Förderung von Bund und Land
Zoff um Luftfilter in Schule und Kita: Zwischen Wissenschaft und gefühlter Wahrheit
Zankapfel Luftfilter: Frierende Schulkinder und geschlossene Kitas. Doch die Diskussion auf Corona zu begrenzen, wird dem Thema nicht gerecht.
Hannover. Sind Luftfilter eine gute Alternative zum Lüften in Schule und Kita? Eine Frage, die gerade in der kalten Jahreszeit viel diskutiert wird. Das niedersächsische Kultusministerium stellte 30 Millionen Euro für den Kauf mobiler Lüfter zur Verfügung. Der Haken: Es gab nur Geld, wenn die Klassenräume nur eingeschränkt belüftbar sind. Meint: Gehen die Fenster auf, gibt es kein Geld. Was in der Diskussion komplett vergessen wird, ist der allgemeine Gesundheitsschutz für Kinder und Personal. Es werden nicht nur Corona-Viren gefiltert, sondern auch Erkältungs- und Grippeviren.
| Bundesland | Niedersachsen |
| Hauptstadt | Hannover |
| Website | niedersachsen.de |
| Ministerpräsident | Stephan Weil |
Den „einen“ Luftfilter gibt es nicht. Die politische Debatte dreht sich vor allem um mobile Geräte. Daneben gibt es Raumlufttechnische Anlagen (RLT), wie es in der Fachsprache heißt. Das sind fest installierte Zu- und Abluftsysteme direkt in der Außenwand oder Decke oder zentrale Lüftungssysteme, die im ganzen Gebäude über Lüftungsschächte dauerhaft verbrauchte Luft nach außen und frische Luft nach innen leiten. Der Einbau einer RLT macht aber nur Sinn, wenn das Gebäude gerade gebaut oder saniert wird.
Corona in Kita und Schule: Luftfilter sollen vorbeugen
Der Bund hat in der Corona-Pandemie für den Neu- und Umbau solcher festen Anlagen in Schulen und Kitas nach Regierungsangaben gut eine Milliarde Euro Fördergelder bereitgestellt, die auch beantragt oder abgerufen wurden. Für die Anschaffung mobiler Geräte in Räumen, die sich schlecht lüften lassen, weil etwa Fenster nur angekippt werden können, wurden zusätzlich 200 Millionen Euro bereitgestellt. In Niedersachsen ersetzten mobile Lüfter nicht das Öffnen der Fenster.
Eine schnelle und kostengünstigere Alternative sind mobile Lüfter. Sie sparen den baulichen Aufwand und benötigen nur eine Steckdose. Inzwischen erfüllen eine ganze Reihe der Modelle die speziellen Vorgaben für Bildungseinrichtungen. Um ihre ungeimpften Kinder besser zu schützen, wollten Eltern für eine Kita Lüfter spenden. Wobei kostengünstig relativ ist, denn ein mobiler Lüfter kostet mehrere Tausend Euro.
Lüfter in einer Kita müssen noch besser auf den Schutz der Kinder abgestimmt sein. „So soll sichergestellt sein, dass niemand in die Luftschlitze reingreifen kann oder den Filterdeckel öffnet“, sagt Tobias Schütte zu kreiszeitung.de. Er ist Ingenieur und Geschäftsführer beim Hersteller Desitek in Verden. Die Lautstärke eines Lüfters sollte bei 35 Dezibel liegen, dies ist laut Schütte vergleichbar mit der Lautstärke in einer Bibliothek. Schütte weist noch auf einen weiteren Punkt hin: Gesundheitsfürsorge in Betrieben. „Neben den Corona-Viren werden auch Krankheitserreger für Influenza, Grippe und Allergene gefiltert.“
Expertenmeinung zu Luftfiltern in Schule und Kita
Die Aerosolforscherin Birgit Wehner vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung sagt: „Grundsätzlich helfen Luftfilter immer, das Infektionsrisiko zu senken. Allerdings werden sie ja normalerweise mit anderen Maßnahmen wie Masken und Lüften kombiniert und aus dieser Kombination ergibt sich das individuelle Risiko. Daher sind die Effekte einzelner Faktoren schwer nachzuweisen.“
Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen, ist der Meinung, dass die Diskussion zu kurz gedacht ist. „Die Wirksamkeit mobiler Luftfilter ist nicht aus dem einfachen Blick auf die nun herrschenden Inzidenzen quer über Bundesländer abzuleiten, dazu sind gezielte Studien nötig.“ Die Geräte seien eine von vielen Maßnahmen in Kita und Schulen, die zur Sicherheit beitragen könnten. „Allerdings ist es durch die hohe Dynamik bei Omikron offensichtlich kaum mehr möglich, die Infektionshäufigkeiten bei Kindern und Jugendlichen auf niedrigem Niveau zu halten.“
Mit Luftfilter und Daunenjacke im Klassenzimmer
Bildungspolitiker verweisen bei dem Thema auf die Einschätzungen des Umweltbundesamtes und auf die sogenannte S3-Leitlinie für Schulen. Darin bewerten verschiedene wissenschaftliche Fachgesellschaften bestimmte Corona-Maßnahmen. Bei mobilen Luftfiltern bleiben die Experten vage: „Insgesamt überwiegen (…) weder die positiven noch die negativen Wirkungen, sodass die Maßnahme erwogen werden kann“, allerdings auch nur als „ergänzende Maßnahme“ zum Lüften. Ein mobiler Luftfilter im Klassenzimmer würde demnach auch nicht verhindern, dass Kinder mit Daunenjacke im Klassenzimmer sitzen müssen.
