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Ein Jahr Trump 2.0: Deutsche Wirtschaft auf Distanz – „Beide Seiten zahlen den Preis“
Donald Trump ist seit einem Jahr wieder im Amt. Deutsche Firmen investieren deutlich weniger in den USA. Die US-Handelspolitik verunsichert Unternehmen.
Berlin/Köln – Die Bilanz nach einem Jahr Donald Trump im Weißen Haus fällt ernüchternd aus. Seit seiner Rückkehr ins Amt am 20. Januar 2025 hat sich das Verhältnis zwischen deutscher Wirtschaft und den USA merklich abgekühlt. Deutsche Unternehmen fahren ihr Engagement in den Vereinigten Staaten zurück, Exporte brechen ein, und die Stimmung ist so angespannt wie seit Jahren nicht mehr.
Laut einer Meldung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) gingen die deutschen Direktinvestitionen in den USA zwischen Februar und November 2025 um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück. Konkret investierten deutsche Unternehmen in diesem Zeitraum 10,2 Milliarden Euro in den USA – im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es noch fast 19 Milliarden Euro. „Das ist Gift für Investitionen und Handel“, sagte IW-Außenhandelsexpertin Samina Sultan. Auch im längerfristigen Vergleich zeigt sich ein deutlicher Rückgang: In den Jahren 2015 bis 2024 lagen die Direktinvestitionen in diesem Zeitraum im Durchschnitt bei rund 13,4 Milliarden Euro.
Exporte sinken auf niedrigsten Stand seit 2010 – Zollpolitik als größter Belastungsfaktor
Auch beim Export zeigt sich eine deutliche Abschwächung – im Gegensatz zu Chinas neuen Rekordwerten für 2025. Zwischen Februar und Oktober 2025 gingen die deutschen Exporte in die USA gegenüber dem Vorjahr um rund neun Prozent zurück, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Das ist – mit Ausnahme der Corona-Pandemie – der stärkste Einbruch seit 2010. Besonders betroffen sind zentrale Industriezweige: Die Ausfuhren von Kraftwagen und Kraftwagenteilen sanken um fast 19 Prozent, im Maschinenbau um rund zehn Prozent, bei chemischen Erzeugnissen um mehr als zehn Prozent. Roland Rohde, US-Experte von Germany Trade and Invest (GTAI), teilte gegenüber der Deutschen Welle mit: „Die Geschäftsbedingungen haben sich insgesamt signifikant verschlechtert. Die Stimmung unter deutschen Unternehmen hat sich auf das Gesamtjahr betrachtet deutlich eingetrübt.“
Die Ursache für die Zurückhaltung liegt vor allem in Trumps unberechenbarer Handelspolitik. Fast im Wochentakt geht der US-Präsident auf neue Gegner im In- und Ausland los. Die Folge: Ehemalige Handelspartner wenden sich neuen Allianzen zu, wie Kanadas Premierminister Mark Carney bei seinem Besuch bei Chinas Präsident Xi Jinping – bei seiner Abreise ein neues Handelsabkommen im Gepäck. Trumps jüngste Drohungen mit Zusatzzöllen für EU-Mitgliedstaaten wegen der Entsendung von Truppen nach Grönland unterstreichen, wie volatil die Situation bleibt. Laut Rohde sind die Zölle „der dominierende Faktor“ für deutsche Unternehmen. Die Auswirkungen unterscheiden sich jedoch je nach Branche: „Die Kfz-Branche ist von den 50-Prozent-Zöllen auf Stahl und Aluminium sowie deren Derivate ausgenommen. Hier fallen ‚nur‘ die 15-Prozent-Zölle auf Importe aus der EU an. Jedoch haben die Autobauer die Zölle bislang nicht an die Konsumenten weitergeben können“, erklärte Rohde.
Im Maschinenbau sei die Lage genau umgekehrt: Etwa die Hälfte der Maschinenlieferungen in die USA seien von den Zöllen auf Stahl und Aluminium betroffen. Dazu komme ein hoher bürokratischer Aufwand – „doch für jede Schraube Metallgehalt und Herkunft ermittelt werden“ müssten. Allerdings könnten deutsche Maschinenbauer oft Produkte liefern, für die es auf dem US-Markt wenig Konkurrenz gebe, weshalb sie einen Großteil der Zollkosten auf ihre Kunden abwälzen könnten.
