Nach Werders 1:3 gegen den FCA

Taktik-Analyse: Klassenerhalt vertagt! Wie sich Werder von Augsburg den Schneid abkaufen ließ

Wie sich der SV Werder Bremen bei der Niederlage gegen den FC Augsburg (taktisch) den Schneid abkaufen ließ - die Taktik-Analyse.

Chance vergeben! Werder Bremen schafft gegen den FC Augsburg nicht den erhofften Schritt zum Klassenerhalt. In der ersten Halbzeit wurden erneut die Probleme der Fünferkette ersichtlich. In der zweiten Halbzeit gewann FCA-Coach Manuel Baum das Duell der Trainer, findet unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Werder Bremens Trainer Daniel Thioune hatte sich einen taktischen Plan für den FC Augsburg zurechtgelegt, der in den Anfangsminuten funktionierte, danach jedoch nicht mehr.

Werder Bremens Niederlage gegen den FC Augsburg in der Taktik-Analyse

Die Chancenverwertung gehört in dieser Saison wahrlich nicht zu Werder Bremens Stärken. Darunter fällt nicht nur das Unvermögen, den Ball ins Tor zu schießen. Wie bereits gegen St. Pauli (0:1) und den 1. FC Köln (1:3) hat Werder gegen den FC Augsburg die Chance verpasst, einen großen Schritt in Richtung Klassenerhalt zu gehen.

Zugleich befeuert die Leistung der ersten Halbzeit eine Debatte, die Werder Bremen bereits die gesamte Saison über begleitet. Mit der Fünferkette in der Abwehr spielte sich Werder vor der Pause kaum Chancen heraus. Erst die Umstellung auf eine Viererkette brachte neuen Schwung ins Bremer Angriffsspiel. Letztlich gewann jedoch FCA-Coach Manuel Baum das taktische Duell gegen Werder-Trainer Daniel Thioune.

Thioune sah nach dem starken 1:1 gegen Champions-League-Aspirant VfB Stuttgart wenig Gründe, seine Startformation zu verändern. Einzig Marco Friedl kehrte nach seiner Sperre zurück, der angeschlagene Niklas Stark musste auf der Bank Platz nehmen. Thioune hielt damit an Werder Bremens 5-2-3-Formation des vergangenen Spiels fest.

Die Grafik zeigt Werders Umformung im Spielaufbau. Werder Bremen konnte zunächst Raumgewinn über das Zentrum erzielen, ehe der FC Augsburg auf ein 5-3-2 umstellte.

Taktik-Analyse: Werder Bremen setzt gegen den FC Augsburg auf eine Mittelfeldraute

Augsburgs Trainer Baum stellte seine Mannschaft ebenfalls in einem 5-2-3 auf. Beide Teams nutzten spiegelgleiche Formationen. Das führte zu zahlreichen Mann-gegen-Mann-Duellen auf dem ganzen Feld. Die erste Phase der Partie war geprägt von diesen direkten Duellen, wobei die Heimmannschaft Werder Bremen zunächst mehr Ballbesitz sammelte.

Für den Spielaufbau wählten die Bremer eine besondere Struktur. Nominell agierten Jens Stage und Romano Schmid leicht versetzt hinter Stürmer Jovan Milosevic. Bei Ballbesitz ging jedoch Schmid auf eine Höhe mit Cameron Puertas, während Stage weiter vorrückte. Es entstand eine Raute im Bremer Mittelfeld: Senne Lynen agierte auf der Sechs, Puertas und Schmid auf der Acht, Stage auf der Zehn. Werder Bremen wollte über diese Raute durch das Zentrum aufbauen. Sobald Augsburg sich zusammenzog, suchten die Bremer den Weg über die Flügel. Der FC Augsburg hatte in den Anfangsminuten leichte Probleme, Zugriff auf das Bremer Aufbauspiel zu erhalten. Schnell jedoch passte Baum sein Team an. Alexis Claude-Maurice ließ sich als dritter Sechser ins Mittelfeld fallen. Die Augsburger hielten in der neuen 5-3-2-Formation das Zentrum kompakt.

