Werder-Clubchef kritisiert DFL
Filbrys Fragezeichen: Werder-Boss plädiert für anderen Umgang mit 50+1-Regel – Einspruch gegen DFL-Strafe
Der SV Werder Bremen kämpft noch immer mit den finanziellen Folgen der Corona-Pandemie. Während die Grün-Weißen dabei einen wirtschaftlichen Kraftakt vollbringen müssen, springen bei anderen Vereinen die Mehrheitsgesellschafter ein. Warum sich der Werder-Boss Klaus Filbry daher einen anderen Umgang mit der 50+1-Regel wünscht.
Bremen – Gerade in der Transferzeit wird wieder deutlich: Der SV Werder Bremen kann nicht so agieren wie gewünscht. Die finanziellen Mittel waren an der Weser seit jeher immer etwas begrenzter als woanders. Dann trieben den Club die Einnahmeausfälle in der Pandemie und der Abstieg fast in die Insolvenz. Mit einem wirtschaftlichen Kraftakt wurde die Wende geschafft, trotzdem sprach die Deutsche Fußball-Liga (DFL) eine Millionen-Strafe wegen eines Verstoßes gegen Kapitalauflagen im Lizenzierungsverfahren gegen Werder aus.
Der Verein wehrt sich dagegen mit allen rechtlichen Mitteln – und Klaus Filbry bringt dabei nun auch das Thema 50+1 sowie die jüngste Absprache der DFL mit dem Kartellamt ins Spiel. Denn damit ist der 56-jährige Clubchef des SV Werder Bremen ziemlich unglücklich und wünscht sich eine neuerliche Diskussion im deutschen Fußball. Doch das ist gar nicht so einfach, weil sich offenbar viel mehr als nur die direkt betroffenen Clubs gegen Veränderungen sperren und lieber den Status quo bewahren wollen.
Werder Bremens Klaus Filbry: DFL-Strafe trotz positivem Ergebnis im Geschäftsjahr 2021/22 „ist schwer nachvollziehbar“
1,8 Millionen Euro soll der SV Werder Bremen bezahlen. Die Geschichte ist dabei etwas kompliziert. „Wir haben Einspruch eingelegt und müssen abwarten, wie damit umgegangen wird. Wird der Einspruch abgelehnt, gehen wir in die nächste Runde. Denn wir haben trotz Pandemie und Abstieg erwiesenermaßen gut gewirtschaftet und ein positives Ergebnis erzielt, trotzdem werden wir mit einer Strafe belegt. Das ist schwer nachvollziehbar“, sagt Klaus Filbry im Gespräch mit der DeichStube. Die DFL bewertet das Kalenderjahr – und da hat Werder Bremen anders als im Geschäftsjahr (1. Juli 2021 bis 30. Juni 2022) das negative Eigenkapital nicht um zehn Prozent verringert, wie es laut Statuten erforderlich ist. Wegen der Pandemie war diese Regel zwischenzeitlich ausgesetzt worden. Nicht lange genug, findet Filbry, die Folgen der Pandemie würden viele Clubs immer noch beschäftigen.
Aber eben nicht alle. „Andere Vereine, die einen Mehrheitsgesellschafter haben, besitzen andere Möglichkeiten und können durch Gewinnabführungsverträge oder eine Umwandlung von Fremdkapital in Eigenkapital oder durch das Engagement eines Hauptgesellschafters anders mit solchen Situationen umgehen“, sagt der Boss des SV Werder Bremen. Wen er meint, ist klar: zuvorderst die Werksclubs VfL Wolfsburg und Bayer 04 Leverkusen. Der Automobilhersteller Volkswagen und der Chemiekonzern Bayer springen dort im Notfall ein. Auch bei RB Leipzig und 1899 Hoffenheim ist das möglich. „Das Thema der Wettbewerbsintegrität sollte an dieser Stelle noch mal sehr kritisch hinterfragt werden“, fordert Klaus Filbry.
Werder Bremens Klaus Filbry: „Das Thema der Wettbewerbsintegrität sollte noch mal sehr kritisch hinterfragt werden“
Der Zeitpunkt des Vorstoßes von Klaus Filbry ist bewusst gewählt. Das Bundeskartellamt hat vor einigen Wochen den Kompromiss mit der DFL zum Thema 50+1 als Entscheidungsentwurf an die Beteiligten versendet. Gibt es in den nächsten Wochen keinen Widerspruch, werden die von der DFL zugesagten Satzungsänderungen für bindend erklärt und das Verfahren auf dieser Grundlage abgeschlossen, heißt es in einer offiziellen Mitteilung des Kartellamts. Es ändert sich allerdings nicht wirklich etwas.
