Gefühlt lässt Werder zu viele Chancen aus
Zwischen Wahrheit und Wahrnehmung
Bremen - Zugegeben: Ganz neu war der Satz nicht. Eher eine Phrase, eine Redensart, aber das war Martin Harnik in diesem Moment vollkommen egal. Der Stürmer wollte kurz nach dem 1:1 gegen Nürnberg auf möglichst direkte Art ein Thema ansprechen, das er für problematisch hielt.
Er sagte: „Wir dürfen nicht in Schönheit sterben!“ Gemeint war Werders Chancenverwertung während des enttäuschenden Remis gegen den „Club“, das inzwischen gut zwei Wochen zurückliegt. Es folgten Siege gegen Augsburg und Berlin, jüngst dann die Niederlage von Stuttgart – Spiele mit unterschiedlichem Verlauf und Ausgang, und doch mit einer Gemeinsamkeit: Der Eindruck, Werder würde vor des Gegners Tor zu viel liegen lassen, hat sich bei den Spielern und im Umfeld gehalten – zu Unrecht!
Zumindest muss man in diesem Punkt streng unterscheiden. Zwischen gefühlter Wahrnehmung und statistischer Gewissheit. Natürlich muss Davy Klaassen in Augsburg nach 36 Minuten das schnelle 2:0 machen und hätte Yuya Osako bei gleich drei Chancen in der Anfangsphase zumindest ein Tor gegen Stuttgart erzielen sollen. Ganz zu schweigen von den späteren Pfostentreffern von Maximilian Eggestein und Claudio Pizarro. „Unsere Chancenverwertung war zu schlecht“, haderte Eggestein nach dem 1:2 am Neckar. Keine Frage: Werder vergibt vielversprechende Möglichkeiten, eigentlich in jedem Spiel – beim Blick auf die nackten Zahlen steht die Mannschaft im Liga-Vergleich allerdings ziemlich gut da.
Werders Chancenverwertung liegt bei 42 Prozent
26 Torchancen stehen für die Bremer in der laufenden Serie zu Buche, diese Zahl stammt vom Internetportal „wahretabelle.de“, das nur echte Chancen und nicht die Gesamtzahl abgegebener Torschüsse (bei Werder sind es 64) wertet. Da die Mannschaft von Trainer Florian Kohfeldt in bisher sechs Spielen elf Tore erzielt hat, ergibt sich eine Chancenverwertung von 42,31 Prozent. Zur besseren Einordnung: In der Bundesliga sind aktuell nur Spitzenreiter Borussia Dortmund (54,29 Prozent), Eintracht Frankfurt (52,63), Hertha BSC (52,17) und Borussia Mönchengladbach (42,86) besser. Am unteren Ende des Rankings stehen Mainz 05 (19,05) Fortuna Düsseldorf (15,63) und Schalke 04 (12,50).
Mangelnde Effizienz vor des Gegners Tor kann man Werder angesichts dieser Zahlen also nicht vorwerfen. Bei der Chancenanzahl gibt es für die Mannschaft allerdings noch Luft nach oben. „Wir müssen viel mehr aufs Tor schießen oder zumindest den Abschluss suchen“ – das hatte Harnik ebenfalls nach dem Nürnberg-Spiel von sich und seinen Kollegen gefordert.
Und tatsächlich: Mit ihren 26 Chancen rangieren die Bremer im Vergleich mit der nationalen Konkurrenz nur im Mittelfeld – Platz zehn. Die bestplatzierten Teams wie RB Leipzig (38), Augsburg (37) und Hoffenheim (36) kamen deutlich häufiger gefährlich zum Abschluss. Auch Freiburg (33) und Düsseldorf (32) stehen vor Werder, das den Trend allerdings auf seiner Seite hat: Waren es am ersten Spieltag zu Hause gegen Hannover 96 (1:1) laut „wahretabelle.de“ nur drei echte Chancen, folgten eine Woche später in Frankfurt (2:1) schon fünf. Nach dem von Harnik kritisierten Einbruch gegen Nürnberg (nur zwei Chancen), gab es in den Spielen gegen Augsburg, Hertha und Stuttgart insgesamt 16 gefährliche Werder-Abschlüsse.
Womit wir wieder beim Unterschied zwischen gefühlter Wahrnehmung und statistischer Gewissheit wären. Denn in Sachen fußballerischer Weiterentwicklung verschmilzt bei Werder derzeit beides mehr und mehr – und zwar zu einem Gesamteindruck, der für den weiteren Saisonverlauf zuversichtlich stimmt.
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