Das denken die Menschen in Hamburg

Falsche Themen-Schwerpunkte und viele Sorgen – das sagt der Norden vor der Bundestagswahl 2025

Was treibt die Menschen im Norden um, so kurz vor der Wahl? Einiges – aber nicht das Hauptthema dieses Wahlkampfes: Migration. In Hamburg sind andere Themen viel dringender.

Hamburg – Der Countdown bis zur Bundestagswahl 2025 läuft. In weniger als zwei Wochen ist es so weit, dann wird eine neue Regierung gewählt. Der Wahlkampf ist dieses Mal besonders geprägt von scharfen Debatten und Kontroversen. Vor allem zwischen den beiden Kanzlerkandidaten von CDU und SPD geht es zur Sache – nicht nur in TV-Duellen fliegen zwischen Olaf Scholz (SPD) und Friedrich Merz (CDU) die Fetzen.

Das denken die Menschen im Norden vor der Bundestagswahl 2025

Auch im Bundestag schenken sich die beiden nichts. So warf (Noch-)Kanzler Scholz bei der finalen Generaldebatte seinem Kontrahenten von der CDU Orientierungslosigkeit vor – und griff ihn auch erneut für seine umstrittene Entscheidung, in einem Antrag zur Verschärfung der Migrationspolitik gemeinsam mit den extremen Rechten von der AfD abgestimmt zu haben, an.

Doch nicht nur im politischen Berlin macht man sich derzeit seine Gedanken. Die Debatten werden natürlich auch von den Menschen im Norden verfolgt – und auch sie haben eine Meinung über die jüngsten Ereignisse und Entwicklungen.

Katja Scheffler (42), Digital-Vermarkterin aus Hamburg, sagt: „Die gemeinsame Abstimmung von CDU und AfD hat etwas mit mir gemacht.“

Wie ist die Stimmung unter den Hamburgerinnen und Hamburgern in den letzten Tagen vor der Wahl? Auf diese Frage hin winken die meisten ab – das Thema scheint für viele nicht zu dem ungewöhnlich sonnigen Februartag zu passen. Sie wollen „lieber nicht“ darüber reden. „Zu schwierig.“

IPPEN.MEDIA-Deutschland-Umfrage zur Bundestagswahl

Wie ticken die Deutschen kurz vor der Bundestagswahl? Wie reagieren sie auf Merz‘ harten Migrationskurs und die gemeinsame Abstimmung von Union und AfD im Bundestag? IPPEN.MEDIA fühlt in mehreren deutschen Großstädten den Puls der Wählerinnen und Wähler eine Woche vor der Wahl. Das gesammelte Ergebnis lesen Sie hier und hier geht es zur München-Umfrage, Stuttgart-Umfrage, Frankfurt-Umfrage und zur Hamm-Umfrage.

Die gemeinsame Abstimmung der CDU mit der AfD im Bundestag ist ein großes Thema in Hamburg

Einige teilen sich dann doch mit – vor allem über die gemeinsame Abstimmung von CDU und AfD besteht Redebedarf. Auch viele Menschen in Hamburg sehen die Vorgehensweise von Merz und den Christdemokraten offensichtlich als Tabubruch: „Ich muss schon sagen, dass Friedrich Merz jetzt nicht mein populärster Kandidat gewesen ist, auch vorher schon. Aber das hat tatsächlich schon auch was mit mir gemacht“, sagt Katja Scheffler (42).

Die 26-jährige Krankenpflegerin Aisha Koker sieht die Themen ihrer Berufsgruppe im Wahlkampf derzeit zu wenig vertreten.

