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Grünen-Politikerin Nyke Slawik spricht im exklusiven Interview offen über „ihre Geschichte“. Die Trans-Frau will, dass Jugendliche sich „nicht unterbuttern lassen“.
Berlin – Nyke Slawik (Bündnis90/ Die Grünen) gehört zu den neuen Gesichtern im Bundestag. Mit gerade einmal 28 Jahren ist sie eine der 50 jüngsten Parlamentarier. Und mit ihrer Lebensgeschichte sorgt die Grünen-Politikerin gleichzeitig für mehr Vielfalt und Aufklärung im Deutschen Bundestag. Denn die Leverkusenerin ist neben Tessa Ganserer (Grüne) eine der beiden ersten trans Frauen im Parlament. In die Geschichte möchte sie aber nicht dank ihrer Identität eingehen, wie sie im Exklusiv-Interview mit www.kreiszeitung.de erzählt.
Name:
Nyke Slawik
Geburtstag:
7. Januar 1994 (28 Jahre)
Partei:
Bündnis90/ Die Grünen
Position:
MdB, stell. Vorsitzendes des Verkehrsausschusses im Bundestag
Nyke Slawik: Grünen-Politikerin spricht über die Zeit nach ihrer Wahl in den Bundestag
Frau Slawik, Sie wurden im Dezember 2021 das erste Mal für die Grünen in den Bundestag gewählt. Wie war die erste Zeit für Sie?
Die erste Zeit im Bundestag war für mich irgendwie total krass und sehr aufregend. Es ist eine große Ehre, eine der 50 jüngsten Mitglieder des Bundestags zu sein und meinen Wahlkreis vertreten zu dürfen. Ich genieße es sehr, Teil eines so diversen und vielfältigen Parlaments zu sein.
Der Bundestag ist mit der neuen Regierung so divers wie noch nie – wie erklären Sie sich diese erfreuliche Entwicklung?
Der Bundestag ist vor allem wegen der Kandidatenaufstellung der Regierungsparteien so divers und jung. Die Grünen und die SPD haben vielfältige Abgeordnete in den Bundestag geschickt. Bei der FDP, der CDU und der AfD hingegen ist der Frauenanteil nach wie vor sehr gering. Damit ist der Bundestag noch lange kein Abbild der Gesellschaft, aber wir sind, denke ich, auf einem guten Weg.
Grünen-Politikerin Nyke Slawik über ihre Trans-Identität: „Ich möchte offen mit meiner Geschichte umgehen“
Als eine der beiden ersten trans Frauen im Bundestag stand Ihre Identität oft im Mittelpunkt der Berichterstattung. Ist das gut, weil es mehr Repräsentanz bringt oder würden Sie sich wünschen, dass es eher um Inhalte geht?
Die Thematisierung meiner Trans-Identität ist Fluch und Segen zugleich. Ich möchte natürlich nicht als eine der beiden ersten trans Frauen im Bundestag in die Geschichte eingehen – sondern mit meiner inhaltlichen Arbeit etwas bewegen. Gleichzeitig ist die Sichtbarkeit enorm wertvoll und ich möchte auch offen mit meiner Geschichte umgehen. Ich hatte als Jugendliche keine Vorbilder und ich finde es total wichtig, dass die Jugend von heute sieht, dass auch Menschen wie ich vollkommen normal sind. Und ich bekomme bereits jetzt viele Zuschriften von jungen Menschen, die mir schreiben, dass ihnen das sehr hilft. Und diese Form von Empowerment möchte ich natürlich erreichen. Ich will zeigen, dass es für jeden von uns einen Platz in der Gesellschaft gibt.
Sie haben sich kurz nach Amtsantritt auch mit Anfeindungen auseinandersetzen müssen. Wie kann die Politik dafür sorgen, dass weniger Hass und Hetze stattfindet?
Hass und Hetze beschäftigt uns ja heutzutage auf mehreren Ebenen. Im Netz brauchen wir unbedingt die Mitarbeit von den Sozialen Netzwerken. Es muss möglich sein, Angriffe und verbale Drohungen und Beleidigungen strafrechtlich zu verfolgen. Das ist aktuell allerdings oft sehr schwierig. Das Internet ist aber kein rechtsfreier Raum. Die andere Ebene umfasst die Anfeindungen im Alltag. Es gibt täglich Angriffe und Anfeindungen gegen Menschen aus der LGBTIQ-Community. Dagegen kann nur mehr Aufklärung, eine zuverlässige Strafverfolgung und mehr Sichtbarkeit helfen. Wir müssen langfristig für mehr Akzeptanz von Minderheiten in der Gesellschaft sorgen.
In Ihrer Funktion als Politikerin sind Sie auch ein Vorbild. Was möchten Sie queeren Jugendlichen mit auf den Weg geben?
Ich will verkörpern, dass Queer zu sein ein ganz normaler Teil unserer vielfältigen Existenz ist. Ich möchte die Jugendlichen dazu bestärken, für ihre Bedürfnisse und Werte einzustehen und sich nicht von der Gesellschaft unterbuttern zu lassen. Und ich möchte zeigen, dass eine Politik, die aus möglichst vielen Perspektiven und Lebenswirklichkeiten besteht die Schlagkräftigste ist.
