Siebter Teil: Werder-WM-Momente

Baumann und das ungewollte Souvenir

Bei der WM 2002 spielte Frank Baumann nur 30 Minuten während des 1:0-Achtelfinalerfolgs gegen Paraguay – und wurde am Ende mit Deutschland Vizeweltmeister.
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Bei der WM 2002 spielte Frank Baumann nur 30 Minuten während des 1:0-Achtelfinalerfolgs gegen Paraguay – und wurde am Ende mit Deutschland Vizeweltmeister.

Bremen/Seogwipo - Die Zahl stand plötzlich dort, ganz kurz vor seinen Füßen, gut lesbar, strahlend – fast so, als wollte sie erst gar keinen Zweifel an ihrer Korrektheit aufkommen lassen.

Glauben konnte ihr Frank Baumann im ersten Moment trotzdem nicht. Im zweiten musste er lachen. Über sich selbst und vor allem über das ziemlich ungewöhnliche „Souvenir“, das er da von der WM 2002 aus Japan und Südkorea mit nach Hause gebracht hatte: drei Kilogramm Übergewicht.

„Wir hatten einen echt guten italienischen Koch dabei, sein Essen war sehr lecker“, erklärt Baumann, bei dem aber vor allem die Besuche im Massageraum angesetzt haben: „Da standen immer kleine Schüsseln mit Duplos und Hanutas.“ Versuchungen beim Physiotherapeuten. „Und weil ich nicht so viel gespielt habe, habe ich mich auch nicht so viel bewegt“, sagt Baumann und lacht erneut. Ist eben damals längst nicht alles perfekt gelaufen während des Turniers. Weder für ihn noch für das deutsche Nationalteam. Den Spaß ihres Lebens hatten die Spieler trotzdem. Am Ende waren sie Vizeweltmeister – und niemand wusste so genau, wie das passieren konnte.

Wilde Hotelgarten-Party nach Sieg gegen Paraguay

„Fußballerisch waren wir sicher nicht das allerbeste Team“, gesteht Baumann, „unser großes Plus war aber, dass sich der Kader hervorragend verstanden hat.“ So hervorragend sogar, dass die Mannschaft mitten im Turnier eine inzwischen legendäre Hotelgarten-Party veranstaltet. Torwarttrainer Sepp Maier hält damals mit seiner Super-8-Videokamera drauf, dem Fußballmagazin „11 Freunde“ hat er kürzlich das Rohmaterial gezeigt.

Dietmar Hamann, der nackt um den Hotelpool flitzt, ein Kreis aus Spielern, eingehakt, dazu „Griechischer Wein“ und „99 Luftballons“. Es ist der Abend nach dem 1:0-Sieg im Achtelfinale gegen Paraguay, das einzige Spiel, in dem auch Baumann bei dieser WM auf dem Platz steht. „Es gab auch schon vor dem Abend Partys, feiern konnten wir als Mannschaft ziemlich gut“, berichtet der Werder-Sportchef – betont aber auch: „Jeder von uns wusste, worauf es auf dem Platz ankam.“

Erst mauern, dann feiern: Frank Baumann (3.v.r., beim Freistoß von Torwart-Legende Jose Luis Chilavert) gewann gegen Paraguay sein einziges WM-Spiel gegen Paraguay.

8:0 gegen Saudi-Arabien, 1:1 gegen Irland und 2:0 gegen Kamerun – die komplette Gruppenphase erlebt Baumann von der Bank aus. „Für mich war klar, dass ich eher in der zweiten Reihe stehe“, blickt der heute 42-Jährige zurück. Nach 60 Minuten im Achtelfinale, es steht 0:0, dann auch Baumanns WM-Premiere. Teamchef Rudi Völler bringt den Bremer im südkoreanischen Seogwipo für Christoph Metzelder ins Spiel. „Vor der Einwechslung war ich sehr angespannt“, gesteht Baumann, dann erlebt auf dem Platz mit, wie Oliver Neuville in der 88. Minute zum späten Sieg trifft.

