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Biotechnologie „Made in China“ – wie Xi Jinping den Westen abhängen will
China investiert Milliarden in Biotechnologie und will Weltmarktführer werden. Europa droht den Anschluss zu verlieren. Der Wettlauf hat begonnen.
Berlin/Peking – Die Volksrepublik China hat die Biotechnologie als Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts identifiziert. Laut einem Journal von Internationale Politik und Gesellschaftder Friedrich-Ebert-Stiftung skizzierte Xi Jinping 2024 vor Mitgliedern der Chinesischen Akademie der Wissenschaften die Rolle von Biotechnologie in der globalen Ordnung. „Spitzentechnologien wie künstliche Intelligenz, Quantentechnologie und Biotechnologie lösen eine Kettenreaktion von Veränderungen aus“, erklärte Xi. Für ihn steht fest: „Der Hightech-Sektor hat sich zum zentralen Schlachtfeld des internationalen Wettbewerbs entwickelt, das die globale Ordnung und die Entwicklungslandschaft grundlegend verändert.“
Chinas strategische Offensive in der Zukunftsbranche: Biotechnologie als Machtinstrument
Diese Aussagen sind mehr als nur politische Rhetorik. Laut der Foundation for Defense of Democracies identifizierte Xi 2024 die Biowissenschaften und Biotechnologie als zwei von Chinas „neuen produktiven Kräften“ – Industrien, die er als entscheidend für die Wiederbelebung der Wirtschaft und Chinas Position an der Spitze der nächsten industriellen Revolution ansieht. Nach Schätzungen investierten Chinas zentrale, lokale und provinzielle Regierungen zusammen 100 Milliarden US-Dollar über einen bestimmten Zeitraum, um Xis Biotechnologie-Forschungs- und Entwicklungsdirektiven zu erfüllen.
Die strategische Bedeutung wird durch Chinas industriepolitische Strategie Made in China 2025 unterstrichen. Die Biomedizin zählt zu den zehn Sektoren, die in diesem 2015 veröffentlichten Programm aufgeführt sind. Diese Strategie sorgte für Aufsehen, da sie für chinesische Unternehmen feste Marktanteile im eigenen Land vorsah – besonders im Bereich biomedizinischer Anwendungen und medizinischer Geräte wie Röntgenmaschinen.
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Die „Made in China 2025“-Strategie sieht vor, bereits 2025 in einigen Schlüsselindustrien Marktführer zu werden – und Biotech gehört dazu. „China ist in diesen Bereichen sehr stark geworden“, sagte Holger Görg vom Kieler Institut für Weltwirtschaft gegenüber DW. Die Zahlen sprechen für sich: Heute kommen 28 Prozent aller klinischen Studien in dem Bereich bereits aus China, das Volumen der Deals ist auf 66 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 angestiegen.
Europas gefährliche Abhängigkeit von chinesischen Arzneimitteln
Während China massiv investiert, offenbart sich Europas Verwundbarkeit. Laut einer von der EU-Kommission beauftragten Studie stammen rund 90 Prozent bestimmter traditioneller Medikamente, darunter viele Antibiotika, aus Drittstaaten – vor allem aus China und Indien. Diese Abhängigkeit ist nicht nur wirtschaftlich problematisch, sondern auch sicherheitspolitisch kritisch zu sehen.
China behandelt Gesundheits- und Genomdaten als staatliche Ressourcen. Im Rahmen der Human Genetic Resource Management-Regeln – ein Regelwerk, das den Umgang mit menschlichen genetischen Ressourcen und Genomdaten in China kontrolliert –gelten sie als Bestandteil der nationalen Sicherheit. Denn während in Europa beim Umgang mit medizinischen Daten vor allem der Schutz der Privatsphäre im Vordergrund steht, betrachtet China sie vorrangig durch die Brille der nationalen Sicherheit – womöglich aufgrund ihres Potenzials als biochemische Kampfstoffe zu fungieren. Ein Transfer ins Ausland ist daher nur nach einem besonderen Verfahren erlaubt.
