Brennpunkt Hauptbahnhof

Das Bremer Spiegelzelttheater kehrt in diesem Jahr zurück

Nostalgie, Jugendstil und Lichterglanz verschwinden – Impresario Knut Schakinnis (Theaterschiff, Komödie Bremen im Packhaustheater) packt mit an beim Abbau des Spiegelzelttheaters. Ende des Jahres will er das Spiegelzelt wieder nach Bremen holen – wieder vor das Übersee-Museum.
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Nostalgie, Jugendstil und Lichterglanz verschwinden – Impresario Knut Schakinnis (Theaterschiff, Komödie Bremen im Packhaustheater) packt mit an beim Abbau des Spiegelzelttheaters. Ende des Jahres will er das Spiegelzelt wieder nach Bremen holen – wieder vor das Übersee-Museum.

Bremen – Der Text muss sitzen im Theater, keine Frage. Die Handgriffe aber auch. Jedenfalls dann, wenn ein Theater abgebaut wird – so wie am Montag das Spiegelzelt auf der Rasenfläche vor dem Übersee-Museum. Jeder Handgriff sitzt beim Team der belgischen Nostalgiezeltverleihfirma. Und so verschwindet das Spiegelzelt, das für so viel weihnachtlichen Zauber gesorgt hat, wie von Zauberhand – sorgsam sortiert – in zwei Containern.

Aber es soll wiederkommen. Das jedenfalls kündigt Impresario Knut Schakinnis (Theaterschiff, Komödie Bremen im Packhaustheater) an. Er möchte auch dieses Jahr in der Vorweihnachtszeit Theater im Spiegelzelt anbieten. Den Platz habe er schon reserviert.

Der Platz. . . ein Ort, der es in sich hat. Die Rasenfläche am Platz der Deutschen Einheit war ursprünglich mal als Ort für Veranstaltungen konzipiert worden, alle nötigen Anschlüsse sind da, sagt Schakinnis. In den vergangenen Jahren aber war die Fläche vor dem Bremer Übersee-Museum verkommen, zum Problem geworden wie praktisch das gesamte Umfeld des Bremer Hauptbahnhofs: Alkoholismus und Drogen-Elend, Müll und Bettelei.

Herausforderndes Umfeld vor dem Bremer Hauptbahnhof

Auf der Suche nach einem Standort für das Zelt sei er auf den Platz gestoßen, sagt Schakinnis. Ja, Warnungen vor dem herausfordernden Umfeld habe es durchaus gegeben. Schakinnis wagte es trotzdem, nachdem er 2020 schon einen Spiegelzelt-Versuch auf der Bürgerweide gemacht hatte, auf der anderen Seite des Bahnhofs also. Dort aber konnte er das Zelt nur aufbauen, wegen der dann folgenden damaligen Corona-Einschränkungen aber nicht einmal für einen einzigen Abend öffnen.

Vor dem Bahnhof lief es besser. „Alle waren froh, dass der Platz mal für was anderes genutzt wurde“, sagt Schakinnis. Mit dem Umfeld habe es „keine Probleme“ gegeben. Zudem bewachten Security-Teams das Spiegelzelt-Areal, auch die Polizei hatte natürlich ein Auge darauf.

Im Zusammenspiel mit den Ständen des Weihnachtsmarkts bot das nostalgische Spiegelzelt einen stimmungsvoll vorweihnachtlichen Anblick – wer aus dem Bahnhof herauskam, konnte die Szenerie gar nicht übersehen; Pendlern bot sich auf einmal ein anderer Anblick bei der Ankunft in Bremen.

Theater im Nostalgie-Zelt: Bilanz ist positiv

Im Zelt wirkte der Wow-Effekt der nostalgischen Ausstattung: Eichenholz, Spiegel in Facettenschliff, Jugendstil-Ambiente – alles gepflegt und aufgebaut von der belgischen Spezialfirma. Dielenboden, Glasmalerei, nostalgischer Zauber auf der einen Seite, moderne Veranstaltungstechnik auf der anderen. Dazu weihnachtlich dekorierte Tische und Kerzenschein unter dem roten Samtdach, das die Bühnen-Manege bedeckte. Und die „Bremer Weihnachtsgeschichte“.

