SV Werder gegen FC Bayern (fast) live

Werder Bremen gegen FC Bayern im Retro-Liveticker: Der große Klassiker von 2004 - zum Nachlesen!

Werder Bremen gegen den FC Bayern München im Retro-Liveticker: Der große Klassiker von 2004, in dem sich die Bremer zum Deutschen Meister küren, zum Nachlesen!
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Werder Bremen gegen den FC Bayern München im Retro-Liveticker: Der große Klassiker von 2004, in dem sich die Bremer zum Deutschen Meister küren, zum Nachlesen!

Das Sofakisten noch schnell zurechtgerückt, das Getränk in die Hand - und schon heißt es: Anschnallen und zurücklehnen für eine Zeitreise der besonderen Art! Es ist der 8. Mai 2004: Werder Bremen kann beim FC Bayern München Deutscher Meister werden. Vorhang auf für den Retro-Liveticker!

Und damit herzlich willkommen aus dem vollbesetzten Münchner Olympiastadion, wo wir soeben in Gedanken unsere Plätze auf der üppig gefüllten Pressetribüne eingenommen haben. Übrigens in unmittelbarer Hörweite zu Premiere-Kommentator Marcel Reif, der uns kurz vor dem Blockbuster zwischen Bayern und Werder noch nonchalant wissen lässt: „Es spielt der Zweite gegen den Ersten. Das kann man sich nicht schöner malen.“ Wir sowieso nicht.

Und wo wir schon beim Thema sind, hier die Ausgangslage vor dem 32. Spieltag, der – das haben wir irgendwie so im Gefühl – denkwürdig werden könnte. Werder hat als Tabellenführer sechs Punkte und zwölf Tore Vorsprung auf den Verfolger aus München, der in Person von Manager Uli Hoeneß im Vorfeld angekündigt hat, „Bremen richtig niederzumachen“. Ja, gut, ähh. Halten wir fest: Bei Sieg ist Werder Meister, bei Unentschieden zumindest quasi.

Ah, und da sehen wir sie erstmals, die Bremer Helden im Spielertunnel, natürlich in den grün-orangenen Papageien-Trikots – und mein Gott, sitzen die Dinger eng! Gerüchteweise soll Kappa den Stoff direkt auf die Spielerkörper draufgesprüht haben. Wer’s tragen kann…

Werder Bremen gegen den FC Bayern München im Retro-Liveticker: Thomas Schaaf setzt im Mittelfeld auf Tim Borowski

Jetzt die Aufstellungsgrafiken, die mit dem Blick von 2024 wirken, wie aus einem mittelmäßig erfolgreichen Fußball-Manager-Spiel kopiert. Sei’s drum, geht ja um den Inhalt, und der hat es aus Werder-Sicht in sich: Reinke – Stalteri, Ismael, Krstajic, Schulz – Baumann, Borowski, Ernst, Micoud – Ailton, Klasnic. Noch nie ein schöneres Gedicht gelesen.

Gastgeber Bayern schickt folgende Elf auf den Platz: Kahn – Salihamidzic, Jeremies, Linke, Lizarazu – Ballack, Hargreaves, Schweinsteiger, Zé Roberto – Makaay und, festhalten: Pizarro! Der Ex-Bremer, die peruanische Legende! Wäre doch zu schön, wenn der eines Tages zu Werder zurückkehren würde. So ungefähr acht Mal.

Die Bremer sind übrigens seit dem 16. Spieltag durchgehend Tabellenführer, zuletzt gab es einen 6:0-Kantersieg gegen den Hamburger SV, was Uli Hoeneß mächtig auf die Palme brachte. „Die Meisterschaft ist kein Testgebiet“, wetterte der Manager gegen den Dino, weil der in Bremen auf den unerfahrenen Ersatztorhüter Tom Starke gesetzt hatte. Tja, der Mann wird definitiv nie eine Zukunft bei den Bayern haben und später schon gar nicht sechs Mal Meister mit dem Verein werden. Unsere Meinung.

