Frankfurter-Rundschau-Gespräch

„Migrationspolitische Schaumschlägerei“: Warnung vor Abschiebezentren – und nächster EU-„Asylkrise“

Der EU-Parlamentarier Marquardt warnt im FR-Gespräch vor rechtlichen Risiken der EU-Migrationsreform. Er fordert sichere Fluchtwege und schnellere Verfahren.

Das EU-Parlament hat im März eine Verschärfung der Asylpolitik beschlossen – sie soll den Weg für Abschiebezentren in Drittstaaten außerhalb der EU ebnen. Eine Mehrheit aus Christdemokraten und rechten Parteien trägt diesen Plan. Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media kritisiert der EU-Abgeordnete Erik Marquardt (Grüne) diese Migrationsstrategie – und nennt seine Lösungsvorschläge.

Migration bleibt ein Dauerthema für Ursula von der Leyens EU-Kommission.
Mit weiteren EU-Partnern bereitet Deutschland die Errichtung von Abschiebezentren, sogenannten Return Hubs, außerhalb der EU vor. Glauben Sie, dass dadurch Abschiebungen beschleunigt werden?
Es geht in der Rückführungspolitik schon lange nicht mehr um eine pragmatische Diskussion über die Grenzen und Möglichkeiten von Rückkehr in einem migrationspolitischen Gesamtkonzept. Migration und auch die Rückkehr sind komplexe Systeme, denen man sich mit dem Skalpell nähern müsste. Aber seit geraumer Zeit ist die deutsche und europäische Politik getrieben von Rechtspopulisten und versucht, Probleme mit der Axt zu lösen. Dabei kommt dann vor allem Symbolpolitik heraus. Auch die Idee, dass es eine großartige Lösung wäre, wenn man Menschen in große Lager in Staaten abschiebt, in denen sie noch nie waren und sich dadurch irgendetwas verbessert, gehört in diese Kategorie.

Migration: In welchen Ländern EU-Abschiebezentren geplant werden

Wissen Sie, in welchen Staaten diese Abschiebezentren errichtet werden sollen?
Es gibt wohl verschiedene Gespräche. Die Niederlande haben konkreter mit Uganda verhandelt. Aber das scheint gescheitert zu sein. Man hört, dass Deutschland zunächst Pilotprojekte anstrebt, wo in den nächsten Jahren nur wenige Menschen abgeschoben werden können. Es ist auch nicht realistisch, dass Staaten bereit sind, abgelehnte Asylbewerber aufzunehmen, die die EU nicht in die Herkunftsländer abschieben kann. Es wird also das Ziel der Befürworter nicht erreichen.
Sondern?
Mit diesen Einrichtungen will die Bundesregierung vor allem Menschen abschrecken, nach Deutschland zu kommen – nach dem Motto: Wir schicken euch dahin, wo der Pfeffer wächst. Man behauptet zwar, dass es dort menschenwürdige Bedingungen geben werde, aber dann würde der Abschreckungseffekt nicht eintreten. Es dürfte also so sein, dass die Missachtung der Menschenwürde Teil des politischen Konzepts ist. Das sollte in Europa eigentlich nie wieder der Fall sein.

Promis, Premieren und Problemfälle: Das ist Ursula von der Leyens neue EU-Kommission

Informeller EU-Gipfel
Ursula von der Leyen (Deutschland): Von der Leyen ist zum zweiten Mal EU-Kommissionschefin. Eine ihrer wichtigen Aufgaben ist es, den EU-eigenen Institutionen Gewicht zu verleihen und Kompromisse zu finden – auch im Austausch mit den Staats- und Regierungschefs, im „EU-Rat“. Hier ist sie bei einem informellen Treffen in Budapest zu sehen; im EU-blauen Blazer. © Kay Nietfeld
eu-kommission-kaja-kallas-aussenbeauftragte-vizepraesidentin-estland-ukraine
Kaja Kallas (Estland, Liberale): Sechs Kommissions-Vizepräsidentinnen und -präsidenten hat von der Leyen. Eine davon ist Kaja Kallas. Als Außenbeauftragte der EU ist ihr ohnehin eine besondere Rolle zugedacht. Die Estin gilt als vehemente Unterstützerin der Ukraine und Vertreterin eines harten Kurses gegenüber Wladimir Putins Russland. Ihr großes Ziel: Die 27 Staaten auf eine gemeinsame Position und Stimme zu einen. © Kay Nietfeld/dpa
Am Ende ist es gutgegangen: Italiens neuer EU-Kommissar Raffaele Fitto und Giorgia Meloni bei einer Militärparade.
