Hohe Hürden für Gründer

„Sukzessive Behörden dichtmachen“ – Gründer zeigt Probleme bei der Start-up-Kultur in Deutschland

In Deutschland stoßen Start-ups auf zahlreiche Hindernisse. Es wäre an der Regierung, dies zu ändern. Aber wie könnte das aussehen?

München – Fast täglich gibt es neue Meldungen über Insolvenzen deutscher Unternehmen. Teils sind es Start-ups, teils alteingesessene Traditionsunternehmen, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden. Die jüngsten Beispiele sind eine Kunstgießerei, ein Mode-Gigant und ein Motorenhersteller. Wie sieht es aber auf der Gegenseite aus, bei den Gründungen? Darüber haben wir mit Axel Täubert gesprochen, Gründer und Buchautor.

Start-up-Herbst in Deutschland – fehlt den Gründern das Sicherheitsgefühl?

Herr Täubert, wie schätzen Sie das Gründerklima in Deutschland allgemein ein?
Da gibt es mehrere Facetten. Die Zahl der Neugründungen ist, zumindest, was Start-ups angeht, rückläufig. Das hat unter anderem mit der allgemeinen Konjunktur zu tun, aber auch mit der Risikobereitschaft der Kapitalgeber. Das Kapital ist derzeit sehr scheu – die Bewertungen sind heruntergegangen. Ebenso liegt es aber an einem fehlenden Sicherheitsgefühl. Unter der jetzigen Regierung ist dieses Gefühl zunehmend abhandengekommen. Ich würde fast von einem kleinen „Start-up-Herbst“ beim Gründungsklima sprechen, wenn nicht sogar Winter.
Das Brandenburger Tor im Herbst (Symbolfoto). Gründer stehen in Deutschland vor diversen Problemen. Die Regierung müsste Schritte einleiten, um das zu ändern. Doch welche wären das?
Das heißt, ganz platt gesagt: Wenn die Konjunktur besser wird, gründen wieder mehr Leute?
Da besteht natürlich ein Zusammenhang. Allerdings ist es auch eine Frage des Mindsets. Es braucht nicht nur eine gute Konjunktur, sondern auch eine gewisse Risikobereitschaft und eine andere Fehlerkultur.
Wie ist das gemeint?
In Deutschland ist eine positive Fehlerkultur schwach ausgeprägt. Scheitern ist immer noch das Gegenteil von Erfolg, in den USA ist Scheitern hingegen ein Teil davon. Scheitern gehört auf dem Weg zum Erfolgreichsein dazu. Hierzulande wird man da gern stigmatisiert.

Versagen, aber schnell – Schwächen und Stärken für Gründer in Deutschland

Wie machen die Amerikaner das? Gründen die einfach zum Beispiel eine Beratungsgesellschaft, merken, dass es nicht klappt, und denken sich etwas Neues aus?
Zum Teil, ja. Oder sie versuchen es mit einem Pivot und machen beispielsweise aus einem B2C-Geschäft ein B2B-Geschäft. Hier in Deutschland halten wir zu lange an unseren Ideen und Vorstellungen fest, statt mit der Mentalität „fail, but fail fast“ an die Sache heranzugehen. Die Seriengründung ist hier in Deutschland ebenfalls noch nicht etabliert. Das können Gründer sein, die drei Flops erleben, aber das vierte Start-up hat Erfolg, oder aber auch welche, die viermal erfolgreich gründen und ihre Unternehmen einfach verkauft haben und dadurch über Kapital verfügen, dass sie Start-ups anderer investieren.
Das waren jetzt ziemlich viele Schwächen, hat Deutschland beim Gründen auch Stärken?
Ja. Unsere Bürokratie zum Beispiel war mal eine Stärke. Bei uns ist alles gut organisiert, allerdings ist es über die Jahre ausgeufert. Viele kleinere Dinge dauern lang, sind dafür aber zuverlässig. Wir haben auch eine Gerichtsbarkeit, auf die man sich verlassen kann. Wir haben eine befriedete Gesellschaft. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Wenn man sich die Start-up-Kultur in Israel ansieht, wird das deutlich, denn die ist zwar hervorragend, aber dafür gibt es dort ganz andere Probleme. Wir haben Stabilität, Sicherheit, Verlässlichkeit. Wir sind, was Business-Modelle betrifft, im Deep-Tech-Bereich marktführend. Auch bei der Anzahl der Patente pro Kopf sind wir in den Top 5. Wir sind exzellent in der Grundlagenforschung, müssen aber lernen, daraus ein Business zu machen. Das MP3-Format hat zum Beispiel das Fraunhofer-Institut entwickelt, heute macht Apple damit Milliarden.
Axel Täubert auf der Frankfurter Buchmesse. Gründer stehen in Deutschland vor diversen Problemen. Die Regierung müsste Schritte einleiten, um das zu ändern. Doch welche wären das?
Welche sind die größten Hürden für Unternehmer, die in Deutschland gründen wollen?
Die Regulatorik ist eine große Hürde. Es wird Leuten, die gründen wollen, hier nicht unbedingt einfach gemacht. Wer aus dem Ausland kommt und gründen will, hat es noch einmal schwerer. Und zuletzt fehlt der Zugang zu Kapital. Dieser Zugang ist in Deutschland ohnehin schlecht. In den Frühstufen geht es vielleicht noch, aber sobald die Start-ups reifen, kommen 50 Prozent der Finanzierung aus den USA.