Es folgt die große Party, die Michael Ballack später die beste seines Lebens nennen sollte, dann weitere 1:0-Siege gegen die USA und Südkorea – und schließlich das 0:2 im Finale gegen Brasilien. „Das war einfach bitter, die Enttäuschung saß einige Zeit sehr tief“, sagt Baumann. Zu Hause, auf der Waage, konnte er ein paar Tage später allerdings wieder lachen. Über sich selbst und einen unglaublichen Sommer.

Die Werder-WM-Serie:

Teil 1: Karl-Heinz Riedle und die kuriose Premiere vom Punkt

Teil 2: Marco Bode - Kamerun, Karriereende, verpasste Krönung

Teil 3: Ivan Klasnics einzige Beute: ein abgequatschtes Ronaldinho-Trikot

Teil 4: Günter Hermann - kein Weltmeister zweiter Klasse

Teil 5: Uwe Reinders‘ verhängnisvolle Rutschpartie in Badelatschen

Teil 6: Horst-Dieter Höttges‘ Trauma heißt auch heute noch Hurst

Frank Baumann: Seine Karriere in Bildern

Frank Baumann, 1975 in Würzburg geboren, wechselte 1991 in die Jugend des 1. FC Nürnberg. In der Saison 1994/1995 feierte er beim damaligen Zweitligisten sein Profi-Debüt. Mit den Franken stieg er 1998 in die Bundesliga auf...
Frank Baumann, 1975 in Würzburg geboren, wechselte 1991 in die Jugend des 1. FC Nürnberg. In der Saison 1994/1995 feierte er beim damaligen Zweitligisten sein Profi-Debüt. Mit den Franken stieg er 1998 in die Bundesliga auf... © imago
… 1999 im wohl dramatischsten Abstiegskrimi der Bundesliga-Geschichte aber wieder ab. Baumann hatte eine unrühmliche Nebenrolle, als er am letzten Spieltag kurz vor Schluss das leere Tor verfehlte. Nürnberg verlor 1:2 gegen den SC Freiburg.
… 1999 im wohl dramatischsten Abstiegskrimi der Bundesliga-Geschichte aber wieder ab. Baumann hatte eine unrühmliche Nebenrolle, als er am letzten Spieltag kurz vor Schluss das leere Tor verfehlte. Nürnberg verlor 1:2 gegen den SC Freiburg. © imago
Nach dem Abstieg wechselte Baumann zum SV Werder Bremen – seinen zweiten und letzten Verein als aktiver Profi. Bei Werder sollte er zehn Jahre lang den unaufgeregten Part im defensiven Mittelfeld übernehmen.
Nach dem Abstieg wechselte Baumann zum SV Werder Bremen – seinen zweiten und letzten Verein als aktiver Profi. Bei Werder sollte er zehn Jahre lang den unaufgeregten Part im defensiven Mittelfeld übernehmen. © Witters
Im Jahr 2000 wurde Baumann Mannschaftskapitän bei Werder. Als solcher war er beim größten Erfolg der Vereinsgeschichte mittendrin statt nur dabei: Er durfte beim Double 2004 Meisterschale und DFB-Pokal in die Höhe recken...
Im Jahr 2000 wurde Baumann Mannschaftskapitän bei Werder. Als solcher war er beim größten Erfolg der Vereinsgeschichte mittendrin statt nur dabei: Er durfte beim Double 2004 Meisterschale und DFB-Pokal in die Höhe recken... © imago
… und ließ sich beim Autokorso durch die Stadt gemeinsam mit Trainer Thomas Schaaf (l.) und Manager Klaus Allofs feiern.
… und ließ sich beim Autokorso durch die Stadt gemeinsam mit Trainer Thomas Schaaf (l.) und Manager Klaus Allofs feiern. © imago
Danach war Werder Dauergast in der Champions League, spielte gegen einige der größten Mannschaften der Welt. 2009 führte er Werder außerdem ins Finale des Uefa-Cups (1:2 gegen Schachtjor Donezk).
Danach war Werder Dauergast in der Champions League, spielte gegen einige der größten Mannschaften der Welt. 2009 führte er Werder außerdem ins Finale des Uefa-Cups (1:2 gegen Schachtjor Donezk). © imago