Jetzt die Seitenwahl – und Fußballer wissen: Bei entscheidenden Spielen ist auch ein Sieg in diesem ersten Duell immens wichtig. „Schwarz oder Rot“, fragt Schiedsrichter Edgar Steinborn den Bremer Kapitän Frank Baumann, der sich entschlossen für Rot entscheidet – und den Münzwurf gegen Oliver Kahn gewinnt! Das erste Zeichen, liebe Freunde, es ist gesetzt!

Kurz vor dem Anstoß noch ein herrliches Stück Bundesliga-Romantik! Plötzlich im Bild: Die gelbstichig-pixelige Anzeigetafel im Olympiastadion, auf der der Doppelpunkt zwischen den verzerrten Vereinswappen aus zwei kleinen Fußbällen besteht. Hach! Für uns ist der Tag damit schon gerettet.

Werder Bremen gegen den FC Bayern München im Retro-Liveticker: Das Spiel des 32. Bundesliga-Spieltags der Saison 2003/04 läuft!

1. Minute: Krass. Das „Telekom-T“, das einige Fans in weißer Kleidung auf der Tribüne bilden, ist keine Erfindung der Neuzeit. Das gab es ja 2004 schon! Ob das immer noch die gleichen Leute machen? Ob es inzwischen Rekord-T-Fans gibt? Keine Ahnung. Was wir wissen: Das Spiel läuft.

4. Minute: „Guter Pass von Micoud“, kommentiert Reif und wir können beim besten Willen den Nachrichtenwert dieser Aussage nicht verstehen. Gab es je einen schlechten? 

5. Minute: Huihuihui, Ivan Klasnic, der Schelm, der Filou, fordert Kahn mit einer Mischung aus Schuss und Flanke. Kurz danach prüft Ailton den Nationalkeeper. Werder in der Manier eines übereifrigen DJs: dreht schon zu Beginn der Party voll auf.

7. Minute: Jetzt erstmals im Bild: Thomas Schaaf. Im grauen Werder-Hoodie. Der Rest ist Vereinsgeschichte. Beziehungsweise wird es.

10. Minute: Die neue „Premiere-Exklusiv-Kamera“ filmt derweil fleißig den Werder-Fanblock ab und zeigt uns durchaus übergewichtige Männer mit nackten Oberkörpern – keine Ahnung, warum ich plötzlich an die letzte Weihnachtsfeier der DeichStube denken muss.

13. Minute: Maakay vorbei.

14. Minute: Da sitzt er, mitten auf der Tribüne: Der Bundestrainer, die Tante Käthe! Rudi Völler! In wenigen Wochen wird er mit Deutschland bei der EM in Portugal antreten und den Titel holen. Da legen wir uns fest.

15. Minute: Weil auf dem Rasen (noch) nicht allzu viel passiert nutzt Premiere die Zeit für Promi-Dropping auf der Ehrentribüne. Jetzt zu sehen: Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber, bei dessen dunkler Sonnenbrille im Miniaturformat die Frage gestattet sein muss, ob er sich vor der Helligkeit schützen oder gleich über die 4x100 Meter Lagen antreten will. Gut Nass!

19. Minute: Und! Plötzlich! Ist! Es! Da! Das 1:0 für Werder! Ailton mit dem Pass auf Klasnic, eigentlich viel zu lang, doch dann patzt Kahn – und Reif? Dieser Grand Seigneur am Mikrofon? Der lässt sich spontan folgendes Haiku einfallen:

               „Oh Kahn,

               Unsicherheit,

               Klasnic!“       

Lassen wir uns direkt tätowieren. Aufs Augenlid. Denn: Werder, das nur fürs Protokoll, ist zu diesem Zeitpunkt Deutscher Meister!

Werder Bremen gegen den FC Bayern München im Retro-Liveticker: Ivan Klasnic trifft nach Oliver-Kahn-Patzer zur Führung!

21. Minute: Makaay steht im Abseits, woraufhin Ailton sofort auf den Niederländer zustürmt und sich beschwert, dass er sich gefälligst einen eigenen Signature Move ausdenken soll. 

