Analyse zur Wahl
Bundestagswahl 2021: Deutsche lieben das Weiter-so
Merkels Ära endet. Kommt nach der Bundestagswahl jetzt der Aufbruch? Etwas Neues? Nicht so richtig. Die Deutschen wollen lieber im Weiter-so verharren. Eine Analyse.
Berlin – Puh! Endlich! Der Wahlkampf ist vorbei. Wochenlang haben sich die Deutschen vorwiegend durch das Geschrei und Gezänk um Personen und Koalitionen gequält. Doch jetzt können sie nach der Bundestagswahl 2021 nach vorne schauen. Neue Regierung, neues Glück? Alle Zeichen stehen auf Aufbruch? Wohl kaum. Denn die Deutschen hoffen vor allem auf eines: auf Kontinuität.
| Bundestagswahl 2021: | Wahl zur 20. Legislaturperiode des Deutschen Bundestages |
| Termin: | 26. September 2021 |
| Art der Wahl: | geheim |
| Kanzlerkandidaten: | Armin Laschet, Olaf Scholz, Annalena Baerbock |
Anders ist das Wahlergebnis vom Sonntagabend nicht zu erklären. Klar, es bleibt spannend, welche Parteien schlussendlich eine Regierung bilden dürfen – und welche nicht. Doch das ist – ehrlich gesagt – nur oberflächlich. Denn insgeheim haben die Wählerinnen und Wähler eine eindeutige Entscheidung getroffen: Sie votierten für ein Weiter-so.
Bundestagswahl 2021: Die Entscheidung ist gefallen
16 Jahre haben es sich mehr als 80 Millionen Deutschen gemütlich gemacht in der Kontinuität der Ära von Angela Merkel (CDU). Eine lange Zeit. Als die Frau aus der Uckermark* die Macht übernahm, gab es noch nicht einmal das iPhone, was nicht nur für junge Erstwähler heute unvorstellbar ist. Doch während die Deutschen nach und nach bei den Smartphones aufrüsteten, kamen und gingen die Krisen, nur eine blieb: Merkel.
Steinmeier, Steinbrück, Schulz – drei SPD-Herausforderer durften sich in den 16 Jahren bei Bundestagswahlen bis zur Selbstaufgabe abstrampeln. Aber die Deutschen wollten immer nur die eine: Merkel. Merkel. Merkel. Sie musste schon freiwillig Platz machen, damit auch mal ein anderer eine Chance hat.
Doch warum? Weil sie die Beste war für das Land? Unbestritten hat die Langzeit-Kanzlerin ihre Erfolge vorzuweisen. Finanz-, Flüchtlings, Corona-Krise – stets führte sie die Deutschen sicher und mitunter auch besser als andere Regierungschefs durch äußerst unruhige Zeiten. Doch zum Schluss war Merkel ausgelaugt. Große innenpolitische Reformen? Fehlanzeige.
Bundestagswahl 2021: Der neue Kanzler mit seiner Bundesregierung steht vor gewaltigen Herausforderungen
Die Aufgaben, die für die neue Bundesregierung – ganz gleich welcher Couleur – jetzt anstehen, sind gewaltig: Klimawandel aufhalten, Rentenlücke schließen, Digitalisierung vorantreiben, soziale und finanzielle Folgen der Pandemie abfedern – nichts duldet ein Kleinklein und einen Aufschub.
Deswegen tut ein Führungswechsel dem Land eigentlich gut. Theoretisch. Praktisch jedoch sind die Krisen geplagten Deutschen nicht in Wechselstimmung. Am liebsten wäre ihnen die Fortführung von Merkels Politik der kleinen Schritte, also wenig Zumutungen, garniert mit ein paar kleinen Neuerungen. Bisschen Klimaschutz? Na klar, aber nicht so teuer.
Diejenigen, die das erkannt haben, sind die SPD mit Olaf Scholz und die CDU mit Armin Laschet. Die fulminante Aufholjagd des Vizekanzlers ist auch damit zu erklären, weil er den Merkel 2.0 machte – und die CDU wegen der vermeintlichen Erbschleicherei zur Weißglut trieb. Und auch der vom Umfrageabsturz gebeutelte Laschet, ein Vertrauter Merkels seit Jahrzehnten, zog durch das Land und versprach: Ich mache nicht alles anders. Aufbruch sieht anders aus.
Bundestagswahl 2021: Die Deutschen haben wenig Lust auf Wechselstimmung
Diejenigen aber, die noch am ehesten gegen den Status quo kämpften, waren die Grünen. Doch sie wurden mit dem dritten Platz abgestraft – und das lag nicht nur an eine geschönten Lebenslauf oder einem abgeschriebenen Buch der Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Das hat durchaus auch etwas damit zu tun, dass die Deutschen mit den etwas ehrgeizigen Zielen überfordert waren. Kohleausstieg? Ja gut, aber doch nicht vor 2038. Verbrennungsmotor abschaffen vor 2030? Gemach, gemach.
Im Unterschied zu früheren Wahlkämpfen war die Auseinandersetzung gar nicht so blutleer wie oftmals behauptet wird. Denn fernab von dem Geschrei um rot-grün-rote Schreckgespenster oder um Kanzlerqualitäten von Markus Söder (CSU) gab es durchaus inhaltliche Grundsatzfragen. Doch weder Scholz, noch Laschet trauten sich, sie wirklich laut auszusprechen.
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Die Deutschen belohnten die beiden auch noch dafür. Offenbar müssen sie sich erst wieder daran gewöhnen, dass man Politik auch größer denken kann – und muss. Vor allen Dingen auch in Wahlkämpfen. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
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