Werder unterliegt mit 1:2
Werder findet keine Antwort auf Beier: Die Pleite gegen Hoffenheim in der Taktik-Analyse
Werder Bremens Standortbestimmung gegen Hoffenheim ging schief. Die TSG deckte die Schwachstellen der Bremer Elf gnadenlos auf. Wie Hoffenheim die Bremer Innenverteidigung beschäftigte und warum Werder trotzdem genug Chancen für ein Unentschieden herausspielte, erläutert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.
Eine große Frage schwebte über Werder Bremens Auswärtsfahrt nach Hoffenheim: Wie gut ist diese Bremer Mannschaft wirklich? Eine beeindruckende Serie zu Beginn der Rückrunde brachte Werder in Schlagdistanz zu den oberen Rängen. In der Rückrunden-Tabelle standen die Bremer vor dem Spieltag auf Rang drei. Gleichzeitig traf Grün-Weiß in den vergangenen Wochen nicht gerade auf die Elite der Liga. Die letzten Gegner hießen Mainz, Heidenheim, Köln und Darmstadt. Das Spiel gegen Hoffenheim diente Werder als Standortbestimmung. Das Ergebnis ist ernüchternd: Bei der 1:2-Niederlage deckten die Kraichgauer die Schwächen der Bremer Mannschaft gnadenlos auf.
Werder Bremen will das Zentrum kontrollieren - die Niederlage gegen die TSG Hoffenheim in der Taktik-Analyse
Ole Werner wagte gegen die TSG Hoffenheim keine Überraschungen in der Bremer Startformation. Werder Bremen begann das Spiel in der altbekannten Mischung aus 5-3-2 und 3-4-3. Im Vergleich zum 1:1 gegen Darmstadt nahm Werner nur eine Änderung vor: Nick Woltemade begann im Sturm für den unter der Woche angeschlagenen Justin Njinmah.
Taktisch agierten die Bremer indes leicht verändert. Die Hanseaten verteidigten im Zentrum nicht so nah am Mann wie gewohnt. Gerade im Mittelfeldzentrum orientierten sich Jens Stage und Senne Lynen eher am Raum denn am Gegenspieler. Werder Bremens oberes Ziel lautete, das Zentrum zu verdichten.
Das hatte gute Gründe: Die TSG Hoffenheim hat in dieser Saison häufig versucht, eine Überzahl in der Spielfeldmitte zu erzeugen. So agieren sie zwar in der Abwehr nominell mit einer Dreierkette. Der zentrale Verteidiger Florian Grillitsch rückt jedoch immer wieder ins Mittelfeld vor. Werder Bremen wollte den Hoffenheimern nicht das Zentrum überlassen. Stattdessen lenkten die Bremer Angreifer das gegnerische Aufbauspiel früh auf die Außen.
Taktik-Analyse: Maximilian Beier filetiert Werder Bremens Abwehrkette
Die TSG Hoffenheim passte sich schnell an die Bremer Verteidigung an. Grillitsch versuchte zwar tatsächlich, ins Zentrum vorzurücken. Die Gastgeber eröffneten das Spiel dennoch praktisch nie über das Zentrum. Schon der erste Pass ging weit auf die Außen. Dazu schoben die äußeren Innenverteidiger weit auf die Flügel.
Auf den Flügeln spielte Hoffenheim wiederum schnörkellos nach vorne. Sie hielten sich nicht lange mit Kombinationen auf. Stattdessen schickten sie ihre Außenspieler lang und direkt hinter die Abwehr des SV Werder Bremen. Trainer Pellegrino Matarazzo hatte für diese Strategie eigens seine schnellsten Stürmer aufgestellt: Auf halbrechts sauste Ihlas Bebou nach vorne. Auf links bot sich Maximilian Beier an.
Anthony Jung Bebou konnte Bebous Vorstöße einigermaßen einbremsen. Auf Beiers Sprints fand Julián Malatini hingegen keine Antwort. Fast immer ließ sich der 22-jährige Argentinier von seinem gleichaltrigen Gegenspieler abkochen. Es half nicht, dass Mitchell Weiser auf dieser Seite gewohnt offensiv agierte und selten in letzter Linie aushalf. Beier krönte seine starke Leistung mit zwei Treffern. Angesichts seiner Vielzahl an Großchancen hätte er auch vier Tore schießen können.
