1:2-Niederlage am Sonntag
Taktik-Analyse: Das alte Rezept von Werder Bremen funktioniert nicht mehr – auch nicht gegen St. Pauli
Werder Bremen verliert das wichtige Kellerduell gegen den FC St. Pauli. Trainer Daniel Thioune verzichtete auf Experimente – und vielleicht war genau dies das Problem. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher seziert die bittere 1:2-Niederlage.
„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Dieses Zitat wird häufig Albert Einstein zugeschrieben. Der wahre Urheber ist jedoch nicht bekannt. Vielleicht stammt das Zitat ja aus der Feder eines Fans von Werder Bremen. Denn kaum ein Satz beschreibt die Spielzeit der Grün-Weißen treffender.
Im Spiel gegen den FC St. Pauli plagten Werder Bremen dieselben Probleme wie in den Monaten zuvor. Trainer Daniel Thioune hat noch kein Rezept gefunden, um Werders Sieglos-Serie zu beenden.
Werder Bremen gegen FC St. Pauli in der Taktik-Analyse: Ein echter Abstiegskampf-Thriller
Werder Bremen bestritt am Sonntagabend ein Nachbarschaftsduell – räumlich wie tabellarisch. Thioune entschied sich, in diesem wichtigen Spiel der zuletzt praktizierten Mischung aus 5-3-2 und 5-2-3 treu zu bleiben. Karim Coulibaly und Felix Agu fielen gegen den FC St. Pauli aus. Letzterer verletzte sich kurz vor dem Anpfiff. Ersetzt wurden sie durch Isaac Schmidt und Samuel Mbangula. Dadurch ergaben sich einige personelle Verschiebungen: Mbangula begann als zweiter Stürmer leicht versetzt hinter Marco Grüll. Dadurch rückte Cameron Puertas auf die Sechser-Position. Senne Lynen wiederum übernahm den vakanten Posten in der Abwehrkette. Überraschend startete Lynen auf der halbrechten Innenverteidiger-Position, während Niklas Stark im Zentrum der Dreierkette agierte.
St. Paulis Trainer Alexander Blessin wählte eine ähnliche Formation. Seine Mannschaft begann in einer 5-2-3-Variante. In tiefen Phasen verteidigten die Gastgeber in einem 5-4-1. Diese Phasen wollten die Gastgeber jedoch minimieren: Der FC St. Pauli rückte weit vor, um Werders Aufbau zu stören. Auch Werder Bremen begann die Partie mit einem aggressiven Pressing. Sie führten es etwas mannbezogener aus als der Gegner. So entstand eine wilde Anfangsphase mit Ballwechseln auf beiden Seiten.
Taktik-Analyse gegen FC St. Pauli: Werder Bremens Offensivstrategie geht auf – bis zum Strafraum
Nach und nach offenbarte sich, wie Werder Bremen aus dem Chaos heraus zu Torchancen gelangen wollte. Im Spielaufbau suchte Werder häufig die halblinke Seite. Hierhin zog sich Romano Schmid zurück und suchte den Kontakt zu den Abwehrspielern. Werder wollte den FC St. Pauli auf diese Seite locken und anschließend das Spiel verlagern.
Auf rechts standen dazu gleich zwei Sprinter bereit: Rechtsverteidiger Justin Njinmah peste den Flügel entlang. Auch Mbangula orientierte sich häufig auf die halbrechte Seite. Beide wollten hinter die gegnerische Abwehr gelangen. Diese Strategie ging tatsächlich mehrere Male auf. Allerdings lief die Anschlussaktion fast immer schief. Werder brachte den Ball nicht in den Strafraum.
Die Bremer hatten mit einem alten Problem zu kämpfen: Es fehlte eine Anspielstation im Strafraum. Puertas agierte deutlich tiefer als zuletzt. Top-Scorer Jens Stage kippte häufig auf die Rechtsverteidiger-Position ab, um für den offensiven Njinmah abzusichern. Dadurch fehlten seine Läufe nach vorne. Stürmer Grüll wiederum mangelte es an physischer Präsenz, um sich gegen seinen Gegenspieler Hauke Wahl durchzusetzen. So versandeten die meisten Angriffe der Bremer.