Lange Zeit plätscherte das Spiel vor sich hin. Beide Teams neutralisierten sich, bis Werder Bremens Pressing einmal nicht griff. Drei Bremer stürzten sich auf Claude-Maurice, der sich mit etwas Glück durchsetzte. Den anschließenden Schnellangriff spielte Augsburg schnörkellos zu Ende (24.). Der Augsburger Führungstreffer setzte den Bremern merklich zu. Sie wagten nun weniger Risiko, sodass sie noch seltener durch das Zentrum nach vorne gelangten. In der Nachspielzeit nutzte Augsburg seine zweite Chance zum zweiten Tor.

Taktik-Analyse: Systemumstellung und Dreifachwechsel bringen Schwung in Werder Bremens Offensive

Die Bilanz der ersten Halbzeit fiel aus Bremer Sicht verheerend aus. Gerade einmal drei Schüsse hatten sie abgegeben, kein einziger flog auf den Kasten von FCA-Keeper Finn Dahmen (Expected-Goals-Wert: 0,29). Im Bremer Spiel musste sich etwas ändern. Thioune wechselte gleich dreifach. Mit den Einwechslungen von Justin Njinmah, Samuel Mbangula und Salim Musah veränderte Thioune auch die Formation. Werder Bremen griff fortan in einem offensiven 4-3-3 an. Schmid und Stage interpretierten ihre Rollen im Zentrum offensiv. Auf den Flügeln sorgten Linksaußen Mbangula und Rechtsaußen Njinmah für mehr Breite.

Gerade über die Flügel erspielten sich die Bremer in der Anfangsphase der zweiten Halbzeit gute Möglichkeiten. Beide Flügel waren nunmehr durch Außenverteidiger und Außenstürmer doppelt besetzt. Da auch Schmid immer wieder auf den Seiten aushalf, erzielte Werder hier eine Überzahl. Das zentrumsorientierte 5-3-2 der Augsburger konnte die Flügel nicht schließen. Vom Flügel aus flogen die Flanken in Richtung Stürmer Musah. Sein Tor in der 54. Minute wurde noch wegen Abseits aberkannt. Zehn Minuten später erzielte Romano Schmid den Anschlusstreffer für Werder Bremen.

Taktik-Analyse: Manuel Baum reagiert auf Werder Bremens Anschlusstor und der FC Augsburg kontert

Das Gegentor rüttelte das Augsburger Team wach – allen voran Trainer Manuel Baum. Er wechselte ebenfalls dreifach und stellte damit auf ein defensiveres 5-4-1-System um (67.). Der FC Augsburg besetzte die Flügel nun ebenfalls doppelt, sie gerieten hier also nicht mehr in Unterzahl. Dass die Gäste direkt im Anschluss das 3:1 erzielten (69.), steigerte ihr Selbstbewusstsein nur. Für Werder Bremen war dieses Tor ein herber Schlag. Sie mussten fortan noch stärker ins Risiko gehen. Erst rückten die Außenverteidiger weiter vor. Später übernahm der eingewechselte Marco Grüll (79., für Yukinari Sugawara) die Rechtsverteidiger-Position nur noch auf dem Papier. Werder verteidigte mit einer Dreierkette.

Diese Schlussoffensive brachte jedoch kaum Torgefahr für die Bremer. Viel eher waren es die Augsburger, die Konter um Konter fuhren. Werder Bremen sicherte nur mit zwei bis drei Akteuren ab, während gerade Augsburgs Außenverteidiger im Umschaltmoment aggressiv vorrückten. Die Fuggerstädter blieben hellwach und profitierten mehrfach von Bremer Fehlpässen. 1,64 ihrer insgesamt 3,24 Expected Goals erspielten sich die Augsburger nach dem 3:1. Lediglich ihre bislang makellose Chancenverwertung konnten sie nicht aufrechterhalten.

Dennoch war ihr Sieg am Ende ungefährdet. Werder Bremen schnupperte nur kurz am Ausgleich. Thiounes Umstellung auf eine Viererkette setzte zwar nach der Pause neue offensive Kräfte frei. Doch FCA-Coach Manuel Baum fand auf jede Bremer Offensivstrategie die passende Antwort. Das Taktik-Duell gewann der Augsburger Coach klar. Der FC Augsburg kann damit plötzlich von Europa träumen, während Werder weiter um den Klassenerhalt zittert. Die unterschiedliche Chancenverwertung beider Klubs war das prägende Thema dieses Spiels – in jeder Hinsicht.  

Rubriklistenbild: © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Max Vincen

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