Raffaele Fitto (Italien, EKR): Über die Personalie Fitto wurde im EU-Parlament heftig gestritten. Der Grund: Der Italiener gehört Giorgia Melonis Partei Fratelli d‘Italia an. Er ist der erste Politiker rechts der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP), der Kommissions-Vizepräsident wird. Vorgeworfen wurden ihm unter anderem Voten zugunsten Ungarns im Rechtsstaats-Streit mit Viktor Orbán. Mit seinem Fach, der Regionalentwicklung in der EU, kennt sich Fitto aber recht gut aus. Er gehörte jedenfalls lange dem zugehörigen Ausschuss an.  © Luigi Mistrulli/picture-alliance/dpa/IPA/Zuma
Teresa Ribera Rodriguez (Spanien, Sozialdemokraten): Auch für Kommissions-Vizepräsidentin
Teresa Ribera Rodriguez (Spanien, Sozialdemokraten): Auch für Kommissions-Vizepräsidentin Teresa Ribera war die Bestätigung durch das EU-Parlament kein Spaziergang. Die neue Wettbewerbs-Kommissarin amtierte zuvor als Spaniens Ministerin für „ökologischen Umbau“. Die Konservativen im Land machten ihr Vorwürfe in Zusammenhang mit der Flutkatastrophe in Valencia. Vielleicht auch aus taktischen Erwägungen. Der Streit endete mit einem Kuhhandel: Die Sozialdemokraten ließen Fitto passieren, die EVP Ribera. © IMAGO/Belga
Stéphane Séjourné (Frankreich, Liberale)
Stéphane Séjourné (Frankreich, Liberale): Eher indirekten Theaterdonner gab es um die Nominierung von Industrie-Kommissar und Vizepräsident Sejourné. Eigentlich wollte Emmanuel Macron noch einmal Thierry Breton als Kommissar sehen. Breton hatte in Brüssel polarisiert, unter anderem mit seinem Einsatz für Atomkraft – von der Leyen bat um eine Alternative. Die wurde in Sejourné gefunden. Der amtierte zuvor einige Monate lang als Frankreichs Außenminister. © Kay Nietfeld/dpa/picture-alliance
Henna Virkkunen (Finnland, Konservative) kommissarin technische souveränität
Henna Virkkunen (Finnland, Konservative): Auch Finnland bekommt eine Vizepräsidentin. Von 2008 bis 2014 war Virkkunen Ministerin in der Heimat – nacheinander für Bildung, öffentliche Verwaltung und (kurz) auch Verkehr. Ab 2014 war die 1972 geborene Konservative EU-Abgeordnete und zuletzt Leiterin der finnischen Delegation in der konservativen EVP. Ihr neuer Posten hat durchaus Relevanz: Als Kommissarin kümmert sich Virkkunen um „Technische Souveränität, Sicherheit und Demokratie“ – Stichwort Cyberattacken und Desinformation. © IMAGO/Nicolas Landemard/Le Pictorium
Roxana Minzatu (Rumänien, Sozialdemokraten) Kompetenzen Vorsorge Kommissarin
Roxana Minzatu (Rumänien, Sozialdemokraten): „Menschen, Kompetenzen und Vorsorge“ sind die inhaltlichen Aufgaben der ersten rumänischen Vizepräsidentin in der Geschichte der Kommission. Kleinere Verstimmungen gab es eher zu ihrem Titel als zu ihrer Person: Einige Abgeordnete hätten gerne auch die Worte „Bildung“ und „Beschäftigung“ über ihrem Portfolio gesehen. In der Heimat war Minzatu schon Staatssekretärin und kurzzeitig Ministerin. Beide Male ging es auch um die Verteilung von EU-Mitteln. © Denis Lomme/EP
Andrius Kubilius litauen konservative verteidigungs kommissar eu
Andrius Kubilius (Litauen, Konservative): Erstmals gibt es einen EU-Verteidigungskommissar – bemerkenswerterweise kommt er wie die Außenbeauftragte aus dem Baltikum. Kubilius ist in seiner Heimat höchst bekannt. Und in Russland Persona non grata. Kubilius war Litauens Premier, Chef der konservativen Vaterlandsunion und später Berater des damaligen ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Der Kreml verhängte ein Einreiseverbot. © Philipp von Ditfurth/dpa/picture-alliance