Das Kartellamt hatte 2021 erklärt, die 50+1-Regel, die es nur im deutschen Fußball gibt, sei rechtens. Demnach müssen die Clubs mehrheitlich im Besitz der Vereine sein. Allerdings müsse sich die DFL mit den Ausnahmegenehmigungen für Bayer Leverkusen, den VfL Wolfsburg und der TSG 1899 Hoffenheim beschäftigen. Das hat die Dachorganisation der 36 Erst- und Zweitligisten auch gemacht, aber nur geringe Veränderungen unternommen. Künftig müssen die Ausnahmeclubs ihre Mitglieder etwas mehr beteiligen, was sich aber eher auf Änderungen beim Vereinslogo und auf bauliche Maßnahmen im Fan-Block bezieht, nicht aber auf das eigentliche Geschäft. Und sollte der Mutterkonzern in schlechten Zeiten zu sehr finanziell eingreifen, dann werden künftig Strafzahlungen fällig. Was aber erst bei einem Verlustausgleich ab 18 Millionen Euro im Jahr gelten soll und dann auch nur ein paar zehntausend Euro pro Million Ausgleich kosten würde.
Werder Bremens Klaus Filbry: „Es gibt ganz viele Vereine, die inzwischen weit über 50 Prozent ihrer Anteile verkauft haben“
Das Kartellamt hat sich damit beruhigen lassen, Klaus Filbry offenbar nicht: „Wir werden das intern bewerten und dann entscheiden, wie wir mit dem Vorschlag umgehen werden. Man muss sich genau angucken, ob durch den Vorschlag die Wettbewerbsintegrität wirklich gefördert wird. Ich würde das mit einem Fragezeichen versehen.“ Für den Boss des SV Werder Bremen, der sich zu solchen Themen in der Öffentlichkeit eher zurückhaltend äußert, um kein Öl ins Feuer zu gießen, ist das schon ein Statement. Und eigentlich sollte es viele Clubs in der 1. und 2. Liga geben, die ähnlich denken und diese Position bei der nächsten DFL-Vollversammlung unterstützen müssten. Sie leiden schließlich ähnlich wie Werder unter den Wettbewerbsvorteilen der Konzernclubs. Warum hat sich dazu bislang keine Mehrheit in der DFL gefunden?
„50+1 basiert auf den Mehrheitsrechten und vor allem den Stimmrechten in einem Verein. Es gibt ganz viele Vereine, die inzwischen weit über 50 Prozent ihrer Anteile verkauft haben: Hertha BSC liegt bei 67 Prozent; Augsburg ist sogar bei fast 100 Prozent, und Dortmund ist mit 95 Prozent an der Börse. Da muss man schon mal genauer hinschauen. Da brauchen wir meines Erachtens eine Regel, die für alle gleich ist, um eine Wettbewerbsintegrität, aber auch eine Wettbewerbsfähigkeit zu sichern“, antwortet Klaus Filbry. Um die eigene Lage nicht zu gefährden, wird offenbar auf Gegenwehr verzichtet. Zumal es genügend Verflechtungen zwischen den Clubs gibt. Volkswagen tritt mit seinen verschiedenen Marken gerne auch als großer Sponsor bei anderen Vereinen auf. Und auf der Führungsebene wird im Fußball gerne hin- und hergewechselt, da will sich vielleicht so manch Protagonist keine Optionen für die Zukunft verbauen.
Werder Bremens Klaus Filbry über eine erneute Strafe der DFL: „Ein Punktabzug droht uns nicht“
Einen Gegenvorschlag will Filbry öffentlich nicht machen: „Dafür gibt es in der DFL die Gremien und das Präsidium.“ Dabei hofft der Werder-Boss, dass zumindest die Diskussion über den Umgang mit 50+1 noch einmal neu geführt wird. Und natürlich wünscht er sich, dass Werder Bremen die Strafe nicht zahlen muss. Und was ist mit der jüngeren Vergangenheit? Die Bilanz für das letzte Geschäftsjahr dürfte ein Minus ausweisen. Wird Werder dann wieder von der DFL zur Kasse gebeten? „Aktuell nicht, weil die Regel geändert wurde. Nun wird es mit einem Punktabzug sanktioniert“, antwortet Klaus Filbry – und fügt noch beruhigend an: „Der droht uns aber auch nicht.“ (kni)