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Kampf um Venezuelas Öl: Trump könnte sich massiv verrechnet haben
Nach Maduros Festnahme plant Trump die Übernahme von Venezuelas Öl. Doch die Großkonzerne zögern. Die Rechnung könnte nicht aufgehen.
Washington D. C. – Nach dem Sturz und der Gefangennahme von Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro durch US-Spezialtruppen am vergangenen Samstag (3. Januar 2026) kündigte US-Präsident Donald Trump vollmundig an, die größten US-Ölkonzerne würden nun „Milliarden Dollar investieren“ und die „schwer beschädigte Öl-Infrastruktur reparieren“, wie er bei der Pressekonferenz in Mar-a-Lago erklärte. Doch die Realität könnte Trumps Pläne schnell einholen.
Denn die großen US-Ölkonzerne lassen bisher keine Absicht erkennen, massiv in Venezuela einzusteigen. Der Energiekonzern Conoco Phillips ließ wissen, es wäre „noch zu früh, um über künftige Geschäftsaktivitäten oder Investitionen zu spekulieren“. Die Zurückhaltung hat gute Gründe: 2007 wurden die Konzerne unter Maduros Vorgänger Hugo Chávez faktisch enteignet. Conoco Phillips und ExxonMobil erstritten vor internationalen Schiedsgerichten Entschädigungen von zehn beziehungsweise mehr als einer Milliarde US-Dollar – doch Venezuela zahlte fast nichts.
Schweres Öl mit begrenztem Marktwert: US-Ölkonzerne zeigen sich zurückhaltend
Venezuela verfügt laut der US-Energiebehörde EIA über rund 303 Milliarden Barrel Rohöl – die größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt. Doch es handelt sich vor allem um schweres Öl, das zähflüssig und mühsam zu verarbeiten ist. Dies führt zu Preisabschlägen. In den 1970er Jahren förderte Venezuela noch 3,5 Millionen Barrel Öl am Tag, zuletzt waren es nur noch knapp eine Million Barrel – etwa ein Prozent der globalen Ölproduktion. Laut Expertenschätzungen müssten rund 110 Milliarden US-Dollar investiert werden, damit Venezuela wenigstens wieder zwei Prozent der globalen Ölförderung abdeckt.
Zudem würde zusätzliches Öl aus Venezuela momentan gar nicht benötigt, denn auf den Weltmärkten herrscht ein Überangebot. Vergangenes Jahr sind die globalen Ölpreise um 22 Prozent gefallen. Nach dem US-Militäreinsatz sanken die Ölpreise weiter: Ein Barrel der Ölsorte Brent kostete am Montag (5. Januar) bei Handelsbeginn in Asien rund 51,6 Euro. Der Preis für ein Barrel der US-Sorte West Texas Intermediate ging um 0,7 Prozent auf knapp 51,2 Euro zurück. Als Trump im Dezember verkündete, dass die USA alle Öltanker blockieren würden, reagierte der globale Ölpreis überhaupt nicht.
Rob McNally, Präsident der Beratungsfirma Rapidan Energy Group, erklärte gegenüber CNN, Venezuela könne auf dem Ölmarkt zwar wieder eine größere Rolle spielen – „aber nicht in den nächsten fünf bis zehn Jahren“. „Die Wahrnehmung könnte der Realität vorauslaufen – viele werden annehmen, dass Venezuela schneller Öl liefern kann, als es tatsächlich möglich ist“, warnte McNally. Viele Pipelines seien seit 50 Jahren nicht modernisiert worden, erklärte der staatliche Öl- und Gaskonzern PDVSA. Um die Infrastruktur wieder auf ein Produktionsniveau früherer Höchststände zu bringen, seien Investitionen von rund 58 Milliarden US-Dollar nötig, bestätigt Phil Flynn, leitender Marktanalyst bei der Price Futures Group, gegenüber CNN.
Die USA überfallen Venezuela: Internationale Kritik und politische Unsicherheit
Regierungsführer in ganz Südamerika verurteilten den Angriff. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sagte, der Angriff habe eine „unakzeptable Linie“ überschritten. Kolumbiens Präsident Gustavo Petro forderte die Einberufung des UN-Sicherheitsrats. China reagierte „zutiefst schockiert“, wie ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums laut China Daily erklärte. China kaufte zuletzt etwa 80 Prozent der venezolanischen Ölexporte. Das wirtschaftlich angeschlagene Venezuela steht derzeit etwa mit 60 Milliarden US-Dollar bei China in der Kreide, berichtet die taz.
Diese Länder besitzen die wertvollsten Rohstoffe der Erde
Trump erklärte laut Argus Media: „Wir werden das Land führen, bis wir einen sicheren, angemessenen und vernünftigen Übergang schaffen können.“ Die Behauptung Trumps, die USA würden Venezuela auf unbestimmte Zeit kontrollieren, ist beispiellos. Er muss noch grundlegende Fragen beantworten, wie er ein Land mit 28 Millionen Menschen kontrollieren will.
Militäreinsatz und Entführung: Völkerrechtsverstoß der USA
Der US-Militäreinsatz in Venezuela verstößt nach Ansicht führender Völkerrechtsexperten eindeutig gegen internationales Recht. Die rechtliche Grundlage findet sich in Artikel 2 Absatz 4 der UN-Charta, der das völkerrechtliche Gewaltverbot festschreibt. Dort heißt es: „Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt.“
Auch die Gefangennahme Maduros stellt einen Völkerrechtsbruch dar. Das Staatsoberhaupt unterliegt nach völkerrechtlichen Grundsätzen „kraft Amtes keiner Haft, Festnahme, Strafverfolgung oder sonstiger Zwangsmaßnahmen“ eines anderen Staates. Die USA rechtfertigen ihr Vorgehen mit dem Selbstverteidigungsrecht nach Artikel 51 der UN-Charta. Doch diese Argumentation überzeugt Experten nicht: „Die USA tragen zwar in Teilen vor, man handele in Selbstverteidigung, aber dass ein gewaltsamer Angriff von Venezuela gegen die USA vorliegt oder unmittelbar bevorsteht, ist doch eher abwegig“, urteilt Christoph Safferling, Professor für internationales Strafrecht an der Universität Erlangen-Nürnberg, im ZDF.
Warnungen aus der Geschichte: Negativbeispiele Irak und Libyen
Die USA wähnen sich als die ökonomischen Sieger, weil sie den venezolanischen Staatschef gestürzt haben, kommentiert die taz den geopolitischen Vorfall. Doch dieses Kalkül ist bisher nie aufgegangen. 2003 marschierten die USA im Irak ein. Machthaber Saddam Hussein wurde gefangen genommen und später gehängt, aber der Irak ist bis heute von Krieg und Terror geprägt. Ähnlich ist es in Libyen: 2011 griff die NATO in den dortigen Bürgerkrieg ein, doch das Land hat sich bis jetzt nicht beruhigt. Irak und Libyen exportieren weit weniger Öl, als eigentlich möglich wäre, weil sie durch Konflikte gelähmt sind.
Es gibt nur ein Land, das existenziell von venezolanischem Öl abhängig ist: Kuba. Dort machen die Importe aus dem karibischen Nachbarland rund 30 Prozent der sowieso schon knappen Ölversorgung aus. US-Außenminister Marco Rubio sagte süffisant: „Wenn ich in Havanna leben würde und in der Regierung säße, wäre ich zumindest ein bisschen besorgt.“ (ls)