Nyke Slawik (Grüne) über modernen Feminismus und fehlende Frauen in der Politik
Auch Feminismus wird ein immer größeres Thema in der gesellschaftlichen und politischen Debatte. Wie definieren Sie modernen Feminismus?
Für mich bedeutet moderner Feminismus vor allem den Einsatz für mehr Selbstbestimmung. Es geht darum, sein Leben frei von jeglichen Zwängen gestalten zu können. Einen ersten wichtigen Schritt gehen wir da mit der Abschaffung des Paragraphen 219a. Wir prüfen außerdem, ob der Paragraph 218, der Schwangerschaftsabbrüche kriminalisiert, ebenfalls überarbeitet werden könnte. Aber auch für trans Personen muss das Recht der Selbstbestimmung Priorität haben. Es ist noch immer so, dass Minderjährige sich einer jahrelangen Zwangsbegutachtung unterziehen müssen – das ist einfach nicht okay. Moderner Feminismus ist aber auch, jeden Menschen in seiner individuellen Lebenssituation abzuholen und zu akzeptieren.
Trotz großer Fortschritte fehlen noch immer Frauen im Plenum und in Führungspositionen der Wirtschaft. Warum ist das so?
Ich habe das Gefühl, dass die Politik noch immer aus der männlichen Machtperspektive heraus gedacht wird. Die Strukturen sind einfach nicht familienfreundlich. Wir Abgeordneten arbeiten oft 60 bis 70 Stunden in der Woche und das nicht selten bis spät in den Abend. Das ist nicht nur für Frauen schwer umsetzbar, sondern schreckt leider auch Menschen mit Behinderungen oder schwierigen Hintergründen ab, in die Politik zu gehen.
Wie können wir mehr Frauen und Menschen mit schwierigen Hintergründen für mehr politisches Engagement begeistern?
Das Ziel sollte sein, die politischen Strukturen familienfreundlicher zu gestalten. Angesichts der Digitalisierung und dem Umdenken durch die Coronavirus-Pandemie bin ich aber guter Dinge, dass der Bundestag in den nächsten Jahren deutlich zugänglicher für viele Menschen wird.
Nyke Slawik (Grüne), Vize-Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, über die Verkehrswende
Als stellvertretende Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag gehört auch Verkehr zu ihren Kernthemen. Wie kann eine klimafreundliche und sozial vertragliche Verkehrswende gelingen?
Im Verkehrsbereich wie auch in anderen Lebensbereichen können wir nicht langfristig auf fossile Energieträger setzen, da diese auf Dauer wegen der knappen Verfügbarkeit immer teurer werden. Die Lösung ist deshalb der Ausbau der Erneuerbaren Energien. Denn selbst Wasserstoff für den PKW-Bereich ist bei weitem nicht so nachhaltig wie Elektromobilität. Der Plan ist deshalb, bis 2030 15 Millionen E-Autos auf deutsche Straßen zu bringen. Im Unterhalt sind Elektro-Autos schon heute vergleichsweise günstig. Aber natürlich beschränkt sich sie Verkehrswende nicht nur auf das Auto. Der ÖPNV muss attraktiver und bezahlbarer werden und auch das Radfahren und Zu-Fuß-Gehen lohnenswerter gestalten.
Ist Deutschland aktuell auf einem guten Weg, was die Verkehrswende angeht?
Ein Beispiel dazu, das mir sehr am Herzen liegt: In meinem Wahlkreis Leverkusen ist der Ausbau von Autobahnen ein großes Thema. In ganz Deutschland sind bis 2030 ganze 850 Kilometer neue Autobahnen geplant. Vor dem Hintergrund der Klimakrise ist das meiner Ansicht nach der absolute Wahnsinn. Denn gleichzeitig haben wir festgestellt, dass viele Brücken und Autobahnen dringend saniert werden müssten. Darauf wollen wir nun den Fokus legen – und langfristig durch vermehrte Nutzung von Sharing-Angeboten und ÖPNV nachhaltiger und sozialer unterwegs sein.
Grünen-Politikerin Nyke Slawik vor Parteitag: Ricarda Lang und Omid Nouripour „sind ein starkes Team“
Klimatechnisch gibt es in Deutschland also noch jede Menge zutun. Was erwarten Sie denn von ihren (höchstwahrscheinlich) neuen Parteichefs Ricarda Lang und Omid Nouripour?
Ich freue mich riesig über die Kandidatur der beiden. Ich denke, sie sind ein starkes Team. Zusammen können sie es schaffen, in den kommenden Jahren die grünen Erfolge im Koalitionsvertrag, wie zum Beispiel die Kindergrundsicherung, weiter durchzusetzen und in der Gesellschaft zu vermitteln. Ricarda Lang und Omid Nouripour sind außerdem ein kämpferisches Duo. Und das brauchen wir auch, weil wir in Sachen Klimaschutz manchmal einen Schritt weiter gehen müssen, als die Bundesregierung. Denn der Druck der jungen Generation angesichts des Klimakrise wächst weiter. Die jungen Menschen setzen auf die Grünen als Vertreter ihrer Interessen, wenn es um Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit geht – und das werden wir mit unseren neuen Parteichefs definitiv weiter sein.