Werder Bremen-Taktik-Analyse: FC St. Pauli zieht die richtigen Schlüsse – beide Teams offensiv harmlos
Die St. Paulianer versuchten wiederum, die hohe Rolle von Njinmah auszunutzen. Bei ihnen agierte Linksverteidiger Arkadiusz Pyrka etwas offensiver als sein Gegenüber Manolis Saliakas. Doch die Kiezkicker hatten mit denselben Problemen zu kämpfen wie Werder Bremen: Die Stürmer wussten sich nicht durchzusetzen. Die Doppelsechs hingegen war mit Defensivaufgaben ausgelastet. So spielten beide Teams durchaus gefällig im Spielaufbau, selbst wenn der Gegner Druck ausübte. Doch vor das Tor kam kein Team.
Nach der Pause veränderte sich die Spielanlage beim FC St. Pauli leicht. Ihre Abwehrkette zog sich einige Meter weiter zurück. In der vordersten Linie übte St. Pauli nunmehr kaum Druck aus. Dafür aber verfolgten sie die Bremer Mittelfeldspieler intensiver. Stage und Schmid verloren unter dem Druck der Gastgeber häufiger den Ball. Nach vorne wiederum blieben beide Teams harmlos. Es benötigte einen Patzer von Mio Backhaus, um St. Pauli in Führung zu bringen (55.).
Werder Bremen in der Taktikanalyse gegen FC St. Pauli: Umstellung von Daniel Thioune hat Folgen
Daniel Thioune reagierte auf den Rückstand mit einer offensiven Umstellung. Leonardo Bittencourt und Jovan Milosevic kamen, Grüll und Schmidt gingen (60.). Mbangula wechselte aus dem Sturm auf die linke Außenverteidiger-Position der Fünferkette. Schmid übernahm den zweiten Stürmerposten neben Milosevic. Werders neue Formation schien sich gleich auszuzahlen: Nach einer Flanke von Mbangula griff diesmal St. Paulis Keeper Nikola Vasilj daneben. Werder Bremen glich aus (62.).
Zugleich offenbarten sich in der Folge defensive Mängel. Mbangula interpretierte seine Position auf links eher als Außenstürmer-Position. Die Abwehrkette reagierte darauf aber nicht, sondern agierte weiter so, als gäbe es einen Linksverteidiger in einer Fünferkette. Bittencourt kam ebenfalls nicht zur Hilfe. Es geschah, was geschehen musste: Der FC St. Pauli bespielte in der 71. Minute zielgenau die Lücke auf dieser Seite und ging erneut in Führung.
Werder Bremen wiederholt Fehler gegen FC St. Pauli: Alte Fehler wiederholen sich – neue Ideen auf und neben dem Platz
In der Schlussphase warf Werder Bremen noch einmal alles nach vorne. Mit Keke Topp kam ein weiterer Stürmer auf das Feld (79.). Zudem gab Stark fortan den Aushilfs-Mittelstürmer. Doch es half nichts: St. Pauli warf sich in jeden Ball und hielt die 2:1-Führung. Die Hamburger zogen damit in der Tabelle an Werder vorbei.
Für Bremen war die Partie gegen St. Pauli ein einziges Deja-vu. Alle Fehler der Saison wiederholten sich: Die Idee, Njinmah hinter die Abwehr zu schicken, war auf dem Papier gut – scheiterte aber in der Ausführung. Die Fünferkette sollte die Abwehr stabilisieren, ließ aber zum wiederholten Male Gegentor um Gegentor zu. Und Mbangula hatte Werder als nicht-existenter Linksverteidiger bereits im Spiel gegen Eintracht Frankfurt Punkte gekostet. Werder braucht dringend neue Ideen. Die alten Rezepte funktionieren nicht.
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