Valdis Dombrovskis (Lettland, Konservative) kommissar eu wirtschaft
Valdis Dombrovskis (Lettland, Konservative): „Sie kennen mich“ hätte Dombrovskis (li.) den EU-Parlamentariern zurufen können – der dritte Balte im Reigen ist schon seit 2014 Kommissar. Zuerst war er für den Euro zuständig, dann für Wirtschaft, ab 2020 schließlich für Handel. Nun heißt sein Portfolio wieder „Wirtschaft“; hinzu kommt „Vereinfachung“. Dombrovskis kennt das Feld und auch viele Minister auf dem internationalen Parkett. Mit einem kleinen Dämpfer muss er aber leben: 2019 noch machte ihn von der Leyen zu einem ihrer Vize. Das ist nun passé. © IMAGO/Nicolas Landemard
Dubravka Šuica (Kroatien, Konservative) EU-Kommissarin bei einer Papst-Audienz
Dubravka Šuica (Kroatien, Konservative): Unter der schönen Überschrift „Neuer Schwung für die Europäische Demokratie“ war Šuica schon Mitglied der Kommission „von der Leyen I“ – Demokratie und Demografie lauteten ihre Aufgaben. Eine Privataudienz beim Papst (im Foto) stand auch auf dem Programm. Die Kroatin hat nun ein taufrisches Amt bekommen: Kommissarin für den Mittelmeerraum. Diesen Posten gab es seit den 90ern nicht mehr. Eng zusammenarbeiten wird Šuica wohl mit der Außenbeauftragten Kaja Kallas. Anders als die ist aber nicht (mehr) Vize-Präsidentin. © IMAGO/VATICAN MEDIA / ipa-agency.net
Hadja Lahbib kommissarin Katastrophenmanagement befragung brüssel belgien
Hadja Lahbib (Belgien, Liberale): Kritische Fragen musste sich Lahbib bei ihrer Befragung im Europaparlament anhören: Sie galt einigen Beobachtern als zu unerfahren – und hat mit „Resilienz und Krisenmanagement“ sowie „Gleichstellung“ ein gewichtiges Portfolio. Lahbib hatte zwar seit 2022 als belgische Außenministerium schon eine herausgehobene Position. Schon diese Nominierung war aber eine massive Überraschung. Lahbib arbeitete bis dahin als Journalistin und war Quereinsteigerin in die Politik. Beruflich hatte sie allerdings schon mehrfach aus Kriegs- und Krisengebieten berichtet. © Virginia Mayo/dpa/picture alliance
Maria Luís Albuquerque (Portugal, Konservative): Einen interessanten Posten hat Portugals Vertreterin erhalten:
Maria Luís Albuquerque (Portugal, Konservative): Einen interessanten Posten hat Portugals Vertreterin erhalten: Maria Luís Casanova Morgado Dias de Albuquerque ist Kommissarin für Finanzdienstleistungen und für die „Spar- und Investitionsunion“. In den schwierigen Jahren 2013 bis 2015 war die 57-Jährige Finanzministerin. Später wechselte sie zu den Finanz-Playern Arrow Global und Morgan Stanley. Die Finanzwirtschaft findet das gut – im Parlament sorgte es auch für Argwohn. Die Politikerin versprach nun, sie werde sich vor allem um finanzielle Stabilität kümmern. © IMAGO/Wiktor Dabkowski
Piotr Serafin (Polen, Konservative) Haushalt EU Kommission PO
Piotr Serafin (Polen, Konservative): Der Machtwechsel in Polen hat auch Folgen in Europa. Die letzten fünf Jahre kam Warschaus Kommissar aus der PiS. Der neue Regierungschef Donald Tusk sendet nun mit Serafin einen engen Vertrauten. Schon von 2008 bis 2010 war der – in zweiter Reihe – in polnischen Tusk-Kabinetten dabei. Als Tusk 2014 bis 2019 EU-Ratschef war, stand ihm Serafin als Büroleiter zur Seite. Er gilt als zuverlässiger Arbeiter. Nun soll er von der Leyens EU-Haushalt erst schmieden, dann zusammenhalten. © IMAGO/Wiktor Dabkowski
Dan Jørgensen (Dänemark, Sozialdemokraten) Energie wohnen eu kommission