Gute Angriffe, schlechte Abschlüsse - Werder Bremens Niederlage gegen die TSG Hoffenheim in der Taktik-Analyse
Es dauerte eine Viertelstunde, ehe Werder Bremen den frühen Führungstreffer (8.) verdaut hatte. Bis dahin kontrollierte der Gegner das Spiel vollends. Hoffenheim verteidigte, wie man es eigentlich von Werder gewohnt ist: Im 3-4-3 klebten die Verteidiger an ihren Gegenspielern. Gerade im Mittelfeldzentrum spielte Hoffenheim eine klassische Manndeckung. TSG Hoffenheims Sechser Anton Stach etwa stand Jens Stage auf den Füßen.
Mit der Zeit fand Werder Bremen jedoch Mittel und Wege, die Manndeckung des Gegners zu manipulieren. So rückte Stage mit zunehmender Spielzeit immer weiter nach vorne. Stach verfolgte ihn. Es öffnete sich eine Lücke im Zentrum, in die sich Marvin Ducksch fallenließ. Diese Wechselspielchen sind in der Welt der Fußballtaktik als „gegenläufige Bewegungen“ bekannt. Unter Werner ist dieses taktische Mittel keine Seltenheit.
Tatsächlich gelang es Werder Bremen, über diese Bewegungen ins letzte Drittel zu gelangen. Dort landete der Ball zumeist auf Rechtsaußen bei Weiser. Obwohl Werder offensiv in dieser Phase vieles richtig machte, blieb ihnen der Treffer verwehrt. Der Hauptgrund lag in der Chancenverwertung. So traf etwa Ducksch nur den Pfosten.
Werder Bremens Pleite gegen die TSG Hoffenheim in der Taktik-Analyse: Der Mut der Verzweiflung hilft nicht
Das 0:2 kurz vor der Pause (44.) bedeutete einen Nackenschlag, von dem Werder Bremen sich so schnell nicht erholte. Auch der Versuch, nach der Pause druckvoller über die Außen anzugreifen, führte nicht zum erwünschten Anschlusstreffer. Ole Werner versuchte, von der Bank Impulse zu setzen. Er brachte in Justin Njinmah (65.) und Dawid Kownacki (73.) zwei neue Angreifer. Werder hatte zwar nun mehr Tempo in der letzten Angriffsreihe. Es fehlten jedoch Spieler, die dieses Tempo aus dem Mittelfeld heraus bedienten. Daran änderten auch die Einwechslungen von Olivier Deman (65.), Skelly Alvero (73.) und Leonardo Bittencourt (85.) wenig.
Dass es in der Schlussphase trotzdem hektisch wurde, lag in erster Linie an Marius Bülter. Seine Gelb-Rote Karte (73.) zwang die TSG Hoffenheim, fortan mit einem Mann weniger zu verteidigen. Die Hoffenheimer zogen sich im 5-3-1 an den eigenen Strafraum zurück. Werder Bremen fehlte weiter die zündende Idee, um zu Torchancen zu gelangen. Letztlich hofften sie auf das Glück des Tüchtigen: Sie schlugen einen langen Ball nach dem nächsten in den Strafraum. Ein solcher führte zwar in der Nachspielzeit zum Anschlusstreffer. Mehr gelang Werder jedoch nicht.
So entpuppte sich das Spiel in Hoffenheim in der Tat als der erhoffte Realitätscheck – nur dürfte die Antwort nicht alle Bremen-Fans erfreuen. Gegen die Teams aus dem Tabellenkeller wirkte sich Werder Bremens Verletztenmisere in der Abwehr kaum aus. Hoffenheim jedoch legte die Schwächen der Werder-Abwehr offen: Christian Groß fehlte das Tempo und Malatini die Robustheit, um Hoffenheims Beier aufzuhalten. Somit darf die TSG Hoffenheim nun erst einmal von Europa träumen.