23. Minute: Geil auch die XXL-Samsung-Handys, die sich zu Werbezwecken direkt neben den Trainerbänken drehen. Zur Erinnerung: Wir schreiben das Jahr 2004, Maßstab dürfte demnach 1:1 sein. Gesendet von meinem „Nokia Communicator 9500“.

26. Minute: Ja Herrschaftszeiten, sapperlot! I werd narrisch! Johan Micoud mit einem Pinselstrich von Tor, lässt hier nichts weniger als die pure Perfektion als Heber über Olli Kahn hinweg sichtbar werden – und trifft zum 2:0. Magnifique!

30. Minute: Die Werder-Fans im Stadion singen „Gegen Bremen kann man mal verlieren.“ In einem unbeobachteten Moment nickt Bastian Schweinsteiger zustimmend.

33. Minute: Jetzt wieder Schaaf, malt an der Außenlinie mit seinen Händen Bilder in die Luft, wie ein übereifriger Verkehrspolizist beim ersten Praxiseinsatz. Der Adressat seiner Botschaften: unbekannt. Ihre Bedeutung: auch.

35. Minute: Ailton aus der Distanz zum 3:0, und spätestens jetzt wird im Münchner Rathaus diskutiert, ob man das Oktoberfest in diesem Jahr aus Pietätsgründen nicht lieber ausfallen lässt.

Werder Bremen gegen den FC Bayern München im Retro-Liveticker: Ailton erhöht per Schlenzer auf 3:0

37. Minute: In Bremen derweil hektische Betriebsamkeit am Flughafen. Gegen 20.45 Uhr wird die Mannschaft zurückerwartet, das Vorfeld an Tor 1 soll für die Fans geöffnet werden. Und schon machen erste Gerüchte die Runde, dass einige Anhänger bereits vor Ort sind und nach einem Mann Ausschau halten, der mit großer Werder-Fahne aus dem Cockpit guckt. Is klar.

40. Minute: „Ailton trägt heute goldene Schuhe“, berichtet Reif, was natürlich totaler Blödsinn ist. Schuhe, pah! Wir wissen: Nach dem 3:0 hat Werders Haus- und Hofschmied die Füße des Brasilianers direkt auf dem Platz vergolden lassen. Soll Schalke doch sehen, wie das Zeug wieder abgeht.

42. Minute: Womit der königsblaue Elefant im Raum angesprochen wäre, denn nach der Saison zieht es den Kugelblitz bekanntermaßen nach Gelsenkirchen, wo er im Herbst 2003 einen Vertrag unterschrieben hat. Bin mir bis heute sicher: Da muss der Enkeltrick im Spiel gewesen sein.

44. Minute: „Stalteri“, unterrichtet uns Reif nun, „ist seit sieben Spielen gegen die Bayern ungeschlagen“. Unfassbar. Und irgendwo in der Zukunft weint ein Werder-Profi namens Milos Veljkovic - Bayern-Bilanz: 13 Spiele, 13 Niederlagen - leise in sich hinein.

45. Minute: Halbzeit! 3:0 für Werder. Oder wie Uli Hoeneß vor dem Spiel sagte: „Wenn wir schon nicht Meister werden, dann wollen wir in diesem Spiel zeigen, wer die beste deutsche Mannschaft ist.“ Nun ja. 45 Minuten bleiben dafür noch. Wir handhaben es derweil wie der in die Jahre gekommene Museumsführer und werden euch da gleich gemächlichen Schrittes durchführen.

Werder Bremen gegen den FC Bayern München im Retro-Liveticker: Werder führt zur Pause deutlich - und hochverdient

46. Minute: Durchgang zwei läuft. Beide Mannschaften im Stile geschlossener Geldwechselbüros: haben nicht getauscht.

49. Minute: Kurz vor dem Spiel, Experten wissen das natürlich, haben die Bayern übrigens ihr neues Maskottchen vorgestellt. Es heißt „Berni“, ist ein Bär und lungert angesichts des Spielstands derart regungslos hinter der Werbebande rum, dass man sich ernsthaft fragen muss, ob der Student im Kostüm nicht längst Feierabend gemacht hat.

