Werder-Junioren
U23-Kapitän Kazior im Interview: „Viele belächeln uns“
Bremen - Die Lage ist aussichtslos. Sagen jedenfalls viele. Acht Spieltage vor Saisonende liegt die U23 des SV Werder Bremen in Liga drei auf dem vorletzten Platz und zehn Punkte hinter einem Nicht-Abstiegsrang. Zu allem Übel kommt nun auch noch Tabellenführer SC Paderborn dazu.
Die Ostwestfalen hatten Werder im Hinspiel mit dem 1:7 die höchste Saisonniederlage beigebracht, Freitag (19.00 Uhr) gastieren sie im Stadion Platz 11. Gibt’s die nächste Klatsche? Gibt es überhaupt noch Hoffnung auf die Rettung? Im Interview mit der DeichStube erklärt Kapitän Rafael Kazior (35), weshalb er niemals aufgeben würde. Außerdem geht es um seine Zukunft und um zwei Stürmer, die Werder „noch viel Spaß machen werden“.
Hand aufs Herz, Herr Kazior! Wie groß ist bei Ihnen noch der Glaube an den Klassenerhalt?
Rafael Kazior: Bei mir ist er auf jeden Fall noch da. Solange rechnerisch noch alles möglich ist, glaube ich noch daran. In dieser Liga sind schon so viele verrückte Sachen passiert, da weiß man es nie.
Sich an den theoretischen Möglichkeiten zu orientieren, ist im Bedarfsfall beliebte Fußballer-Psychologie. Wäre es aber nicht völlig normal, nach 26 sieglosen Spielen in Folge die Überzeugung und die Hoffnung zu verlieren?
Kazior: Könnte man meinen, ja. Aber wir glauben an uns, weil wir wissen, dass in den Spielen manchmal nur Kleinigkeiten gefehlt haben, um einen Punkt zu holen oder zu gewinnen. Manchmal war es auch einfach nur Pech. Wir werden nicht müde, es in jedem Spiel wieder zu versuchen.
Die Sieglosserie ist enorm lang, die Zeit läuft im Sprint davon, der nächste Gegner ist der Spitzenreiter, das Hinspiel endete 1:7 – da kommt einiges an schlechten Vorzeichen zusammen für das Spiel am Freitagabend. Wie befreit man sich gedanklich davon?
Kazior: Natürlich ist Paderborn eine Hausnummer in der Liga, und natürlich war das Hinspiel sehr bitter für uns. Aber jedes Spiel fängt bei 0:0 an, und auf uns warten 90 Minuten, in denen wir zeigen können, dass wir in die Liga gehören. Viele haben uns doch schon abgeschrieben, belächeln uns, da wollen wir gegensteuern.
Sie fühlen sich als Mannschaft belächelt?
Kazior: Ständig ist von der Serie der nicht gewonnenen Spiele die Rede, wir hören es immer wieder. Aber ich weiß trotzdem, was in uns steckt. Ich glaube, dass der Eine oder Andere uns da Unrecht tut. Rein fußballerisch können wir in der Liga gut mithalten
Trotzdem stehen in der Tabelle nach 30 Spielen nur 20 Punkte. Wieso?
Kazior: Es ist ja nicht so, dass wir fürchterlich viele Gegentore bekommen. Es gibt die beiden Ausreißer gegen Paderborn und Großaspach (1:7 und 0:5, d. Red.), ansonsten sind es meistens knappe Ergebnisse mit ein, zwei Gegentoren. Aber wir schaffen es einfach vorne nicht, uns dort durchzusetzen und konsequent Chancen herauszuspielen. Andere Teams kommen auf sieben, acht Chancen im Spiel, wir im Moment nicht über ein oder zwei hinaus. Da ist die Wahrscheinlichkeit, dass du triffst, zwangsläufig kleiner.
Was haben die zwei Trainerwechsel – Florian Kohfeldt wurde nach seiner Beförderung zum Bremer Bundesliga-Trainer von Oliver Zapel beerbt, der wiederum nach dem 23. Spieltag und nur acht Partien unter seiner Regie von Sven Hübscher abgelöst wurde – mit der Entwicklung zu tun?
Kazior: Dass Florian Kohfeldt weggegangen ist, hat uns schon wehgetan. Er hat uns viel beigebracht, hat uns den Rücken gestärkt, uns viel Selbstbewusstsein eingehaucht. Sein System und seine Art und Weise, Fußball spielen zu lassen, hat bei uns gefruchtet. Mit Sven Hübscher haben wir jetzt einen Trainer, der ähnlich tickt wie Florian.
