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Bremen - Wenn Claudio Pizarro am Montagabend mit dem 1. FC Köln ins Weserstadion kommt, wird er den Bremer Rasen mit ziemlicher Sicherheit zum letzten Mal als Fußballprofi betreten.
Für den Peruaner, inzwischen biblische 39 Jahre alt, wird es die finale Rückkehr an jenen Ort, wo seine große Karriere einst begann. Im September 1999 bestritt Pizarro sein erstes Spiel im Weserstadion. Diejenigen, die dabei waren, sprechen inzwischen ehrfürchtig davon. So wie der Autor dieses Textes, für den Werders 5:0-Erfolg über den 1. FC Kaiserslautern einen Wendepunkt markierte. Eine Erinnerung.
Dass Kaiserslautern als Aufsteiger sensationell Deutscher Meister geworden war, lag gerade einmal zwei Jahre zurück. In der Firma, für die mein Vater arbeitete, interessierte es im Spätsommer ‘99 aber niemanden mehr. Die betriebseigenen Dauerkarten, Südtribüne, Block 39, fanden keinen Abnehmer, und so kam mein Vater ein paar Tage vor dem Spiel abends nach Hause und sagte diesen knappen Satz, den ich so gerne von ihm hörte und bis heute von ihm höre: „Wir gehen ins Stadion.“ Es war eine Feststellung, keine Frage. Er kannte die Antwort seines 13-jährigen Sohnes ja schon.
Bereits viele Male waren wir gemeinsam zu Werder gegangen, als kleinste Schicksalsgemeinschaft der Welt. Bei unseren Ausflügen aus dem Umland in die große Stadt wich die zarte Hoffnung vor dem Spiel meist der bitteren Enttäuschung danach: Einen Sieg hatten wir zusammen noch nie gesehen. Wir gingen trotzdem hin. Nicht immer, aber regelmäßig. Zwei bis drei Heimspiele pro Saison. Den Rest verfolgten wir am Radio. Mit einem Bleistift führte mein Vater eisern Strichliste über die Zwischenstände. Der Mann hatte eine Mission.
Werder – das musste etwas Tolles sein
Schließlich war er es gewesen, der im Juni 1993 mein Interesse für Werder geweckt hatte, indem er einen vor Farbe tropfenden Pinsel quer durchs Carport schmiss. Im Radio lief die Reportage von Werders 3:0-Erfolg in Stuttgart, der die Meisterschaft bedeutete. Gemeinsam tanzten wir in unserem Garten über den Rasen. Er freudetrunken, ich, ohne genau zu wissen, was ich da tat. Werder – das musste etwas Tolles sein. Etwas, das mein Vater und ich fortan miteinander teilen sollten.
Da ich mit dem Fan-Dasein auf dem absoluten Höhepunkt begonnen hatte, kamen die folgenden, sportlich fast durchgehend tristen Jahre einer harten Probe gleich, die ich nicht immer bestand. Noch heute besitze ich einen Schal von Borussia Dortmund, der mir als ebenso große Jugendsünde erscheint wie das Klauen im Kiosk Coldewey oder der kleine Waldbrand im Garten von Markus Timke. Werder zu lieben, war zwischen all den Bayern- und Dortmund-Fans in der Schule nicht immer leicht. Mein Vater lotste mich. Von Spiel zu Spiel, von Saison zu Saison. Wir waren Werder, die anderen waren die anderen. Trotzdem wirkte mein Vater manchmal, wenn es mal wieder ganz böse ausgegangen war, als hätte er mir das alles gerne erspart.
Dann kam der 12. September 1999. Zu behaupten, ich könne mich an jedes Detail dieses Tages erinnern, wäre gelogen. Das kann ich gut 18 Jahre später nicht. Einzelne Bilder sind aber immer noch da, messerscharf. Als Eindrücke gespeichert, für immer. Der rauchende Mann in der Reihe vor uns, der meinem Vater eine Zigarette gibt. Werders dunkelgrüne Trikots, die an den Spielerkörpern flattern wie die Flaggen eines Schiffs auf hoher See. Aber vor allem ist da das Bild dieses Stürmers, 20 Jahre jung, leicht vorgebeugt beim Laufen, auf dem Rücken die Nummer 10, die ihm schon vor dem Anstoß eine besondere Aura verleiht. In meinen jungen Fan-Jahren hatte ich zuvor schon einige Stürmer zu Werder kommen sehen. Sie hießen Vladimir Beschastnykh, Angelo Vier und Harvard Flo. Ich erwartete nichts mehr.
Völlige Stille, ehe der Jubel aufbrandet
Dann traf dieser Pizarro in der 20. Minute zum 1:0. Flanke Dieter Eilts, Rade Bogdanovic legt den Ball ab, Pizarro schraubt sich hoch: Kopfball, Tor. Mein Vater sprang auf, der Mann vor uns auch. Ich umarmte beide. In meiner Erinnerung ist das Stadion nach dem Treffer für den Bruchteil einer Sekunde vollkommen still, ehe der Jubel aufbrandet. Ob es wirklich so war, weiß ich nicht, aber es ist eine schöne Vorstellung. Am Ende des Spiels hatte Werder mit 5:0 gewonnen. Mein Vater und ich hatten endlich unseren ersten Sieg eingefahren.
Heute wissen wir, dass wir das erste von insgesamt 104 Pizarro-Toren für Werder in der Bundesliga live gesehen haben. Inzwischen habe ich meinem Sohn davon erzählt.