Schluss nach 35 Jahren
Willi Lemke im Abschieds-Interview: "Werder Bremen darf nicht fremdgesteuert werden"
Bremen - Von Björn Knips. 35 Jahre - also genau sein halbes Leben war Willi Lemke für den SV Werder Bremen im Einsatz. Erst als Manager, dann im Aufsichtsrat. Am Montag ist Schluss.
Der Wahlausschuss hat den 70-Jährigen nicht mehr nominiert, bei der Mitgliederversammlung in der Werder-Halle an der Hemelinger Straße wird über andere Kandidaten abgestimmt. Lemke findet es zwar okay, ist aber auch traurig. „Ich hätte gerne weitergemacht“, sagt er im Abschiedsinterview als Aufsichtsrat. Lemke macht es aber auch Spaß, noch einmal zurückzublicken. Dabei verrät er seinen Lieblingstraum, seinen größten Fehler bei Werder und seinen Wunsch für die Zukunft des Clubs.
Herr Lemke, was machen Sie am Montagabend, wenn die Mitgliederversammlung vorbei ist und Sie nach 35 Jahren kein Amt mehr bei Werder bekleiden?
Willi Lemke: Das wird ein besonderer Moment. Ich werde ganz sicher nicht froh und glücklich sein. Die sportliche Lage ist anders als 1999. Da war ich nach meinem letzten Spiel als Manager überglücklich, denn wir hatten gegen die Bayern den DFB-Pokal geholt. Jetzt kämpfen wir um den Klassenerhalt, da gehe ich ungerne von Bord. Aber das Thema ist beendet, ich bin nicht gram. Ich bin 70 Jahre alt und kann absolut nachvollziehen, dass man nun den Generationswechsel im Aufsichtsrat will. Trotzdem gehe ich mit Wehmut.
Am 31. Dezember endet auch Ihre Tätigkeit als UN-Sonderberater für Sport - sind Sie dann ab dem 1. Januar tatsächlich Rentner?
Lemke: Ich bin „between the jobs“, wie der Amerikaner so schön sagt. Also zwischen den Jobs und nicht arbeitslos, wie es bei uns so fürchterlich heißt. Ich habe seit Jahren eine Consulting-Firma. Die werde ich revitalisieren. Mal gucken, wen ich im Sport noch alles so beraten kann.
Bei Werder werden drei von sechs Aufsichtsräten ausgetauscht. Ist das nicht zu viel Veränderung auf einen Schlag?
Lemke: Es ist ein mutiger Schritt, aber den Mutigen gehört die Welt. Ich finde es konsequent, drei ältere Semester rauszunehmen. Hans Schulz, Werner Brinker und ich sind quasi schon alle pensioniert. Die anderen Aufsichtsratsmitglieder sind erfahren genug und müssen sich nicht mehr anhören müssen, was ich zu quaken habe (lacht).
Hatten Sie viel zu quaken?
Lemke: Nein. Ich habe mich natürlich eingemischt, aber nicht ins operative Geschäft, also nicht in die Aufgaben der Geschäftsführung.
Sie haben nur mal gesagt, dass Spieler nicht verpflichtet werden dürfen, weil die Geschäftsführung bereits ihr Budget ausgereizt hatte.
Lemke: Das war unsere ureigenste Aufgabe als Aufsichtsrat - und dafür bin ich kräftig abgewatscht worden. Das hat mir sehr, sehr weh getan. Zumal es eine 6:0-Entscheidung im Aufsichtsrat war.
Der damalige Sportchef Thomas Eichin war im Sommer 2014 nicht begeistert, dass er den Spieler Bryan Ruiz nicht verpflichten durfte.
Lemke: Aber wenn man kein Geld hat...
Durch die neuen Aufsichtsratsmitglieder - also Kurt Zech, Thomas Krohne und Andreas Hoetzel - erhofft sich Werder bessere Kontakte in die Wirtschaft und dadurch bessere Geschäfte. Ist das realistisch?
Lemke: Ich hoffe das. Kurt Zech und Thomas Krohne sind als erfolgreiche Unternehmer international sehr gut vernetzt. Sie können uns wirklich helfen. Ich wünsche den neuen Aufsichtsratsmitgliedern, dass sie mit der Geschäftsführung harmonieren und uns wieder in die Erfolgsspur bringen. Denn wir agieren momentan weit unter Wert, da unten gehören wir nicht hin. Andere Vereine, die ähnlich wenig Geld haben wie wir, haben sich da besser entwickelt.