Dan Jørgensen (Dänemark, Sozialdemokraten): Jørgensen war eine Art Megatalent der dänischen Politik: 2004 mit 29 ins Europaparlament gewählt, seit dem 38. Lebensjahr Minister. Seit 2019 war der Sozialdemokrat für Klimapolitik zuständig. In der Kommission kümmert er sich nun um „Energie und Wohnen“ – da gibt es jedenfalls Schnittpunkte. Als Dänemarks Vertreter folgt Jørgensen auf die prominente Wettbewerbspolitikerin Margrethe Vestager. © IMAGO/Thomas Traasdahl
Apostolos Tzitzikostas (Griechenland; Konservative) Kommissar Verkehr
Apostolos Tzitzikostas (Griechenland; Konservative): 2015 wollte Tzitzikostas Parteichef der konservativen Nea Dimokratia werden – und verpasste die Stichwahl. Das Rennen machte Kyriakos Mitsotakis. Er entsandte den Ex-Rivalen jetzt nach Brüssel, die Nominierung gilt als Wink an rechte Hardliner. Denn Tzitzikostas ist einerseits ein erfahrener Regionalpolitiker, hat andererseits aber schon für Trouble gesorgt; etwa mit einer freundlichen Haltung gegenüber der mittlerweile verbotenen faschistischen Partei „Goldene Morgenröte“. Lenken soll Tzitzikostas das eher unheikle Ressort Verkehr und Tourismus. © IMAGO/Nicolas Landemard/Le Pictorium
Ekaterina Sachariewa (Bulgarien; Konservative) kommission forschung startups innovation
Ekaterina Sachariewa (Bulgarien; Konservative): Sachariewa ist keine Unbekannte auf europäischem Parkett – das Foto zeigt sie 2020 als bulgarische Außenministerin mit den Amtskollegen Jean Asselborn (li.) und Luigi Di Maio. Ministerin für regionale Entwicklung und Justizministerin war Sachariewa auch schon. Kritiker – darunter die Organisation LobbyControl – sehen Verdachtsfälle fragwürdiger Amtsführung nicht ausgeräumt. So oder so darf sich Sachariewa jetzt in ein neues Feld einarbeiten: Start-ups, Forschung und Innovation.  © picture alliance/dpa/European Council
Michael McGrath (Irland, Liberale) kommissar justitz demokratie rechtsstaat
Michael McGrath (Irland, Liberale): Ein konservativer Liberaler kommt aus Irland nach Brüssel. McGrath hat sich in Dublin vor allem mit Finanzen befasst, auch als Minister. Das passte offenbar ganz gut: Er hat zuvor unter anderem als Wirtschaftsprüfer gearbeitet. Das Portal „Politico“ beschreibt McGrath als Freund harter Arbeit und eher scheu gegenüber strategisch-taktischen Politikspielen. Der siebenfache Vater amtiert nun als Kommissar für Demokratie, Justiz und Rechtsstaatlichkeit. Zumindest ein wenig kontrovers wirkten dabei McGraths Skepsis gegenüber gleichgeschlechtlicher Ehe und liberalem Abtreibungsrecht. © IMAGO/Nicolas Landemard/Le Pictorium
Magnus Brunner (Österreich, Konservative) oevp kommissar migration
Magnus Brunner (Österreich, Konservative): Mitte August 2024 waren Brunner (Mi.) und Christian Lindner (2.v.r.) noch Finanzminister-Amtskollegen. Ende des Jahres ist der Österreicher bereits EU-Kommissar und Lindner einfacher Abgeordneter. Gemütlicher hatte es ÖVP-Mann Brunner daheim aber auch nicht: Erst kurz vor der Nationalratswahl im September veröffentlichte er nach oben korrigierte Defizitzahlen – ein Eklat. Trotzdem ist er in Brüssel nun für ein Großthema verantwortlich: Inneres und Migration. Eher überraschend votierten dabei auch die Sozialdemokraten für Brunner. © Gian Ehrenzeller/picture alliance/dpa/KEYSTONE
Jessika Roswall (Schweden, Konservative) eu kommissarin umwelt
