Leipzig-Coach Ralph Hasenhüttl im Interview
„Ich durfte Fehler machen“
Bremen - Anruf bei Ralph Hasenhüttl. Der Trainer von RB Leipzig ist bestens gelaunt. Kein Wunder, mit seinem Club steht er auf Rang drei der Bundesliga, in der Champions League ist immer noch das Achtelfinale möglich.
Da redet es sich natürlich leichter über die eigene Arbeit und den nächsten Gegner, den SV Werder. Weil die Bremer unter Florian Kohfeldt nun wieder offensiver spielen, rechnet Hasenhüttl am Samstag im Heimspiel (15.30 Uhr, Liveticker der DeichStube, Sky) mit einer „Spaßveranstaltung“. Ganz ernst ist das vom Österreicher im Interview mit der DeichStube natürlich nicht gemeint. Beim Thema junge Trainer sieht das etwas anders aus. Da äußert der 50-Jährige so seine Bedenken, ob es sinnvoll ist, einen erst 35-Jährigen wie Kohfeldt zum Chefcoach zu machen. Hasenhüttl sorgt sich dabei auch um die Zukunft des jungen Kollegen.
Herr Hasenhüttl, warum sind Ihre Spieler so schnell?
Ralph Hasenhüttl: (lacht) Ich weiß nicht, ob sie wirklich so schnell sind oder wir einfach nur so schnell spielen. Aber Timo Werner ist natürlich bekannt für seinen Speed. Das Thema spielt bei uns im Scouting schon eine wichtige Rolle.
Haben Sie besondere Trainingsmethoden, um diese Schnelligkeit zu fördern?
Hasenhüttl: Es geht nicht nur um die läuferische Schnelligkeit, sondern auch um die Handlungsschnelligkeit. In diesem Bereich trainieren wir schon sehr viel.
Haben Sie in Ingolstadt auch schon so trainiert, oder ging es dort nicht, weil die Möglichkeiten anders waren?
Hasenhüttl: Es gab dort schon ähnliche Trainingsformen. Aber wir haben hier nun auch noch andere Fußballer mit schnelleren Lösungsmöglichkeiten. Dadurch wird das Spiel dann so extrem schnell.
Wie schaffen Sie es, dass die Mannschaft trotz des Tempofußballs und der Doppelbelastung mit der Champions League selten müde wirkt?
Hasenhüttl: Wir haben es geschafft, immer wieder frische Spieler zu bringen. Mit unserem Kader ist das möglich. Wir haben entsprechend rotiert, und bislang ist uns das ganz gut gelungen. Das ist vielleicht auch der Schlüssel zum Erfolg.
Ihr Fußball macht Spaß – und der neue Werder-Coach Florian Kohfeldt will, dass Fußball Spaß macht. Was wird das dann am Samstag für ein Spiel?
Hasenhüttl: Eine Spaßveranstaltung (lacht). Wir wollen unsere Spiele zum Erlebnis machen. Das ist uns, glaube ich, bislang nicht komplett misslungen. Und wenn der Gegner da mitmachen will, ist das umso besser. Dann werden wir ein temporeiches Spiel sehen.
Nicht viele Mannschaften trauen es sich, gegen die Spitzenteams mitzuspielen. Freuen Sie sich auf einen vermeintlich mutigen Gegner wie Werder?
Hasenhüttl: Klar, für die Zuschauer ist es natürlich schöner, wenn wir nicht gegen einen Gegner anlaufen müssen, der sich mit zehn Mann vor dem Strafraum verbarrikadiert. Man freut sich, wenn man den Gegner am Ende geschlagen hat. Das ist immer noch das Wichtigste.
Erwarten Sie nach dem Trainerwechsel ein anderes Werder Bremen?
Hasenhüttl: Durchaus. Ein 4:0-Sieg gegen Hannover ist nicht selbstverständlich. Max Kruse ist wieder da. Das ist jetzt schon gleich eine andere Truppe, die nun auch mehr Selbstvertrauen hat. Vergangene Saison haben wir zuhause gewonnen und auswärts ziemlich klar in Bremen verloren. Deswegen wird das sicherlich keine einfache Aufgabe.
Wie gut kennen Sie Florian Kohfeldt?
Hasenhüttl: Ich kenne ihn nicht persönlich.
Wie beurteilen Sie den Trend in der Bundesliga, jungen und unerfahrenen Trainern das Vertrauen zu schenken?
Hasenhüttl: Ob das ein Trend ist, das weiß ich gar nicht. Es gibt ja auch Vereine, die auf ältere Trainer setzen. Aber es ist schon eine mutige Entscheidung, einem jungen Trainer die Chance zu geben zu lernen. Ob das gleich auf allerhöchstem Niveau in der Bundesliga passieren muss, da weiß ich nicht. Es besteht die Gefahr, sich im Misserfolgsfall zu verbrennen. Fakt ist, dass in der Bundesliga Fehler sehr schnell bestraft werden und man dann auch schnell seinen Job wieder los sein kann. Das haben schon viele Trainer erfahren müssen. Ich bin dankbar für die Tatsache, dass ich in unteren Ligen lernen und Fehler machen durfte und mich nach oben arbeiten konnte.
