Fans üben Kritik

Schenkt Gerardo Seoane den Gladbacher Talenten zu wenig Vertrauen?

Im Umfeld von Borussia Mönchengladbach wird der Umgang mit Talenten bemängelt. fussball.news analysiert die Bilanz der jungen Spieler.

Mönchengladbach – Die Mitgliederversammlung 2024 von Borussia Mönchengladbach liegt fast ein Jahr zurück, dennoch wird im Fan-Umfeld bis heute kontrovers über eine Aussage von Sport-Geschäftsführer Roland Virkus diskutiert.

Seoane soll Gladbachs Talente fördern

Virkus hielt im Laufe seines Jahresberichts einen Appell für Cheftrainer Gerardo Seoane, der seinerzeit aufgrund der sportlichen Misere in der Kritik stand. Der Schweizer sei als „Entwickler und Kommunikator“ der richtige Trainer für Borussia, die nach den missglückten Wagnissen bei Adi Hütter (2021/22) und Daniel Farke (2022/23) auf mehr Konstanz an der Seitenlinie bedacht ist.

Mit Seoanes Verpflichtung im Sommer 2023 ging ein Wandel bei Borussia einher. Unter anderem wurde der Trainerstab mit Guido Streichsbier erweitert, der aufgrund seiner vorherigen Tätigkeit als Coach verschiedener U-Mannschaften der deutschen Nationalmannschaft mit Talenten umzugehen weiß. Der Auftrag an den Trainerstab lautete, hauseigene sowie externe Talente zu fördern und damit zwei der drei Säulen des mehrfach ausgerufenen „Borussia-Wegs“ zu stärken.

Fabio Chiarodia gilt als Härtefall

Dennoch sah und sieht sich Seoane von Teilen der Anhängerschaft einem Vorwurf ausgesetzt: Die Youngsters werden kaum gefördert. Allen voran das Beispiel Fabio Chiarodia erzürnt die Gemüter auf Social Media. Der 19-jährige Innenverteidiger muss sich hinter Ko Itakura, Nico Elvedi und Marvin Friedrich anstellen, Spielzeit ist rar gesät. Aus Hoffnung, der Teenager käme dann häufiger zum Zug, forderten einige Fans einen Last-Minute-Abgang von Friedrich, der am Montag mit 1899 Hoffenheim in Verbindung gebracht wurde.

Gerardo Seoane soll bei Borussia Mönchengladbach sukzessive Talente entwickeln

Dem Negativbeispiel Chiarodia stehen allerdings mehrere positive Beispiele gegenüber. Auf der linken Abwehrseite konkurrieren mit Luca Netz und Lukas Ullrich zwei Spieler im Alter von 21 respektive 20 Jahren um den Stammplatz, Rechtsverteidiger Joe Scally ist trotz seiner 119 Pflichtspiele für Borussia erst 22 Jahre jung. Außerdem zählt Rocco Reitz (22) unter Seoane zu den Dauerbrennern, der Mittelfeldspieler fehlte beim 2:1-Sieg gegen den VfB Stuttgart im allerersten Bundesligaspiel seit Beginn der Saison 2023/24.

Gladbach greift verstärkt auf Leihgeschäfte zurück

In Anbetracht der sportlichen Ambitionen – Gladbach hat einen einstelligen Tabellenplatz als Ziel ausgerufen und konkurriert aufgrund der schwächelnden Konkurrenz nach 20 Spieltagen um einen Europapokalplatz – brauchen die Talente ein gewisses Niveau, um dauerhaft Spielpraxis in der Bundesliga zu sammeln. So benötigte Ullrich, auch aufgrund einer Schulterverletzung im November 2023, über ein Jahr, um in die Nähe eines Stammplatzes zu geraten. Reitz wurde hingegen 2021 und 2023 an VV St. Truiden in Belgien verliehen, um dort zu reifen.

Einen ähnlichen Effekt hatte sich Borussia im Januar 2024 bei Yvandro Borges Sanches erhofft, der bei seiner Leihstation NEC Nijmegen einen Kreuzbandriss erlitt. In der Rückrunde der laufenden Spielzeit sollen Grant-Leon Ranos beim 1. FC Kaiserslautern und Jan Olschowsky bei Alemannia Aachen Einsätze sammeln, um sich auf die Hürde bei Borussia vorzubereiten. Auch Shio Fukuda, Niklas Swider und Nachwuchshoffnung Noah Pesch werden Zeit benötigen, um sich für höhere Aufgaben zu empfehlen.

Talente-Bilanz ist auch eine Frage der Kaderplanung

Es ist eine Gratwanderung, die Seoane bewältigen muss. Selbstverständlich ist es für Gladbach wichtig, junge Spieler zu fördern, und die Vergangenheit hat gezeigt, dass das bei gewissen finanziellen Gegebenheiten auch auf Europapokalniveau möglich ist. Allerdings ist der Verein sportlich und finanziell ein gutes Stück von seinen Glanzzeiten entfernt.

Ranos, Borges Sanches, Fukuda, Swider und Pesch können das Level erreichen, um in Gladbach Fuß zu fassen – bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, auf dem Seoane seine erfahrenen Spieler bevorzugt. Wobei auch anzumerken ist, dass Borussia im Vergleich zur Bundesliga-Konkurrenz eine geringere Anzahl an Talenten zur Verfügung hat.

Der Kader belegt mit einem Durchschnittsalter von 26,5 Jahren den zwölften Platz im Liga-Ranking. Zum Vergleich: Der VfB Stuttgart stellt mit durchschnittlich 23,9 Jahren das jüngste Aufgebot vor RB Leipzig (24,9) und Borussia Dortmund (25,1). Zudem bedeutet das Durchschnittsalter aller eingesetzten Spieler von 26,1 Jahren den achten Platz im Bundesliga-Vergleich. In dieser Kategorie gibt Eintracht Frankfurt mit einem Durchschnittsalter von 24,2 Jahren den Ton an.

Insgesamt verfügt Seoane nach der Wintertransferperiode über acht Spieler im Alter von unter 23 Jahren, davon zählt immerhin die Hälfte zum Stammpersonal. Will Borussia eine größere Talentschmiede werden, gilt es, dem Grundgerüst mehr junge Spieler hinzuzufügen und den eigenen Nachwuchs noch stärker in den Fokus zu rücken. Alleine am Trainer liegt die Entwicklung des Kaders keineswegs.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Steven Mohr

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