Jessika Roswall (Schweden, Konservative): Mit der EU hatte Roswall schon vor ihrer Nominierung als Kommissarin zu tun. Ab 2019 war sie EU-politische Sprecherin der schwedischen Moderater, ab Oktober 2022 sogar Ministerin für EU-Angelegenheiten. Nicht ganz so firm schien die Juristin bei ihrer Parlamentsbefragung zum neuen Metier zu sein: Umwelt, Wasser und Kreislaufwirtschaft. Bei den Antworten zu letzterem Gebiet waren die Abgeordneten noch zufrieden. An den umweltpolitischen Kenntnissen gab es hörbare Zweifel, wie unter anderem „Euractiv“ berichtete. © IMAGO/Mikaela Landeström/TT
Christophe Hansen (Luxemberg, Konservative) landwirtschaft kommissar
Christophe Hansen (Luxemberg, Konservative): Hansen ist ein Kind der EU – jedenfalls beruflich. 2007, mit Mitte 20, wurde er Mitarbeiter der Abgeordneten Astrid Lulling. Fortan bekleidete er verschiedene Funktionen rund um das Thema EU, meist aus Luxemburger Perspektive. Seit 2019 ist Hansen Parlamentarier, seit 2022 als „Quästor“ Verbindungsmann zwischen Parlamentsverwaltung und Abgeordneten. Hansen hat mit dem Thema Landwirtschaft ein auch finanziell gewichtiges Ressort erhalten. Als Handels- und Umweltpolitiker hatte er schon mit einigen Aspekten zu tun. © IMAGO/Dwi Anoraganingrum
Wopke Hoekstra (Niederlande, Konservative) kommission von der leyen klima shell
Wopke Hoekstra (Niederlande, Konservative): Hoekstra ist eine Konstante in von der Leyens Kommission. Er behält die Zuständigkeit für das Klima – allerdings hatte er das Amt auch erst im Oktober 2023 von Frans Timmermans übernommen. Für Unruhe sorgte, dass Hoekstra seine berufliche Karriere just beim Öl-Riesen Shell begonnen hatte. In seinem Lebenslauf steht auch Minister-Erfahrung – fünf Jahre war Hoekstra Finanz-Ressortchef, 21 Monate lang Außenminister. Kritiker meinen, der Niederländer sei eher Experte für die steuerlichen Dimensionen seines Amtes. Die Bestätigung des Parlaments erhielt er 2024 dennoch nahezu geräuschlos. © IMAGO/Dominika Zarzycka/SOPA Images
Glenn Micallef (Malta, Sozialdemokraten) kommissar kommission bruessel jugend sport kultur
Glenn Micallef (Malta, Sozialdemokraten): Auch Brüssel-Insidern dürfte dieser Name kaum geläufig gewesen sein. Bis Sommer 2024 war Micallef vier Jahre lang Stabschef des maltesischen Premiers Robert Abela – zuvor kümmerte er sich um die Brexit-Vorbereitungen des Landes. Nun wird sich der jüngste Kommissar um die Themen Jugend, Kultur und Sport kümmern.  © IMAGO/Nicolas Landemard/Le Pictorium
Costas Kadis (Zypern, parteilos) kommissar fischerei eu leyen
Costas Kadis (Zypern, parteilos): Noch ein Ex-Minister in Ursula von der Leyens Kabinett: Kadis war von 2014 bis 2018 Kultusminister und von 2018 bis 2023 Agrarminister Zyperns. Außerdem ist er Professor der Naturschutzbiologie. Dass Kadis mit dieser Vorerfahrung für den Inselstaat Kommissar für „Fischerei und Ozeane“ wird, wirkt recht plausibel. Aus dem Parlament gab es dann auch breite Zustimmung. Allerdings ist das Ressort ungewöhnlich klein – seit 2014 war das Fischerei-Portfolio mit Umweltschutzbelangen verknüpft, bis 2004 meist mit dem Ressort Landwirtschaft. © Nicolas Landemard/IMAGO/Le Pictorium
Jozef Síkela (Tschechien, Konservative) handel kommission eu
Jozef Síkela (Tschechien, Konservative): Der Herr links ist der neue EU-Kommissar für „Internationale Partnerschaften“. Verträge gestaltet hat Síkela bereits: Als Prags Industrie- und Handelsminister – und sicher auch in 25 Jahren Karriere im Bankenwesen. Deals schließen ist weiterhin die Marschroute. Síkela soll die „Global Gateway Initiative“ voranbringen, das EU-Pendant zu Chinas „Neuer Seidenstraße“. Er geißelte in seiner Parlamentsanhörung „Neokolonialismus“ aus China und Russland. Zu Sikelas Aufgaben werden aber wohl auch Migrationsabkommen gehören. © Britta Pedersen/dpa/picture alliance