Schrittweise empfiehlt das Umweltbundesamt allerdings, die Schulen mit festen RLT-Anlagen auszustatten. Dies sei die „nachhaltigste Maßnahme zur Verbesserung der Innenraumlufthygiene“ auch für die Zeit nach der Pandemie. Der Deutsche Lehrerverband fordert, solche Lösungen sollten bei Schulsanierungen und Schulhausneubauten der künftige Standard sein.
Vorwurf: Unterricht nicht sicher
Karin Prien, die schleswig-holsteinische Bildungsministerin und diesjährige KMK-Präsidentin, und ihre Kolleginnen und Kollegen in den Ländern betonen immer wieder, dass es auf keinen Fall mehr zu großen Schulschließungen kommen soll. In der politischen Debatte wird ihnen dann aber vorgehalten, sie hätten Schulen für durchgehenden Präsenzunterricht nicht sicher genug gemacht. Ein immer wiederkehrender Vorwurf dabei: Es fehlen Luftfilter.
Schülervertreter hatten zuletzt mit einem offenen Beschwerdebrief im Netz unter #WirWerdenlaut der Politik einen „Durchseuchungsplan“ vorgeworfen. Auch in diesem Brief werden „Luftfilter für Klassen-, Fach- und Sanitärräume in allen Schulen“ gefordert. TV-Satiriker Jan Böhmermann, dem fast zweieinhalb Millionen Menschen bei Twitter folgen, schrieb Anfang des Monats: „Frage mich, wie die Pandemie wohl aussähe, hätte in Deutschland die Luftfilterindustrie so eine mächtige Lobby wie die Autoindustrie.“
Wie die Pandemie wohl aussähe, hätte in Deutschland die Luftfilterindustrie so eine mächtige Lobby wie die Autoindustrie
Hamburg hat nach eigenen Angaben mehr als 21.000 mobile Lüfter für 92 Prozent der Klassenräume im Wert von über 21 Millionen Euro angeschafft. In Bayern sind nach Angaben von Bildungsminister Michael Piazolo (Freie Wähler) mehr als 70 Prozent der Klassenräume damit ausgestattet. Der Freistaat habe im Vergleich zu anderen Bundesländern gegenwärtig die meisten Luftreinigungsgeräte. Anderswo, wie in Mecklenburg-Vorpommern, hat man auf große Kaufprogramme verzichtet. Die Geräte seien zu laut, nicht nachhaltig und würden nach der Pandemie vermutlich nicht mehr benutzt.
Vertreter der Kommunen sehen sich nun bestätigt. Der Einsatz der Geräte scheine keinen sehr großen Unterschied zu machen, sagte Arp Fittschen vom Städte- und Gemeindetag Mecklenburg-Vorpommern der Deutschen Presse-Agentur mit Blick auf die niedrigeren Corona-Zahlen bei Kindern und Jugendlichen in seinem Bundesland im Vergleich zu Hamburg. Und vergleicht man die Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen in Bayern, wo viele Geräte angeschafft wurden, mit den bundesweiten Zahlen, sind auch keine großen Unterschiede erkennbar. (Mit Material der dpa) * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
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