54. Minute: Pizarro steht im Abseits. Muss doch nicht sein. Komm nach Hause, Junge! Kriegen wir schon wieder hin, das alles.

55. Minute: Und jetzt neues aus der allseits beliebten Reihe „Schlechte Reime auf niederländische Fußballernamen“: Maakay mit dem 1:3. Uff. Verbeugung, spärlicher Applaus. Und ab.

Werder Bremen gegen den FC Bayern München im Retro-Liveticker: Roy Makaay verkürzt - neue Hoffnung für den Rekordmeister?

56. Minute: Thomas Schaaf, oh du Mann großer Gesten! Werders Coach wechselt Viktor Skripnik ein, der nach sieben Jahren als Profi nach der Saison in den Trainerstab des Vereins wechseln wird. Christian Schulz geht für den Ukrainer vom Platz, bekommt von ihm irgendwas zugeraunt das wie: „Brust breit, aber nicht Nase hoch klingt.“ Könnte ein geflügeltes Wort werden.

59. Minute: Werder, nicht nachlassen jetzt! Der Anschlusstreffer zeigt hier durchaus Wirkung. Die Gäste mittlerweile wie ängstliche Broker an der Wall Street: investieren viel zu wenig.

60. Minute: Oliver Kahn trägt inzwischen ein Cappi. Nicht gegen die Sonne, nein, nein. Er möchte einfach nicht mehr erkannt werden.

63. Minute: Premiere blendet das Abseitsverhältnis ein: 8:8. Richtig enges Ding! Ailton wird sich deutlich steigern müssen.

67. Minute: Wieder der Kugelblitz, vergibt die Großchance aufs 4:1, woraufhin aus dem Off ein heiseres „Tooooooni“ von Thomas Schaaf zu hören ist. Schwer vorstellbar, dass der Trainerveteran einen anderen Profi in seiner Laufbahn öfter zusammengeschissen hat.

69. Minute: Ismael liegt am Boden, hat offenbar muskuläre Probleme in der Wade. Junge, Junge, Hochspannung im Titelkrampf. Tschuldigung.

Werder Bremen gegen den FC Bayern München im Retro-Liveticker: Werder auf dem Weg zur Deutschen Meisterschaft

72. Minute: Das nenne ich Fairplay! Die bayerischen Fans im „Telekom-T“ haben sich mittlerweile umgesetzt und bilden jetzt ein großes „W“.

75. Minute: Nur damit das niemand vergisst: Angefangen hat Werders Saison 2003/2004 mit einer krachenden 0:4-Pleite beim FC Superfund Pasching. Einfach mal wirken lassen.

80. Minute: Marcel Reif hat inzwischen den großen Bayern-Abgesang gestartet, geht den Münchner Kader Position für Position durch und mahnt Verbesserungspotenzial an. Was soll das!? Das Einzige, was uns noch interessiert: Wie kriegen wir Ailton aus dem verfluchten Schalke-Deal raus?

86. Minute: Eifrige Werder-Betreuer tragen inzwischen große Kartons zur Ersatzbank, darin: der feinste Zwirn, den es im Fußball geben kann, nicht aus Seide, dafür aus Sehnsucht: die Meistershirts. Schnüff.

90. Minute: Abpfiff! Werder Bremen gewinnt das Spiel und ist Deutscher Meister 2004! Was für ein Triumph! Spieler liegen sich in den Armen, Uli Hoeneß gratuliert anständig, während am anderen Ende von Deutschland ganz Bremen explodiert. Oh Fußball, du emotionale Achterbahn. Eben noch weint Ailton auf dem Platz Rotz und Wasser, schon springt er vor laufenden Kameras nackt ins Entmüdungsbecken. Machen wir jetzt auch. Gute Nacht.

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