Marta Kos (Slowenien, parteilos) kommissarin erweiterung ukraine
Marta Kos (Slowenien, parteilos): Jugoslawische Schwimmmeisterin, Rundfunk-Korrespondentin in Deutschland, slowenische Regierungssprecherin, Chefin der Handelskammer, Botschafterin in Berlin und Bern – Marta Kos hat eine bewegte Biografie. Nur mit einer Präsidentschaftskandidatur scheiterte die Ex-Diplomatin 2022. Und verließ dann wenig später auch die liberale „Freiheitspartei“. Deren Regierungschef Robert Golob hat sie jetzt doch wieder nominiert, wenn auch im zweiten Anlauf: Im Frühjahr lehnte Kos laut „Politico“ einen Sprung nach Brüssel noch ab. Als im Spätsommer Alternativkandidat Tomaž Vesel das Handtuch warf, sagte sie doch zu. Als Kommissarin für Erweiterung (inklusive der östlichen Nachbarn und dem Wiederaufbau der Ukraine) hat Kos eine komplexe Aufgabe vor sich. © Ilaria Rota/EP
Olivér Várhelyi (Ungarn, parteilos): gesundheit orban eu kommission
Olivér Várhelyi (Ungarn, parteilos): Bislang war Olivér Várhelyi Kommissar für die EU-Erweiterung. In der Kommission „von der Leyen II“ soll(te) er sich um Gesundheit und Tierschutz kümmern. Das war dem Parlament aber in Teilen zu heikel. Um nicht den gesamten Prozess zu torpedieren, wurde der Ungar durchgewunken, einzelne Kompetenzen dafür entzogen. Sexuelle Diskriminierung und Selbstbestimmung etwa fallen weg, genauso wie Pandemievorsorge. Várhelyi ist zwar parteilos, gilt aber als Gefolgsmann Viktor Orbáns. Er hatte sich ausweichend zum Recht auf Abtreibung geäußert. © Christoph Soeder/dpa/picture alliance
Gibt es weitere Herausforderungen?
Dazu kommen dann natürlich praktische, auch rechtliche Probleme. Wie sollten EU-Staaten beispielsweise Menschen gerichtsfest nach Libyen schicken dürfen? Dort gibt es Folterlager, in denen Menschen systematisch misshandelt und versklavt werden. Solche Politikansätze stehen also in einem dauerhaften Konflikt mit dem Rechtsstaat. Auf Dauer nehmen dadurch die Gewaltenteilung und die Unabhängigkeit der Gerichte Schaden. Wenn man der Bevölkerung andauernd Lösungen verspricht, die rechtsstaatlich nicht umsetzbar sind, werden Gerichte politisch unter Druck geraten, die Lösungen trotzdem zu ermöglichen. Das sehen wir ja in anderen Staaten wie Italien, Ungarn oder auch den USA.

EU-Abgeordneter Marquardt sieht komplizierte Situation

Wären diese Abschiebezentren überhaupt durch EU-Recht gedeckt? Immerhin hat der Europäische Gerichtshof im vergangenen Jahr die Hürden zur Bestimmung von sicheren Herkunftsländern erhöht.
Juristisch ist die Lage kompliziert. In den entsprechenden EU-Verordnungen werden die Weichen so gestellt, dass solche Konzepte auf den ersten Blick ermöglicht werden. Aber Gerichte müssen auch überprüfen, ob die Umsetzung in der Praxis auch grundlegendem Primärrecht entspricht.
Das heißt?
Die Lösung kann auf dem Papier dann rechtlich möglich sein, aber in der Praxis zum Beispiel den EU-Verträgen oder der Europäischen Menschenrechtscharta widersprechen. Das versteht die Öffentlichkeit oft nicht: Es gibt grundlegende Rechte in modernen Rechtsstaaten, die der Gesetzgeber nicht einfach ändern kann. Das schützt Individuen vor einem übergriffigen und autoritären Staat. Wenn wir das bei Geflüchteten infrage stellen, sind individuelle Grundrechte automatisch auch für alle anderen infrage gestellt.
