DeichStube-Interview

„Die jungen Spieler sind in der Bringschuld“: Werders U23-Trainer Brand über Talente-Förderung und Nachwuchs-Umbruch

U23-Trainer Christian Brand spricht im DeichStube-Interview über die Talente-Förderung, den Nachwuchs-Umbruch beim SV Werder Bremen und den neuen Profi-Coach Horst Steffen.

Bremen – Während die Profis des SV Werder Bremen noch knapp zwei Wochen Pause haben, legt die U23 schon deutlich früher wieder los. Nach der Leistungsdiagnostik am Freitag (20. Juni) bittet Trainer Christian Brand schon am kommenden Montag zur ersten gemeinsamen Einheit auf dem Trainingsgelände am Osterdeich. Bevor der 53-Jährige die Arbeit mit der dann stark veränderten Mannschaft wieder aufnimmt, hat er sich im DeichStube-Interview ausführlich zum Bremer Nachwuchs geäußert: Warum gelang zuletzt keinem U23-Spieler der Profi-Durchbruch? Was erwartet er vom neuen Werder-Trainer Horst Steffen? Und wie geht er die Regionalliga-Saison mit den vielen vielversprechenden ehemaligen U19-Talenten an?

Christian Brand, was gefällt Ihnen besser: Norddeutsches Tiefland oder Schweizer Bergpanorama?

(lacht) Es hat beides seine Reize, aber da ich sehr lange in der Schweiz gelebt habe, gibt es ein paar Dinge, die mir dort sehr gut gefallen. Die Berglandschaft ist eine etwas abwechslungsreichere Natur als bei uns im Norden. Aber ich bin im Norden aufgewachsen, von daher weiß ich beides zu schätzen.

Sie waren zwölf Jahre in der Schweiz als Spieler und Trainer aktiv. Ihr Sohn Jakob Löpping hat bis vor kurzem dort bei Ihrem Ex-Club SC Kriens gespielt. Wie verwurzelt sind Sie noch in der Schweiz?

Schon noch sehr. Ich habe noch viele Freunde dort, meine Tochter lebt noch in der Schweiz. Ich bin 2002 hergekommen. Wenn du seit 23 Jahren einen Bezug hast zu dem Land, hat das schon eine Bedeutung.

U23-Trainer Christian Brand spricht im DeichStube-Interview über die Talente-Förderung, den Nachwuchs-Umbruch beim SV Werder Bremen und den neuen Profi-Coach Horst Steffen.

Werder Bremens Christian Brand: „Die Spieler müssen so gut sein, dass sie einen etablierten Spieler aus der Profi-Mannschaft verdrängen“

Zurück in den Norden: Da geht am 20. Juni die Vorbereitung los – wie viel denken Sie schon wieder an Fußball?

Es ploppt immer mal wieder so auf. Zwischendurch habe ich ein, zwei Gedanken über gewisse Themen und die lasse ich dann auch zu. Aber ganz oft ist es auch einfach gar nicht präsent, was auch wichtig ist. Es ist schon gut, dass noch etwas Zeit ist.

Kommen wir trotzdem zum Sportlichen und werfen erst noch einen Blick auf die letzte Saison. Waren Sie überrascht, dass die Mannschaft so eine starke erste Regionalliga-Serie gespielt hat?

Wir im Trainerteam nicht, weil wir natürlich an unsere Jungs und die Stärke der Mannschaft geglaubt haben. Wir waren zu weiten Teilen eingespielt, und da kam natürlich mit Abed (Abdenego Nankishi, Anm. d. Red.) und Leon Opitz aus der Profi-Mannschaft sehr viel Qualität dazu. Wir hatten mit Jannic Ehlers einen starken Neuzugang, der den Verein auch schon kannte. Es war eine gemeinschaftliche, positive Entwicklung.

Trotzdem konnte kein U23-Spieler Bundesliga-Minuten sammeln. In einem Interview mit den vereinseigenen Medien haben Sie gesagt, das habe an verschiedenen Gründen gelegen. Welche waren das?