Haben Sie eine Erklärung dafür?
Lemke: Nein.
Drei Trainer in drei Jahren - ist Werder nun ein normaler Bundesligist?
Lemke: Es ist genauso wie nach der Ära Otto Rehhagel. Da haben wir auch lange gebraucht, den richtigen Nachfolger zu finden: Thomas Schaaf. Otto war allmächtig, und wir haben ihn alle total unterstützt. Wenn ihn die „Bild“-Zeitung kritisiert hat, haben wir sofort seinen Vertrag verlängert. Das ist kein Witz, das haben wir wirklich zweimal so gemacht.
Gibt es überhaupt noch so prägende Trainer wie Rehhagel - und bekommen die überhaupt die nötige Zeit, sich zu entfalten?
Lemke: Das ist eine sehr berechtigte Frage. Es gibt kaum noch Geduld, bei keinem. Nicht bei den Fans, nicht im Club und schon gar nicht bei den Medien. Es geht nur noch um das Ergebnis. Es ist viel brutaler als früher. Nehmen wir Viktor Skripnik. Bevor die Saison losging, musste er schon lesen, dass ihn englische Buchmacher ganz oben auf die Abschussliste gesetzt haben. Es ist nicht schön, mit diesem Damoklesschwert über sich zu leben.
Muss ein Trainer damit leben?
Lemke: Das muss er, dafür gibt es ja auch viel Schmerzensgeld. Trotzdem ist es brutal und schwer zu ertragen. Deshalb muss ein Trainer bis zum Schluss gestützt werden. Ansonsten ist er sofort angeschlagen. Das war das Problem in der vergangenen Saison, als zu viele Interna nach außen getragen wurden. Das hat den Trainer zu sehr beschädigt.
Sie wurden in den 1990er-Jahren in den Medien als „Visionär von der Weser“ gefeiert, weil Sie zum Beispiel die Logen in Bundesliga-Stadien erfunden haben. Haben Sie noch Visionen in der Schublade?
Lemke: Es ist keine echte Vision, sondern mehr mein jahrelanger Wunsch: Werder muss sich internationaler aufstellen. Da haben wir sehr viel Zeit verloren, weil unsere sportliche Leitung nach dem Double 2004 die – zugegeben anstrengenden – Reisen wie zum Beipsiel nach Peking, Hongkong oder Shanghai nicht machen wollte. Thomas Schaaf wollte lieber nach Norderney und Belek, um die Mannschaft ordentlich vorbereiten zu können. Das war rückblickend nicht sehr schlau.
Sie haben damals auch von der „Aktiengesellschaft SV Werder Bremen“ gesprochen. „50 oder 150 Millionen Mark Kapital sind drin – je nach Phantasie des Anlegers“, meinten Sie. Warum ist daraus nie etwas geworden?
Lemke: Damals war man vielleicht noch nicht so weit. Meine Auffassung war allerdings auch immer: Aktien ja, aber wir dürfen uns nicht aufkaufen lassen.
Ihr Noch-Aufsichtsratskollege Marco Bode hat aber gesagt, es sei wegen der Chancengleichheit irgendwann notwendig, die 50+1-Regel abzuschaffen.
Lemke: Davon bin ich ein strikter Gegner. Ich will keine amerikanischen Verhältnisse mit Clubeigentümern. Ich will nicht, dass Werder einem reichen Russen, einem Scheich oder einem Chinesen gehört. Die wollen doch alle am Ende nur Geld verdienen. Klappt das nicht, sind sie weg und lassen Werder fallen – tief fallen. Werder darf nie vom Gutdünken eines Sponsors, eines Hedgesfonds oder eines Herrn wie in Hamburg abhängig sein. Werder Bremen darf nicht fremdgesteuert, sondern von den Mitgliedern demokratisch geführt werden.
Sie haben schon mehrfach betont, dass es die Werder-Familie nicht mehr gibt. Wo ist sie geblieben?
Lemke: Die Werder-Familie ist der Professionalisierung und der Kommerzialisierung zum Opfer gefallen.
