Werders Co-Trainer erinnert sich
Elfmeterschießen 2006: Wie das Tor für Borowski immer kleiner wurde
Bremen - Auge in Auge, eins gegen eins. Es gibt im Fußball wohl kaum eine größere Drucksituation als ein Elfmeterschießen in der K.o.-Runde bei einer Weltmeisterschaft. Gut, dass Tim Borowski neben einer exzellenten Schusstechnik auch Nerven wie Drahtseile hat.
Wer weiß, wie sonst das Drama im Viertelfinale gegen Argentinien bei der Heim-WM 2006 ausgegangen wäre. Borowski war der letzte deutsche Schütze beim 5:3 (1:1)-Erfolg. Bedanken für eine Extra-Prise Sicherheit beim Schuss konnte sich der damalige Profi von Werder Bremen bei Ersatzkeeper Timo Hildebrand.
Es ist Mai 2006, als sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Genf auf das große Turnier in der Heimat vorbereitet. Neben taktischer Arbeit und Gegneranalyse stehen auch einige Einheiten auf dem Programm, die dem Teambuilding dienen. Borowski erinnert sich im Gespräch mit der DeichStube besonders gerne an eine simple Elfmeter-Übung.
Treffen oder Butler spielen
Die Mannschaft steht im Mittelkreis, und einer nach dem anderen tritt zum Elfmeter bis an den Strafraum vor. Noch in der Platzmitte hatte der Spieler vor allen anderen anzukündigen, wo er hinschießen wird. „Die, die es nicht schaffen, müssen dann am Abend für die anderen das Essen servieren. Das hatte sich ein Sportpsychologe ausgedacht“, berichtet Borowski. Essen servieren – nicht gerade der größte Druck der Welt, aber auf die Schmach konnte trotzdem jeder gut verzichten. Borowski selbst kündigt „unten rechts“ an – die Ecke, bei der er sich am sichersten fühlt.
„Das Problem war dann allerdings: Als ich zum Elfmeter gegangen bin, stand Timo Hildebrand schon in der Ecke.“ Für Borowski bedeutet das: noch etwas präziser, noch etwas härter schießen. Und Borowski überwindet Hildebrand tatsächlich. Weil einige Mitspieler weniger gut zielen, kann sich der Bremer beim Abendessen zurücklehnen: „Ich habe den Service sehr genossen“, sagt Borowski noch heute mit einem Grinsen. Und dieses Training lässt sich mit etwas Abstand als guter Vorbote für einen von Borowskis wichtigsten Momenten als Nationalspieler deuten.
Borowski wird in der 74. Minute eingewechselt
Gut einen Monat später, am 30. Juni 2006, ist aus einem losen Haufen ein eingeschworenes Team geworden. Es läuft das WM-Viertelfinale gegen Argentinien, Deutschland liegt 0:1 hinten, als Nationaltrainer Jürgen Klinsmann Borowski in der 74. Minute für Bastian Schweinsteiger einwechselt.
Der Bremer findet sich schnell ein, Deutschland bekommt Aufwind, außerdem nimmt Argentiniens Trainer Jose Pekerman Spielmacher Juan Riquelme raus. „Das war dann für uns ein Zeichen: Da geht noch was!“, erinnert sich Borowski.
Tatsächlich: Eine Flanke von Michael Ballack verlängert Borowski mit dem Kopf auf Werder-Kollege Miroslav Klose, und der köpft aus kurzer Distanz ins Tor – 1:1 (80.). „Ich glaube schon, dass das ein Automatismus war. Die Laufwege waren bekannt“, sagt Borowski. „Dass Miro den so verwandelt, war natürlich ein Glücksfall.“ Das Tor bedeutet letztlich die Rettung in Verlängerung und Elfmeterschießen.
Oliver Neuville, Michael Ballack und Lukas Podolski verwandeln für Deutschland. Auf Argentiniens Seite scheitert Roberto Ayala. Vorteil Deutschland, Borowski ist Nummer vier seines Landes. Der damals 26-Jährige beschreitet also den Weg vom Mittelkreis zum Elfmeterpunkt. Nur anders als im Trainingslager ist die Kulisse dieses Mal kein Übungsplatz am Genfer See, sondern das vollgepackte Berliner Olympiastadion. Jetzt steht nicht Kollege Timo Hildebrand im Tor, sondern Gegner Leo Franco. Und es geht nicht um einen Grundkurs „Butler für Anfänger“ zur Erheiterung der anderen, sondern um den Einzug ins Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land.
Unten rechts: hart, präzise, unhaltbar
Borowski blendet das alles aus. „Ich habe mich sehr gut gefühlt“, blickt er zurück auf den Moment kurz vor dem Schuss. „Ich muss aber gestehen, dass das Tor, als ich angelaufen bin, doch relativ klein geworden ist. Das schrumpfte dann auf Handballtor-Größe.“ Fast wie im Training mit Hildebrand. Borowski hält dem Druck stand. Der Ball geht nach unten rechts: hart, präzise, unhaltbar, Franco springt ohnehin in die falsche Ecke. Der Ball ist drin, Borowski hebt zum Jubel ab.
Deutschland hat den Fuß in der Tür zum Halbfinale – Jens Lehmann stößt sie Sekunden später ganz auf. Als der deutsche Torhüter den entscheidenden Schuss von Esteban Cambiasso pariert, brechen alle Dämme. „Das war befreiend“, sagt Borowski. „Gefühlte 75.000 Deutsche im Stadion sind komplett ausgeflippt vor Freude, und wir natürlich auch.“ Deutschland war mit viel Kritik ins Turnier gestartet, jetzt steht die DFB-Elf unter den besten vier Nationalmannschaften der Welt.
Am Ende springt für die Deutschen zwar nur die Bronzemedaille heraus, doch Borowski und Co. haben Deutschland in den größten Rausch des Sommers gestürzt. Den Grundstein dafür hatte auch ein Trainingslager in der Schweiz gelegt – mit einem besonderen Elfmeterduell zwischen Borowski und Hildebrand. „Wenn man das jetzt so Revue passieren lässt“, findet Borowski, „kann man das durchaus so stehenlassen.“
Serie: Werder-Momente bei der WM
Teil 1: Karl-Heinz Riedle und die kuriose Premiere vom Punkt
Teil 2: Marco Bode - Kamerun, Karriereende, verpasste Krönung
Teil 3: Ivan Klasnics einzige Beute: ein abgequatschtes Ronaldinho-Trikot
Teil 4: Günter Hermann - kein Weltmeister zweiter Klasse
Teil 5: Uwe Reinders‘ verhängnisvolle Rutschpartie in Badelatschen
Teil 6: Horst-Dieter Höttges‘ Trauma heißt auch heute noch Hurst
Teil 7: Frank Baumann und das ungewollte Souvenir
Teil 8: Rudi Völler und die Grüppchenbildung von Mexiko
Teil 9: Burdenksi über 1978: „Alles war Mist, von vorne bis hinten“