Da geht es häufig darum, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Dann hängt es auch an den Vorstellungen der Profi-Abteilung. Wenn du im Kopf des Trainers bist und dich dort im Training zeigst und einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, steigen die Chancen. Wir hatten mit Leon jemanden, der den Schritt zurück in die U23 gemacht hat – das hat ihm auch sehr gutgetan. Mit Joel Imasuen oder Ricardo Schwarz hatten wir Spieler, die zwischendurch mal dabei waren, aber auch nicht regelmäßig. Das lag vor allem daran, dass die Profi-Mannschaft über weite Strecken sehr gut aufeinander abgestimmt war und bis auf in einer Phase zum Jahresbeginn fast vollzählig agieren konnte. Häufig waren unsere Spieler von daher eine Ergänzung im Training, aber keine Option für den Spieltagskader. Aber damit mussten die Jungs zurechtkommen.

Hätten Sie sich in dieser Hinsicht von Ole Werner mehr gewünscht?

Nein, das ist gar nicht Trainer-abhängig. In erster Linie nehme ich die Spieler in die Pflicht, dass sie so gut sein müssen, dass sie einen etablierten Spieler aus der Profi-Mannschaft verdrängen. Kein Profi-Spieler lässt sich von einem Nachwuchsspieler gerne die Butter vom Brot nehmen. Die Hürde für einen Nachwuchsspieler, da reinzukommen, ist natürlich ungleich größer als für einen Spieler, der die ganze Zeit im Profi-Training dabei ist.

Werder Bremens U23-Trainer Christian Brand: „Ich kenne Horst Steffen schon viele Jahre und schätze ihn sehr“

Welche Rolle spielt bei dieser Durchlässigkeit der neue Profi-Trainer Horst Steffen, der als großer Talente-Förderer gilt?

Ich kenne Horst schon viele Jahre und schätze ihn sehr. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit. Wir haben früher öfter gegeneinander gespielt, als er in Münster und ich in Rostock war. Horsts Ansatz, Fußball spielen zu lassen, ist grundsätzlich positiv. Und mit Nick Woltemade hat er in Elversberg jemanden weiterentwickelt. Das sind alles Faktoren, die jungen Spielern weiterhelfen, aber man darf auch nicht vergessen, dass die jungen Spieler in der Bringschuld sind. Das ist ein sehr hartes Business, und da muss man sich durchsetzen. Egal, ob der Trainer Horst Steffen oder Ole Werner heißt.

Haben Sie trotzdem die Hoffnung, dass es jetzt mehr Talente schaffen?

Das darf man jetzt nicht automatisch erwarten. Ich wünsche es den Jungs einfach, aber auch Horst muss erstmal sehen, wie die Gruppe funktioniert und welche Spieler da sind. Wir haben talentierte Spieler, die hatten wir auch in der Vergangenheit, und es geht immer um die Gelegenheiten und den Mut, junge Spieler zu bringen. Ich glaube, den Mut hat Horst auf jeden Fall. Es geht darum zu zeigen, dass die Jungs, die hochkommen, auch die Qualität besitzen. Aber die ist halt auch nicht von Anfang an da. Die muss sich erst entwickeln.

Damit wären wir bei Ihrer Mannschaft: Wie gehen Sie nach der starken Saison die neue Spielzeit an?

Die letzte Saison muss man abhaken, das war eine tolle Sache, aber jetzt kommen viele neue Spieler. Und für Spieler, die aus einer U19 kommen, ist die U23 nochmal etwas anderes. Die U19 war eine Jugendmannschaft. Bei uns geht es darum, dass sich die Jungs schnell an Männer-Fußball gewöhnen und die Mannschaft schnell zusammenwächst.

Werder Bremens Christian Brand über Yannick Viol: „Er ist ein sehr innovativer Trainer“

Sieben Spieler haben Ihre Mannschaft verlassen, auch Co-Trainer Kevin Schindler. Was verlieren Sie durch diese Personalien?

Wir haben vorne mit Davis Asante, Jannic Ehlers und Abed unglaublich viel Geschwindigkeit verloren, mit „Luko“ (Maik Lukowicz, Anm. d. Red.) zudem einen erfahrenen Torjäger. Das sind gravierende Abgänge, auch mit Ricardo und Mika Polat im Mittelfeld. Diesen großen Qualitätsverlust wird man nicht innerhalb einer Woche kompensieren können. Aber wir bekommen auch viel Qualität dazu aus der U19 und durch Christian Stark, der ein sehr guter Stürmer ist. Im Trainerteam ist der Verlust von Kevin natürlich sehr schade, weil wir uns gut verstanden und sehr gut zusammengearbeitet haben. Ich hätte gerne mit ihm weitergemacht, aber er hat für sich einen anderen Weg gewählt.