Eben wurde hier noch gespielt, nun ist das Zelt leer – Teil für Teil wird es abgebaut und verpackt.

Der Schauspieler Oliver Geilhardt hatte sie nach Motiven der 1843 veröffentlichten „Weihnachtsgeschichte“ („A Christmas Carol“) von Charles Dickens (1812 bis 1870) geschrieben. In der Regie von Martina Flügge ging es in ein imaginäres Bremen des 19. Jahrhunderts – garniert mit vielen (amerikanischen) Weihnachts-Hits. Regisseurin Flügge ließ die Sache als muntere Revue ablaufen, turbulente und weihnachtlich-besinnliche Szenen wechselten sich in der Familien-Show effektvoll ab.

Es wäre Platz für 340 Zuschauer im Zelt gewesen; das Team um Lilli und Knut Schakinnis ließ jeweils 200 hinein, um überall pandemietaugliche Abstände zu ermöglichen. 38 Vorstellungen hat es so gegeben, etwa 7.600 Zuschauer sind ins Spiegelzelttheater gekommen, sagt Knut Schakinnis – und ist damit zufrieden, so zufrieden eben, dass die Neuauflage schon beschlossen ist. Neben der „Bremer Weihnachtsgeschichte“ soll es dann auch ein zweites Stück geben.

Kommentar zum Thema Hauptbahnhof Bremen:

Ein Beispiel für die Politik

Von Thomas Kuzaj

Pendler, die mit dem Zug kommen, erleben es jeden Tag: Bremen empfängt (und verabschiedet) seine Besucher mit Müll und Gestank, mit Elend und Gewalt. Was ist zu tun? Auf politischer Ebene wird viel darüber geredet, sehr viel, aber gegenwärtig wenig getan.

Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) will es der Polizei durch eine Änderung des Ortsgesetzes für den Bahnhofsbereich ermöglichen, stärker beispielsweise gegen Obdachlose vorzugehen, die im Haltestellenbereich andere Menschen belästigen. Die Linken haben Mäurers Pläne bislang blockiert, eine reine Verdrängung der Obdachlosen werde das Problem nicht lösen. Einigen sich Fraktion und Ressort? Am Dienstag, 25. Januar, steht das Thema dem Vernehmen nach wieder auf der Tagesordnung des Senats.

Neben den Bus- und Straßenbahnhaltestellen ist auch die Rasenfläche vor dem Übersee-Museum zu einem Elendsbereich verkommen. Und genau hier war jetzt zu sehen, dass es auch positive Folgen haben kann, wenn tatsächlich einmal etwas getan wird; in diesem Fall von privater Seite. Theaterschiff-Kapitän Knut Schakinnis hatte den Mut, sein Spiegelzelttheater auf den Rasenplatz zu stellen. Und siehe da – es hat funktioniert.

Nein, die Kernprobleme wurden dadurch nicht gelöst, wie denn auch. Elend und Kriminalität sind nicht vom Bahnhof verschwunden. Dennoch hatte das Spiegelzelt den Platz zu einem für viele Menschen angenehmeren Ort gemacht, es gab endlich einmal ein Ausbremsen der ewigen Abwärtsspirale rund um den Bremer Hauptbahnhof, wo Not und Verwahrlosung einander augenscheinlich anziehen.

Das Beispiel Spiegelzelt zeigt, welche Kraft in positiven Ansätzen liegt. Der Neubau des Fernbusterminals samt Hotel ist ein weiterer Positiv-Punkt – und das Engagement des Vereins „Attraktiver Bremer Bahnhof“, in dem sich Bahnhofs-Anrainer verbunden haben, ist es ebenfalls. Diese Menschen eint, dass sie jetzt Lösungen finden wollen für eine Situation, die niemandem gefällt – Lösungen übrigens auch für jene Menschen am Bahnhof, denen es nicht gut geht. An diesem positiven Schwung sollten sich die Koalitionäre ein Beispiel nehmen.

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