Kolumne: Nils Petersen schreibt für die DeichStube
„Richtig schlechtes Gewissen! – So habe ich Trainerwechsel erlebt“
Nun hat´s Alex Nouri getroffen. Schon wieder müssen sich die Bremer Fans an ein neues Gesicht an der Seitenlinie gewöhnen.
Seit dem Abgang von Thomas Schaaf kommt über Jahre keine Ruhe mehr ins Trainerbüro des SVW. Aber so viel sollte klar sein: Eine Entlassung ist immer unschön für alle Beteiligten!
Die Spieler haben die Leistung nicht gebracht und kosten einem Menschen, nicht nur einem Übungsleiter, den Posten. Die Fans sind enttäuscht über die mangelnde Punkteausbeute und die Sportliche Leitung hat natürlich auch ihren Anteil daran. Kurzum: Die Beurlaubung eines Trainers ist für alle ein belastender Stimmungskiller.
Bedrückt bei Schaafs Abschiedsrede
Ich kann mich noch genau erinnern, wie bedrückt wir bei der Abschiedsrede von Schaaf waren. Jeder saß mit schlechtem Gewissen auf seinem Platz und hörte dem Mann zu, der über Jahre Werder Bremen gelebt hat und dem WIR mit UNSERER Leistung den Job gekostet haben. Ich war ein Teil der Mannschaft, die eine 14 Jahre lang andauernde Ehe kaputt gemacht hatte. Er gab jedem persönlich die Hand und umarmte uns. Eine Vaterfigur, wie man sie heute nur noch selten findet.
Wenn solch eine Trainerentlassung stattfindet, beginnt aber zugleich das Bangen und Hoffen in der Kabine. Man könnte meinen: Neuer Trainer, neues Glück. Ich nenne es lieber: Alte Spieler, alte Qualität. Jeder will dem neuen Coach seinen Spielstil schmackhaft machen, aber seien wir ehrlich: In den ersten Trainingseinheiten geht’s voll zur Sache und die Intensität ist eine andere, aber von Zeit zu Zeit passt sich jeder seinem Niveau an.
Hinzu kommt, dass der neue Trainer das Bundesliga-Geschehen in der Regel auch schon länger verfolgt. Dementsprechend hat er schon vor seinem ersten Arbeitstag eine Elf im Kopf, die ihm eine längere Amtszeit bescheren soll. Ein bis zwei Überraschungen mag es ab und zu geben, aber wenn ich eines gelernt habe, ist es, dass es nie von Null losgeht. Was hatte ich für eine Anfangseuphorie, als Viktor Skripnik Trainer wurde und die Raute mit zwei Stürmern endlich wieder das Bremer Spiel nach vorne beleben sollte. Ohne dass ich damals böse war, noch es heute bin, hatte ich vom ersten Tag an keine Chance – ein paar Wochen später wechselte ich nach Freiburg.
Ansprache des neuen Trainers: Es geht zu wie beim ersten Schultag
Aber zurück zur Trainersuche: Jeder Spieler liest die Presse und kennt den Kandidatenkreis. Auch wir Profis gehen schon voreingenommen an die neue Sache. Wir whatsappen täglich mit anderen Spielern und haben natürlich auch Infos über sämtliche Trainer. Wenn dann Mister X vor die Mannschaft tritt und seine erste Ansprache hält, geht es zu wie beim ersten Schultag. Alle erscheinen ausnahmsweise überpünktlich, die Handys werden lautlos gestellt und alle Köpfe sind zum neuen Chef gerichtet, um ihm sofort das Gefühl zu geben, anwesend, präsent und gewillt zu sein. Bis sich nach gut zwei Wochen ein Stammkader herauskristallisiert und das Trainingsniveau wieder angepasst hat.
Heutzutage möchte ich persönlich übrigens gar kein Trainer mehr sein. Da lebst du aus dem Koffer und verhandelst schon vor Amtsantritt deine Abfindung. Als Fußballer lebst du schon wie ein Nomade, aber als Trainer kriegst du bei dem Karussell heutzutage keine Wohnung mehr, weil sich Vermieter keine Kurzzeit-Mieter wünschen.
Qualität im Kader schützt keinen Trainer
Und selbst in Bremen geht es mittlerweile schnell: Wenn man in sämtliche Abfindungen zusammenrechnet, könnte man ja beinahe Kevin de Bruyne zurückholen – naja vielleicht doch nur leihen, aber selbst der saß neben mir, als sich die Legende Schaaf verabschieden musste. Ich will sagen: Qualität im Kader schützt keinen Trainer. Die Kunst ist es, alle Spieler bei Laune zu halten, die Fans und die Medien für sich zu gewinnen, authentisch zu sein, das Niveau zu steigern und einen Fußball spielen zu lassen, der attraktiv und in allererster Linie erfolgreich ist. Aber eigentlich kann vermutlich kaum jemand diese Erwartungen erfüllen – sonst müsste Bayern München wohl nicht übergangsweise Jupp Heynckes aus dem Ruhestand zurückholen.
Dennoch traue ich Frank Baumann und Co. zu, einen geeigneten Mann für Grün-Weiß zu begeistern, der den Bremer Bundesliga-Dampfer für lange Zeit in einen sicheren Hafen namens Mittelfeld manövriert. Innerhalb von ein paar Tagen muss der neue Coach dann Leichtigkeit in die Spieler-Venen injizieren. Und eine Kriegermentalität à la Thomas Delaney, mit der dir jeder Werder-Fan auch mal Missgeschicke verzeiht. Ich wünsche allen Beteiligten, dass es gelingt, gegen Hannover den Bock umzustoßen – gleichwohl müssen wir Freiburger punkten. Wenn am Ende beide Teams die Klasse halten, bin ich glücklich und das Trainer-Karussell dreht sich hoffentlich nur an anderen Orten der Republik.
DeichStuben-Kolumnist Nils Petersen vor dem Spiel von Werder Bremen bei Bayern München: „Einfach mal die Kaugummi-Sorte wechseln...“
Zur Person: Der 28-jährige Stürmer kam 2012 vom FC Bayern München zum SV Werder Bremen. Für die Grün-Weißen erzielte er in 72 Pflichtspielen 18 Tore und bereitete neun weitere vor, ehe er im Januar 2015 zum Bundesliga-Konkurrenten SC Freiburg transferiert wurde. Im Breisgau ist Petersen – wie auch schon im Bremen – Publikumsliebling. Seine Bilanz: 93 Pflichtspiele, 49 Treffer, 12 Assists. Bemerkenswert: Mit 20 Toren als Einwechselspieler ist Petersen der erfolgreichste Joker der Bundesliga-Geschichte.
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