Für Kevin Schindler kommt U15-Trainer Yannick Viol – warum ist die Wahl auf ihn gefallen?

Ich schätze Yannick sehr, weil er sehr akribisch und fleißig ist. Er ist bereit, dazuzulernen. Gerade was die individuelle Arbeit mit jungen Spielern angeht, ist er ein sehr innovativer Trainer, der viele gute Ideen hat. Er wird uns bereichern, muss sich aber natürlich an die U23 als seine erste Herren-Mannschaft gewöhnen.

Aus der U19 rücken fünf Spieler fest in die U23 auf, sechs weitere sollen die Vorbereitung mit den Profis absolvieren, aber auch bei Ihnen zum Einsatz kommen. Welche Rolle trauen Sie den Talenten schon zu?

Das sind gute, talentierte Jungs, über die ich mir über die Jahre ein Bild gemacht habe. Das sind allerdings Eindrücke gegen Jugendmannschaften. Jetzt geht es darum, dass ich mir Eindrücke gegen Herrenmannschaften verschaffe. Aber auch das wird Zeit benötigen. Wir haben Geduld mit den Jungs. Ich würde mir wünschen, dass alle sofort in der Bundesliga landen, aber das wird eher nicht der Fall sein. Deswegen gehe ich davon aus, dass sie auch die meisten Spiele bei uns machen. Das Wichtigste ist, wenn sie dort trainieren, dass sie nicht so viele Lücken in der Spielzeit haben. Wie viele Spieler dann beim Profi-Training sind, wird sich aufgrund der Entwicklung zeigen. Sie haben es in ihren eigenen Füßen zu zeigen, dass sie dorthin gehören.

Worin bestehen die Herausforderungen, die ehemaligen U19-Spieler an den Herrenbereich zu gewöhnen?

Es geht darum, die Stärken der Spieler zu fördern. Man muss die Geduld haben, dass sie an ihrem Spiel festhalten und sie ihre positiven Eigenschaften reinbringen. Sie müssen lernen, ihre Stärken auf der nächsten Stufe zu beweisen. Es ist einfach etwas anderes, ob du gegen 19-Jährige oder 27-Jährige spielst. Die Qualität der Spieler wird auch darin bestehen, schnell zu adaptieren.

Wie lange dauert das?

Erfahrungsgemäß muss man die ersten drei Monate abwarten. Bei dem einen oder anderen geht es schneller. Das hat auch viel mit der mentalen Verfassung zu tun. Wie selbstbewusst ist jemand? Wie gut kann er diese Prozesse adaptieren? Es geht aber auch darum, wie schnell er körperlich mithalten kann. Es wird Aufs und Abs geben, das ist normal und ist bei uns mit einkalkuliert.

Werder Bremens U23-Trainer Christian Brand: „Die Jungs müssen sich als Teamspieler verstehen“

Wie schafft man es, aus den vielen neuen Spielern auf, aber auch neben dem Platz möglichst schnell eine Einheit zu formen?

Es geht immer darum, dass man als Team funktioniert und jeder die Lust hat, sich als vollwertiges Teammitglied einzubringen. Jeder einzelne ist in einer guten Gruppe viel leistungsfähiger. Auf Top-Niveau kann man als Beispiel die Mannschaft von Paris St. Germain nehmen, die eine tolle Leistung gebracht, sich im Champions-League-Finale belohnt und auch immer wieder herausgestrichen hat, wie wichtig es ist, ein gutes Team zu haben. Dazu gehören nicht nur elf, sondern 18 bis 22 Spieler. Die Jungs müssen sich als Teamspieler verstehen, und die wirklich guten Jungs verstehen das schnell und wissen, dass sie in einem gut funktionierenden Team schneller vorwärtskommen.