Auch die 26-jährige Krankenpflegerin Aisha Koker findet die Angelegenheit „erschreckend“, da hier in ihren Augen eindeutig eine Grenze überschritten wurde. „Also, wenn man mich jetzt zum Beispiel gefragt hätte vorher, kannst du dir vorstellen, dass CDU und AfD auf Landesebene, im Bundestag mal zusammenarbeiten werden, dann hätte ich sogar Ja gesagt“, sagt sie. Aber das vom CDU-Chef noch im November abgegebene Versprechen, nicht mit den Rechten zusammenzuarbeiten, hatte sie ihm eigentlich abgenommen. Umso größer dann ihr Schock. Ihr Vertrauen in Merz als Politiker ist dadurch komplett verloren gegangen.

Setzt die Politik im Wahlkampf auf die falschen Themen? Der Norden sieht sich nicht vertreten

Das Ehepaar Marscheider sieht es ähnlich: Merz habe sich ihrer Meinung nach mit dieser Abstimmung zu weit aus dem Fenster gelehnt und „der AfD damit die Krone aufgesetzt“, sagen sie. Darüber hinaus bemängeln sie vor allem, dass der CDU-Kanzlerkandidat es „nicht vermocht“ habe, „wirklich eigene Themen“ im Wahlkampf zu setzen und sich stattdessen die Themen der AfD zu eigen gemacht habe.

M. und K.-H. Marscheider machen sich während eines Alsterspaziergangs Gedanken über die Bundestagswahl. Wie der Wahlkampf derzeit läuft, macht sie vor allem „wütend“.

„Es gibt nicht nur Migration, sondern es gibt ganz viele andere Themen, die mindestens genauso wichtig sind und die er überhaupt nicht beachtet“, sagt M. Marscheider. „Es geht immer nur um Migration, Re-Immigration … was ist das überhaupt für ein Wort? Das macht uns wütend!“ Die beiden treibt vor allem eine große Sorge um: Dass sich Friedrich Merz mit der AfD zum Kanzler wählen lässt, auch wenn er das derzeit kategorisch ausschließt.

Dass es mehr um andere Themen gehen muss, findet auch Aisha Koker. Als Krankenpflegerin sind ihr vor allem soziale Themen wichtig. Dass es im Wahlkampf so wenig um die Bedeutung von Pflege und Gesundheit geht, stört sie. „Die Pandemie war ja eigentlich so eine Situation, wo wir ein bisschen gehofft haben, okay, dadurch kommt jetzt Veränderung und dadurch sieht die Gesellschaft, was die Pflege leisten muss. Da ist wenig bis gar nichts gekommen, beziehungsweise wir haben Applaus gekriegt, das war auch ganz toll“, sagt sie mit ironischem Unterton.

Guckt sich gerne „mit Popcorn“ an, was Union und AfD so treiben, hat seine Wahl aber schon seit langem getroffen: Tech-Unternehmer Branko May Trinkwald aus Hamburg.

Wenig optimistisch sieht Branko May Trinkwald die bevorstehende Wahl – und die Zeit danach: „Ich glaube, das ist jetzt tatsächlich die finale Wahl der Spaltung und ich gehe mal davon aus, die hat wahrscheinlich sehr viel mit Krieg und Wirtschaft zu tun.“ Auch über den Einfluss der USA auf Deutschland – mit Trump als Präsident und dem Tech-Milliardär Elon Musk als nicht gewähltem Regierungsangestellten – macht der Unternehmer sich Sorgen.

„Es wird krachen – ich weiß nur noch nicht, in welche Richtung“ – Norden blickt besorgt in die Zukunft

Insgesamt also eher angespannte Stimmung im Norden, was die Wahlen – und die Zeit danach – angeht, vor allem auch unter den Jüngeren herrschen Ängste vor: „Mein Gefühl ist einfach, es wird auf kurze Zeit einmal richtig krachen, aber ich weiß noch nicht, in welche Richtung“, sagt Aisha Koker. Ähnlich sieht es May Trinkwald: „So, wie es weitergeht, wird es, glaube ich, langfristig nicht gut weitergehen.“

Rubriklistenbild: © Carolin Gehrmann

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