Zapel hat anders getickt?
Kazior: Ja, anders. Seine Art, spielen zu lassen, war mehr von Zweikämpfen geprägt. In U23-Mannschaften ist es oft aber so, dass von hinten heraus Fußball gespielt werden soll, dass viel in Räumen gedacht wird – ähnlich wie bei Florian eben und jetzt bei Sven auch wieder. Das Fußballspielen soll im Vordergrund stehen, nicht der Punktgewinn. Bei allen anderen Teams in der Liga geht es nur um Punkte – da ist es am Ende des Tages völlig egal, ob du ein absolutes Schrottspiel gemacht hast, Hauptsache du hast gewonnen. Dann sind alle zufrieden, und nach dem Wie fragt drei Tage danach niemand mehr. Bei einer U23 ist es anders, da geht es selbst bei Siegen immer um den Fußball, für den wir stehen wollen.
Wäre die U23 aktuell in der gleichen Situation, wenn Kohfeldt der Trainer geblieben wäre?
Kazior: Eine schwierige Frage, die ich nicht beantworten kann.
Sie lachen, wenn Sie über Kohfeldt sprechen. Weil Sie eine hohe Meinung von ihm haben?
Kazior: Absolut. Er ist als Typ einfach top, geht mit jedem Spieler gleich um. Florian hat eine überragende Menschenkenntnis. Ich kann nur den Hut vor ihm ziehen.
Wie viel Kohfeldt erkennen Sie aktuell im Bundesliga-Team wieder?
Kazior: Sehr viel. Die Systeme, der Spielaufbau, viele Prinzipien. Das hohe Attackieren, die tiefen Läufe – das alles ist mir bekannt.
Sie sind mit 35 Jahren neben Marc-Andre Kruska (30) und Marc Pfitzner (33) der Routinier im Team. Wie können sie den jungen Spielern in dieser mehr als schwierigen Lage jetzt helfen?
Kazior: Was schon mal gar nichts hilft, ist, mit dem erhobenen Finger durch die Gegend zu laufen. Man muss im Alltag für die richtige Mischung aus Ernsthaftigkeit und Spaß sorgen.
Bei einem sportlichen Abstieg könnte der Lizenzentzug für andere Clubs zum Rettungsanker werden – schauen Sie deshalb mit Spannung auf die diversen gefährdeten Teams?
Kazior: Nein, mache ich nicht. Man liest von finanziellen Problemen hier und dort, aber wir wollen es auf sportlichem Weg schaffen.
Ihr Vertrag läuft am Saisonende nach drei Jahren bei Werder aus. Wie geht es dann für Sie weiter?
Kazior: Es gibt noch keine Entscheidung. Aktuell befinden wir uns in Gesprächen. Aber in meinem Alter lässt man das alles ein bisschen ruhiger angehen.
In Gesprächen zu sein, bedeutet, dass Sie noch Lust auf ein weiteres Jahr als aktiver Spieler haben?
Kazior: Vom Körperlichen her könnte ich noch weitermachen. Ich fühle mich fit, könnte meinetwegen jeden dritten Tag spielen (lacht). Es gibt aber noch keine Tendenz, ob ich wirklich weitermache. Da entscheidet auch die Familie mit, da geht es zudem um eventuelle andere Möglichkeiten. Wir wollen in aller Ruhe darüber reden, dann gucken wir, was dabei rauskommt. Es geht auch nur noch um ein weiteres Jahr, danach ist definitiv Schluss.
Würden Sie auch in Liga vier noch für Werder spielen?
Kazior: Dann würde es darum gehen, in dem einen Jahr nochmal mit den anderen älteren Spielern und dem Trainerteam Gleise in die richtige Richtung zu legen. Wie gesagt, wir werden sehen.
Gemeinsam mit Mirko Votava haben Sie nach dem Aufrücken von Florian Kohfeldt in die Bundesliga-Mannschaft die U23 betreut. Zwar nur für eine Partie, aber war das trotzdem schon ein Fingerzeig in Ihre Zukunft? Möchten Sie ins Trainergeschäft einsteigen?
Kazior: Ich könnte es mir schon vorstellen. Ich habe auch schon mit den Trainerscheinen angefangen und bin im Augenblick dabei, die DFB-Elite-Jugendlizenz zu erwerben. Es ist auf jeden Fall etwas Interessantes.
War vor drei Jahren der Wechsel von Holstein Kiel zu Werder nicht von vornherein mit dem Gedanken einer Weiterbeschäftigung verknüpft?
