Werder-Remis in der Taktik-Analyse
Viele Flanken, wenig Ertrag: Werders Remis gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse
Der SV Werder Bremen hadert nach dem 2:2 gegen Borussia Mönchengladbach mit dem Schiedsrichter. Doch gerade in der ersten Halbzeit fiel den Bremern wenig ein gegen das kompakte System der Gladbacher. Warum Werder zu häufig flankte und wieso sie nach der Pause besser spielten, erklärt unser Kolumnist Tobias Escher in seiner Taktik-Analyse.
Bremen – Vor zwei Wochen hieß die Realität des SV Werder Bremen noch Abstiegskampf. Nach zwei Siegen in Folge befinden sich die Grün-Weißen plötzlich in der Situation, um die europäischen Plätze mitzuspielen. Angesichts dieser Hoffnung war das 2:2-Unentschieden gegen Borussia Mönchengladbach ein Rückschlag. Werder hadert nach dem Spiel zwar zurecht mit dem Schiedsrichter. Zur Wahrheit gehört jedoch auch: Gegen den Abstiegskandidaten aus Mönchengladbach fanden die Bremer nur phasenweise Lösungen.
Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Gladbach kontert Werder früh aus
Werder-Coach Ole Werner sah angesichts der jüngsten Erfolge keine Notwendigkeit, seine Startelf zu verändern. Werder Bremen ging mit derselben Formation in die Partie wie in den vergangenen beiden Spielen. Nick Woltemade und Romano Schmid begannen an der Seite von Mittelstürmer Marvin Ducksch. Werder agierte gegen Borussia Mönchengladbach somit aus einer 5-2-3-Formation.
Gladbachs Trainer Gerardo Seoane stellte seine Abwehr ebenfalls in einer Fünferkette auf. Seine Mannschaft verteidigte in einem 5-3-2-System. Borussia Mönchengladbach setzte auf einen ähnlichen taktischen Kniff, den die Bremer Anhänger von ihrer Mannschaft bereits kennen: Rechtsverteidiger Franck Honorat rückte bei Ballbesitz weit nach vorne. Aus der Fünferkette wurde eine Viererkette. Werder Bremen hat diesen Trick in dieser Saison ebenfalls häufig angewandt, bei den Grün-Weißen ist es Mitchell Weiser, der im Ballbesitz aufrückt.
Gladbachs Spielidee sah vor, das Tempo von Honorat und Stürmer Robin Hack zu nutzen. Die Gladbacher wollten kompakt verteidigen und nach Balleroberungen sofort die Tiefe attackieren. Das funktionierte in der Anfangsviertelstunde vorzüglich. Werder Bremen sicherte das eigene Ballbesitzspiel nicht optimal ab, so kam Borussia Mönchengladbach durch Robin Hack früh zur Führung (8.). Im Anschluss hätten die „Fohlen“ sogar nachlegen können.
Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Werder beißt sich am kompakten Zentrum die Zähne aus
Die Führung spielte Borussia Mönchengladbach in die Hände. Die Gäste zogen sich in der Folge noch weiter zurück. Ihr Ziel lautete, die Kontrolle über das Zentrum zu behalten. Die drei Mittelfeldspieler sicherten zusammen mit den drei Innenverteidigern die Spielfeldmitte. Sogar die Stürmer halfen weit in der eigenen Hälfte aus.
Werder Bremen konnte sich gegen das enge Zentrum der Gladbacher nicht behaupten. Die Bremer versuchten zwar, über das Positionsspiel in die Mitte zu gelangen. Dazu bauten sie das Spiel aus einer 3-2-5-Formation auf. Doch Borussia Mönchengladbach verteidigte in dieser Zone zu kompakt.
Werder Bremen blieb nur der Weg über die Außen. Leonardo Bittencourt und Nick Woltemade wichen häufig auf die rechte Seite aus, um hier eine Überzahl herzustellen. Diese Überzahl spielten die Bremer allerdings selten aus.
Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Werders Flanken ohne Zielspieler
Stattdessen griffen sie zu einem taktisch simpleren Mittel: Flanken. Insgesamt 17 Mal schlug Werder Bremen den Ball in der ersten Halbzeit hoch in den Sechzehner. Die Hereingaben sorgten jedoch praktisch nie für Torgefahr, denn im Strafraum fehlte ein Zielspieler. Weder Ducksch noch Woltemade sind klassische Kopfballstürmer. Borussia Mönchengladbach hatte im Zentrum einen klaren Größenvorteil. Nur zwei Flanken fanden einen Abnehmer. Werder sammelte zwar über 60% Ballbesitz – allerdings nur in Zonen, in denen sie für Gladbach nicht gefährlich wurden.
Im Verlauf der ersten Halbzeit verlagerte sich das Spiel immer weiter in die Gladbacher Hälfte. Die Gäste verteidigten von Minute zu Minute tiefer. Zwischenzeitlich bauten sie ihre Fünferkette am eigenen Strafraum auf. Für Entlastung konnte Borussia Mönchengladbach in dieser Phase gegen Werder Bremen nicht sorgen. Ballgewinne erlangten sie nur am eigenen Strafraum; für flache Konter war der Weg zum gegnerischen Tor zu weit. Für hohe Bälle fehlte auch ihnen ein Zielspieler.
Dennoch lief alles auf eine Gladbacher Pausenführung hinaus. Doch kurz vor dem Pausenpfiff gelang es Werder Bremen erstmals, eine Aktion auf dem Flügel nicht mit einer Flanke, sondern mit einer Kombination abzuschließen. Nach einem Ballgewinn schalteten die Bremer schnell. Am Ende erzielte Woltemade sein erstes Saisontor (45.).
Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Offenere zweite Halbzeit
Durch den Ausgleichstreffer gab Borussia Mönchengladbach die defensive Haltung auf. Nach der Pause rückte Honorat häufiger ins Mittelfeld. Die Gladbacher liefen den SV Werder Bremen in dessen Spielaufbau nun aus einem 4-4-2 an. Zudem wechselte Seoane mit Tomás Cvancara einen neuen Stürmer ein. Der 1,90 Meter große Tscheche sollte lange Bälle annehmen und weiterleiten.
In der Folge entstand ein offeneres Spiel als vor der Pause. Werder Bremen gelang es häufiger, Woltemade und Schmid in den Halbräumen vor der Abwehr einzusetzen. Borussia Mönchengladbach wiederum kam über den vorrückenden Rocco Reitz zu mehreren Abschlüssen. Werder ging als Sieger aus dieser Phase hervor: Woltemade traf nach einem Eckball (65.) und brachte die Bremer vorerst auf die Siegerstraße.
Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse: Werder kann das Spiel nicht verwalten
Der Führungstreffer des SV Werder Bremen veränderte die Gemengelage auf dem Feld. Seoane wechselte dreifach und stellte gleichzeitig seine Formation um. Die Gladbacher griffen fortan in einer 4-2-3-1-Formation an. Werder hingegen zog sich mit der Führung im Rücken zurück. Coach Ole Werner stellte mit der Einwechslung von Jens Stage auf ein defensives 5-3-2 um. Nach Woltemades Tor zum 2:1 sank der Bremer Ballbesitzwert auf unter 40 Prozent.
In den letzten Minuten brachte Seoane mit Jordan einen weiteren Mittelstürmer. Im 4-4-2-System jagten sie nun die Bälle nach vorne, doch Werder Bremen verteidigte kompakt. Angesichts der tiefen Positionierung gelang es den Grün-Weißen jedoch nicht, über Konter für Entlastung zu sorgen. Ein umstrittener Elfmeter schenkte Borussia Mönchengladbach schließlich doch noch den Ausgleichstreffer (90.+1).
So muss am Ende aus Bremer Sicht ein gemischtes Fazit gezogen werden. In der ersten Halbzeit schlug Werder Bremen zu viele Flanken. Die Grün-Weißen benötigten zu lange, um gegen das 5-3-2-System von Borussia Mönchengladbach bessere taktische Mittel zu entwickeln. Das offenere Spiel nach der Pause schmeckte Werder besser. Gerade deshalb fühlt sich das Unentschieden wie ein großer Rückschlag im Kampf um Europa an.
