Nach Stopp von Nord Stream 2

Neuer Gaspreis-Schock: Medwedew droht EU mit heftiger Erhöhung für Verbraucher

Mitten im Ukraine-Konflikt droht Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew mit explodierenden Gaspreisen in Europa. Kosten von 2000 Euro pro 1000 Kubikmeter scheinen möglich.

Moskau – Nach dem Stopp des Genehmigungsverfahrens für die umstrittene Pipeline Nord Stream 2 droht Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew mit deutlich steigenden Gaspreisen in Europa. „Nun gut, herzlich willkommen in der neuen Welt, in der die Europäer bald 2000 Euro pro 1000 Kubikmeter Gas zahlen“, schrieb der stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrats am Dienstag bei Twitter in verschiedenen Sprachen.

Ukraine-Konflikt: Gaspreis könnte für Europäer auf 2000 Euro pro 1000 Kubikmeter Gas steigen

Er sagte nicht, ob sich seine Angaben auf den Preis auf dem Spotmarkt beziehen oder ob Russland möglicherweise seine Tarife für langfristige Verträge anziehen möchte. Auch unter dem Eindruck der Krise zwischen der Rohstoffgroßmacht Russland und dem Westen sind die Preise an den Spotmärkten in den vergangenen Monaten gestiegen. Am Dienstag lag der Preis für 1000 Kubikmeter Gas bei 940 US-Dollar-Marke (umgerechnet 828 Euro), wie die russische Staatsagentur Tass meldete.

Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte der Agentur Interfax zufolge, die Entscheidung aus Berlin sei bedauerlich. „Wir haben ständig gesagt, dass dieses Projekt nichts mit Politik zu tun hat.“ Es sei vielmehr ein wirtschaftliches Projekt, „das auch ein stabilisierendes Element für den Gasmarkt in Europa werden soll“.

Ein für Donnerstag geplantes Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow sagte US-Außenminister Antony Blinken ab. Mit Blick auf das Vorgehen Moskaus in der Politik habe es keinen Sinn, an dem in Genf angesetzten Gespräch festzuhalten, sagte Blinken. Die US-Regierung sei jedoch grundsätzlich weiter zu diplomatischen Gesprächen bereit.

Ukraine-Konflikt: Strafmaßnahmen gegen Russland sollen bereits an diesem Mittwoch in Kraft treten

Die EU verhängt neue Sanktionen gegen Russland. Die Außenminister der 27 Mitgliedstaaten stimmten bei einem Sondertreffen in Paris einem entsprechenden Vorschlag der EU-Kommission und des Auswärtigen Dienstes zu. Geplante Strafmaßnahmen sollen bereits an diesem Mittwoch in Kraft treten.

Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew (rechts, hier im Bild mit Russlands Präsident Wladimir Putin, links, und Gazprom-Chef sowie Ex-Kanzler der Bundesrepublik Deutschland Gerhard Schröder) warnt den Westen vor explodierenden Gaspreisen. (Archivbild)

Demnach soll der Handel mit russischen Staatsanleihen verboten werden. Zudem sollen mehrere Hundert Personen und Unternehmen auf die EU-Sanktionsliste kommen. Darunter wären nach Angaben von Diplomaten rund 350 Abgeordnete des russischen Parlaments, die für die Anerkennung gestimmt haben, aber auch Banken, die in der Ostukraine Geschäfte machen. Sie sollen sich jedoch vorerst nicht gegen Putin persönlich richten.

Ukraine-Konflikt: Das könnten die Folgen für Europa und Deutschland sein

Auch Großbritanniens Premierminister Boris Johnson belegte fünf russische Banken sowie drei wohlhabende russische Staatsbürger mit Sanktionen. Doch was könnte in Europa und Deutschland genau drohen? Ein Überblick.

Geht Verbrauchern in Deutschland bald das Gas aus?
„Europa ist von russischem Gas abhängig. Die EU bezieht knapp die Hälfte des Bedarfs aus Russland. Diese Gaslieferungen können nicht vollständig kompensiert werden“, analysiert der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. Das trifft Industrie wie Verbraucher. Der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, rechnet nicht mit einer Rationierung der privaten Haushalte bei der Gasversorgung. „Die Gaspreise werden aber höher sein, als sie es ohne eine Verschärfung der Krise gewesen wären“, prognostiziert Fuest.
Wie haben Deutschland und Europa für mögliche Engpässe vorgesorgt?
Mit Erdgasspeichern sollen Schwankungen beim Gasverbrauch ausgeglichen werden. Dem Branchenverband INES zufolge gibt es 47 Untertagespeicher in Deutschland. Sollte Russland den Gashahn zudrehen, könnten die Westeuropäer nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer „wohl noch bis zum Herbst durchhalten, weil noch 30 Milliarden Kubikmeter auf Lager sind, mehr Flüssiggas importiert würde und der Verbrauch im Sommerhalbjahr ohnehin vergleichsweise niedrig ist“. Während des Sommers müssten die Vorräte dann aber aufgefüllt werden.

