Historische Neubewertung?
Bahnt sich beim Silber historische Neubewertung an?
Der Silberpreis eilt nach oben und hat diese Woche bereits die symbolische Hürde von 44 USD genommen. Rohstoffexperten rechnen dieses Jahr noch mit Preisen deutlich über 50 USD.
London – Industrielle Nachfrage und Anlegerunsicherheit treiben den Silberpreis in ungeahnte Höhen. Ein weltweites Angebotsdefizit bei physischem Silber sorgt für eine starke Preisdynamik – das Edelmetall erklimmt ein 14-Jahreshoch. Rohstoffexperten prophezeien dem Silber auch weiterhin eine glänzende Zukunft – denn Angebot und Nachfrage klaffen immer weiter auseinander.
Seit Jahresbeginn hat Silber ganze 50 Prozent in US-Dollar bereits zugelegt. Anfang dieser Woche stieg das Edelmetall dann erstmals seit 14 Jahren wieder auf über 44 USD. Nachdem Silber in den vergangenen Jahren von den Anlegern wenig beachtet wurde, ist jetzt eine beispiellose Rallye zu beobachten. Diese ist auf eine Reihe von Marktbedingungen zurückzuführen und könnte dazu führen, dass Silber grundsätzlich neu bewertet werden muss.
Große Nachfrage nach physischem Silber und begrenztes Angebot
Das Silbermarkt-Angebotsdefizit wird für 2024 auf rund 149 Millionen Unzen geschätzt, was das vierte Defizitjahr in Folge darstellt. Die Nachfrage lag mit 1.164,1 Millionen Unzen deutlich über dem Angebot von 1.015,1 Millionen Unzen lag, wie gold.de mitteilte. Haupttreiber des Defizits sind die weltweit steigende Silbernachfrage, insbesondere aus der boomenden Photovoltaik-Industrie, und eine stagnierende bzw. rückläufige Silberproduktion, da Silber oft nur als Nebenprodukt gewonnen wird.
Im Jahr 2024 stieg die industrielle Silbernachfrage auf ein neues Rekordniveau von 680,5 Millionen Unzen bzw. 21.174 Tonnen. Das sind 40 Prozent mehr Nachfrage nach physischem Silber als noch 2016. Dieser Zuwachs in nur 8 Jahren verdeutlicht die steigende Bedeutung von Silber in technologisch anspruchsvollen Anwendungen. Alleine in Hightech-Bereichen wie Photovoltaik und Elektronik stieg die Nachfrage im letzten Jahr um 3,6 Prozent. Neue Nachfrage kommt auch aus der Rüstungsindustrie sowie der Luft- und Raumfahrt, wo Silber mittlerweile als Hightech-Metall aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften vielseitig eingesetzt wird und sogar in etlichen Bereichen unentbehrlich ist.
Silberangebot kann nicht beliebig ausgeweitet werden
Das Problem beim Silberangebot ist der Umstand, dass nur etwa ein Viertel des neu gewonnen Silbers aus reinen Silberminen stammt. Das meiste Silber wird als Nebenprodukt beim Abbau anderer Metalle wie Gold, Kupfer, Blei und Zink gewonnen. Deshalb ist auch der Silberabbau zu einem großen Teil von der Nachfrage nach anderen Metallen abhängig und der Abbau orientiert sich eben nicht an der aktuellen Silbernachfrage. Die jährlich geförderten Mengen sind in den letzten zehn Jahren ziemlich konstant geblieben, wie gold.de analysierte.
Inflation und niedrige Zinsen machen Silber für Anleger wieder interessant
Auch die Investoren haben Silber nun wieder auf dem Radar. Niedrige Zinserwartungen und Ängste vor der weiteren Inflation treiben immer mehr Anleger auch wieder in die Edelmetalle. Silber ist auch für kleinere Anleger erschwinglich, im Gegensatz zu seinem großen Bruder Gold, und befeuert die Nachfrage zur Absicherung gegen einen Wertverlust von Papiergeld. Die physischen Investments in Silber sind im Jahr 2021 mit 332,9 Millionen Feinunzen auf ein historisches Hoch gestiegen. Im Vergleich zu 2021 war dies ein Nachfrage-Zuwachs von ganzen 22 Prozent. Am stärksten wuchs die Nachfrage dabei in den USA, Indien und Deutschland, wie gold.de ermittelte.
