Schülervertreter kritisieren „Durchseuchungsplan“

Corona an Schulen: Reaktionen auf Online-Petition #WirWerdenLaut

Schule
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Streitpunkt Präsenzpflicht: Während die Initiatoren von „#WirWerdenLaut“ für die Aussetzung sind, will die Bundesschülerkonferenz daran festhalten.

Schülervertreter kritisieren die Corona-Politik an Schulen. Sie wollen die Präsenzpflicht aussetzen, bessere Ausstattung mit Luftfiltern und Digital-Geräten.

Berlin – Sie sehen sich im Stich gelassen, psychisch belastet und körperlich gefährdet: Unter dem Hashtag „WirWerdenLaut“ kritisieren Schülervertreter die Corona-Politik an Schulen. Die Covid-Pandemie, so der Vorwurf, werde nicht mit allen Mitteln bekämpft. Angesprochenen Politiker wie Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zeigen sich gesprächsbereit.

Auf Change.org hatten bis Donnerstag, 10. Februar 2022, bereits mehr als 130.000 Menschen die Online-Petition unterschrieben. Damit steht der Aufruf kurz davor, zu den meist gezeichneten Petitionen auf der Plattform aufzusteigen. Nach zwei Jahren Pandemie sei die Situation an den Schulen „unerträglich geworden“, heißt es in dem Aufruf. Wie sehr Kinder und Jugendliche in der Corona-Pandemie gelitten haben, hat nun auch eine Studie gezeigt.

Corona an Schulen: Offener Brief an Bundes- und Landesminister kritisiert mangelnden Schutz

Die Forderungen sind als offener Brief formuliert, den mehr als hundert Schülervertreter aus ganz Deutschland und Elternvertreter aus Nordrhein-Westfalen zuerst unterzeichnet hatten. Darüber hinaus unterstützen eine Reihe von Wissenschaftlern das Ansinnen.

Der Brief richtet sich direkt an verschiedene Politiker, neben Gesundheitsminister Lauterbach an Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP), Karin Prien (CDU, Präsidentin der Kultusministerkonferenz) sowie die Regierungspräsidien der Bundesländer.

Schüler fordern Luftfilter, kleinere Klassen und Ende der Präsenzpflicht

Die „#WirWerdenLaut“-Initiative bezeichnet die Corona-Politik an Schulen als „Durchseuchungsplan“, der „unverantwortlich und unsolidarisch“ sei. Angesichts hoher Infektionszahlen an den Schulen fordern die Verantwortlichen von den Politikern, „dass Sie endlich Ihrer Verantwortung gerecht werden“. Dies verbinden die Schüler mit Forderungen zu mehreren Punkten.

Sie fordern unter anderem Luftfilter in allen Räumen, kostenlose FFP2-Masken, kleinere Gruppengrößen und „angemessene Quarantänemaßnahmen“. Ein weiterer Punkt lautet „Bildungspflicht statt Präsenzpflicht“: Die Schüler sollen mit ihren Familien entscheiden können, ob sie von zu Hause oder in der Schule lernen.

Verbesserungen mahnen die Autoren bei der technischen Ausstattung und beim pädagogischen sowie schulpsychologischen Personal an. Das müsse aufgestockt werden. Ferner treten sie für PCR-Pooltestungen ein und auch dafür, die Abschlussjahrgänge zu entlasten – etwa durch Ersatzprüfungsleistungen.

Lauterbach und KMK-Vorsitzende Prien reagieren mit Gesprächsangeboten an Schüler

Einige der Angesprochenen haben inzwischen reagiert. Karl Lauterbach sagte etwa, er könne sich sehr gut vorstellen, mit den Vertretern der Initiative ins Gespräch zu kommen. Als Vater einer Tochter im Teenager-Alter wisse er, wie die Situation ist. „Ich finde die Anliegen der Initiative im Großen und Ganzen gut vorgetragen und nachvollziehbar“, so der Gesundheitsminister auf der Bundespressekonferenz. Er verwies aber darauf, dass Schulpolitik Sache der Bundesländer und der Kommunen ist.