Warum?
Hasenhüttl: Ich persönlich glaube, für die Entwicklung eines Trainers ist es der gesündere Weg. Natürlich gibt es inzwischen viele sehr talentierte Trainer – auch durch die gute Ausbildung beim DFB. Diese Trainer haben schon das Zeug, sehr früh in der Bundesliga zu arbeiten. Aber es birgt eben auch Gefahren, die man als junger Trainer wahrscheinlich nicht so wahrhaben möchte, weil man diese Chance natürlich mit beiden Händen ergreifen will.
Wobei hilft Ihnen die Erfahrung?
Hasenhüttl: Durch die Tatsache, dass ich schon wesentlich schwächere Mannschaften trainiert habe, musste ich lernen, aus den vorhandenen Möglichkeiten das Optimum herauszuholen. Dazu waren unterschiedliche Ansätze notwendig. Das ist eine Riesenerfahrung. Und man darf auch Fehler machen, die einen nicht sofort den Job kosten. Geringere öffentliche Aufmerksamkeit bedeutet mehr Ruhe und die Chance, sich zu entwickeln. Das ist für Trainer genauso wichtig wie für Spieler. Wenn ich mir meinen Weg noch mal aussuchen dürfte, würde ich es wieder genauso machen.
Kein Wunder, Sie haben es auch bis in die Champions League geschafft. Wie gefährlich ist es nach einem 4:1-Sieg unter der Woche in Monaco dann nur gegen einen Tabellen-16. antreten zu müssen?
Hasenhüttl: Wir haben in den vergangenen Wochen bewiesen, dass wir das hinbekommen. Wir haben fast alle Spiele nach einer Champions-League-Woche gewonnen – zwar nicht immer souverän, aber dafür mit großer Leidenschaft und Willen. Es war wichtig für uns, dass wir diese Doppelbelastung auch mental ganz gut gemeistert haben. Champions League unter der Woche ist schon etwas Besonderes, auch wenn die Stimmung in Monaco nicht so aufregend war. In unserem Stadion ist immer Alarm, der Support unserer Fans ist super, da freuen wir uns auf jedes Spiel. Deswegen gehe ich davon aus, dass wir eine gute Leistung abrufen werden.
Sie haben Max Kruse schon angesprochen, Ihr Stürmer Timo Werner trifft im Moment auch nach Belieben – wer gewinnt das Duell alt gegen jung?
Hasenhüttl: Beide haben wirklich besondere Qualitäten. Meinetwegen dürfen sie beide treffen, wenn Timo ein Tor mehr macht (lacht).
Wäre ein Max Kruse mit seinen 29 Jahren überhaupt noch ein Kandidat für Leipzig, oder ist er zu alt für Ihre junge Truppe?
Hasenhüttl: Unser Jagdprofil sieht vor, das wir eher nach Spielern Ausschau halten, die ihren ersten oder zweiten Vertrag in ihrer Karriere unterschreiben und nicht ihren fünften oder sechsten. Deswegen ist Kruse nicht so unser Zielgebiet. Aber Max ist ein toller Spieler. Er hat überall seine Tore gemacht. Auf ihn werden wir aufpassen müssen.
Welchen Profi des SV Werder kennen Sie besonders gut?
Hasenhüttl: Robert Bauer war mein Spieler. Er kam damals aus Karlsruhe und ist bei mir in Ingolstadt zum Stammspieler gereift. Robert ist ein Topprofi. Er hatte schon sehr früh eine gute Physis, um bei den Profis mitzuhalten. Er ist ja dann auch seinen Weg gegangen.
Zur Person: Ralph Hasenhüttl (50) ist seit 2016 Trainer von RB Leipzig. Davor war er als Coach für den FC Ingolstadt (Aufstieg in die 1. Liga), den VfR Aalen (Aufstieg in die 2. Liga) und die SpVgg Unterhaching (Regionalliga/Dritte Liga) tätig. Der Österreicher spielte acht Mal für sein Land – und 261 Mal in der Bundesliga der Alpenrepublik (Austria Wien, Grazer AK, Casino Salzburg). Für die SpVgg Greuther Fürth und den 1. FC Köln bestritt der Mittelstürmer 93 Zweitliga-Partien (16 Tore).
Die Grün-Weißen sind weiterhin auf der Suche nach einem neuen Verteidiger. Beim Werben um Benjamin Henrichs von der AS Monaco kriegt Werder Bremen Konkurrenz aus der eigenen Liga – auch RB Leipzig soll interessiert sein.