Ukraine-Diplomatie unter Druck
Seit Alaska-Gipfel: Spielt Trump „Putins Spiel“? – Experte warnt vor Ukraine-Friedensfalle
Seit dem Gipfel von Alaska haben sich die Ukraine-Verhandlungen deutlich verschoben. Kritiker warnen, Washington folge zunehmend Moskaus Logik.
Kiew/Brüssel/Washington, D.C. – Seit dem Gipfeltreffen von Donald Trump und Wladimir Putin im August in Alaska steht die Diplomatie im Ukraine-Krieg unter einem neuen Vorzeichen. Statt eines klaren Fokus auf einen schnellen Waffenstillstand rückt zunehmend die von Moskau seit Jahren propagierte Idee eines vollumfänglichen Friedensabkommens in den Mittelpunkt. Dieses Konzept wird im Kreml als strategisches Ziel verstanden und mit Nachdruck beworben.
In Kiew wächst deshalb die Sorge, dass genau dieser Kurs die Gespräche in eine politische Sackgasse führen könnte. Während auf diplomatischer Ebene intensiv verhandelt wird, gehen die russischen Angriffe weiter und prägen den Alltag in der Ukraine. Ein greifbarer Fortschritt hin zu einer tatsächlichen Deeskalation ist bislang nicht erkennbar.
Seit Alaska-Gipfel: Spielt Trump „Putins Spiel“ im Ukraine-Krieg?
Der ukrainische Politologe Wolodymyr Fessenko findet für diese Entwicklung deutliche Worte. „Die US-Position in Sachen Verhandlungen hat sich 2025 mindestens siebenmal verändert. Zunächst fokussierte sich Washington auf einen Waffenstillstand. [....] Zwischen der Ukraine und Russland gibt es darüber hinaus zu viele Fragen, die einfach nicht gelöst werden können. Sie müssten einfach vertagt werden und dies wird wohl irgendwann auch passieren. Stattdessen spielt Trump seit dem Treffen in Alaska im August Putins Spiel mit dem sogenannten ‚voll umfassenden Friedensabkommen‘ mit“, sagte Fessenko im Interview mit ntv.de. Aus seiner Sicht übernimmt Washington damit zentrale Elemente der russischen Verhandlungslogik.
Dieser Ansatz verschiebe die Reihenfolge der Konfliktlösung zulasten der Ukraine. Grundlegende Streitfragen wie Territorien, Sicherheitsgarantien und die künftige militärische Stärke des Landes würden nicht vertagt, sondern vorab verhandelt. Moskau profitiere davon, weil es parallel militärischen Druck aufrechterhalte und so seine Position stärke.
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Ukraine-Krieg mit offenem Ende bis 2027?
Nach Einschätzung Fessenkos spricht derzeit wenig für ein baldiges Ende der Kämpfe. Aus dem militärischen Geschehen und der politischen Rhetorik des Kremls lasse sich keine Bereitschaft zu substanziellen Zugeständnissen ableiten. Vielmehr deute vieles auf eine langfristige Fortsetzung des Krieges hin.
„Leider ist es gut möglich, dass sich der aktive Krieg bis ins Jahr 2027 hinzieht“, erklärte Fessenko mit Blick auf die russische Strategie. Moskau halte an seinen Kernzielen fest und nutze Verhandlungen vor allem, wie auch die Denkfabrik Institute for the Study of War konstatiert, um Zeit zu gewinnen und eigene Positionen abzusichern.
„Demilitarisierung“ der Ukraine bleibt russisches Kernziel
Ein zentrales Element dieser Strategie ist aus Sicht des Politologen weiterhin die sogenannte Demilitarisierung der Ukraine. Auch wenn dieses Ziel in offiziellen Stellungnahmen zeitweise weniger betont werde, bleibe es politisch und militärisch relevant. Russland wolle verhindern, dass die Ukraine langfristig als stark bewaffneter Staat bestehen bleibt.
Aus diesem Grund seien Kompromisse in dieser Frage kaum vorstellbar. Eine dauerhaft schlagkräftige ukrainische Armee stehe im Widerspruch zu den sicherheitspolitischen Vorstellungen des Kremls. Genau hier verlaufe eine der zentralen roten Linien Kiews.
EU-Hilfen bringen Kiew Stabilität – aber keine Lösung
Für kurzfristige Entlastung sorgte zuletzt eine Entscheidung der Europäischen Union. Die Mitgliedstaaten einigten sich auf einen zinslosen Kredit in Höhe von rund 90 Milliarden Euro, um den ukrainischen Staatshaushalt bis 2027 abzusichern. Für Kiew bedeutet das vor allem eines: finanzielle Planungssicherheit in einer Phase, in der US-Hilfen für den laufenden Haushalt weitgehend ausbleiben.
Gleichzeitig bleibt der Schritt politisch umstritten. Die eingefrorenen Vermögenswerte der russischen Zentralbank werden vorerst nicht direkt eingesetzt, unter anderem wegen rechtlicher Bedenken einzelner EU-Staaten wie Belgien. Aus ukrainischer Sicht ist das Thema damit nicht erledigt, sondern lediglich vertagt.
Planungssicherheit für Kiew – mit begrenzter Reichweite
Fessenko bewertet den EU-Kompromiss grundsätzlich positiv, verweist gegenüber n-tv.de jedoch auf seine Grenzen. Der Kredit sichere das Funktionieren des Staates, decke aber nicht den gesamten finanziellen Bedarf eines Landes im Krieg. Vor allem langfristige Investitionen und der Wiederaufbau blieben davon unberührt.