Menschenrechtsorganisationen werfen der Bundesregierung vor, ihre Verantwortung in den Nicht-EU-Raum auszulagern. Teilen Sie diese Ansicht?
Ja, und das ist offensichtlich der populistischen Suche nach sehr einfachen Lösungen und Slogans geschuldet. Juristisch ist es eindeutig. Sobald jemand um Asyl bittet, muss es ein rechtsstaatliches Verfahren geben. Man darf Menschen an den Grenzen nicht einfach abweisen, auch wenn das oft behauptet wird. Das lässt sich gesetzgeberisch auch nicht so einfach ändern. Auch in der Union weiß man das zumindest noch unter den Fachabgeordneten. Deswegen ist die Idee, dass man sich dieser rechtlichen Pflicht entledigt, indem man die Leute möglichst von Europa fernhält und falls das nicht klappt, schickt man sie für Asylverfahren und Abschiebung einfach irgendwo anders hin. Man möchte sich vom Asylrecht freikaufen, weil man scheinbar genügend Geld, aber nicht genügend Werte hat.
Erik Marquardt, Vorsitzender der deutschen Grünen-Abgeordneten, ist nach dem Mercosur auf Schadensbegrenzung bedacht.
Die Bundesregierung scheint das anders zu sehen.
Deutschland und Europa müssen sich überlegen, auf welcher Seite der Geschichte sie stehen wollen. Auf der Welt fliehen viele Menschen vor Gewalt und sie sind in unvorstellbarem Leid gefangen.
Wie sollte die EU Migranten besser schützen und legale Migration steuern?
Vielleicht denken viele, dass Asylsuchende absichtlich etwas falschmachen. Aber das stimmt nicht. Sie haben nur keine andere Wahl, als sich auf ein Schlauchboot zu setzen. Die aktuelle Situation ist skurril. Einerseits sollen sich Menschen nicht an Schlepper wenden, aber andererseits beschneiden wir alle legalen Fluchtwege, sodass vielen Menschen nur die Schleppermafia bleibt. Das ist natürlich verheerend, weil die EU immer mehr dazu beiträgt, dass eine riesige organisierte Kriminalität entsteht.
Wie lautet Ihre Strategie?
Ein erster Schritt wäre eigentlich, sich mal zu fragen, was man in den letzten Jahren alles angerichtet hat. Integration wird an vielen Stellen eher verhindert als unterstützt. Wir haben immer noch keine schnellen Asylverfahren, immer noch keine sicheren Fluchtwege oder Anwerbezentren für Arbeitsmigration. Die Zahl der Toten auf dem Mittelmeer ist auf einem Rekordhoch. Aber kaum jemand kriegt es mit, weil keiner der Menschen Timmy heißt und in der Lage ist, große Schlagzeilen zu produzieren.
Welche konkreten Schritte schlagen Sie vor?
Man kann Migration aktiv steuern und ordnen. Man darf nur nicht glauben, dass das bedeutet, dass niemand mehr nach Europa flieht. Wissenschaft und Praxis fordern seit Jahren, an hunderten Stellschrauben zu drehen – man müsste ihnen nur zuhören. Gezieltere Hilfe in den Krisenregionen, bessere Verteilung in der EU, schnellere Integration, sichere Fluchtwege und der Aufbau von resilienteren Aufnahmesystemen sind nur einige von vielen Stichworten. Man wird eine funktionierende Politik aber nicht in einen guten Slogan packen können, der mit dem rechten Populismus konkurrieren kann. Es wurde viel zu Migration geforscht. In der Klimapolitik wird oft gesagt, man solle auf die Wissenschaft hören. „Listen to the science“ wäre auch in der Migrationspolitik sehr wichtig. Sonst werden wir schon bald wieder die nächste „Asylkrise“ erleben, obwohl wir dann eigentlich nur auf das Ergebnis einer andauernden migrationspolitischen Schaumschlägerei blicken. (Interview: Jan-Frederik Wendt)

Rubriklistenbild: © Antonio Sempere/Omar Havana/picture alliance/dpa/Europa Press/AP

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