ein enormes Potenzial. Ich bin vor 15 Jahren nicht zu Werder gekommen, um dauerhaft gegen den Abstieg zu spielen. Mein Antrieb war und ist es, dabei zu helfen, dieses Potenzial auszuschöpfen. Natürlich bewegen wir uns in einem wirtschaftlich anspruchsvollen und hoch kompetitiven Umfeld. Gerade deshalb müssen wir kreativ sein, neue Lösungen finden und uns immer wieder hinterfragen. Die größten Risiken entstehen nicht durch mutige Veränderungen, sondern dadurch, dass man notwendige Veränderungen zu lange aufschiebt. Gerade Traditionsvereine müssen aufpassen, dass sie ihre Geschichte als starkes Fundament nutzen und nicht als Ausrede, Dinge nicht anzupacken. Wenn wir erkennen, dass uns etwas fehlt, müssen wir investieren. Wenn wir erkennen, dass Dinge unnötig kompliziert geworden sind, müssen wir den Mut haben, sie einfacher zu machen. Wenn andere Clubs in bestimmten Bereichen besser werden, müssen wir bereit sein, von ihnen zu lernen.
Sie sprechen viel davon, das Potenzial des Vereins ausschöpfen zu wollen. Hat Werder in den vergangenen Jahren zu wenig aus seinem Potenzial herausgeholt?
Nein, so einfach ist es nicht. Werder hat sich in den vergangenen Jahren in vielen Bereichen positiv entwickelt und wir hatten durchaus erfolgreiche Saisons. Was uns allerdings nicht immer gelungen ist, war der letzte Schritt. Die Herausforderung besteht darin, gute Entwicklungen und gute Entscheidungen konsequenter in nachhaltigen sportlichen Erfolg zu übersetzen. Die vergangene Saison zeigt das ganz gut. Die sportlichen Ergebnisse waren nicht zufriedenstellend. Gleichzeitig ist es uns gelungen, den Kader zu verjüngen, vielen jungen Spielern relevante Einsatzzeiten zu geben und ihre Marktwerte deutlich zu steigern. Das kann nun die Basis für weiteres Wachstum sein. Entscheidend ist, dass wir aus Erfahrungen die richtigen Schlüsse ziehen. Die erfolgreichsten Clubs zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie keine Fehler machen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie die richtigen Konsequenzen daraus ziehen.
Zum Abschluss: Was möchten Sie bei Werder unbedingt noch für Projekte verwirklichen?
Es geht mir gar nicht um einzelne Projekte. Auch Infrastrukturprojekte sind letztlich kein Selbstzweck. Ich möchte Projekte voranbringen, die diesen Verein besser machen. Wenn ich in zehn Jahren zurückblicke, möchte ich sagen können, dass es uns gelungen ist, unsere Tradition und Identität zu bewahren und gleichzeitig Selbstbewusstsein, Mut, Ambition und eine echte Wachstumsmentalität im Verein zu verankern. Mein Ziel ist, dass Werder wirtschaftlich stabil und sportlich ambitioniert aufgestellt ist. Ich wünsche mir, dass wir dauerhaft in Schlagdistanz zu den vorderen sieben Plätzen der Bundesliga stehen und uns dort etablieren. (bvo)
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