Die Tragweite dieser Einstufung wird durch konkrete Beispiele deutlich: Das U.S. National Counterintelligence and Security Center (NCSC) warnte in einem Bericht von Februar 2021 vor den „multiplen Risiken“ durch Chinas großangelegte Sammlung medizinischer und genomischer Daten weltweit. Das NCSC teilte mit, es habe „ernsthafte Bedenken“ darüber, wie genetische Daten von Chinas Regierung und Unternehmen „gesammelt, übertragen, gespeichert und verwendet“ werden. Aufschlussreich sind dabei beispielsweise die Datenschutzrichtlinien der chinesischen Biotech Firma BGI, die besagen, dass gesammelte Daten weitergegeben werden können, wenn sie „direkt relevant für die nationale Sicherheit oder die nationale Verteidigungssicherheit“ in China sind.
Chinas Biotech-Offensive: Während Europa um Finanzierung kämpft, investiert Peking massiv in Genomforschung und betrachtet Gesundheitsdaten als strategische Ressource.
Im Schatten des Drachen: Deutschlands Rückstand in der Biotech-Forschung
Nach Jahren steigender Biotech-Investitionen in Deutschland kam es 2025 zu einer abrupten Kehrtwende: Laut einer Analyse von Ernst & Young wurden im ersten Quartal nur 130 Millionen Euro an Finanzierungen aufgenommen – ein Rückgang von 78 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2024, als Biotech-Unternehmen noch 591 Millionen Euro einsammeln konnten. Bereits 2023 war die Frühphasenfinanzierung mit nur 203 Millionen Euro auf den geringsten Wert der vergangenen sechs Jahre gefallen.
Gleichzeitig legt China nach Jahren kontinuierlicher Investitionen ein enormes Tempo vor. Laut GlobalData‘s Pharma Intelligence Center erreichten chinesische Biopharma-Unternehmen 2024 einen Anteil von 28 Prozent bei Lizenzdeals für innovative Medikamente mit großen Pharmakonzernen – etwa ein Drittel aller Lizenzdeals für Medikamente entfiel somit auf chinesische Unternehmen.
Inzwischen greifen auch deutsche Unternehmen auf diese Innovationskraft zurück: So erwarb Bayer Anfang dieses Jahres von der chinesischen Firma Suzhou Puhe eine Lizenz für einen Wirkstoff gegen Krebs. Das Wissenschaftsmagazin Naturekonstatierte zudem, dass China im Bereich Krebsforschung – und anderen Forschungssegmenten – vergangenes Jahr sogar die USA überholt habe.
Der EU Biotech Act: Europas blinder Fleck – Wenn 225 Experten China übersehen
Mit dem geplanten EU Biotech Act will die Europäische Union ihre Position stärken. Doch die Realität ist ernüchternd: Zum Auftakt der Beratungen organisierte die EU-Kommission im Frühjahr 2025 einen Call for Evidence. Zwischen Mai und Juni gingen insgesamt 225 öffentlich zugängliche Stellungnahmen ein – von einzelnen Forschenden, von Hochschulen und von Industrieverbänden. Parallel dazu schrieb die Kommission im Mai 2025 eine professionelle Studie zur Vorbereitung des Biotech Acts aus.
Auffällig ist jedoch, dass weniger als ein Dutzend der Stellungnahmen China erwähnen und keine dieser Eingaben auf die rasanten Entwicklungen in der Volksrepublik China adäquat eingeht. Ein blinder Fleck in Brüssel, der zeigt, wie sehr Europa Gefahr läuft, die Dynamik in China zu unterschätzen. Dabei entscheidet die Biotechnologie zunehmend über Wettbewerbsfähigkeit, technologische Souveränität und nationale Sicherheit. Will Europa die Zukunft in diesem Schlüsselbereich mitgestalten, muss es die Entwicklungen in China mit derselben Ernsthaftigkeit betrachten, wie es Peking selbst längst tut. (ls)