USA bleiben wichtiger Markt trotz Unsicherheit: Diversitätsprogramme im Visier der Trump-Administration
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen betonen deutsche Wirtschaftsvertreter die strategische Bedeutung des US-Marktes. Christoph Schemionek von der Auslandshandelskammer (AHK) in Washington stellte im Gespräch mit der Deutschen Welle klar: „Wir sind hier stark investiert, Deutschland ist inzwischen der drittgrößte ausländische Direktinvestor - hinter Japan und Kanada.“ Deutsche Unternehmen hätten fast „eine Millionen amerikanische Jobs“ geschaffen. Der „AHK World Business Outlook Herbst 2025“ zeigt allerdings eindeutig: „Die Stimmung deutscher Unternehmen in den USA bleibt angespannt.“ Zu den größten Belastungsfaktoren zählten dabei die Zölle.
Neben der Zollpolitik sorgt auch Trumps Vorgehen gegen unternehmensinterne Diversitätsprogramme für Verunsicherung. In den USA tätigen Firmen könnte das Festhalten an Gleichstellungsprogrammen vorgeworfen werden. Diese auf Englisch als „Diversity, Inclusion and Equality“ (DIE) bezeichneten Regeln sollen Diskriminierungen wegen Religion, Hautfarbe und vor allem Geschlechtsidentität verhindern.
Zeitlinie: So hat Trump den Zoll-Krieg vom Zaun gebrochen
Goodbye Germany: Produktionsverlagerungen als Reaktion auf Trumps Zollpolitik
Volkswagen und die Deutsche Telekom hatten im vergangenen Jahr angekündigt, ihre Diversitätsprogramme zu reduzieren oder zu beenden. Andere Unternehmen wie BMW, Henkel und Siemens wollten die Entwicklung zunächst beobachten. Auch Mercedes verlagert die Produktion seines SUV-Modell GLC in die USA. Laut aktuellen Konzernzahlen lieferte Mercedes im vergangenen Jahr nur 284.000 Pkw an Händler in den USA aus – zwölf Prozent weniger als im Vorjahr. Auf Anfrage der Deutschen Welle teilten nun alle befragten Firmen mit, sich bei den Diversitätsprogrammen an geltende Gesetze zu halten. Mercedes schrieb: „Wir vertreten die Auffassung, dass unsere Programme und Initiativen in den USA im Einklang mit den geltenden gesetzlichen Anforderungen stehen.“
Einige Unternehmen reagieren auf die Zollpolitik mit konkreten Maßnahmen. Der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli prüft Investitionen von bis zu zehn Millionen US-Dollar, um die Produktion der goldverpackten Osterhasen künftig am US-Standort Stratham in New Hampshire zu fertigen. Hintergrund sind die von der Trump-Administration verhängten Importzölle von 15 Prozent auf Schokoladenprodukte aus der EU. Ein Lindt-Sprecher erklärte: „Wir arbeiten kontinuierlich daran, unsere Produktion und internen Lieferketten effizienter zu gestalten und berücksichtigen dabei die aktuelle Situation rund um Zölle.“
Hurricane Trump – Außenhandelsexpertin Sultan: „Beide Seiten zahlen den Preis“
Die turbulente Trump-Politik trifft nicht nur deutsche Firmen, sondern schwächt auch den Wirtschaftsstandort USA selbst. Christoph Schemionek von der AHK Washington erklärte gegenüber der Deutschen Welle, Trumps Zollpolitik sei in Teilen kontraproduktiv: „Aktuell ist es schwierig, mit hohen Zöllen belegte Maschinen in die USA zu bringen. Das verlangsamt dann natürlich die Re-Industrialisierung des Landes.“ Es sei schlicht „nicht möglich, alles in den USA einzukaufen, weil es unter anderem die hoch spezialisierten Maschinen, die in Deutschland, Japan, Südkorea und Italien hergestellt werden, in den USA nicht gibt“, so Schemionek. Diese könnten auch nicht in den Vereinigten Staaten gebaut werden, weil dafür „die Lieferketten und das Wissen fehlen. Das sind ja Jahrzehnte oder Jahrhunderte lange Erfahrung.“
IW-Expertin Samina Sultan brachte es auf den Punkt: „Unterm Strich zahlen beide Seiten des Atlantiks den Preis.“ Trumps Wirtschaftskurs verunsichere Unternehmen, bremse den transatlantischen Austausch und treffe damit nicht nur deutsche Firmen, sondern schwäche auch den Wirtschaftsstandort USA. (ls)