Die zuständigen Ministerien der Bundesländer treffen sich in der Kultusministerkonferenz (KMK). Deren Präsidentin ist derzeit Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien, die sich in einer Pressemitteilung und auf Twitter zu den Forderungen geäußert hat. „Wir sind uns parteiübergreifend in diesem Land einig, dass Präsenzunterricht für die Schülerinnen und Schüler unser oberstes Ziel sein muss“, betont sie.

Per Tweet verwies Prien auf einen „regelmäßigen Austausch“ mit Schüler-, Eltern- und Lehrervertretungen. Wenn ein Gespräch „außerhalb der gewählten Schülervertretungen“ gewünscht sei, lade sie aber gerne persönlich dazu ein: „Wer spricht? Die fünf Erstunterzeichnenden? Volle Transparenz und wir streamen das Gespräch live.“ Zu dem Gespräch mit den „#WirWerdenLaut“-Initiatoren war es bis Donnerstagvormittag offenbar nicht gekommen. Die Details würden noch geklärt, so die Ministerin auf Twitter.

Wie Prien hat auch Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger Gesprächsbereitschaft signalisiert. „Mir ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler und ihre Vertreter wissen, dass sie gesehen und gehört werden“, schrieb sie auf Twitter. „Das Angebot und die Einladung steht, wir würden uns freuen, wenn es klappt“, twitterte Stark-Watzinger an „#WirWerdenLaut“ gerichtet.

Bundesschülerkonferenz reagiert auf „#WirWerdenLaut“ und will an Präsenz-Unterricht festhalten

Mit den „gewählten Schülervertretungen“ dürfte Karin Prien etwa die Bundesschülerkonferenz (BSK) gemeint haben, quasi die Dachorganisation der Landes-Schülervertretungen, in der aber nicht alle Bundesländer vertreten sind. Mit Mitgliedern der Bundesschülerkonferenz haben beide Ministerinnen im Lauf der Woche gesprochen.

Zwar haben Schulsprecher, Kreis- und Bezirks- und Stadtschülervertreter sowie mehrere Landesschülervertreter den offen Brief unter dem Hashtag „#WirWerdenLaut“ unterschrieben. Die Bundesschülerkonferenz vertritt aber, zumindest teilweise, andere Positionen. Die zeigt ein Positionspapier, mit dem die BSK auf „#WirWerdenLaut“ reagiert hat. In der Beschreibung des Ist-Zustandes sind sich BSK und „#WirWerdenLaut“ weitgehend einig: Dass in der Pandemie zu wenig auf die Schüler gehört wurde, dass an den Schulen Luftfilter fehlen und Nachholbedarf bei der Digitalisierung herrscht.

Aber bei den Forderungen nach einer Aussetzung der Präsenz-Pflicht und geänderten Abschlussprüfungen widerspricht die BSK der Online-Petition. Distanzunterricht gelte es, „so lange wie möglich zu vermeiden“, heißt es in dem Positionspapier. Die Aufhebung der Präsenz-Pflicht würde die Lehrer zusätzlich belasten und Chancenungleichheit unter Schülern verschärfen.

Auch bei der Entlastung der Abschluss-Jahrgänge widerspricht die BSK: Den „#WirWerdenLaut“-Vorschlag, mehr Noten als vorgesehen zu streichen, nennt sie „unpraktikabel und schwer umsetzbar“. Schließlich sei der aktuelle Jahrgang weniger stark von coronabedingten Ausfällen betroffen als der Abschluss-Jahrgang 2021.

Seine teils gegensätzliche Positionierung hat die Bundesschülerkonferenz mit dem Angebot für „einen argumentativen Austausch“ verbunden. Zumindest eins haben die Schüler hinter „#WirWerdenLaut“ also erreicht: Dass diskutiert wird, über sie und mit ihnen. *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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