Hätte das verhindert werden können?
Lemke: Natürlich kann man immer versuchen, Dinge anders zu steuern. Ob es in diesem Fußballgeschäft gelingt, ist eine andere Frage.
Warum haben Sie als bedeutendes Familienmitglied nicht gegengesteuert?
Lemke: Das funktioniert nicht im Alleingang. Bis zu seinem Tod 2004 war unser Präsident Dr. Franz Böhmert so etwas wie der Vater der Werder-Familie. Er war so ruhig, so ausgleichend, so anständig, ihn hat wirklich jeder akzeptiert. So einen gab es dann nicht mehr. Damit ändern sich dann auch Familienverhältnisse. Man darf aber auch nicht vergessen, wie sich die Spieler mit ihren Agenten im Hintergrund verändert haben. Deren Identifikation mit dem Verein ist bis auf relativ wenige Ausnahmen längst nicht mehr so groß wie früher.
Welchen Werder-Moment würden Sie gerne noch einmal erleben?
Lemke: Das Heimspiel gegen Anderlecht ist unschlagbar – dieses 5:3. In der Halbzeit lagen wir 0:3 hinten. Da hat der Präsident von Anderlecht zu Dr. Böhmert gesagt: „Jetzt wäre ein Cognac toll.“ Im Europapokal war aber Alkoholverbot. Böhmert hat trotzdem Cognac besorgt und anständig gratuliert. In der 70. Minute ging es dann los, bumm, bumm, bumm, bumm, bumm – 5:3. Das war eine coole Nummer.
Welchen Werder-Moment würden Sie gerne nachträglich verändern?
Lemke: Die Verhandlungen mit Stefan Effenberg 1994 in München.
Warum?
Lemke: Wir hätten da nicht so prinzipientreu sein dürfen. Die Effenbergs wollten noch einmal nachverhandeln, obwohl wir uns längst geeinigt hatten. Sie hatten mitbekommen, dass Florenz mehr verlangt und auch von uns bekommen hatte. Aber das Spielchen wollten wir nicht mitmachen – und ich habe nicht flexibel genug reagiert. Das war ein Fehler, Effenberg ging zu Mönchengladbach.
Sie wollten 2009 als Nachfolger von Manfred Müller eine Frau in die Geschäftsführung holen. Das hat für viel Aufsehen in der Männerwelt Fußball gesorgt. Warum hat es nicht geklappt?
Lemke: Ganz einfach, Dagmar Brandenstein hat uns damals abgesagt. Sie wollte ihren tollen Job als persönliche Referentin von Leo Kirch nicht aufgeben. Schade, sie hätte super zu uns gepasst.
Sie waren erst Manager, dann Aufsichtsrat - gibt es noch einen Job, den Sie gerne mal bei Werder gemacht hätten?
Lemke: Ganz ehrlich: Manchmal habe ich davon geträumt, dass ich auf der Bank sitze und plötzlich Otto Rehhagel zu mir sagt: „Herr Lemke, trauen Sie sich das zu, können Sie auflaufen?“ Das ist quasi mein Traum vom Fliegen, den viele haben.
Wie ist der Traum ausgegangen?
Lemke: Ottos Frage reichte mir als Traum. Ich kann doch überhaupt nicht Fußball spielen. Aber ich habe mal ein Traumtor in Rostock in einer Promi-Mannschaft mit Rudi Assauer geschossen. Da hat der nicht schlecht gestaunt (lacht).
Verraten Sie uns zum Abschluss noch Ihre persönliche Werder-Traumelf?
Lemke: Puh, das ist schwer. Okay, ich probiere es. Tim Wiese im Tor. Er war zwar etwas verrückt, aber egal. Rune Bratseth in der Abwehr ist klar. Julio Cesar auch. Als Außenverteidiger Jonny Otten und Manfred Bockenfeld. Vor der Abwehr Frank Baumann, der hat immer so viel Ruhe ausgestrahlt. Als Spielmacher natürlich Johan Micoud – und Diego, die fand ich super. Das ist zwar jetzt etwas zu offensiv, aber ich nehme noch drei Stürmer: Rudi Völler, Wynton Rufer und Ailton. Ich hoffe, mir ist keiner böse, ich könnte noch viel mehr tolle Werder-Mannschaften aufstellen.


