Werder-Sieg in der Analyse
Werder dreht 0:3-Rückstand gegen Hoffenheim Die historische Aufholjagd in der Taktik-Analyse
Nach zwölf Minuten lag Werder Bremen bei der TSG Hoffenheim mit 0:3 zurück, nach 49 Minuten stand es 4:3 für die Grün-Weißen. Was Werder zunächst falsch machte und wie die Mannschaft danach in die Spur zurückfand, analysiert unser Kolumnist Tobias Escher in seiner Taktik-Analyse.
Sinsheim – Der SV Werder Bremen spielt in diesem Jahr seine 60. Bundesliga-Saison, über 2000 Partien haben die Bremer in der Liga bestritten. Nicht ein einziges Mal gelang es Werder im deutschen Oberhaus, nach einem Drei-Tore-Rückstand ein Spiel zu gewinnen. Bis zum Sonntagabend und dem Spiel bei der TSG Hoffenheim.
Bereits nach zwölf Minuten lag Bremen bei der TSG Hoffenheim vermeintlich aussichtslos mit 0:3 hinten. Doch nach 18 Minuten flog TSG-Verteidiger Stanley Nsoki vom Platz - und es folgte eine beispielhafte Aufholjagd. Werder Bremen wusste beim 4:3-Erfolg vor allem spielerisch zu überzeugen.
Werder Bremens Auswärtssieg bei der TSG Hoffenheim in der Taktik-Analyse: Kleine Veränderungen, große Verunsicherung
Auf den ersten Blick wirkte Werder Bremen in der Spielanlage unverändert. Trainer Ole Werner stellte seine Mannschaft wie gewohnt in einer 3-4-3-Formation auf. Allerdings wirbelte Werner sein Personal durcheinander: Mitchell Weiser begann nicht wie gewohnt als rechter Verteidiger, sondern als halbrechter Stürmer. Das führte zu einer Kettenreaktion: Romano Schmid wechselte gegen die TSG Hoffenheim auf die halblinke Seite, Felix Agu ging auf den rechten Verteidiger-Posten und auch Jens Stage musste auf der ungewohnten halbrechten Seite agieren.
Auf den ersten Blick mögen diese Änderungen klein wirken. Sie sorgten jedoch dafür, dass Werder Bremen zu Beginn der Partie gegen die TSG Hoffenheim schwächelte. In der Anfangsviertelstunde wirkte weder das Pressing noch die Rückwärtsbewegung homogen. Die Außenverteidiger rückten zu spät heraus und das Mittelfeld stand wenig kompakt.
Die TSG Hoffenheim nutzte diese kleinen Fehler gnadenlos aus. Trainer Pellegrino Matarazzo stellte seine Elf in einem 3-4-3-System auf. Der zentrale Angreifer Adam Hlozek ließ sich hierbei permanent fallen. Marius Bülter und Mergim Berisha starteten aus den Halbräumen in die Tiefe. Werder war von diesen Läufen überrascht. Zugleich sicherten sie die Flügel nicht gut ab. Nach zwölf Minuten hatte Werder Bremen bereits dreimal in der Defensive gepatzt. Die schläfrige Bremer Elf hatte sich den frühen 0:3-Rückstand verdient.
Werder Bremens Auswärtssieg bei der TSG Hoffenheim in der Taktik-Analyse: Werders Spielidee sorgt für Überzahl
Erst danach wurde die eigentliche Spielidee von Coach Ole Werner sichtbar. Weiser sollte als halbrechter Stürmer mehr Kreativität und Unberechenbarkeit in den Angriff bringen. Er ließ sich gemeinsam mit Marvin Ducksch häufig fallen. Dafür besetzten andere Akteure des SV Werder Bremen die Tiefe. Nicht nur Jens Stage, sondern auch die Außenverteidiger starteten immer wieder hinter die Abwehrkette der TSG Hoffenheim.
Am deutlichsten war dieses Muster bei Werder Bremen in der 18. Minute zu erkennen: Weiser ließ sich in dieser Situation fallen und zog dadurch einen Verteidiger der TSG Hoffenheim aus der Abwehrkette. Der pfeilschnelle Agu besetzte die Lücke und entwischte dabei seinem Bewacher. TSG-Abwehrmann Nsoki wusste sich nur mit einem Foul zu helfen. Er sah die Rote Karte für seine Notbremse.