Dabei sollen sicherlich erfahrene Spieler wie Neuzugang Christian Stark helfen

Christian hat den Vorteil, dass er auch aus dem Nachwuchsleistungszentrum kommt und da sehr viel Erfahrung hat. Es geht gar nicht darum, dass die älteren Spieler viel reden, sondern sich die jungen Spieler auf dem Platz viel abschauen können. Da können sie nicht nur technisch und taktisch, sondern auch mental eine ganze Menge lernen. Dann hilft auch ein persönliches Gespräch, um die Dinge richtig einzuordnen. Ich bin froh, dass Christian und auch Cimo Röcker da sind.

Wie hält man die Waage, dass diese erfahrenen Spieler einerseits wichtige Stützen für die Talente sind, sie ihnen andererseits aber nicht die Einsatzzeit wegnehmen?

Am Ende ist es immer wichtig, dass die Spieler ihre Leistung bringen. Das hat auch in den vergangenen Jahren sehr gut geklappt. Cimo hat eine gute Saison gespielt. Bei „Luko“ war es dann so, dass Joel ihn irgendwann überholt hat. So soll es auch sein, dass die Talente so gut sind, dass sie den älteren Spieler verdrängen können.

U23-Trainer Christian Brand im DeichStube-Interview: „Es ist nicht so, dass ich mit Werder Bremen verheiratet bin“

Dass einige Talente erstmal zwischen U23 und Profis pendeln werden, klingt nach komplizierter Kaderplanung und Trainingsgestaltung für Sie. Wie gehen Sie das an?

Es wird definitiv anders sein als letztes Jahr, in dem wir mit einer kompletten Mannschaft gearbeitet haben. Wir müssen noch flexibler sein im Umgang mit den Spielern, weil es sich auch kurzfristig mal ändern wird, welche Spieler bei uns oder bei den Profis im Training sind. Aber wir hatten diese Veränderung auch schon in den letzten Jahren. Da sind wir erfahren genug, das zu händeln. Trotzdem ist es eine Herausforderung. Da wird es in den nächsten Wochen viele Gespräche geben. Es muss sich erstmal einspielen.

Angenommen es sind dann fünf, sechs Ihrer Spieler bei den Profis. Ist ihre Trainingsgruppe dann nicht zu klein oder können Sie wiederum mit U19-Talenten auffüllen?

Das ist nicht ganz so einfach, weil die Spieler aus der U19 schulpflichtig sind. Wir werden dann auch häufiger mal in Kleingruppen arbeiten. Der Vorteil dabei ist, dass man individuell sehr gut mit den Spielern arbeiten kann. Aber natürlich werden, wie in den letzten Jahren auch, immer mal wieder U19-Spieler bei uns mittrainieren.

Zum Abschluss kommen wir nochmal zu Ihnen. Sie sind seit über sieben Jahren wieder in Bremen. Wie groß ist die Überlegung, nochmal etwas anderes kennenzulernen?

Die ist immer da, wenn ich mir Gedanken über meine Zukunft mache. Es ist nicht so, dass ich mit Werder Bremen verheiratet bin, sondern ich gucke mir alles genau an und wäge ab, was für mich in der Situation die beste Option ist. Bisher war das immer Werder Bremen.

Gab es zuletzt interessante Anfragen?

Es gab zwei, drei interessante Geschichten, aber die waren für mich zu dem Zeitpunkt nicht besser als das, was bei Werder war.

Sie sind bei Werder von der U17 über die U19 bis zur U23 gekommen, haben vorher aber auch schon mit Profi-Mannschaften gearbeitet. Würden Sie gerne mal wieder ein Profi-Team trainieren?

Bei U-Mannschaften hast du immer viel Qualität, und es macht sehr viel Spaß, wenn du deine Idee von Fußball umsetzen und in der Arbeit mit den Spielern was entwickeln kannst. Es ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, mit neu zusammengestellten Mannschaften zu arbeiten und etwas völlig anderes als mit einer Profi-Mannschaft. Aber grundsätzlich schließe ich nie etwas aus. Es ist natürlich reizvoll, eine Mannschaft zu trainieren, die vor 25.000 oder 30.000 Fans spielt. Daraus mache ich keinen Hehl. (tos)

Rubriklistenbild: © gumzmedia

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