Auf dem Weg ins Endspiel gelang Baumann das wohl wichtigste Tor seiner Karriere, eines, das auf ewig einen Platz in der Vereinschronik haben wird. Der Kapitän traf im Halbfinal-Rückspiel gegen den HSV zum zwischenzeitlichen 3:1. Den „Assist“ verbuchte eine kleine weiße Papierkugel...
Auf dem Weg ins Endspiel gelang Baumann das wohl wichtigste Tor seiner Karriere, eines, das auf ewig einen Platz in der Vereinschronik haben wird. Der Kapitän traf im Halbfinal-Rückspiel gegen den HSV zum zwischenzeitlichen 3:1. Den „Assist“ verbuchte eine kleine weiße Papierkugel... © imago
Das letzte Spiel seiner Karriere sollte nochmal ein echter Höhepunkt werden. Baumann spielte 2009 mit Werder im Finale des DFB-Pokals in Berlin – und schlug Bayer Leverkusen mit 1:0. Zum Ende der Laufbahn bekam Baumann noch einmal den großen goldenen Pott in die Hände.
Das letzte Spiel seiner Karriere sollte nochmal ein echter Höhepunkt werden. Baumann spielte 2009 mit Werder im Finale des DFB-Pokals in Berlin – und schlug Bayer Leverkusen mit 1:0. Zum Ende der Laufbahn bekam Baumann noch einmal den großen goldenen Pott in die Hände. © imago
Zwischen 1999 und 2005 spielte Baumann 28 Mal für die deutsche Nationalmannschaft (zwei Tore). Er wurde 2002 Vize-Weltmeister und nahm 2004 an der Europameisterschaft teil.
Zwischen 1999 und 2005 spielte Baumann 28 Mal für die deutsche Nationalmannschaft (zwei Tore). Er wurde 2002 Vize-Weltmeister und nahm 2004 an der Europameisterschaft teil. © imago
Baumann startete 2010 bei Werder eine Laufbahn im Management, zunächst als Assistent von Geschäftsführer Klaus Allofs, später als Direktor Profifußball und Scouting. Im Sommer 2015 hörte Baumann in der Position auf...
Baumann startete 2010 bei Werder eine Laufbahn im Management, zunächst als Assistent von Geschäftsführer Klaus Allofs, später als Direktor Profifußball und Scouting. Im Sommer 2015 hörte Baumann in der Position auf... © imago
… kehrte aber nur etwa ein Jahr später zu seinem Club zurück: Nach der Entlassung von Thomas Eichin übernahm Baumann als Geschäftsführer Sport.
… kehrte aber nur etwa ein Jahr später zu seinem Club zurück: Nach der Entlassung von Thomas Eichin übernahm Baumann als Geschäftsführer Sport. © gumzmedia
In seiner Zeit als Sportchef verlängerte Baumann den Vertrag von Viktor Skripnik, musste den Trainer aber nach ganz schwachem Saisonstart in der Saison 2016/2017 entlassen. Später gab Baumann zu, dass die Vertragsverlängerung ein Fehler war.
In seiner Zeit als Sportchef verlängerte Baumann den Vertrag von Viktor Skripnik, musste den Trainer aber nach ganz schwachem Saisonstart in der Saison 2016/2017 entlassen. Später gab Baumann zu, dass die Vertragsverlängerung ein Fehler war. © gumzmedia
Baumann benannte Alexander Nouri als Nachfolger. Der führte Werder aus dem Abstiegskampf fast noch bis nach Europa, den Start in die Saison 2017/2018 verpatzte aber auch er gründlich. Baumann entließ ihn nach elf Spieltagen ohne Sieg.
Baumann benannte Alexander Nouri als Nachfolger. Der führte Werder aus dem Abstiegskampf fast noch bis nach Europa, den Start in die Saison 2017/2018 verpatzte aber auch er gründlich. Baumann entließ ihn nach elf Spieltagen ohne Sieg. © gumzmedia
Baumann beförderte U23-Coach Florian Kohfeldt zunächst zum Interims-, dann zum Cheftrainer. Kohfeldt schlug ein - und Baumann verlängerte seinen Vertrag.
Baumann beförderte U23-Coach Florian Kohfeldt zunächst zum Interims-, dann zum Cheftrainer. Kohfeldt schlug ein - und Baumann verlängerte seinen Vertrag. © gumzmedia

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