Ukraine-Konflikt: Kurzfristiger Anstieg der Gaspreise ist nicht ausgeschlossen

Droht ein allgemeiner Preisschub?
„Es ist zu erwarten, dass die Preise für Öl und Gas weiter ansteigen“, sagt Ifo-Präsident Fuest. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) – nach dessen Meinung Nord Stream 2 niemals hätte gebaut werden dürfen – machte am Dienstag nach einem Treffen mit NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) in Düsseldorf deutlich, es könnte kurzfristig ein Ansteigen der Gaspreise geben. Märkte seien „spekulationsanfällig“. Wenn die Zukunft ungewisser sei, sei zu befürchten, dass die Preise nach oben gehen. Die weitere Entwicklung hänge auch davon ab, wie sich das Angebot entwickle. Da der Winter langsam „hoffentlich“ zu Ende gehe, könne es bei einer sinkenden Nachfrage nach Gas insgesamt und einem größeren Angebot auf den Weltmärkten auch zu Entlastungseffekten kommen.
In den vergangenen Monaten hat sich für Verbraucher Tanken und Heizen schon sprunghaft verteuert. Getrieben von weltweiter Nachfrage kletterten die Energiepreise und mit ihnen die allgemeine Teuerung. 5,1 Prozent Inflation im Euroraum im Januar war der höchste Wert seit der Euro-Einführung. In Deutschland hielt sich die Teuerung mit 4,9 Prozent auf hohem Niveau.
Kann die Geldpolitik gegensteuern?
Da die Inflation sich hartnäckiger hält als erwartet, sind Europas Währungshüter unter Zugzwang. Ökonomen erwarten, dass die Europäische Zentralbank (EZB) bei ihrer nächsten Sitzung am 10. März die Weichen für einen Ausstieg aus der seit Jahren ultralockeren Geldpolitik stellen wird. Doch der eskalierende Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist eine zusätzliche Bürde für die Wirtschaft in Europa, die sich gerade von den Belastungen der Corona-Pandemie erholt. Daher werden die Währungshüter ihre Schritte noch sorgsamer abwägen.

Ukraine-Konflikt: Russlands Bedeutung als Handelspartner für Deutschland eher gering

Welche Bedeutung hat Russland für den deutschen Außenhandel?
Verglichen mit Ländern wie China, den USA oder EU-Partnern ist Russlands Bedeutung als Handelspartner für Deutschland eher gering. Zudem sind die Handelsbeziehungen nach Einschätzung von Ifo-Präsident Fuest bereits durch Sanktionen beeinträchtigt, die nach der russischen Annexion der Krim 2014 verhängt wurden.
Die Ukraine hat als Handelspartner für Deutschland weniger Gewicht: Als Exportmarkt kam das Land im vergangenen Jahr mit 5,4 Milliarden Euro auf Platz 40. Deutsche Hersteller lieferten vor allem Maschinen, Kraftfahrzeuge und chemische Erzeugnisse. Eingeführt wurden aus der Ukraine vor allem landwirtschaftliche Produkte.
Wie sehen deutsche Firmen den russischen Markt?
Nach Angaben der deutsch-russischen Auslandshandelskammer (AHK) haben deutsche Firmen in den vergangenen fünf Jahren rund 7,6 Milliarden Euro in Russland investiert. Fast die Hälfte der ursprünglich 6300 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung hat sich seit 2011 allerdings von dem russischen Markt zurückgezogen. Nach Angaben der AHK sind aktuell noch 3651 deutsche Unternehmen vor Ort aktiv.
Groß dabei ist der ostwestfälische Landmaschinenhersteller Claas. 2005 baute Claas als erstes ausländisches Landtechnikunternehmen eine Produktion in Russland auf, im Herbst kündigte Claas an, weitere rund 12,6 Millionen Euro in sein Werk im südrussischen Krasnodar zu investieren. Auch der Milchproduktehersteller DMK, eines der größten deutschen Molkereiunternehmen, sieht Russland als „Wachstumsfeld“ und berichtete Ende vergangenen Jahres über den Ausbau eines zweiten Standorts in Russland. * kreiszeitung.de, fr.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Alexei Druzhinin/dpa

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