Immer wieder Ausfälle
Werder Bremen von Verletzungssorgen verfolgt – einfach Pech oder doch ein strukturelles Problem?
Der SV Werder Bremen hat in dieser Saison mit zahlreichen Verletzungen zu kämpfen. Woran das liegt und wie die Bremer das Problem bewerten.
Wenn nichts mehr hilft, dann bleibt nur noch Galgenhumor, ein bittersüßer Scherz über eine ernste Angelegenheit. Gut möglich, dass Daniel Thioune kürzlich so empfunden hat. Vor dem Auswärtsspiel beim VfL Wolfsburg kommentierte der Cheftrainer des SV Werder Bremen die lange Liste der Ausfälle in seinem Team mit dem Satz: „Das klingt ja fast wie eine Mannschaftsaufstellung.“ Acht Namen, die zu dem Zeitpunkt aus Verletzungsgründen nicht dabei sein konnten. Thioune ließ das festhalten, Werder laufe personell gerade „auf der Felge“. Dass die Saison für Ersatztorhüter Karl Hein (Verletzung am Daumen) und Stürmer Keke Topp (Kreuzbandriss) nur wenige Tage später gar vorzeitig beendet sein würde, konnte der 51-Jährige da noch nicht wissen. Werder und die vielen Verletzungen – es ist eine leidige Geschichte, die bereits im vergangenen Sommer ihren Anfang nahm und den Verein bis heute begleitet. Neben fehlerhafter Kaderplanung und formschwachen Profis trägt sie einen gewichtigen Teil zum Absturz in den Abstiegskampf bei. Alles nur Pech – oder doch ein strukturelles Problem?
Verhängnisvolle Kettenreaktion: Warum der SV Werder Bremen so viele Verletzungen zu beklagen hat
Klar ist: In Sachen Ausfallzeiten sind die Bremer in der laufenden Bundesligasaison (fast) Spitze. Alle Krankentage aller Spieler des Kaders zusammengerechnet, ergibt sich ein Wert von 1.512 Tagen, für die Spiele landet man bei 184 verpassten Partien. Alarmierende Zahlen, die aus einer aktuellen Erhebung des Branchenportals „transfermarkt.de“ hervorgehen. Noch schlechter steht nur Werders jüngster Gegner aus Wolfsburg da (1.584 Tage, 197 Spiele), während der FC Augsburg (525 Tage, 61 Spiele) und Borussia Dortmund (657 Tage, 79 Spiele) am anderen Ende des Rankings zeigen, dass es auch anders geht. Bei Werder Bremen ist man intern überzeugt davon, dass die sportliche Lage längst nicht so angespannt wäre, könnte man vergleichbare Werte aufweisen. Seit der Saisonvorbereitung reiht sich aber verlässlich Hiobsbotschaft an Hiobsbotschaft.
„Wir haben von Beginn an mit vielen Verletzungen zu tun, die sich präventiv nicht vermeiden lassen“, sagt Sportchef Clemens Fritz auf Nachfrage der DeichStube. „Ich denke da beispielsweise an den Kreuzbandriss von Mitchell Weiser, den Syndesmosebandriss von Felix Agu oder den Knöchelbruch von Olivier Deman. Alles Verletzungen, die durch Unfälle im Training oder Spiel passiert sind.“ Und die in den Augen des Ex-Profis eine verhängnisvolle Kettenreaktion bei Werder Bremen in Gang gesetzt haben, die sich wiederum jetzt, in der heißen Schlussphase der Saison, verstärkt bemerkbar mache.
Viele Verletzungen: Teufelskreis bei Werder Bremen – Sportchef Clemens Fritz erklärt Probleme
Auffällig: Bereits seit Wochen häufen sich bei Werder Bremen muskuläre Blessuren, die einzelne Spieler zwar nicht monatelang ausbremsen, aber doch immer wieder empfindlich aus dem Rhythmus bringen, was ein Kader nur bis zu einem bestimmten Maß kompensieren kann. Ob nun Karim Coulibaly und Samuel Mbangula (beide Oberschenkel), Senne Lynen (Adduktoren) oder zuletzt Niklas Stark (Wade) – immer wieder brechen Cheftrainer Thioune wichtige Optionen weg, wird er zum Umbauen und Improvisieren gezwungen. Das rückt sowohl die athletische als auch die medizinische Abteilung des Vereins in den Fokus – inklusive der Frage, ob in Sachen Belastungssteuerung bei Werder etwas schiefläuft. Fritz‘ Antwort: Jein. Es läuft gezwungenermaßen schief, sozusagen.
„Es ist richtig, dass es beim Punkt muskuläre Verletzungen in letzter Zeit eine Häufung gab. Es gibt aber auch Gründe dafür, die es erklären“, sagt er und kehrt in seiner Argumentation zu den „Unfall-Verletzungen“ mit langfristigen Ausfallzeiten zurück. „Die Belastung für die anderen Spieler nimmt natürlich mit jedem Ausfall zu. Zuletzt mussten deshalb Jungs auf die Zähne beißen, die sonst eher nicht gespielt hätten. Zudem werden Spieler, die aus Verletzungen zurückkommen, aufgrund der Personallage wieder sehr schnell hoch belastet.“ Was angesichts mangelnder Alternativen natürlich erklärbar, aber dennoch hoch riskant ist, weil es weitere Ausfälle provoziert. Ein Balanceakt, der Werder Bremen nicht immer glückt. „Das begleitet uns durch die Saison“, sagt Fritz. Ein Teufelskreis, aus dem die Mannschaft bisher nicht herausgekommen ist.
Viele Verletzungen bei Werder Bremen: Wie der Bundesligist die Probleme analysiert
Die Hoffnung bei Werder Bremen ist, dass sich die Situation während der laufenden Länderspielpause etwas entspannt, um für den Saisonendspurt mit noch sieben ausstehenden Ligaspielen bis Mitte Mai wieder neue Kräfte zur Verfügung zu haben. Danach, so kündigt es Fritz an, soll es zur großangelegten medizinischen Analyse kommen, damit sich der Spitzenrang in Sachen Ausfallzeiten im neuen Spieljahr nicht wiederholt. „Wir überprüfen uns in diesem Punkt dauerhaft, die medizinische und athletische Abteilung arbeiten jeden Fall auf“, versichert der 45-Jährige – und kündigt an: „Natürlich wird es am Ende auch um die Frage gehen, was wir tun können, um die Thematik im neuen Jahr zu verbessern.“ (dco)
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