Deshalb werde die Ukraine weiter darauf drängen müssen, dass die Frage der russischen Vermögenswerte erneut auf die Agenda kommt. Diese Gelder gelten in Kiew als zentraler Hebel, um die enormen Kriegskosten zumindest teilweise zu kompensieren.
Ukraine-Krieg: Donbass als politische und militärische Falle
Besonders heikel bleibt die Diskussion um mögliche ukrainische Truppenabzüge aus Teilen des Donbass. Nach Einschätzung Fessenkos wird diese Forderung zunehmend mit Sicherheitsgarantien verknüpft, insbesondere von US-Seite. Genau darin sieht er eine gefährliche Dynamik.
Ein freiwilliger Rückzug aus Städten wie Kramatorsk oder Slowjansk wäre aus seiner Sicht militärisch kaum zu rechtfertigen. Politisch würde ein solches Zugeständnis zudem neue russische Forderungen nach sich ziehen, da Moskau auch in anderen Regionen Gebietsansprüche erhebt.
Washingtons wechselhafter Kurs als Belastung für Selenskyj-Regierung
Zusätzliche Unsicherheit entsteht laut Fessenko durch den wechselhaften Kurs der US-Regierung. Die amerikanische Position zu Inhalt und Ziel der Verhandlungen habe sich im Verlauf des Jahres mehrfach verändert. Für Kiew erschwere das eine verlässliche strategische Planung.
Während zunächst ein Waffenstillstand im Mittelpunkt gestanden habe, sei seit dem Alaska-Gipfel zunehmend ein umfassender politischer Deal in den Vordergrund gerückt. Dieser Kurswechsel komme vor allem Russland entgegen, das militärisch weiter auf Zeit spiele.
Schlüsselakteure & Positionen im Ukraine-Friedensprozess
| Akteur | Kernposition | Aktuelle Entwicklung |
|---|---|---|
| Donald Trump (USA) | Umfassendes Friedensabkommen vor Waffenstillstand; Druck auf Kiew | Seit Alaska-Gipfel: endgültige Regelung |
| Wladimir Putin (RUS) | Demilitarisierung + Gebietsansprüche; Neutralität Ukraine | Pressekonferenz im Dezember: Ziele militärisch durchsetzen |
| Wolodymyr Selenskyj (UKR) | Keine territorialen Zugeständnisse; NATO + starke Armee | Rote Linien: Donbass, NATO |
| EU-Kommission | 90 Mrd. Kredit; eingefrorene russische Vermögen nutzen | Kredit bis 2027 gesichert |
| Kushner/Witkoff | Direkte Verhandler (Genf/Miami/Berlin) | Ukr. Truppenabzug Donezk gefordert – Kiew blockiert |
Putin zeigt wenig Bereitschaft zu Zugeständnissen
Der russische Präsident selbst gibt sich unterdessen selbstbewusst. Bei seiner Jahrespressekonferenz betonte Wladimir Putin, russische Truppen hätten die strategische Initiative übernommen und würden ihre Ziele notfalls militärisch durchsetzen. Zugleich knüpfte er mögliche Friedensgespräche, schreibt etwa PBS News, an die Beseitigung der sogenannten „Ursachen des Konflikts“.
Mit diesen „Ursachen“ meint der Kreml vor allem die westliche Unterstützung für Kiew, eine mögliche NATO-Perspektive der Ukraine und deren militärische Aufrüstung – Punkte, die aus Moskauer Sicht verändert werden müssten. Gemeint sind damit unter anderem Gebietsansprüche, die Neutralität der Ukraine sowie eine Begrenzung ihrer Streitkräfte. Diese Forderungen lehnt Kiew weiterhin kategorisch ab, da sie die staatliche Souveränität infrage stellen würden. Auch CNN hob derweil in seiner Berichterstattung zur Pressekonferenz hervor, dass Putin trotz US-Drucks keine Bereitschaft zeigte, von seinen zentralen Forderungen abzurücken.
Ende des Ukraine-Kriegs? Warnungen aus Thinktanks und Europa
Internationale Experten warnen daher vor einem vorschnellen Abkommen. Analysten des „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) verweisen darauf, dass frühere Vereinbarungen häufig an fehlenden Sicherheitsgarantien gescheitert seien. Sie warnen, ein schlecht konstruiertes Abkommen ohne robuste Kontroll- und Schutzmechanismen könnte Moskau neue Spielräume für Druck und spätere Vertragsbrüche eröffnen.
Auch der US-Thinktank „Carnegie Endowment for International Peace“ weist darauf hin, dass Europa Gefahr läuft, ohne eigenes politisches und sicherheitspolitisches Gewicht zum Zuschauer eines Deals zwischen Washington und Moskau zu werden. Die Analysten betonen, dass Brüssel dringend eigene Leitlinien für Verhandlungen entwickeln müsse. Ohne dies riskiert die EU, ukrainische Interessen nicht ausreichend zu vertreten.
Ukraine-Krieg: Ernüchternder Ausblick auf 2026
Für das kommende Jahr erwartet Fessenko keine schnelle Wende. Wahlen in der Ukraine seien vor einem Waffenstillstand kaum vorstellbar, da weiterhin Kriegsrecht gilt. Selbst bei einer Feuerpause würde eine völlig neue innenpolitische Phase beginnen.
Der Politologe rechnet daher laut n-tv.de mit einer Fortsetzung der Unsicherheit. Intensive Gespräche allein reichten nicht aus, solange zentrale Machtfragen ungelöst blieben. Für die Ukraine bedeute das, dass der Weg zu einem stabilen Frieden weiterhin lang bleibt. (Quellen: ntv.de, CNN, PBS News, CSIS, understandingwar.org, Carnegie Endowment) (chnnn)
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