„Wenn Elon Musk statt der NASA Raketen baut, kann auch ein Start-up meinen Bafög-Antrag bearbeiten“

Wie würden Sie die überbordende Bürokratie angreifen?
Ich würde einen großen Teil der staatlichen Dienstleistungen von Start-ups neu bauen lassen und dann sukzessive Behörden dicht machen. Es ist unmöglich, eine Behörde zukunftssicher und komplett digital umzukrempeln, zumindest in Deutschland. Wenn Elon Musk statt der NASA Raketen bauen kann, dann kann auch hier irgendein Start-up meinen Bafög-Antrag bearbeiten. Ausnahmen würde ich bei „hoheitlichen“ Themen wie dem Reisepass oder dem Personalausweis machen. Aber abseits davon: Lasst den ganzen Behördenapparat von Start-ups nachbauen. Da entsteht Wettbewerb, da entstehen neue Unternehmen, die Mehrwert stiften.
Wann ist das beste Alter fürs Gründen?
So früh wie möglich. Die Energie, die man braucht, und die Unabhängigkeit, die man hat, beides ist in jüngeren Jahren in der Regel höher. Bill Gates hat auch während des Studiums gegründet. Und wenn die erste Gründung dann nicht klappt, hat man nicht dieselben Verpflichtungen wie beispielsweise mit 40 oder 50, mit denen man dann allein dasteht.

Vom Problem her denken – „Gründen und Gründertum in Deutschland forcieren“

Womit fängt ein Gründungsprozess an?
Idealerweise kommt man vom Problem her; vom User. Man braucht ein vernünftiges Problem, das man lösen möchte. Dann macht man einen MVP, ein Minimum Viable Product, und geht damit raus und testet das. Mit dem Feedback der User kann man dann schauen, wie man vielleicht doch etwas anders macht. Idealerweise löst man ein Problem, das nicht nur drei Leute haben, sondern drei Millionen. Je mehr, desto besser.
In Ihrem Buch „Founders‘ Stories“ haben Sie die Geschichten verschiedener Gründer beleuchtet. Was hat Sie dazu gebracht, das Buch zu schreiben?
Ich habe vorher Kinderbücher zum Gründen geschrieben. Mir ist es ein Anliegen, Gründen und Gründertum in Deutschland zu forcieren oder zumindest mal darüber zu sprechen, sodass Kindern das überhaupt als Option gewahr wird. Jetzt habe ich das fortgesetzt, mit einer älteren Zielgruppe: Junge Erwachsene, die gründungsfähig sind und Inspiration suchen, Vorbilder suchen und auch ein bisschen Anleitung. Die Storys aus dem Buch sind ja aus dem wahren Leben. Es stecken aber total viele Nuggets an Know-how und Empfehlungen drin, die ich dann zusammenfasse mit Dos and Don'ts. Meine Motivation ist, das Unternehmertum und das Thema Gründen, Start-ups, in Deutschland voranzubringen.

Am 20. August hatte Axel Täubert „Founders Stories – Scheitern als Geschäftsmodell“ veröffentlicht, in dem verschiedene Gründer die Geschichten ihrer Unternehmen offenbart hatten.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Zoonar.com/Bruno Coelho

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