Kazior: Nicht unbedingt als Trainer. Aber dass ich nach der Karriere hier bleiben kann, ist nicht ausgeschlossen. Ich konnte auch schon in manche Bereiche hineinschnuppern, und die Türen stehen weiterhin offen.
Sie waren in diesem Jahr, obwohl Kapitän, in der Mehrzahl der Spiele nur Ersatzmann im Sturm. Erst seit der Verletzung von Ousman Manneh stehen sie wieder in der Startelf. Gegen Paderborn fehlt auch noch U20-Nationalspieler Johannes Eggestein, und Sie sind mit 35 Jahren plötzlich wieder der Hoffnungsträger im Sturm. Schon komisch, oder?
Kazior: Wieso? Ich bin ja fit. Als Spieler in meinem Alter weißt du einfach, dass du in einer U23 nicht immer spielst. Jung schlägt Alt – das ist bei uns nunmal so. Ich wusste immer um meine Rolle.
Sie haben in der Jugend und auch von 2008 bis 2011 beim Hamburger SV II gespielt, danach waren sie Kapitän von Holstein Kiel. Beide Clubs stehen momentan in den Schlagzeilen – der HSV als fast sicherer Erstliga-Absteiger, Kiel als möglicher Erstliga-Aufsteiger. Leiden Sie mehr mit dem HSV, oder fiebern Sie mit Kiel?
Kazior: Ich fiebere mit Kiel – die Hamburger Zeit liegt schon lange, lange zurück. Dadurch, dass Kiel mein vor Werder letzter Verein war, kenne ich dort noch viele Leute, habe noch gute Kontakte. Wenn es geht, gucke ich mir im Fernsehen jedes Spiel an. Es ist absolutes Mitfiebern. Ich wünsche mir, dass die Jungs den großen Wurf schaffen. Ich gönne es dem ganzen Verein, denn ich weiß, mit wie viel Herzblut jeder Mitarbeiter bei der Sache ist. Kiel in der ersten Liga – das wäre unglaublich. Aber es wäre auch verdient, denn ich sehe in der Zweiten Liga nicht viele Mannschaften, die fußballerisch besser sind. Der Aufstieg wäre kein Zufallsprodukt.
Und der Hamburger SV?
Kazior: Ich glaube, dieses Jahr könnte es den Club erwischen. Es ist traurig, denn die Nordderbys würden in der Liga fehlen.
In der U23 können Sie täglich zwei Stürmer begutachten, von denen sich Werder viel verspricht. Johannes Eggestein und Josh Sargent sollen die Trümpfe für die Zukunft sein. Wie sehen Sie die beiden?
Kazior: Das sind absolute Talente. Ich fange mal mit Josh an: Für sein Alter ist er ein Top-Stürmer. Er hat einen Körper wie ein Bulle. Er ist ein richtiger Stürmer, macht auf dem Platz instinktiv das Richtige, hat eine gute Grunddynamik, schießt beidfüßig, ist kopfball- und zweikampfstark. Aber natürlich braucht er noch ein bisschen Zeit, um sich an Tempo und Härte zu gewöhnen. Er hat sich schon ganz gut akklimatisiert, ist sympathisch, einfach ein cooler Typ. Auf ihn kann sich Werder freuen, an ihm werden alle noch viel Spaß haben.
Bei Jojo Eggestein läuft es nicht wie gewünscht. Er hat in dieser Saison noch kein Drittliga-Tor auf dem Konto.
Kazior: In der U19 sprachen die Zahlen für sich (36 Tore in der Saison 2015/16, d. Red.), da war er ein absoluter Killer im Strafraum. Bei uns kann er es leider selten zeigen, weil wir uns zu wenig Chancen erspielen. Da hängst du als Stürmer ein wenig in der Luft, da muss ich ihn ein wenig in Schutz nehmen. Jojo ist als Stürmer der Typ Schleicher, der die Bälle braucht. Im Sechzehner gibt es in seinem Alter kaum Bessere als ihn.
Die aktuelle Saison wirkt aber wie ein Knick in seiner Vita.
Kazior: Wenn du vorher wie das warme Messer durch die Butter durch die Jahrgänge geflutscht bist, ist es gut, mal in einer schwierigeren Situation lernen zu müssen. Langfristig wird ihm das helfen. Er lässt sich auch nicht hängen, er packt es an.
In der kommenden Saison soll er aus der U23 herausgelöst werden, um fest zu den Profis zu gehören.
Kazior: Damit zeigt ihm der Verein doch, dass er an ihn glaubt. Das ist gut so und wichtig für ihn. Dann muss er sich durchsetzen – wie jeder andere auch.
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