Ex-Werder-Profi gewährt interessante Einblicke
„Voll krasser Ego-Anfall“: Ex-Werder-Profi Mertesacker spricht offen über seinen WM-Tiefpunkt 2014 und das „Eistonnen-Interview“
Der Ex-Profi des SV Werder Bremen, Per Mertesacker, hat im NDR-Podcast „Wir Weltmeister. Auf der Suche nach 2014“ über das legendäre „Eistonnen-Interview“ gesprochen und seinen absoluten Tiefpunkt bei der WM 2014 verraten.
Bremen – Im Profifußball haben es Spieler, Trainer und Offizielle meist ungern, wenn die Tür zur Kabine für die Öffentlichkeit etwas zu weit aufsteht. Das Innerste der Mannschaft soll geschützt werden, vertrauliche Gespräche vertraulich bleiben. Manchmal muss dann schon ein wenig Zeit vergehen, ehe die Beteiligten bereit sind zu erzählen, was sich hinter verschlossenen Türen so abgespielt hat – selbst bei positiven Ereignissen. Zehn Jahre nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien packen nun prominente Protagonisten von damals aus und erzählen ihre Geschichten auf dem Weg zum deutschen Triumph. Einer von ihnen: Per Mertesacker. Im neuen Sportschau-Podcast des NDR „Wir Weltmeister. Auf der Suche nach 2014“, der seit Dienstag in der ARD-Audiothek verfügbar ist, blickt der Ex-Profi des SV Werder Bremen zurück auf eine große Enttäuschung im Turnier, eine kleine Heldentat im Finale und seinen legendären TV-Ausraster. Die DeichStube durfte vorab reinhören.
Werder Bremen-Ex Per Mertesacker: „Es ist einfach aus mir herausgeplatzt“
„Viele sprechen mich heute noch drauf an“, sagt Per Mertesacker, der seine Karriere 2018 beendet hat und seitdem die Nachwuchsakademie des FC Arsenal leitet, in der fünften von sechs Podcast-Folgen, „aber weniger auf den WM-Titel als auf dieses Interview“. Nach dem mühsamen 2:1-Sieg nach Verlängerung im Achtelfinale gegen Algerien war dem Verteidiger im Fernsehen der Kragen geplatzt, er blaffte ZDF-Reporter Boris Büchler für kritische Fragen an und erklärte zum Schluss, sich „jetzt erst mal drei Tage in die Eistonne“ zu legen. „Ich habe das nicht heraufbeschworen, zu sagen: Ok, ich muss jetzt hier mal einen raushauen, ich muss uns jetzt beschützen vor den Anfeindungen oder negativen Schwingungen“, erklärt Mertesacker heute. „Es ist einfach herausgeplatzt.“ Die Algerier hatten es dem DFB-Team zuvor richtig schwer gemacht und an den Rand des frühen Ausscheidens gebracht. „Auf einmal im Spiel denkst du: Das Timing stimmt nicht, die sind richtig gut im Eins-gegen-eins, die können kämpfen, laufen, die haben alles, was es braucht, um dagegenzuhalten, und wir werden hier gnadenlos dahergespielt. Das war schon krass.“
Dass die DFB-Elf schließlich doch gewann und Per Mertesacker im TV ein Statement der besonderen Art setzte, das anschließend auch in der Mannschaft die Runde machte, lässt sich im Nachhinein als wichtiger Punkt auf dem Weg zum Titel identifizieren: „Da war hinterher direkt schon klar: Das könnte jetzt so ein Moment sein, wo wir die Mentalität endlich haben. Wir sind im Tunnel, alle gegen uns, wir sind bereit.“ Doch für Mertesacker wurde das Turnier erst danach richtig schwierig – vor allem emotional. Denn vor dem Viertelfinale gegen Frankreich nahm Bundestrainer Joachim Löw den bisherigen Dauerbrenner plötzlich aus der Startelf. Das Gespräch darüber verlief für beide Seiten wenig angenehm. „Es war von vornherein keine Wohlfühlatmosphäre in dem Raum“, erinnert sich Löw. „Die Umgebung war schon ein bisschen düster und mir ist die Begründung irgendwie auch schwergefallen.“ Die brauchte Mertesacker in dem Moment aber auch gar nicht mehr. „Wenn du hörst, du spielst morgen nicht, ist dir das alles egal“, sagt der heute 39-Jährige. „Du hörst ja gar nicht mehr zu.“ Ein tief enttäuschter Mertesacker beendete daraufhin selbst das Gespräch. Löw: „Wir beide sind mit einem Gefühl zurückgeblieben, das nicht so gut war.“
Werder Bremen-Ex Per Mertesacker: „Habe mich immer nur gefragt: Warum ich?“
Per Mertesacker verkrümelte sich daraufhin in sein Hotelzimmer, fand aber keine Ruhe. „Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, nicht eine Sekunde, und habe mich immer nur gefragt: Warum ich? Warum ich? Warum ich?“. Heute nennt er das: „Voll krasser Ego-Anfall.“ Doch in der Nacht fraß es ihn auf. „Zwölf Stunden hat es gedauert, bis ich gesagt hab: Ok, jetzt bin ich drüber, jetzt muss ich zum Frühstück gehen, jetzt muss ich das schlucken und jetzt muss ich Vorbild Nummer eins sein.“ Mertesacker nahm seine neue Rolle an, unterstützte die Mannschaft so gut es ging von außen, gab während des 1:0-Sieges gegen Frankreich sogar den Wasserträger. „Er war der Teamplayer schlechthin“, lobt Löw die Charakterstärke des Innenverteidigers. Doch danach brach Mertesacker noch einmal zusammen: „Dadurch, dass ich nicht geschlafen habe und versucht habe, alles zu geben und auch da noch Energie zu bringen, war ich erst mal zwei Tage voll raus, zwei Tage nur in meinem Zimmer, für mich – krank.“
Mertesacker, der von 2006 bis 2011 beim SV Werder Bremen unter Vertrag gestanden hatte, blieb den Rest des Turniers Ersatzspieler. Aber er sollte noch einen besonderen Moment bekommen – im Finale. Eigentlich stand in der Schlussphase schon Kevin Großkreutz als letzter Joker bereit, doch nach dem 1:0 von Mario Götze in der 113. Minute gegen Argentinien brachte Löw kurz vor Schluss noch einmal Per Mertesacker. „Als dann das Signal kam, da ist eine Energie durch mich durchgegangen: Ich brech‘ jetzt hier durch die Wände und gehe durch. Unbeschreiblich“, erinnert sich Mertesacker. Der 1,99-Meter-Mann sollte die knappe Führung mit über die Zeit bringen. Als er noch eine letzte Flanke aus dem Strafraum köpfte, sei das von den deutschen Fans wie ein Tor bejubelt worden. „Das nochmal aufzusaugen und auf dem Platz zu sein, wenn die Pfeife zum letzten Mal ertönt in diesem Turnier – das war schon magisch.“ (han)
Der sechsteilige NDR-Podcast „Wir Weltmeister. Auf der Suche nach 2014“ ist seit dem 7. Mai in der ARD-Audiothek verfügbar. Die vier Folgen der entsprechenden Doku-Serie sind ab dem 22. Mai in der ARD-Mediathek zu sehen, Das Erste strahlt sie am 25. Mai nach dem DFB-Pokalfinale auch erstmals im Fernsehen aus.