Zentralbanken legen wieder Reserven in Silber an
Für die Zentralbanken war Silber über Jahrzehnte hinweg uninteressant. Sie legten Reserven in US-Dollar oder auch in Gold an. Doch im September 2024 kündigte sich eine Zeitenwende an, als die russische Zentralbank den Kauf von Silber und Platin offiziell bekanntgab. 535 Mio. US-Dollar sollen über drei Jahre hinweg in die Edelmetallreserven fließen. Nur wenige Monate danach kündigte auch Saudi-Arabien Silberkäufe an. Marktbeobachter sprechen schon von einem geopolitischen Richtungswechsel und eine Rückkehr des Silbers in die Geldpolitik. Zentralbanken kaufen strategisch und nicht spekulativ und schaffen so eine langfristige und dauerhafte Silbernachfrage.
Auch in den USA hat der nationale geologische Dienst Silber erstmals nun als einen kritischen Rohstoff eingestuft. Damit ist Silber auch für die US-Wirtschaft und die nationale Sicherheit als essenziell bewertet worden und die Lieferketten sind als anfällig für Störungen eingestuft worden. Auch die USA werden sich somit in Zukunft stärker um ihre Versorgung mit physischem Silber kümmern.
Börsen horten große Mengen an physischem Silber für ihre silbergedeckten ETFs
Wie Bloomberg mitteilte, haben auch die Börsen, die mit ETFs handeln, die mit physischem Silber gedeckt sind, ihr Volumen seit Februar dieses Jahres um 2.570 Tonnen erhöht. Die großen Mengen an physischem Silber, die von den börsengehandelten Fonds gebunkert werden, stehen somit auch nicht für den Verkauf oder den Verleih am Markt zur Verfügung. Das führt bereits zu Lieferengpässen beim physischen Silber.
Silberpreis wurde lange Zeit durch Leerverkäufe künstlich gedrückt
Am Silbermarkt wurde viele Jahre lang durch sogenannte Leerverkäufe von Short-Positionen der Marktpreis nach unten gedrückt, wie Analyst Jesse Colombo erklärt. Durch diese Short-Positionen wird auf einen fallenden Silberpreis gewettet. Diese Short-Positionen summieren sich auf über 211 Millionen Unzen Silber – das entspricht fast einem Viertel der gesamten weltweiten Jahresproduktion. Bei diesen Verkaufsoptionen handelt es sich in erster Linie um „Papier-Silber“, die nicht mit realem Silber besichert sind. Es wird also ein größeres Angebot vorgetäuscht, als tatsächlich vorhanden ist. Verschiedene Analysten sprechen von über 300 Silberpapierkontrakten im Handel, die auf eine Unze real existierendes Silber kommen.
Sobald Anleger und Händler jedoch erkennen, dass tatsächlich kaum noch physisches Silber verfügbar ist, könnte der Silberpreis plötzlich deutlich steigen. Das setzt die Banken unter Druck, denn sie müssen dann schnell ihre Kontrakte zurückkaufen, um nicht zu viel Geld zu verlieren. Dieser sogenannte „Short-Squeeze“ könnte nach Colombo verheerende Konsequenzen haben, denn jede Erhöhung des Silberpreises um nur einen einzigen US-Dollar verursacht bei den großen Short-Sellern Verluste von insgesamt 211 Millionen US-Dollar. Eine solche Position lässt sich nicht lange durchhalten. Sollte Silber um 10 oder gar 20 US-Dollar ansteigen, sind das bereits Verluste in Milliardenhöhe, die zu panischen Rückkäufen führen könnten.
Wo geht die Reise hin für den Silberpreis?
Heute sind sich die meisten Rohstoffexperten einig, dass Silber immer noch erheblich unterbewertet ist. Die aktuelle Gold-Silber- Ratio liegt immer noch bei ca. 88:1. Im historischen Durchschnitt lag sie hingegen bei nur 53:1. Würde sich dieses Gleichgewicht wieder einpendeln, könnte alleine aus dieser Ableitung ein Silberpreis von 56 USD realistisch sein, selbst wenn Gold nicht weiter steigen würde. Wenn man die Allzeithochs bei Silber inflationsbereinigt betrachtet, die man in den Jahren 1980 und 2011 gesehen hat, könnte zu den heutigen Bedingungen der Silberpreis sogar auf bis zu 100 USD oder höher steigen.
Falls es zu einem beschriebenen Short Squeeze im Markt kommt, kann auch noch eine ganz andere Dynamik einsetzen. Wenn Banken und institutionelle Anleger gezwungen wären, physisches Silber in großen Mengen zu erwerben, um ihre Leerverkäufe zu decken, könnte sich der Preisanstieg erheblich beschleunigen, wie Analyst Colombo annimmt.
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