Werder Bremens Auswärtssieg bei der TSG Hoffenheim in der Taktik-Analyse: Geduld und spielerische Klasse in Überzahl
Die Vorzeichen hatten sich gedreht: Werder Bremen hatte nun knapp 75 Minuten Zeit, um in Überzahl den Rückstand zu drehen. Sie machten sich sofort ans Werk. Werder intensivierte das eigene Pressing. Dadurch drängten sie die TSG Hoffenheim an deren Strafraum.
Die TSG Hoffenheim versuchte, Schadensbegrenzung zu betreiben. Sie zogen sich im 5-3-1 an den eigenen Strafraum zurück. Bülter ging dafür zunächst auf die Rechtsverteidiger-Position, Rechtsverteidiger Pavel Kadarabek wechselte in die Innenverteidigung. Wirklich abgestimmt wirkte diese neue Formation gegen Werder Bremen nicht.
Werder Bremen nutzte dies prompt aus. Die Grün-Weißen überluden nun den Raum vor der Hoffenheimer Abwehr. Immer wieder postierten sich Weiser, Ducksch und Schmid vor der Abwehrkette der Hoffenheimer. Deren Abwehrspieler taten Werder den Gefallen, aus der Kette nach vorne zu rücken. Werder stieß in die entstehenden Lücken – und kam auf diese Weise ständig in den Strafraum der TSG Hoffenheim.
Werder Bremens Auswärtssieg bei der TSG Hoffenheim in der Taktik-Analyse: Standardsituationen führen zum Sieg
Zurück ins Spiel fand Werder dank der eigenen Standards. Besonders die Bremer Ecken stellten Hoffenheim vor Schwierigkeiten. Werder spielte die Ecken kurz, dadurch lockten sie die gegnerischen Verteidiger heraus. Hoffenheim zeigte in diesen Situationen wenig Disziplin. Werder Bremen flankte hinein, gewann die zweiten Bälle und nutzte das Chaos bei der TSG Hoffenheim aus.
Die restliche erste Halbzeit glich einem einzigen Sturmlauf des SV Werder Bremen. Werder überzeugte mit Geduld im Ballbesitzspiel und hoher Wucht im Pressing. Pellegrino Matarazzo versuchte zwar, mit Wechseln auf sein Team einzuwirken. Mit Tim Drexler kam ein neuer Verteidiger bei der TSG Hoffenheim (28.), Kadarabek wechselte zurück auf die Rechtsverteidiger-Position. Bülter lauerte fortan als Stürmer auf lange Bälle.
Zu diesem Zeitpunkt stand es jedoch bereits 2:3. Die TSG Hoffenheim war mental sichtlich angeknackst. Sie konnten sich kaum mehr aus der Bremer Umklammerung befreien. Werder gelang nicht nur der Ausgleichstreffer. Kurz nach der Pause komplettierte Jens Stage seinen Dreierpack und brachte Werder Bremen auf die Siegerstraße.
Werder Bremens Auswärtssieg bei der TSG Hoffenheim in der Taktik-Analyse: Abzüge in der B-Note
Bis zur 75. Minute hatte Werder Bremen die Partie vollends unter Kontrolle. Ihr Ballbesitzwert lag bei 70 Prozent. In der Schlussphase warf die TSG Hoffenheim jedoch alles nach vorne – und brachte Werder plötzlich in Bedrängnis. Pellegrino Matarazzo hatte mit mehreren Wechseln auf eine 4-2-3-Formation umgestellt. Die drei Stürmer liefen vorne kompromisslos an.
Ole Werner hatte ebenfalls mehrfach gewechselt. Das schadete dem Spiel des SV Werder Bremen aber mehr, als dass es half. Skelly Alvero rückte im Mittelfeld immer wieder aggressiv heraus. Dadurch öffneten sich Lücken, über die die TSG Hoffenheim den Ball auf die Flügel bringen konnte. Hoffenheim vergab jedoch die große Chance zum Ausgleich, weil Julian Malatini den Ball von der Linie kratzte (81.).
So schreibt Werder gegen die TSG Hoffenheim eine historische Geschichte, denn solch einen Triumph gab es in der langen Bundesliga-Geschichte des SV Werder Bremen noch nie. Er war ein Zeugnis von der spielerischen Reife der Mannschaft – und von ihrer Fähigkeit, auch nach Rückschlägen nicht aufzugeben.
